Das Reich Gottes

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Palmsonntag, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Die Lehren Jesu richtig zu verstehen, kann schwierig werden, bedenkt man die eine Sache nicht, von der Jesus am allermeisten sprach. Was kommt euch in den Sinn, was diese eine Sache sein könnte? Manche würden wohl darauf tippen, dass es die Liebe sei. Immerhin lehrte unser Heiland, dass wir nicht nur Gott und unseren Nächsten lieben sollen, sondern sogar unsere Feinde. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie gab. Liebe wäre also ein guter Tipp, steht aber nicht auf Platz eins. Andere denken vielleicht an das ewige Leben, über welches Jesus am allermeisten gesprochen hat. Das immerwährende Sein in der Gegenwart Gottes; oder die Frage nach Himmel und Hölle. Und das wäre ebenso ein guter Tipp, denn Jesus sprach sehr oft über die zukünftigen Dinge. Aber auch das steht nicht auf Platz eins. Wieder andere würden vielleicht in eine ganz andere Richtung gehen und das Thema „Geld“ nennen. Überraschenderweise wäre man ziemlich nah dran. Denn Jesus hat immer wieder über Gold, Silber, Steuern, Schätze, Erbe und dergleichen mehr gesprochen. Und doch steht auch das nicht auf dem ersten Platz. Die Sache, über die Jesus am allermeisten gesprochen hat – das Wort, welches am häufigsten über seine Lippen kam, war weder Liebe, noch Ewigkeit oder die Macht des Geldes. Nein, es war das Wort „Himmelreich“, auch das „Reich Gottes“ genannt.

Lasst mich euch einige Beispiele aus dem Neuen Testament geben: Schon der Vorläufer Jesu, Johannes der Täufer, predigte darüber. In Matthäus 3,2 sprach er:

Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Ein Kapitel weiter fasst der Evangelist Matthäus zusammen, worum es bei Jesu Dienst auf Erden ging. Er schreibt (Matthäus 4,23):

Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.

Dann finden wir eine ganze Reihe an Gleichnissen, die allesamt dazu dienten zu beschreiben, wie das Himmelreich ist. Sie alle beginnen mit dem Worten:

Das Himmelreich gleicht

…einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte; einem Senfkorn; einem Sauerteig; einem Schatz, verborgen im Acker; einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und nach seiner Kreuzigung und der Auferstehung am Ostermorgen verbrachte Jesus weitere 40 Tage auf dieser Erde, bevor er in den Himmel fuhr. Worüber sprach er in dieser Zeit mit seinen Jüngern?Apostelgeschichte 1,3 fasst es folgendermaßen zusammen:

Ihnen (= den Aposteln) zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.

Und nachdem Jesus diese Erde verlassen hatten, worüber sprachen seine Apostel? Petrus, Johannes, Stephanus und Paulus? Im letzten Vers der Apostelgeschichte heißt es in Hinblick auf Paulus (Apg 28,31):

Er predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit allem Freimut ungehindert.

Wir sehen also: Das Reich Gottes spielt eine zentrale Rolle im Christentum.

Und was lehrten Jesus und seine Apostel hinsichtlich des Himmelreiches? Kurz vor seiner Kreuzigung bekannte Jesus beispielsweise dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist (Joh 18,36). Der Apostel Paulus sprach davon, dass das Reich Gottes nicht Essen und Trinken sei, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist (Röm 14,17). Friede, der höher ist als alle Vernunft. Freude, die unantastbar ist. Und Gerechtigkeit: Am Ende jedes einzelnen Tages können die Bewohner des Reiches Gottes sagen: „Trotz allem, wie diese Welt und wie der alte Mensch in mir oft ist: Durch Jesu Werk am Kreuz habe ich seine Gerechtigkeit geschenkt bekommen und durch die Taufe angezogen. Gott hat daher Wohlgefallen an mir.“ Und an jedem Morgen – so schwierig das Leben auch sein mag – können die Bewohner dieses Reiches einen großen Happen der guten Nachricht nehmen und mit Mose beten:

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

Das ist das Reich Gottes.

