Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Pfingsten, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

So schrieb es der Apostel Paulus im 5. Kapitel des Römerbriefes. Am 50. Tag nach Ostern – zum allerersten Pfingstfest – war genau das geschehen: Gott hatte seine Liebe durch den Heiligen Geist in die Herzen der damals Anwesenden ausgegossen. Und wie war es dazu gekommen? Die Pfingstpredigt des Apostel Petrus führt uns das vor Augen. Durch sie vermittelte der Heilige Geist den Menschen damals, dass die Liebe Gottes zugleich hart und zart ist. In seiner Predigt klagt der Apostel seine Zuhörer mit harten Worten an. Er sagt über Jesus:

Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht.

Ihr habt Jesus gekreuzigt! Was für ein Schock für die Anwesenden: Sie hatten ganz sicher gemeint, auf der richtigen Seite zu stehen – auf der Seite der Liebe. Hatten sie vor Kurzem nicht zurecht gerufen:

Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!

Wie später Paulus dachten sie, dass Jesus ein Gotteslästerer sei. Sie meinten das zu tun, was Gott will und was der Liebe entspricht. Aber nein, sie hätten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können: Ihr habt Jesus ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Harte Worte!

Aber nicht nur Anklage findet sich in der Pfingstrede des Petrus, sondern auch freundliche, zarte Worte. Worte, wie diese:

Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.

Trotz dessen, dass sie Jesus ans Kreuz gebracht hatten, gab es Rettung – selbst für sie. Und was war die Folge dieser harten und zarten Predigt der Liebe Gottes?

Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

All das geschah durch die Wirkung des Heiligen Geistes. Er richtete die Herzen der Menschen auf Jesus und seine Liebe zu ihnen.

Diese Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Und wie damals in Jerusalem tut es der Heilige Geist bis heute. Er gießt die Liebe Gottes auch in unsere Herzen aus. Er tut es durch Gottes Wort – zum Beispiel durch das Evangelium der Liebe. Ich meine damit das Johannesevangelium. Johannes war nicht nur der Jünger, den Jesus liebhatte. Er verwendete das Wort „Liebe“ in seiner Lebensgeschichte Jesu häufiger als alle anderen Evangelisten. 36mal wird die Liebe bei Matthäus, Markus und Lukas erwähnt – bei allen dreien zusammen. Johannes dagegen erwähnt sie 39 Mal. Will man also etwas über die Liebe Gottes lernen, die der Heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen hat, muss man Johannes lesen: „Liebt einander“ – diesen Ausspruch finden wir bei ihm. „Denn also hat Gott die Welt geliebt“ – auch diese Worte stammen aus dem Johannesevangelium. „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ – ebenfalls Johannes.

Schauen wir deshalb – heute zu Pfingsten – in die 21 Kapitel des Johannesevangeliums. Kapitel für Kapitel für Kapitel sehen wir dort die Liebe, die auf zwei Beinen über unsere Erde ging, und die nun durch den Heiligen Geist auch in unsere Herzen ausgegossen ist. Und wir sehen ein ums andere Mal, dass diese Liebe hart und zart zugleich ist.

In Kapitel 1 des Johannesevangeliums nimmt alles seinen Anfang, als das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte. Und der eingeborene Sohn des Vaters, so schreibt es Johannes, war voller Gnade und Wahrheit. Jesus war voller Wahrheit: Wann immer er seinen Mund öffnete, kam nichts anderes aus ihm heraus als die Wahrheit. Nicht nur ein Teil der Wahrheit. Nicht eine Verdrehung der Wahrheit. Er war voller Wahrheit, schreibt Johannes. Jesus konnte nicht weniger sein als das. Und Jesus war voller Gnade, voller unverdienter Liebe:

Deshalb trifft er vor dem Ende des 1. Kapitels einen Mann namens Nathanael. Dieser macht sich über Jesu kleinstädtische Wurzeln lustig, indem er meint:

Was kann aus Nazareth Gutes kommen!

Aber anstelle eine Bombe auf Nathanael zu werfen, weil er gerade Gott höchstpersönlich beleidigt hatte und sich zu verabschieden, sagte Jesus das Folgende:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Nathanael wird daraufhin einer der Jünger Jesu.

