Jesus mit uns (7 Sendschreiben)

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Liebe Freunde in Christus!

Manchmal haben wir uns vielleicht schon gefragt: „Ist es das wert? Ist es das wert, dass ich jeden Sonntag in den Gottesdienst komme?“ Gelegentlich ist die Erfahrung, die wir hier in der Kirche machen, ja wirklich gut. Denken wir an einen Heiligabend, an dem die Kirche gut gefüllt ist: Die Kerzen brennen. Viele Stimmen singen gemeinsam die klassischen Weihnachtslieder. Und die Kinder führen ein Krippenspiel auf. Aber es gibt eben auch die anderen Momente. Man kommt in eine Kirche wie diese und die Kirchenbänke sind relativ leer. Kurz vor dem Gottesdienst blickt man auf seine Uhr und fragt sich, wo all die anderen Leute geblieben sind. Oder man macht diese Erfahrung jeden Sonntag, weil die Gemeinde recht klein ist. Dann mag einem die Frage kommen: „Ist es das wert? Schaue ich einen Gottesdienst einfach zuhause an, wäre das nicht ebenso gut? Wenn ich hier und da mal einen Sonntag ausfallen lasse, macht das überhaupt einen Unterschied?“

Wegen solcher Fragen brauchen wir manchmal eine Erinnerung, warum das Zusammenkommen im Gottesdienst gut ist. Wir finden diese Erinnerung in der Offenbarung des Johannes. Das letzte Buch der heiligen Schrift ist in christlichen Kreisen ja als – sagen wir – recht einzigartiger Text bekannt. Die Worte des Johannes fühlen sich anders an als die übrigen Seiten der Heiligen Schrift. Manche empfinden sie daher als schwer zu verstehen. Andere wollen darin eine Art Fahrplan für die Endzeit entdeckt haben. Und das hat seinen Grund: Die bilderreiche Sprache der apokalyptischen Vision des Johannes ist mit ihren Drachen und Tieren, der Hure Babylon und dem Reden vom Ende der Welt prädestiniert dafür, missverstanden zu werden. Daher wollen wir in den kommenden Wochen einen Blick in die Offenbarung werfen – genauer in ihre ersten Kapitel. Denn dort erfahren wir eine ganze Menge darüber, wie gesunde Kirchen und Gemeinden aussehen.

Heute beginnen wir im ersten Kapitel. Das beantwortet uns nämlich die Frage: „Ist es das wert? Ist es das wert, dass wir jeden Sonntag hierherkommen?“ Unser Predigttext stammt heute Morgen aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 1, und wir beginnen bei Vers 9. Dort heißt es:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Die Worte beginnen mit ihrem Autor: Es ist der Apostel Johannes, der über 3 Jahre mit Jesus Tag für Tag zusammen gewesen war. Es ist der Jünger, den Jesus liebhatte. Und Johannes schreibt, dass er sich auf der kleinen Insel Patmos befindet, „um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus“. Als bekannter und einflussreicher Pastor der frühen Kirche war Johannes den staatlichen Behörden offenbar ein Dort im Auge gewesen. Und so hatten sie ihn gefangengenommen und ins Exil verbracht. Dort – so die Annahme – konnte er niemanden mehr beeinflussen oder gar dazu beitragen, dass noch mehr Menschen Christen werden. Die Insel Patmos – südwestlich von Ephesus gelegen – war einer der Orte, die das Römische Reich dazu verwendete, ungeliebte Personen zu isolieren.

