Die sieben Worte Jesu am Kreuz

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Das Bild zeigt Caravaggios „Dornenkrönung Christi“.

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Einleitung

Zu Karfreitag erinnern wir uns an die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus. Obwohl der Sohn Gott an diesem Tag litt, unsägliche Schmerzen ertrug und schließlich starb, ist dieser Tag nicht nur traurig oder bedrückend. Das Lamm Gottes hat sein Leben geopfert, um die Sünde der ganzen Welt zu tragen – also auch unsere.

Lied

LG 88,1-3: „Ein Lämmlein geht“

Gebet

Unser Heiland und Erlöser, wir bitten dich: Öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort mit Dankbarkeit empfangen. Wir danken dir, dass du in die Welt gekommen bist, nicht, um dir dienen zu lassen, sondern um zu dienen und dein Leben zu geben zur Erlösung für viele. Du wurdest für unsere Sünde bestraft. Du hast unsere Krankheit und Schmerzen auf dich genommen. Du warst gehorsam – bis zum Tod am Kreuz. Wenn wir jetzt am Fuße deines Kreuzes stehen, dann nimm unser Gebet und unseren Dank in Gnaden an. Hilf uns, unseren Blick auf dich und deine bedingungslose Liebe zu uns zu richten. Amen.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Lesung: Lukas 23,26-34a

Und als sie ihn abführten, ergriffen sie einen Mann, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, und legten das Kreuz auf ihn, dass er’s Jesus nachtrüge. Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen, zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns! und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Auslegung

Wir schreiben das Jahr 1546. Martin Luther liegt im Sterben. Seine berühmten letzten Worte hatte er bereits zu Papier gebracht. „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Dieser Ausspruch ist eine Erinnerung daran, dass Luther – so berühmt er auch gewesen sein mag – täglich auf Gottes Vergebung angewiesen war.

Dann kam sein letzter Atemzug. Gegen 1 Uhr nachts erwachte er wegen eines starken Schmerzanfalls. Seine Frau Katharina, einige Weggefährten und Freunde versammelten sich um Luthers Sterbebett, um von ihm Abschied zu nehmen. Zwei seiner Freunde fragten ihn, ob er auf Christi Namen sterben und dessen Lehre bekennen wolle. Er nahm einen tiefen Atemzug und sagte „Ja“. Darauf schlief er ein und starb gegen 2:45 Uhr morgens.

Letzte Worte. Von dem, was ein Mensch am Ende seines Lebens sagt, geht eine besondere Wirkung aus. Obwohl wir während unseres Lebens Millionen davon benutzen, bleiben uns die letzten Worte eines Menschen wohl am ehesten im Gedächtnis. Auch mancher von uns mag das erfahren haben. Ob am Sterbebett der Großeltern, der Eltern, der Geschwister oder Freude: Das letzte Gespräch, die letzten Worte bleiben uns oft erhalten. Auch Jahre später können wir sie noch erinnern.

Auch Jesus, unser Retter, sprach letzte Worte – sieben an der Zahl. Als er ans Kreuz ging, war ihm klar, dass er dort sterben würde. Aber bevor er verschied, sprach er seine letzten Worte. Worte, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. In dieser Andacht zu Karfreitag wollen wir diese sieben Worte Jesu am Kreuz hören, über sie nachdenken, beten und dazu singen.

Gerade eben haben wir schon das erste letzte Wort Jesu gehört: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Denken wir über diesen Satz nach: Jedes Wort in diesem Vers verdient es, beachtet zu werden.

Jesus sprach: „Vater vergib“ „Vergeben“ hat im Griechischen die Grundbedeutung „jemanden oder etwas wegschicken“. Vergeben bedeutet also in unserem Zusammenhang: jemanden von Gottes Zorn weg senden. Jesus wollte sagen: „Vater, wenn dein gerechter Zorn kommt, sende sie weg. Schicke sie weit weg von den Nägeln und den falschen Anklägern, dem Spott und dem Peitschen. Sende sie weit weit weg – an einen anderen Ort; dorthin wo Barmherzigkeit und Gnade regieren. An den Ort der Vergebung.“