Und noch besser ist, wer zu diesem Reich gehören darf. Jesus lehrte einmal, dass das Himmelreich den Kindern gehört. Wenn ihr gerade die Grundschule besucht oder noch kleiner seid: Wie großartig ist das, bitte schön?! Niemand gibt euch einen Führerschein oder erlaubt euch Alkohol zu trinken. Aber Jesus sagte, dass euch das Himmelreich gehört! Aber nicht nur den Kindern: Menschen mit zerbrochenen Leben und Tonnen an Ballast auf ihren Schultern – Zolleinnehmer, Prostituierte und notorische Sünder – sie alle kamen zu Jesus und dieser versprach ihnen, dass sie einen Platz in seinem Reich haben dürfen. Die Tore des unglaublichsten und schönsten Ortes, den man sich nur vorstellen kann, waren weit geöffnet – für diejenigen, von denen man es am allerwenigsten erwartet hätte. Das ist das Reich Gottes. Und reiche Menschen? Sehr religiöse Personen? Und solche, die dachten, sie seien besser als der Durchschnitt? Wenige sind’s die den schmalen Weg finden. Was für ein Konzept, oder?

Aber in den vergangenen Wochen hatten wir immer wieder gesagt, dass es schwer ist, sich an einem Wort wirklich zu erfreuen und es anzuwenden, bevor man es nicht wirklich durchdrungen hat. Was ist also das Reich Gottes? Das Himmelreich? Wie definieren wir das Wort, über das Jesus so oft sprach? Gleich möchte ich versuchen, eine einfache Erklärung aus Gottes Wort zu geben. Aber bevor wir dazu kommen, möchte ich zunächst eine Geschichte erzählen, die uns dabei helfen soll, den richtigen Hintergrund für dieses Wort zu empfinden.

Stellt euch vor, ihr lebt mit euren engsten Familienmitgliedern wenige Kilometer vor den Toren Jerusalems. Wir schreiben das Jahr 701 v. Chr. Und der Grund, warum ihr ein ländliches Leben gewählt habt, ist ehrlich gesagt die Tatsache, dass ihr lieber euer eigenes Ding machen wollt. Denn wenige Kilometer die Straße entlang stehen die dicken und hohen Mauern Jerusalems, in dessen Innerem König Hiskia seine Amtsgeschäfte führt. Innerhalb dieser Mauern zu leben, ist vielleicht ein wenig wie das Leben in einem Wohnblock. Habt ihr mal in solch einem Block gelebt wie dem, in dem ich meine Kindheit verbrachte? Dort gibt es zahlreiche Regeln und Vorschriften. Und solche, die darüber mit Adleraugen wachen. Man muss die Hausordnung jede Woche erledigen. An der einen Stelle darf man Fußball spielen und an anderer nicht. Und abends laut Musik machen? Nein, da beschweren sich die Nachbarn. Draußen auf dem Land dagegen – einige Kilometer abseits der Hauptstadt? Nichts davon. Man kann sein Ding machen. Das Leben nach den eigenen Regeln gestalten. Man fühlt sich frei.

Aber dann eines Morgens erwacht ihr. Ihr schaut aus dem Fenster, wie ihr es nach dem Aufstehen immer zu tun pflegt. Aber heute ist alles anders. Im Tal Richtung Norden seht ihr unter der aufgehenden israelischen Sonne etwas Funkelndes. Aber halt – da! – noch ein zweites Funkeln. Und dann plötzlich: hunderte Dinge blitzen in der Ferne auf. Nur wenige Augenblicke später: tausende. Und dann zehntausende und schließlich unzählige. Während ihr eure Augen noch zusammenkneift, um besser ausmachen zu können, was ihr da am Horizont erblickt, kommt ein Bote angelaufen – auch an eurem Haus vorbei. Und er ruft nur eine Sache: „Assyrer!“ Und mit einem Mal ist euch klar: Ein Alptraum wird wahr. Die assyrische Armee aus dem Gebiet des heutigen Irak bzw. Iran marschiert auf euer Dorf zu. Viel wisst ihr nicht über sie, aber eine Sache schon: Nett sind diese Menschen nicht. Das waren sie schon vor knapp 200 Jahren nicht, als sie das Nordreich dem Erdboden gleichmachten.