Und dann berichtet uns Johannes, dass es der Tag des Herrn war, als er „vom Geist ergriffen“ wurde. „Tag des Herrn“ – das war eine damalige Art und Weise über den Sonntag zu reden. Jesus war schließlich an einem Sonntag auferstanden. An einem solchen Sonntag wurde Johannes vom Geist ergriffen. Er geriet also in einen solchen Zustand, dass er Dinge sehen und hören konnte, die man normalerweise nicht sehen und hören kann. Und in diesem Zustand hörte er eine „große Stimme wie von einer Posaune“, die ihm befahl, 7 spezielle Botschaften an 7 Gemeinden zu schreiben: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea – allesamt Orte in Kleinasien – im Gebiet der heutigen Türkei. Eine Sache ist dabei auffällig. Die Sendschreiben gehen nicht nach Jerusalem und auch nicht nach Rom. Ephesus mag uns wegen des Paulusbriefes an diese Gemeinde noch vertraut sein. Aber Smyrna? Thyatira? Sardes? All das waren keine berühmten christlichen Gemeinden – und aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine zahlenmäßig großen Kirchen.

Und obendrein mussten diese kleinen eher unbedeutenden Gemeinden unter Verfolgung leiden, so wie es Johannes selbst tat. Das Buch der Offenbarung wurde etwa um das Jahr 95 n. Chr. geschrieben, als der römische Kaiser Domitian die Christen schwer bedrängte. Domitian ließ Christen gefangen nehmen, foltern und töten. Die Gläubigen konnten sich daher nicht öffentlich versammeln, so dass die Gottesdienste oft in den Häusern stattfanden. Was glaubt ihr, wie viele Leute sich durchschnittlich zum Gottesdienst in Smyrna versammelten? Gab es vielleicht einen reicheren Christen in der Gemeinde, der ein größeres Haus mit Innenhof sein Eigen nennen konnte, waren es vielleicht 50 bis 100 Gläubige, so schätzen es Archäologen. Keine großen Gemeinden, die einen Dom füllen würden. Die Gemeinden glichen vielmehr unserer Gemeinde an einem durchschnittlichen Sonntag. Und doch spricht die posaunenhafte Stimme:

Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden

In den nächsten Versen erfahren wir, wem diese posaunenhafte Stimme gehört: Jesus höchstpersönlich. Denn im Text heißt es nun weiter:

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot;

Wie muss eine Person aussehen, damit ihr wie tot zu Boden fallt? Ganz offensichtlich ist Jesus nach seiner Himmelfahrt so herrlich und sein Anblick so großartig, dass er vor seinem Meister von einst wie tot zu Boden fällt, als er erneut auf ihn trifft. Jesus ist wie ein orientalischer König gekleidet – in feinste ägyptische Baumwolle und mit einem goldenen Gürtel um die Brust. Sein Haar leuchtet wie eine frische Schneedecke an einem sonnigen Tag – ein Ausdruck seiner Sündlosigkeit und Reinheit. Seine Augen gleichen Feuerflammen. Die Augen Gottes sind in der Heiligen Schrift fast immer ein Hinweis auf Gottes Allwissenheit und auf die Fürsorge gegenüber seinem Volk. Dass sie Feuerflammen gleichen ist eine Erinnerung für uns, dass Jesus auch in die dunkelsten Ecken des menschlichen Herzes sieht. Sein Blick durchdringt jede Ausrede, jede Halbwahrheit. Seine Füße sind wie Golderz – nicht wie zerbrechlicher Ton, sondern stark und unbeweglich. Sie erinnern uns daran, dass Jesus zum Wohle seines Volkes regiert und Gott alles unter seine Füße getan hat. Und wenn er seinen Mund öffnet, verblasst daneben selbst der größte Wasserfall. Seine Worte sind schneidend wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert und dringen ins Innerste eines Menschen ein. Und sein Gesicht? Das ist wie die Sonne. Die Sonne, die Leben spendet und einen Menschen töten kann. Die Sonne, um die man am Morgen betet und wegen der man später am Tag zur Sonnenmilch greift, weil sie nicht ungefährlich ist. Jesus wird hier in all seiner Herrlichkeit, Allmacht, Allwissenheit und ewigen Heiligkeit beschrieben. Derselbe Jesus, der Erniedrigung und Tod am Kreuz erlitt; derselbe Jesus, der Verfolgung aushalten musste, wie es nun seine Nachfolger müssen, ist nun der erhöhte Herrscher der Welt. Und all das führt dazu, dass Johannes kollabiert und wie tot zu Boden fällt.