Und Jesus sagte: „Vater vergib ihnen. Denkt daran, wer diese „ihnen“ waren! Die Mörder Gottes! Die falschen Ankläger. Die Soldaten, die Jesus ans Kreuz schlugen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die ihn verhöhnten. „Vergib ihnen“, sagte Jesus, „ihre Sünde ist nicht zu groß. Schicke sie deshalb weg vom Ort deines Zorns.“

Und Jesus betete „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Sie sind verblendet und unwissend. Jesus sagt diese Worte heute auch über uns: „Vater, sie sind unwissend. Sie sind gefangen im Moment. Sünde verblendet ihre Sicht. Vergib ihnen.“

Und Gott tat es! Das Kreuz ist der Ort, wo sich nun unsere Sünde befindet. Unsere ungeduldige Zunge, die einen Wald anzünden kann. Das schnelle Richten über andere. Die falschen Anschuldigungen. Der mangelnde Respekt. Alles Falsche, was Gottes Zorn hervorruft, es hing mit Jesus am Kreuz. Und unser Retter sagte dort: „Schicke sie weg von diesem Ort. Vergib ihnen.“

Wir hängen nicht am Kreuz, weil Jesus das für uns tat. Deshalb befinden wir uns an einem Ort – in seinem Reich – wo Gott Wohlgefallen hat an den Seinen. Ein Ort, an dem es keine Schuld und keine Scham gibt. Ein Ort, ohne Finsternis – egal, was wir getan haben. Alles Schlechte hing mit Jesus am Kreuz. Aber wir sind in seinem Reich – in Sicherheit. Wir haben Vergebung!

Denn Jesus sprach am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Gebet

Lieber Herr Christus! Wer in der Welt würde tun, was du getan hast? Wenn wir dein Leiden und Sterben betrachten, halten wir uns vor Augen: Du hast all das nicht nur für deine besten Freunde und Familienangehörigen auf dich genommen, sondern für deine geistlichen Feinde. Öffne uns die Augen für deine tiefe Liebe, die du für uns Sünder hast. Bewege uns dadurch, dich allein anzubeten. Hilf uns, die Höhe, Tiefe, Weite und Breite deiner Gnade – deiner Sündenvergebung – zu erkennen. Stärke unser Gottvertrauen. Danke, Herr Jesus, für deine Gnade. Wir beten in deinem rettenden Namen. Amen.

Lied

LG 88,4-6: „Ein Lämmlein geht…“

Heute wirst du mit mir im Paradies sein (10)

Lesung: Lukas 23,35-43

Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Auslegung

„Schuld ist der vielleicht schmerzhafteste Begleiter des Todes.“ Diese Worte stammen von der berühmten Modedesignerin Coco Chanel. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die sich während des zweiten Weltkrieges mit einem deutschen Diplomaten einließ und als Agentin der Nationalsozialisten tätig war. So konnte sie sich zahlreiche Privilegien sichern, während der Rest von Paris unter der deutschen Besatzung litt.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fiel Coco Chanel wegen ihrer weitreichenden nationalsozialistischen Kontakte und ihrer Spionagetätigkeiten in Ungnade. Viele Jahre musste sie daher in der Schweiz leben. Erst kurz vor ihrem Tod konnte sie in ihre Heimat zurückkehren. Kein Zweifel: In den letzten Wochen ihres Lebens war es die lebendige Erinnerung an ihre Taten, die sie zu diesem Satz veranlassten: „Schuld ist der vielleicht schmerzhafteste Begleiter des Todes.“

Schuld lastete auch auf einem der Übeltäter schwer, der neben Jesus am Kreuz hing. Was er getan hatte oder wie sein Name lautete, erfahren wir nicht. Aber eine entscheidende Information erhalten wir doch. Während sich ein anderer Verbrecher über Jesus lustig macht, tat er es nicht. Im Gegenteil. Er weist den anderen sogar zurecht und fragt: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen.“

„Was unsre Taten verdienen“ – Bei diesem Verbrecher war das Licht aufgegangen. Er war sich seiner Schuld voll und ganz bewusst. Er hatte erkannt, dass es eine gerechte Strafe für ihn war, am Kreuz zu hängen. Aber er hatte noch etwas weitaus wichtigeres entdeckt. Über Jesus sagt er: „Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ In sich selbst konnte dieser Übeltäter keine Gerechtigkeit finden. Aber neben ihm hing Jesus, „der von keiner Sünde wusste.“

Und eben jener Jesus wurde von Gott „für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Darum konnte sogar er – der Verbrecher – es wagen, den Retter bitten: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und wie antwortete Jesus diesem Verbrecher? „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Was für Worte an einen Mann, der gerade ebenso die Schmerzen und Qualen des Kreuzes durchlebte wie Jesus. „Heute“ – in wenigen Augenblicken – „wirst du“ – ganz persönlich du – „mit mir im Paradies sein“ – an dem Ort, an dem es keinen Schmerz, kein Leid und keinen Tod mehr gibt.