Nein, nett werden diese Leute nicht sein: Das ganze Gegenteil ist der Fall. Als ein assyrischer Künstler darzustellen versuchte, wie seine Kultur – sein Reich – war, zeigte er schonungslos, dass „nett“ mit seinem Volk rein gar nichts zu tun hat. In den Museen dieser Erde kann man es heute noch betrachten, worauf die Assyrer stolz waren :

Das Relief zeigt die Gefangennahme und anschließende Enthäutung von hebräischen Abgesandten durch assyrische Soldaten. Diese beginnen die Enthäutung an den Unterschenkeln ihrer der Länge nach gefesselten Opfer, die in diesem Moment noch lebendig waren. Das waren die alten Assyrer. Und falls das noch nicht verstörend genug ist:

Die Assyrer praktizierten auch die Pfählung. Eine überaus grausame Hinrichtungsmethode, die unter Ausnutzung der Schwerkraft das Opfer Stück für Stück dem Tode näherbrachte. Manchmal ging es schnell. Zumeist aber dauerte es mehrere Tage bis ein Mensch sein Leben aushauchte. Das waren die alten Assyrer.

Und im Jahr 701 v. Chr. marschierte die vollständige assyrische Armee – 185.000 Soldaten – auf die Stadt Jerusalem zu. Was würden sie tun? Mit euch?Mit euren Familien? Für die Älteren unter uns hätte es bedeutet, dass sie tot gewesen wären, weil nutzlos für die Assyrer. Keine Möglichkeit mehr, schwanger zu werden. Nicht mehr in der Lage, harter Arbeit standzuhalten. Hoffentlich töten die Assyrer schnell und schmerzarm. Für die Schwester, die Frau, die Freundin, die noch in der Lage ist, Kinder zu bekommen? … Als junger oder mittelalter Mann hätte man keinen Widerstand leisten dürfen, sonst hätte einen die erwähnte Hinrichtung erwartet. Aber die Alternative ist gleichsam nicht erstrebenswert: Tod durch Sklavenarbeit hätte sie gelautet.

Was würdet ihr tun? Da seid ihr mit all den Freiheiten auf eurem kleinen Stück Land außerhalb der königlichen Mauern Jerusalems. Was würdet ihr tun, wenn ihr die assyrische Armee am Horizont aufmarschieren seht? Die Antwort ist offensichtlich, oder? Man nimmt die Beine in die Hand und läuft. So schnell es geht, würde man in Hiskias Königreich rennen und alles zurücklassen, was einem lieb und teuer war. Denn die gute Nachricht lautet: Um das Jahr 701 v. Chr. hatte Hiskia etwas errichten lassen, dass für euch in diesem Moment den einzigen Ausweg darstellt. Auch davon habe ich ein Foto:

Zu sehen ist die sogenannte breite Mauer, deren Überreste man noch heute besichtigen kann. Hiskia ließ sie aus Angst vor der bevorstehenden Invasion durch Sanherib errichten, den damaligen König der Assyrer. Denn für die Leute, die auf dem Land vor den Toren Jerusalems lebten, wäre sonst kein Platz in der Stadt gewesen. Deshalb hatte Hiskia seine Stadt Richtung Westen erweitern lassen. Diese Steinmauer war massiv – an einigen Stellen 3,6 Meter hoch und 7m stark. 7 Meter – das ist viermal so viel wie meine Spannweite, wenn ich die Arme ausstrecke. Die Assyrer waren zwar stark. Kanonen oder gar Panzer besaßen sie jedoch nicht. Konnte man sich also hinter die 7 Meter starke Mauer aus massiven Steinen retten, war man in Sicherheit. Aber schaffte man es durch die Tore der Stadt und hinter diese Mauer, ratet, wer da auf einen wartet. Der König. Und König Hiskia begrüßte einen sicher herzlich und mit offenen Armen. Seine Krone überreichte er einem deswegen noch lange nicht. Hinter dieser Mauer erfuhr man das Leben in seinem Reich.