In unserem Text heißt es nun weiter:

Und Jesus legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Johannes war sich nicht sicher, ob er die Begegnung überleben würde. Aber dann streckte Jesus seine allmächtige rechte Hand in Zärtlichkeit nach ihm aus, berührt Johannes und sprach:

Fürchte dich nicht!

Im Neuen Testament ist diese Formulierung oft die Einleitung in die Predigt des Evangeliums. So auch hier. Jesus sagt: „Ich war tot“ – denn ich starb für dich, für deine Sünden, für die Sünden einer ganzen Welt. „Und siehe, ich bin lebendig“ – denn ich erstand auf – für dich. Und nun halten dieselben Hände, die einst von Nägeln durchbohrt waren, die Schlüssel des Todes und der Hölle. Wenn Jesus die Tür zur Hölle verschließt, kann kein Dämon uns dort hineinziehen. Und wenn er die Tür zum Himmel öffnet, gibt es nichts und niemanden – weder im Himmel noch auf der Erde – dass uns abhalten könnte, durch sie hindurchzugehen.

Fürchte dich nicht!

…sagt Jesus deshalb.

Aber der Heiland hat noch mehr Ermunterung für Johannes und uns. Denn in unserem Text heißt es weiter:

Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach. Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

„Und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden“ Was für eine tröstliche Stelle! Denn wo stand der verherrlichte Jesu mit seinem weißen Haar, den Augen wie Feuerflammen und dem Gesicht, dass wie die Sonne scheint? Wo stand der heilige und vollkommene Jesus? Wo stand der lebensspendende und angstnehmende Sohn Gottes? Johannes schrieb:

Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich

Und die goldenen Leuchter sind die sieben Gemeinden, von denen die allermeisten Menschen wohl noch nie etwas gehört haben. Jesus Christus – Gott höchstpersönlich – war in Sardes, in Smyrna und all den anderen. Was bedeutet, dass er heute auch hier ist: Römerplatz 5, Zwickau. Jesus hielt sich nicht nur in Jerusalem, Rom oder den größeren Städten der antiken Welt auf. Er ist überall dort, wo Christen sich versammeln – ob es 60, 50, 20 oder nur 2 oder 3 sind: Der Menschensohn ist mitten unter seinen goldenen Leuchtern.

Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Jesus ist Gott mit uns. Er ist selbst in so unbedeutenden Kirchen wie der unseren. Er ist selbst bei solch gewöhnlichen Sündern, wie wir es sind.

Das erinnert mich an etwas, das vor 12 Jahren geschehen ist. Damals wollte ein römisch-katholischer Priester ein neues geistliches Zentrum zur Einkehr schaffen – eine Art christliches Hotel, welches am Westufer des See Genezareth errichtet werden sollte. Pläne wurden gemacht, Architekten beauftragt. Schließlich war der Tag des ersten Spatenstiches gekommen. Aber was der Priester nicht wusste – was niemand wusste: Nur wenige Zentimeter unter der Erde des 21. Jahrhunderts befanden sich Steine des 1. Jahrhunderts. Die eilends herbeigerufen Archäologen nahmen sofort ihre Arbeit auf und erkannten sehr schnell, dass sie im Begriff waren, eine sehr wichtige Entdeckung zu machen: Sie hatten Magdala entdeckt. Den Ort also, aus dem Maria Magdalena stammt.

Die Archäologen fanden aber nicht nur die Stadt. Sie konnten auch die örtliche Synagoge vom Staub der Jahrhunderte befreien. Eine Sache ist an der Synagoge besonders auffällig: ihre Kleinheit. Der Grundriss hat lediglich eine Abmessung von etwa 10×10 Metern – etwas kleiner sogar als unsere Kirche. Und ratet, wer einst in dieser kleinen Synagoge gepredigt hat? Jesus von Nazareth. Denn er ist ein Gott, der sich an kleinen Orten wie diesen zeigt.