Und warum? Weil dieser Verbrecher es verdient hatte? Weil er ein wichtiger Teil der Gesellschaft gewesen war? Weil er so viele gute Werke aufzuweisen hatte? Davon kann nicht einmal die Rede sein. Dieser Mann hatte Gott nichts anzubieten. Wie Luther war auch er ein Bettler. Aber ein Bettler, dem Gnade zuteil wurde. Ja, er starb an jenem Tag wegen seiner Verbrechen. Aber er erhielt von Gott ewiges Leben – trotz all der Schuld, die er auf sich geladen hatte. Und das allein aus Gnaden.

„Schuld ist der vielleicht schmerzhafteste Begleiter des Todes?“ Wegen Jesus stimmen diese Worte nicht. Denn keine Sünde der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ist zu große für Gottes Liebe und Gnade.

Denn Jesus sprach am Kreuz: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Gebet

Lieber himmlischer Vater, wir alle haben mit Schuld zu kämpfen – wie auch der Schächer am Kreuz. Wir alle haben Dinge getan – Sünden, die uns immer wieder in den Sinn kommen. Und der Teufel wird nicht müde, all das wieder und wieder hervorzuholen und uns davon zu überzeugen, dass unsere Sünde zu groß und zu schlimm wäre, als dass sie vergeben werden könnte.

Vater, schenke, dass wir den Lügen Satans nicht glauben. Präge es tief in unsere Herzen: Es gibt keine Sünde, die zu groß wäre, als dass du sie durch Jesu Blut nicht vergeben hättest. Erinnere uns deshalb immer wieder an die Worte deines Sohnes – besonders an dem Tag, an dem wir heimgehen werden: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Sprich uns das ganz persönlich zu und erinnere uns daran, dass uns durch Jesus das ewige Leben gehört. Wir beten in Jesu Namen. Amen.

Lied

LG 326,3+4: Jesus nimmt die Sünder an

Frau, siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!

Lesung: Johannes 19,23-27

Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zertei- len, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Auslegung

Obwohl Jesus am Kreuz unermessliche Schmerzen und Qualen ertragen musste, kümmerte er sich um seine trauernde Mutter und um Johannes, den Jünger, den er lieb hatte. Zu Maria sprach er: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Und zu Johannes: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Es war eine Art Adoption, die damals auf Golgatha geschah.

Aber Jesu Worte weisen uns auf eine viel größere Adoption hin, die vor 2.000 Jahren an eben jenem Kreuz ihren Anfang nahm. Eine Adoption, die jeden Einzelnen von uns betrifft. Damals wurden wir aus einer Situation errettet, die gefährlich und schrecklich für uns war.

Und deshalb gilt für uns heute: Dem Vater der Lüge wurden wir durch das Wasser der Taufe aus den Händen gerissen. So wurden wir zu Kindern des himmlischen Vaters. Die Taufe ist der Bund eines guten Gewissens mit Gott. Ein Bund geschmiedet vom Heiligen Geist und unterschrieben mit dem Blut Jesu, das er am Kreuz für uns vergoss. Denn Gott versichert: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ Und so sagt es uns Gott bis heute zu: „Ich will euer Vater sein und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.“

Maria und Johannes zeigte Jesus damals seine vollkommene Liebe. Und nun erklärt er dasselbe auch über uns gegenüber seinem himmlischen Vater: „Siehe, hier ist deine Tochter. Siehe, hier ist dein Sohn.“

Gebet

Lieber Herr Jesus, zu all den Schmerzen, die du am Kreuz erdulden musstest, kam hinzu, neben dir deine von Kummer gebeugte Mutter zu sehen. Aber du hast sie getröstest, indem du sie deinem Jünger Johannes anvertraut hast. Wir danken dir für das Geschenk der Familie, dass wir nicht allein durch dieses Leben geben müssen; dass du uns mit lieben Menschen umgeben hast. Am allermeisten danken wir dir aber dafür, dass du uns zu einem Mitglied deiner Familie gemacht hast. Danke, dass wir Söhne und Töchter unseres himmlischen Vaters sein dürfen.