Und das, meine Lieben, ist geistlich und ewig betrachtet das, was Jesus am Allermeisten lehrte: Ein Königreich ist ein Ort der Autorität und der Sicherheit. In einem Königreich gibt es einen König, der mit Autorität ausgestattet ist und dem man sich unterordnen muss. Nicht wir machen die Regeln, sondern alle Knie werden sich beugen vor dem König. Man kann die Dinge nicht immer auf die eigene Weise tun, sondern auf die des Königs. Und: Wenn es ein gutes Reich ist mit einem barmherzigen und freundlichen König, wie Hisika einer war, dann ist es gleichzeitig ein Ort der Sicherheit. Man wird beschützt vor Dingen, vor denen man sich selbst nicht beschützen kann.

Und so ist es auch im Geistlichen: Das Reich Gottes ist der Ort in unserem Herzen oder Sinn, an dem Gott der König ist, wo er der Herr ist und die Regeln aufstellt. Er entscheidet, was gut und richtig ist; wie wir leben sollen und wie nicht; wofür Buße tun müssen und was wir beibehalten können. Die ganze Autorität ist auf Seiten Gottes. Und: Weil Gott der beste König aller Könige ist, bietet er uns Sicherheit.Sicherheit gegen die Sünde; gegen Schuld; gegen Scham; gegen Angst; gegen den Tod; gegen den Teufel. All die Dinge, die größer sind als ihr und ich. All die Dinge, gegen die wir uns selbst und auf uns allein gestellt nicht erwehren können. Gott verspricht Schutzmauern, Stadttore, Schlösser und Riegel. Und seine Arme sind weit ausgestreckt, weil er will, dass wir in seinem Reich leben. So einfach ist es: Das Reich Gottes ist ein Ort der Autorität und der Sicherheit.

Und ich könnte jetzt „Amen“ sagen – aber für kurze Predigten bin ich nicht gerade bekannt. Lasst uns also noch ein wenig tiefer graben. Denn so einfach das ist, was Jesus und seine Apostel über das Reich Gott lehrten, so schwer kann es manchmal werden – besonders in einer Kultur wie der unseren. Einen König haben wir längst nicht mehr, sondern leben in einer Demokratie, in der alle Macht vom Volk ausgeht. Aber Jesus, meine Lieben, lässt uns nicht der König sein. Nicht umsonst zog Jesus vor knapp 2.000 Jahren – am Palmsonntag – auf einem Esel in Jerusalem ein.

Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sach 9,9): 5»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

Jesus ist der König. Er ist der Herr. Aber er kommt sanftmütig, schreibt Sacharja: Die Tore seines Reiches stehen weit offen. Seinen Thron teilt er allerdings nicht. Er sagt, was gut und richtig ist hinsichtlich der Liebe, der Freundlichkeit, der Barmherzigkeit gegenüber den Armen und den Reichen. Er sagt, wie der richtige Umgang mit Gold, Silber, Geld und Schätzen aussieht. Er bestimmt, worin die Wahrheit besteht und wie wir mit ungeborenem Leben umgehen sollen. Und Jesus fragt uns nicht nach unserer Stimme. In Gottes Reich gibt es keine Wahlen oder Abstimmungen. Er bestimmt. Er verlangt. Und wir ordnen uns unter. Denn es ist Gottes Reich.