In Kapitel 2 ist Jesus zu einer Hochzeit eingeladen. Die gastgebende Familie geriet in Panik, weil der Wein auszugehen drohte. Und obwohl seine Stunde noch nicht gekommen war, sich zu offenbaren, war er voller Gnade, voller Liebe: Er änderte seinen göttlichen Zeitplan und vollbrachte sein erstes Wunder. Normales Wasser verwandelte er in den reichhaltigsten und köstlichsten Wein, den die Gäste je geschmeckt hatten. UND – auf derselben Seite, zumindest in meiner Bibel – ging Jesus nach Jerusalem, um das Passafest zu feiern. Dabei betrat er die Kirche des ersten Jahrhunderts und hatte, wie es einmal ein Pastor nannte, einen Wutanfall im Tempel. Jesus schüttete den Wechseln das Geld aus und stieß deren Tische um. Zudem hatte er eine Waffe in den Gottesdienstraum mitgebracht und trieb alle Tiere zum Tempel hinaus. Derselbe Jesus wie auf der Hochzeit zu Kana.

In Kapitel 3 trifft Jesus auf einen Mann namens Nikodemus. Und es war mehr als nur eine sanfte Ermahnung, als er diesem sagte:

Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?

„Du weißt nicht, wie der Heilige Geist die neue Geburt in einem Menschen bewirkt?“ Das sagte er nur 6 Verse vor den folgenden berühmten Worten:

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

In Kapitel 4 begegnet Jesus der Ausgestoßensten unter allen Ausgestoßenen, einer samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen. Sie war verheiratet gewesen, dann geschieden. Dann wieder verheiratet und wieder geschieden. Dann erneut verheiratet und wieder geschieden. Zu oft verheiratet und wieder geschieden. Nun war sie mit einem Mann zusammen, mit dem sie gar nicht erst verheiratet war. Jesus nun, obwohl er Jude war, machte sich auf den Weg durch samaritisches Gebiet, nur um sie zu treffen. Und als es so weit war, was tat er? Jesus brachte sie in große Verlegenheit, in dem er sagte:

Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!

Er wusste natürlich genau um die Situation der Frau und dass sie mit einem Mann zusammenlebte, mit dem sie nicht verheiratet war. Und doch: In derselben Unterredung bot er ihr etwas an – lebendiges Wasser nannte er es – dass ihrer Seele ewige Zufriedenheit schenken würde. Er bot ihr eine Erfüllung an, die ihr all diese Männer in ihrem Leben niemals hätten geben können. Er bot ihr Gott an. Und das waren so gute Nachrichten, dass die Frau zurück in die Stadt rannte und es jedem erzählte, der zuhören wollte:

Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!

Sie war zum Glauben an den Heiland gekommen.

In Johannes 5 traf Jesus einen behinderten Mann. 38 Jahre lang war er krank gewesen und hatte offenbar nie einen Schritt getan. Und Jesus lächelte und sprach zu ihm:

Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Und der Mann tat es. Könnt ihr euch das vorstellen? 38 Jahre lang hatte er keinen Schritt getan! Was für ein Tag muss das für ihn gewesen sein? Vielleicht hüpfte er vor Freude. Vielleicht rannte er. Vielleicht schlug er ein Rad. Ich weiß nicht, was der Mann tat, aber in Vers 14 begegnet Jesus ihm erneut. Dort heißt es:

Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

Und wie es scheint, sagte Jesus nach diesen Worten „Amen“.

In Kapitel 6 spricht Jesus zu einer Gruppe 5.000 hungriger Menschen. Und anstatt sie loszuschicken, damit sie sich ihr eigenes Abendessen besorgen können, nahm er den Proviant eines Kindes und verwandelte ihn zu einem Festmahl. Es blieb so viel übrig, dass man eine ganze Menge Tupperware für die Reste gebraucht hätte, hätte es das damals schon gegeben. Anschließend hielt er ihnen eine Predigt – eine anstößige, harte Rede. Wisst ihr, wie viele von den 5.000 Menschen sich von Jesus abwendeten, die ihn kurz zuvor noch zu ihrem König machen wollten? Nahezu alle:

Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.