Und wir bitten dich: Segne alle Familien in unserer Gemeinde und überall. Heile du, was zerbrochen ist. Tröste alle Eltern, die aufgrund des Leids oder Todes eines Kindes, niedergeschlagen sind. Sei auch bei den Kindern, die keine Eltern haben oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können.

Du bist in ihren Leiden gegenwärtig, wie du es am Kreuz neben Maria warst. Es kommt der Tag deiner Wiederkunft, an dem alle Tränen getrocknet sein werden und die Freude kein Ende haben wird. Wir beten in deinem Namen. Amen.

Lied

LG 326,5+6: Jesus nimmt die Sünder an

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Lesung: Markus 15,33-36

Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!

Auslegung

In der Finsternis ein lauter Ruf. Viele Gelehrte glauben, dass dieser Schrei Jesu ein dreistündiges Schweigen unterbrach. Wahrscheinlich musste Jesus all seine letzten verbliebenen Kräfte aufbringen, als er rief: „Eli, Eli, lama asabtani?“ – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Wir wollen auf Jesu Worte vielleicht antworten: „Das kann nicht sein. Nicht der Vater! Hatte er nicht gesagt, dass Jesus sein geliebter Sohn ist, an dem er Wohlgefallen hat?“ Aber ist euch aufgefallen, wie Jesus hier denjenigen nennt, der ihn in diese Welt gesandt hatte? Wann immer er sonst mit ihm redete, nannte Jesus ihn „Vater“. Ein Ausdruck tiefer Liebe und Nähe. Niemals sonst sprach er ihn einfach nur mit „Gott“ an.

Aber hier ist alles anderes: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Inmitten der Finsternis war das Ausdruck des Schmerzes und der Hässlichkeit unserer Sünde. Es war die buchstäbliche Hölle, durch die Jesus in diesem Moment ging – voll und ganz verlassen von Gott. Keine Liebe mehr. Keine Nähe. Der Vater schweigt. Und warum schweigt der Vater? Jesus kannte die Antwort und wir kennen sie ebenso. 1.000 Jahre zuvor dichtete König David Psalm 22. Auch er fühlte sich von Gott verlassen. Auch sein Psalm beginnt mit dem Ruf:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Voll und ganz wahr geworden sind diese Worte aber erst in jenem Moment, als Jesus sie am Kreuz ausrief. Es war der Moment, den der Prophet Jesaja so beschrieb:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Weil Jesus an unserer Stelle und für uns voll und ganz von Gott verlassen war, werden wir es niemals sein. So beendet auch König David seinen 22. Psalm. Dort heißt es nämlich:

Denn Gott hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Denn Jesus rief an Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Gebet

Jesus, am Kreuz hast du gerufen: „Warum?“ Wir fragen oft genauso, wenn das Leben schwierig wird. Am Kreuz hat Gott dich buchstäblich verlassen und dir den Rücken zugekehrt. Denn Sünde trennt von Gott. Unsere Sünde hat dazu geführt, dass dein eigener Vater sich von dir abgewandt hat. Aber du hast das für uns ertragen. Wenn wir deine Worte heute hören, schenke, dass wir sie nicht vergessen: Wenn es schwer wird im Leben, dann erinnere uns immer wieder daran, dass du uns niemals verlässt. Denn du wurdest von Gott verlassen – an unserer Stelle. Amen.

Lied

LG 101,1+5: „Jesu, meines Lebens Leben“

Mich dürstet!

Lesung: Johannes 19,28

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

Auslegung

„Mich dürstet!“ Warum sprach Jesus diese letzten Worte am Kreuz? Es geht hier nicht so sehr um den leiblichen Durst, den Jesus in diesem Augenblick verspürte. Durst ist in der Bibel ein geistliches Thema. Denn Gott beschreibt sich immer wieder als Wasser, als lebendige Quelle, aus der Leben und Gnade sprudelt. Durst steht daher für den Zustand, wenn man nicht genug von Gott getrunken hat. Wenn man sich also von Gott – vom lebendigen Wasser – entfernt und aus dem Brunnen des Götzendienstes trinkt.