Und das ist der harte Teil, nicht wahr? Ich meine, manchmal haben wir mit Kirchenpolitik und menschengemachten Ordnungen oder Traditionen zu kämpfen. Aber der weitaus schwierigere Teil ist das, was Gottes Wort klar gebietet und verbietet. Manchmal will unser Herz dagegen ankämpfen oder es nicht wahrhaben. Dass jeder Cent, der uns in die Hände fällt, Gott gehört und nicht uns? Das ist keine einfache Wahrheit. Erst recht nicht in unserer Zeit. Anderen vergeben, geduldig und freundlich mit ihnen umgehen, anstelle sich über sie aufzuregen, sie zu kritisieren oder gar anzupöbeln? Die ist manchmal schwer. Und so ist es für euch und für mich immer eine Versuchung, wie die Person auf dem Land aus der Geschichte vorhin zu sein und zu sagen: „Ich mache lieber mein eigenes Ding. Das, was Gott ge- und verbietet, nein, das will ich nicht.“

Aber das Reich Gottes ist nicht nur ein Ort der Autorität – zugleich ist es ein Ort der Sicherheit. Und natürlich könnten wir an unsere Autorität festhalten – daran selbst König sein zu wollen. Für eine Weile zumindest. Wir würden dabei aber die Sicherheit verpassen. Und ja, manchmal funktioniert das – man will sich der Autorität Gottes nicht unterordnen und dennoch laufen die Dinge halbwegs, weil Gott seine Barmherzigkeit zeigt. Schöner Job. Gut in der Schule. Geld auf dem Bankkonto. Treue Freunde, harmonische Familie. Das Leben ist schön – warum sich also Gedanken machen? Und die Antwort lautet: Sicherheit. Denn Jesus sprach nicht nur oft über das Reich Gottes, sondern auch über den Tag, an dem ihr und ich Sicherheit benötigen. Wie der Dorfbewohner aus der Geschichte vorhin, der 185.000 Soldaten anmarschieren sah, werden wir am Jüngsten Tag etwas gegenüberstehen, das wir nicht allein bewältigen können. Aber im Gegensatz zu der Möglichkeit, sich in die Stadt zu flüchten, als die Armee am Horizont erschien, wird dieser Tag kommen wie ein Dieb in der Nacht. Darum:

Seht zu, liebe Brüder und Schwestern, dass keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott; sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es »heute« heißt

Solange es »heute« heißt. Bevor der Tag kommt und wir vor dem König erscheinen müssen und er uns dazu auffordert, uns für unser Verhalten zu verantworten. Solange es »heute« heißt. Bevor das Gericht tagt, bei dem Gott selbst der Richter ist. Solange es »heute« heißt. Bevor er uns auffordert, für all die Dinge die Verantwortung zu übernehmen, die wir getan haben – alle 185.000 und mehr. Solange es »heute« heißt. Bevor wir außerhalb der Mauern erwischt werden – mit all unserer Sünde, Scham und Schuld, die Gott ernst nehmen muss.

Tut Buße, sagt Johannes der Täufer, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Das Himmelreich! Das Reich, in welches Jesus uns führen will, ist ja nicht irgendein Reich dieser Erde. Und Jesus kein egozentrischer König, der darüber nachdenkt, wie viel er den Menschen abnehmen und welche Regeln er ihnen auferlegen kann. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Wenige Tage, nachdem Jesus am Palmsonntag als König in Jerusalem einzog, hing er am Kreuz zur Vergebung der Sünden einer ganzen Welt. Ganz oben an diesem Kreuz war ein kleines Schild angebracht, auf dem vier Buchstaben zu finden waren. Darauf heißt es: „INRI“ – die Initialen des lateinischen Satzes: „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“ – Jesus von Nazareth, König der Juden. Das war die Anklage, die der römische Statthalter Pontius Pilatus dort hatte anbringen lassen. Und der König trug eine Krone, wie sie Könige tragen – allerdings aus Dornen. Was für ein König regiert im Reich Gottes, im Himmelreich! Jesus ist der König der Barmherzigkeit. Er ist der König der Liebe und Gnade. Er ist der König, der seinen himmlischen Thron zurückließ, so dass wir Teil seines Reiches sein können. Er ist der König, der sein herrliches Gewand ausgezogen bekam, so dass wir in seine Gerechtigkeit gekleidet sein können. Jesus ist der König, der all seine Autorität aufgab, damit wir sicher sein können: „Er ist der Retter, der an einem Kreuz starb – für uns.“ Jesus ist der König, der Schmerz und Leid ertrug, so dass wir Frieden und Freude genießen können. Er ist der König, der außerhalb der Mauern Jerusalem starb, so dass ihr und ich das neue Jerusalem betreten können, wo es keine Trauer mehr gibt, kein Weinen, kein Klagen, keine Schmerzen, keine Angst – sondern nichts als Ruhe und Freude. Er ist der König, der seine gesamte Autorität darauf verwendete, seinen Kindern, die er liebt, zu dienen.