In den Predigten der nächsten Wochen werden wir anhand der Sendschreiben sehen, dass Jesus nicht nur an solche Orte wie die 7 Gemeinden oder unsere Gemeinde kommt. Er kennt diese Orte auf überaus genau und hat einzigartige persönliche Nachrichten für durchschnittliche Pastoren und normale Christen, wie auch wir es sind. Er kennt das Gute an einer Gemeinde. Und er weiß um das Schlechte. Jesus hat Trost und Ermunterung zu spenden. Und er korrigiert, wo es nötig ist. Er bietet große Verheißungen, die unseren Segeln Wind geben. So sehr sorgt Jesus für ganz normale christliche Gemeinden. Davon werden wir hören. Aber für heute wollen wir nur diesen einen Gedanken aufsaugen: Gott ist hier. Er wartet nicht bis zu Heiligabend. Er ist auch nicht wie ein berühmter Redner, der nur vor großen und vollen Zuschauerrängen sprechen würde. Er kommt nicht erst, wenn wir zahlenmäßig gewachsen oder in der Frömmigkeit besser geworden wären. Der Jesus, den Johannes uns mit so herrlichen Worten beschrieben hat, ist jetzt und in diesem Moment mitten unter uns.

Wir vergegenwärtigen uns das viel zu selten. Stellt euch vor, ihr würdet auf der Treppe zum Eingang ein Gemeindeglied treffen, das aufgeregt berichtet: „In der Kirche steht tatsächlich ein Engel.“ Wie würdet ihr reagieren? Nun gibt es zehntausend Mal zehntausend Engel – aber nur einen Jesus. Und er ist mitten unter den goldenen Leuchtern, mitten unter seinen Gläubigen. Er hat sich heute neben das Mädchen gesetzt, welches in der Schule kaum zurechtkommt. Er hat sich neben den Mann gesetzt, der voller Sorge ist hinsichtlich seiner Kinder. Er hat sich ein Gesangbuch geschnappt und sich neben das Ehepaar gesetzt, dessen Ehe alles andere als wunderbar läuft. Er sitzt direkt neben demjenigen, der gerade den größten moralischen Fehler seines Lebens begangen hat und nicht weiß, wie er es sagen soll. Jesus sitzt neben der in die Jahre gekommenen Frau, die nach dem Gottesdienst wieder allein in ihre Wohnung zurückkehren wird. Er sitzt neben Leuten, deren Lehrer oder Chefs nicht mal ihren Vornamen richtig kennen. Er steht direkt neben einem durchschnittlichen Pastor, dessen Predigt am Dienstag von den allermeisten vergessen sein wird. Jesus wartet nicht, bis wir besser geworden sind – er ist hier, und zwar jetzt.

An das, was Johannes uns offenbart, können wir denken – jedes Mal, wenn wir einen Gottesdienst besuchen. Die leeren Sitzplätze in unserer Kirche können uns dabei als Erinnerung dienen: Die herrlichste, mächtigste, liebevollste und freundlichste Person des Universums feiert mit uns Gottesdienst. Und ehe uns der Gedanke daran in Angst versetzt, weil seine Augen wie Feuerflammen in die Tiefe unserer Gedanken blicken können, streckt er durch das Evangelium seine rechte Hand nach uns aus und sagt uns wie zu Johannes:

Fürchte dich nicht.

Jesus weiß um alles: Er weiß um unseren Kleinglauben. Er weiß darum, wie oft wir fallen. Er weiß um unsere gesamte Vergangenheit. Und doch bekräftigt er es immer wieder:

Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.

Mit Augen, die von vollkommener Liebe zu uns entzündet sind, sagt er:

Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Und mit dem Angesicht, das immer über uns leuchtet wie die Sonne, spricht er:

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Der Jesus, der diese Worte spricht, ist mitten unter uns – an jedem einzelnen Sonntag.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.