Davon zeugt einmal der Prophet Jeremia mit den folgenden Worten: „Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“ Dieser Vers sagt, dass Gott die lebendige Quelle der Liebe, der Anerkennung, der Vergebung und des Friedens ist. Alles Gute sprudelt aus Gott heraus und diese Quelle versiegt niemals. Aber die Leute damals hatten Gott Gott sein lassen und sind den Götzen nachgelaufen. Doch sie mussten feststellen, dass diese Götzen ihren Durst nicht stillen. Sie konnten den Leuten nicht geben, was ihre Seele brauchte. Ihre Kehle war daher trocken, ihre Seele ausgedorrt.

Aber warum sagte nun Jesus „Mich dürstet“? Wie kann das sein? Wenn Durst in der Bibel dafür steht, dass man weit von Gott entfernt lebt, wie kann dann Jesus Durst leiden? Er hat kein einziges Mal Gott, die lebendige Quelle, zurückgewiesen. Er ist niemals falschen Göttern nachgelaufen. Warum sagt da ausgerechnet er „Mich dürstet“?

Der Grund ist darin zu finden, dass Jesus den Platz mit uns sündigen Menschen getauscht hat. Jesus starb am Kreuz nicht nur aufgrund von Wassermangel wegen unserer Sünde. Er starb anstelle von Sündern. Was wir hätten fühlen sollen, das hat er gefühlt.

Jesus war durstig, damit unsere Seele gefüllt sein kann – in der Gegenwart Gottes. Er erniedrigte sich selbst, so dass wir erhöht werden. Er wurde arm, damit wir reich sind. Jesus wurde gehasst, so dass wir geliebt werden können. Alles, was wir hätten erleiden müssen, erlitt Jesus an unserer Stelle. Deshalb sagte Jesus am Kreuz: „Mich dürstet“. Er tat es, damit wir sagen können: „Ich dürste nicht. Denn ich habe den Retter, der mir alle Sünde abnahm und mir stattdessen seine Gerechtigkeit schenkte.“

Denn Jesus sprach am Kreuz „Mich dürstet!“

Gebet

Jesus, du bist so unendlich gut zu uns. Durch dich gehören uns alle geistlichen Geschenke. Sende deinen Heiligen Geist in die Herzen von uns allen, damit wir in den Momenten, wo uns das Leben durstig zurücklässt, alles bei dir finden, was wir wirklich brauchen: deine Liebe, dein Frieden, deine Ruhe. Fülle uns damit – schenke, dass wir den Reichtum deiner Liebe immer besser und tiefer erkennen lernen.

Jesus, wir danken dir, dass du das Lamm Gottes geworden bist. Du starbst an unserer Stelle. So hast du unsere Sünde ausradiert und uns zu unserem himmlischen Vater zurückgebracht. Stärke du unseren Glauben, so dass wir bei dir bleiben und sagen können: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Wir beten all das in deinem rettenden Namen. Amen.

Lied

LG 101,6+7: „Jesu, meines Lebens Leben…“

„Es ist vollbracht!“

Lesung: Johannes 19,29+30a

Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!

Auslegung

„Es ist vollbracht!“ – Denken wir an die Umstände, unter denen Jesus diese Worte sprach. Er ist vollkommen erschöpft. 36 Stunden ohne Schlaf liegen hinter ihm. Körperlich ist er geschlagen, gefühlsmäßig ausgetrocknet, geistlich vom Vater verlassen. Er steht fast am Ende seines Leidensweges, aber gibt dennoch nicht auf, sondern spricht: „Es ist vollbracht!“

Wir wissen, was diese Worte bedeuten. 33 Jahre vor seinem Kreuz verließ Jesus die himmlische Herrlichkeit, wurde Mensch und lebte auf dieser Erde. 33 Jahre lang erlebte er Leid und Erniedrigung. Von einem Großteil der jüdischen Bevölkerung wurde er abgelehnt. Die religiöse Oberschicht verspottete ihn. Und bereits früh trachtete man ihm nach dem Leben. Jesus litt auf viele Weise durch die Hand von anderen. Den Höhepunkt sehen wir am Kreuz – Leiden für die Sünden der Welt. Aber: „Es ist vollbracht!“

Wir wissen, was diese Worte noch bedeuten. 33 Jahre lang lebte Jesus ein vollkommenes Leben an unserer Stelle. Er hasste nicht. Er neidete nicht. Er tötete nicht. Er beleidigte nicht. Er betete für andere und liebte Menschen sein ganzes Leben hindurch. „Es ist vollbracht!“ Und er überreicht uns seine Gerechtigkeit – seine Vollkommenheit – als Geschenk.