So berichtet uns Johannes. Was müsste ich sagen, damit ihr mitten im Gottesdienst aufsteht und geht? Was müsste ich jetzt in diesem Moment sagen, damit ihr alle diesen Ort verlasst? Das war es, was Jesus zu der Menge sagte, die er gerade durch ein Wunder ernährt hatte.

In Johannes 7 sagt Jesus, dass niemand von uns das Gesetz hält (V. 19). Und doch rief er am Ende des Kapitels die folgenden Worte aus:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.

In Kapitel 8 lehrte Jesus gerade im Tempel, als eine Frau zu ihm gebracht wurde, die man beim Ehebruch auf frischer Tat erwischt hatte. Die Schriftgelehrten wollen sie für ihre Tat steinigen. Und was tut Jesus? Er antwortete ihnen:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Und nachdem einer nach dem anderen den Ort verlassen hatte und Jesus mit der Frau allein war, sagte er ihr freundlich:

So verdamme ich dich auch nicht;

Nur um als Nächstes zu sagen:

geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

In Kapitel 9 schenkt Jesus einem blind geborenen Mann das Augenlicht. Und anschließend warnt Jesus die Leute hinsichtlich ihrer geistlichen Blindheit, vor allem in Bezug auf ihre Sünde.

In Johannes 10 nannte Jesus sich selbst den guten Hirten und inspirierte damit eine Million kitschiger christlicher Bilder, die ihn mit einem Lamm auf Armen zeigen. Anschließend predigt er davon, der Sohn Gottes zu sein, was 10 Verse später dazu führt, dass viele über ihn sagten:

Er ist von einem Dämon besessen und ist von Sinnen; was hört ihr ihm zu?

In Johannes 11 muss Jesus auf eine Beerdigung. Sein Freund Lazarus war gestorben. Und als er sah, wie dessen Schwestern – Maria und Marta – und viele andere Lazarus betrauerten, heißt es in einem der kürzesten Verse in der griechischen Bibel:

Und Jesus gingen die Augen über.

Gott ist voller Mitgefühl. Gott weinte. Aber dann dreht sich die Stimmung. Im Griechischen kommt es besser zur Geltung als in unseren deutschen Übersetzungen. Denn es heißt von Jesus, dass er vor Wut schnaubte. Nicht nur war Jesus wütend über die Folgen des Todes. Sondern auch auf seine Kritiker, die meinten:

Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste?

Aber dann? Ging er zum Grab und befahl:

Lazarus, komm heraus!

Zum Dank für dieses Wunder, fassten seine Feinde den Entschluss, Jesus zu töten.

In Kapitel 12 redete Jesus zärtlich mit Maria, als diese ihm die Füße salbte. Judas gegenüber war er allerdings streng, als dieser Maria dafür kritisierte.

In Johannes 13 verhielt sich Jesus zärtlich gegenüber Judas, als er ihm die Füße wusch. Aber hart zu Petrus, der im Begriff war, ihn zu verleugnen.

In Kapitel 14 war Jesus zärtlich zu Petrus und allen seinen anderen Jüngern, als er sagte:

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

UND in derselben Predigt:

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten;

In Kapitel 15 spricht Jesus weiter über die Liebe. Er sagt:

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch.

Ist das nicht beinahe unglaublich, meine Lieben? So sehr wie Gott – der vollkommene Gott – Jesus liebt – den vollkommen Jesus – so sehr liebt Jesus uns Menschen! UND auf derselben Seite in meiner Bibel sagt Jesus außerdem:

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.

In Kapitel 16 weissagt Jesus, dass die Jünger weglaufen und ihn allein lassen werden. Und kurz darauf:

Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

In Johannes 17 spricht Jesus sein hohepriesterliches Gebet. Darin hören die Jünger, dass die Welt sie hassen wird. Gleichzeitig aber bittet Jesus darum, dass der Vater sie vor dem Bösen bewahrt.