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Und genau aus diesem Grund ist das Vaterunser das beste Gebet überhaupt. Denn auch hier finden wir dir zwei Dinge, über die wir heute sprachen: Autorität und Sicherheit. Schauen wir etwas genauer hin. Da sind zunächst die Formulierungen, die mit Gottes Autorität zu tun haben: Geheiligt werde dein Name. Dein Wille geschehe. Und dein ist die Kraft und die Herrlichkeit. Man kann nicht stolz in seinem Herzen sein und gleichzeitig das Vaterunser mit Ernst beten. Gegen den alten Menschen in uns ziehen wir in den Krieg, jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten und sagen: „Es ist nicht meine Wahrheit, sondern deine. Es geht nicht darum, was ich will, sondern was du willst. Es geht nicht um meine Herrlichkeit, sondern um deine.“ Wir geben damit all unsere eigene Autorität auf, wenn wir diese Worte sprechen. Deswegen wir es auch das Gebet des Herrn genannt.

Und worum bitten wir außerdem? Um Sicherheit. Wir beten: „Vergib uns! Stünde ich mit der Armee an Dingen vor dir, die ich falsch gemacht habe im Leben – ich müsste verurteilt werden. Vergib uns also! Und führe uns nicht in Versuchung. Der Versucher kennt unseren Namen und weiß genau, wo unsere Mauern brüchig sind. Deshalb bitten wir Gott, dass er uns davor beschützen möge. Erlöse uns vom Bösen. Erlöse uns von dem Bösen in dieser Welt und in mir. Ich kann dem nicht aus eigener Kraft entkommen. Beschütze mich deshalb.

Und vermutlich deshalb gibt es in diesem Gebet einen Begriff, der an zwei verschiedenen Stellen auftaucht: Dein Reich komme. Dein ist das Reich. Gott, dir gebührt alle Ehre und Autorität. Denn wenn ich mein Leben auf meine Weise führen will, endet es nicht gut. Und deshalb: Dein Name, dein Reich, dein Wille. Und die Tore stehen weit offen und ich kann mich hinter der Schönheit Jesu bergen und dort ewige Sicherheit finden.

Fassen wir all das zusammen, können wir das folgende sagen: Das Leben in dieser Welt kann nur so schlimm werden, wie ein Kind, welches in seinem warmen Bettchen liegt – während draußen ein schweres Gewitter wütet. Kinder haben ja manchmal Angst vor Blitz und Donner, weil sie denken, es würde etwas Schlimmes geschehen. Sie vergessen dabei schnell, dass sie sich innerhalb eines Reiches, innerhalb schützender Mauern befinden. Sie sind nicht draußen, wo es tatsächlich gefährlich werden kann. Nein, sie liegen in einem warmen gemütlichen Bett – umgeben von ihren liebsten Kuscheltieren. Über ihnen ein Dach, welches sie vor Regen schützt. Und der Wind kann pfeifen, aber nicht durch dicke Mauern dringen. Das kann man damit vergleichen, ein Christ zu sein. Beängstigende Dinge geschehen um uns herum. Wir hören sie. Wir sehen sie. Wir bekommen deshalb vielleicht Angst. Aber wegen Jesus und seinem Werk für uns, kann uns all das nicht aus dem Reich Gottes reißen und uns nicht trennen von der Liebe Gottes. An jedem Morgen dürfen wir in der Wärme von Gottes Vergebung, seines Friedens und seiner Freude aufwachen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.