„Es ist vollbracht!“ Eine Ewigkeit mit dem Retter: „Vollbracht.“ Unsere Erlösung: „Vollbracht.“ Unsere Rechtfertigung: „Vollbracht.“ Unsere Vergebung: „Es ist alles vollbracht.“ Der Autor des Hebräerbriefes hat es so ausgedrückt:

Daher kann Jesus auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie.

Denn Jesus sagte am Kreuz: „Es ist vollbracht!“

Gebet

Herr Jesus Christus! Du hast nach dem Willen deines Vaters das vollkommene Opfer am Kreuz vollbracht: Wir bitten dich, lass uns durch dich alles zu Lob und Ehre deines Namens anfangen und vollenden. Denn dir allein soll alle Ehre im Himmel und auf Erden gegeben werden. Amen!

Lied

LG 289,1: „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr …“

Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!

Lesung Lukas 23,44-49

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Auslegung

Soeben hörten wir die wirklich allerletzten Worte gehört, bevor Jesus seinen letzten Atemzug nahm. Nur der Evangelist Lukas hat sie für uns aufgeschrieben: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Diese Worte stammen aus Psalm 31, welcher zu Jesu Zeiten ein oft gebrauchtes Gebet zur Nacht war. „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott“, so heißt der Vers dort vollständig. Worte, die von großer Nähe und Liebe zeugen.

Denken wir noch einmal an das vierte Wort Jesu am Kreuz zurück: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus wurde vollständig von Gott verlassen – für uns. Und er erlitt die Hölle – an unserer Stelle. Aber diese Trennung war nun vorüber. Jesus nennt Gott wieder seinen „Vater“.

Denn er weiß um dessen Liebe und Fürsorge, nicht nur für ihn, sondern auch für uns. Die Beziehung ist wiederhergestellt. Und nun gibt es selbst im Angesicht des Todes nichts mehr zu fürchten, nicht nur für Jesus, sondern auch für uns. Jesus nennt Gott mit seinem letzten Atemzug „Vater“. Denn er wusste, dass Gott ihn liebte, so wie er auch uns liebt.

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und so dürfen wir es auch tun. Wir dürfen vertrauen, weil wir wissen, wessen Hände uns halten: Selbst wenn wir in dieser Welt alles verlieren – unseren Besitz, unseren Ruf bei anderen Menschen, unsere körperliche oder geistige Gesundheit, ja, unser Leben – wir müssen niemals ängstlich sein. Denn unser himmlischer Vater liebt uns und hält uns in seinen Händen – auch über den Tod hinaus. Bei ihm sind wir sicher geboren. Jetzt und in alle Ewigkeit. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, so sagte es Jesus einige Zeit zuvor zu Martha, „wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Denn Jesus sprach am Kreuz: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Gebet

Herr Jesus Christus! Du hast dich selbst für uns Gott dem Vater als ein lebendiges, unbeflecktes Opfer dargebracht. Du hast deine Seele mit diesem Ruf in die Hände deines Vaters befohlen: Wir bitten dich, lass dir unseren Leib und Seele immer anbefohlen sein, damit der böse Feind keine Macht an uns findet. Denn du hast uns mit deinem teuren Blut zum Eigentum erkauft. Amen!

Lied

LG 289,3: „Herzlich lieb hab ich dich, oh Herr“

Jesu Begräbnis (Johannes 19,31-42)

Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, da- mit die Schrift erfüllt würde: »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle: »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« Da- nach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen, wie die Juden zu begraben pflegen. Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.

Gebet & Segen

Allmächtiger Gott, wir bitten deine Barmherzigkeit: sieh gnädig auf dein Volk, für das unser Herr Jesus Christus willig gelitten hat. Das bitten wir durch IHN, der sich verraten und in die Hände der Sünder ausliefern ließ, der am Kreuz für uns litt und starb – DER auferstanden ist vom Tod, lebt und regiert mit dir und dem Heiligen Geist – jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Es segne und behüte uns, Gott der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, Sohn und Heilige Geist. Amen.