In Kapitel 18 dann ließ sich Jesus verhaften. In Liebe ließ er sich die Hände binden, aber seine Lippen waren nicht verschlossen. Und so tadelte er Petrus dafür, dass er sein Schwert schwang und Pilatus für den Justizirrtum und die Pharisäer dafür, dass sie es zuließen, dass er von den Dienern ins Gesicht geschlagen wurde – für nichts, aus reiner Bosheit.

In Johannes 19 endete Jesus am Kreuz. Von dort aus sah er auf den Apostel Johannes und seine eigene Mutter und sagte:

Frau, siehe, das ist dein Sohn!

Und danach zu Johannes:

Siehe, das ist deine Mutter.

Dann starb er.

In Johannes 20 ist Jesus nicht länger tot. Er erscheint seiner trauernden Freundin Maria und sagte zu ihr in einem der schönsten einzelnen Worte der ganzen Bibel:

Maria.

Und augenblicklich wurde ihre gesamte Existenz auf den Kopf gestellt. Aus derselben Seite erschien er auch seinem zweifelnden Jünger Thomas und sagte ihm, nachdem er sich von ihm die Wunden hatte betasten lassen:

Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Und in Kapitel 21 machte Jesus Frühstück. Für seine Jünger buk er Brot und röstete einige Fische über einem Kohlefeuer am Strand. Nach dem Essen sprach er mit Petrus – mit dem Mann also, der ihn dreimal verleugnet hatte, und fragte ihn:

Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?

Liebst du mich? Liebst du mich? Und zwischen diesen eindringlichen Worten beauftragte er Petrus damit, seine Schafe zu weiden: „Kümmere dich um meine Schafe. Ich bin noch nicht fertig mit dir. Ich will dich dazu gebrauchen, Gottes Volk zu segnen.“ Und dann endet das Johannesevangelium.

Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Was würdet ihr sagen: Ist die Liebe Gottes hart oder zart? Jede Seite des Johannesevangeliums macht es uns deutlich: Die Liebe Gottes ist zugleich hart und zart. Und zwar jedem gegenüber: Männern und Frauen. Gegenüber solchen, die eine Behinderung haben, und gegenüber den Heiden. Juden und Römern. Armen und Reichen. Gegenüber Obdachlosen und solchen aus der Mitte der Gesellschaft. Jesus – die Liebe – ist beides: hart und zart. Ich denke, man weiß, dass man den wahren Jesus vor sich hat, wenn man von den Extremen überrascht ist. Manchmal möchte man fast wütend auf ihn werden, weil er mit dem gehbehinderten Mann so geredet hat und ihm zurufen: „Komm schon, Jesus, dieser Mann war 38 Jahre lang behindert. Können wir ihm nicht wenigstens einen Tag geben?“ Aber das tut Jesus nicht. Seine Liebe ist streng gegenüber jedermann. Und sie ist so wahnsinnig zärtlich. Er lädt Leute ein, die der Rest der Welt links liegen lassen würde. Er vergibt Menschen, denen wir nicht vergeben würden. Er lädt selbst die in sein Reich ein, die zuvor gerufen hatten: „Kreuzige ihn!“ Jesu Liebe ist hart und zart.

Und so ist sie immer: Gerade als man tief Luft holen wollte, weil man dachte, man stünde auf seiner Seite, weist er uns durch sein Wort zurecht. Und gerade, als man glaubte, dass man es nun vollständig vermasselt hat – so sehr, dass Gott einen unmöglich lieben kann – lädt er uns von Neuem ein. Jesus war voller Wahrheit, so dass er die Dinge beim Namen nannte. „Ihr habt mich gekreuzigt!“ Und er war voller Gnade. „Wer den Namen des Herrn anruft, der wird gerettet!“ Er war voller Gnade und Wahrheit zur gleichen Zeit. So war er immer. Und so ist er immer noch. Und durch den Heiligen Geist gehört auch uns eben jene Liebe:

Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Bevor ich „Amen“ sage, lasst mich noch eine Frage stellen: Hätte Jesus nicht im Israel des 1. Jahrhunderts gelebt, sondern im Deutschland des 21. Jahrhunderts – Was glaubt ihr, würde er tun? Was würde er zu uns sagen? Jesus würde vielleicht an einen Ort gehen, wo Menschen sich an Sonntagvormittagen gewöhnlich zum Brunch treffen, wenn gerade keine Pandemie ist. Vielleicht würde er sich auf einen Stuhl stellen, ein Glas in die Hand nehmen und mit einem Messer einen Ton anschlagen, so dass er die Aufmerksamkeit der Anwesenden hat. Dann würde er sich vielleicht vorstellen: „Hallo, ich bin Jesus.“ Ein Typ ruft spöttisch aus der Ecke: „Ja, genau! Jesus – na aber sicher!“ Also würde Jesus die Brötchen und das Rührei auf den Tellern der Leute vermehren. Der Jubel wäre vermutlich groß. Und dann würde Jesus fragen: „Wo sind die Christen in diesem Raum?“ Der eine oder andere würde vorsichtig seine Hand heben. Und Jesus würde darauf antworten: „Danke. dass ihr euch in der Öffentlichkeit zu mir bekennt. Sagt, wart ihr heute in der Kirche?“ Und dann würde er anfügen: „Wer gibt euch das Recht dazu?! Ich habe eine Bibel bei mir, zeigt mir die Seite, die besagt, dass es meinem Vater gefällt, wenn ihr seine Versammlungen verlasst! Denkt ihr, dass es sowohl das Alte als auch das Neue Testament falsch verstanden haben? Glaubt ihr, die Propheten und die Apostel lagen daneben? Denkt ihr die Stämme Israels und die Kirchen des Neuen Bundes – die Korinther, Galater, Epheser und Römer – waren nur Vorschläge? Meint ihr, ich habe euch die Sakramente gegeben, damit ihr sie verachtet? Denkt ihr, der Heilige Geist gab euch Pastoren und Lehrer, damit ihr euch von ihnen fernhaltet? Hört auf zu sündigen! Verlasst die Versammlungen nicht! Ah, und nebenbei: Ich habe die Rechnung für alle beglichen!“

Dann würde Jesus durch die Tür nach draußen treten, ein Stück laufen und auf einer Parkbank einen Obdachlosen finden. In seiner Hand hält dieser eine Falsche billigen Schnaps, in eine Papiertüte gehüllt. Jesus würde darauf zeigen und sagen: „Ich weiß, warum du das tust. Aber du musst damit aufhören.“ Aber statt ihn zu verurteilen und wie der durchschnittliche Deutsche die Nase über diesen Mann zu rümpfen, würde Jesus sich ihm setzen. Er würde ihm etwas geben, was diesem Obdachlosen seit Jahren niemand mehr gewidmet hatte: Zeit. Jesus würde alle Termine mit großzügigen Spendern und wichtigen Personen absagen und Stunden auf dieser Bank verbringen und dem Mann zuhören. Er würde sich seine Geschichte erzählen lassen und dabei mitfühlen und weinen. Er würde ihm die Sünden vergeben und ihm den Heiligen Geist verheißen. Er würde seine Hand halten oder einen Arm auf seine Schulter legen. Und der Mann würde diesen Moment nie vergessen, weil er noch nie eine solche Liebe erlebt hatte.

Und dann würde Jesus vielleicht hierher in unsere Kirche kommen: Was glaubt ihr, würde er sagen? Ich denke, er würde sich auf die Kanzel stellen, euch alle ansehen und sagen: „Danke. Es ist ein schöner Tag draußen. Vertraut mir, ich weiß das, denn ich habe ihn erschaffen. Aber trotz dessen, dass die Sonne scheint und es ein verlängertes Wochenende ist, seid ihr hier, danke. Ihr hättet tausend Gründe gehabt, etwas anderes zu tun. Aber ihr habt die Menschen gewählt, die ich liebe, und das Wort, das der Geist eingegeben hat. Die Musik – ich habe sie gehört. Und all eure Gebete sind vor mich gekommen. Nicht jeder macht das. Also, gut gemacht“, würde er sagen. „Und seht euch die jungen Eltern mit ihren kleinen Kindern an. Ihr habt seit wie vielen Monaten keine Predigt mehr von Anfang bis Ende gehört? Aber ihr seid dennoch hier, weil ihr eure Kleinen auf den Weg bringen wollt, den sie gehen sollen! Ich sehe das“, würde er sagen. Und einem nach dem anderen würde er die Hand schütteln. Er würde Umarmungen verteilen, Gnade zusprechen und Worte der Vergebung in unser Ohr flüstern. Und dann würde er vielleicht zum Abschluss sagen: „Freunde, seid vorsichtig! Die Welt da draußen wird wissen, dass ihr zu mir gehört, nicht durch das, was ihr hier drinnen tut, sondern durch die Art, wie ihr da draußen liebt. Ich liebe eure Musik und die Gebete. Ich liebe, was ihr in der Kirche tut. Aber am Ende werden Andere wissen, dass ihr mir nahe seid, wenn ihr viel Frucht bringt. Also vergib der Person, der du nicht vergeben willst – nicht siebenmal, sondern sieben Mal siebzig Mal. Und die Person, die so anstrengend ist und dich bittet, ein Stück des Weges mit ihr zu gehen: Geh mit! Und wenn du meinen obdachlosen Freund draußen siehst, gib ihm mehr als nur einen flüchtigen Blick, schenk ihm deine Liebe. Und lass den Geiz los und gib so viel, wie Gott dir gegeben hat. Und denkt daran, dass ihr dazu berufen seid, nicht den Splitter aus dem Auge eures Bruders zu entfernen, bevor ihr nicht den Balken in eurem eigenen Auge entfernt habt. Hört auf, Heuchler zu sein! So wird diese Welt wissen, dass ihr mir nahe seid. Denn das ist Liebe. Und ich bin die Liebe. Ich verdamme euch nicht.“

Das ist, was Jesus tun würde. Denn das ist, was Jesus immer getan hat. Es würde hart sein, er würde uns herausfordern. Aber er würde uns niemals dort belassen, weil er es am Ende des Tages immer liebt, liebevoll zu sein.

Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Es ist diese Liebe, die uns zuruft:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

„Ich bin sanftmütig“, sagt Jesus. Er sprach diese Worte unmittelbar, nachdem er die ungläubigen Städte Galiläas zum Feuer der Hölle verdammen musste. Aber dem, der mühselig ist wegen seiner Sünde und von seinen Kämpfen beladen, spricht er es zu: Ich will euch erquicken.

Und mit dieser Liebe will ich heute enden: Ist man zwar mit Religion aufgewachsen, hat dabei aber das Wesentliche übersehen wie Nikodemus, sagt Jesus: „Komm her zu mir. Ich will deiner Seele Ruhe schenken.“ Ist man geschieden, vielleicht mehr als einmal: Jesus ist zärtlich mit uns. mWurde man mitten in einer Affäre erwischt und hat mit jemandem geschlafen, der nicht der Ehepartner ist: Jesus ist zärtlich mit uns. Lebt man seit Jahrzehnten mit einer Behinderung: Jesus ist zärtlich mit uns.Fühlen wir uns so, als würde niemand uns sehen: Jesus sieht uns. Liegen wir im Sterben: Jesus ist unsere Auferstehung und unser Leben. Fühlen wir uns schmutzig, will Jesus nicht nur unsere Füße waschen, sondern unsere Seele. Er ist hingegangen, uns die Stätte zu bereiten – eine Wohnung in der Gegenwart unseres himmlischen Vaters. Und er nennt uns Freude, Brüder und Schwestern. Er gab uns seinen Geist und betete, dass der Vater uns vor dem Bösen beschützen möge. Und nun erscheint er uns heute: Man mag sich mühselig und beladen fühlen und alles andere als liebenswert: Aber wie Maria hat er uns bei unserem Namen gerufen. Wir sind sein.

Denn das ist es, was Jesus tut. Denn Jesus ist Gott. Und Gott ist Liebe. Und diese Liebe ist manchmal hart. Aber sie ist so viel mehr zärtlich.

Diese Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Durch den Heiligen Geist – gesegnetes Pfingstfest!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.