Die Weisen aus dem Osten

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

2. Sonntag nach dem Christfest, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Das Gemälde hat eine – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegende Geschichte hinter sich. Ursprünglich war es von Friedrich dem Weisen für die Schlosskirche in Wittenberg in Auftrag gegeben und 1504 fertiggestellt worden. Später kam es als Geschenk Christian II. nach Prag. Von dort aus ging seine Reise weiter nach Wien und schließlich – durch einen höchst unglücklichen Bildertausch1 – gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Florenz. In den dortigen Uffizien – ein bedeutendes Kunstmuseum – ist es bis heute ausgestellt. Gemeint ist Albrecht Dürers Gemälde „Anbetung der Könige“. Es gilt als eines seiner bedeutendsten Werke, welches zwischen seiner erster und zweiter Italienreise entstand. Aber bevor ich weiterrede, seht selbst:

Im Mittelpunkt des Bildes erblicken wir Maria – in ein azurblaues Kleid gehüllt, mit einem weißen Tuch auf dem Kopf. In ihren Händen hält sie das nackte Jesuskind – nur in Windeln gewickelt. Vor den Beiden kniet einer der drei Weisen aus dem Morgenland. Er bietet dem Säugling eine goldene Schatulle an, die das Kind bereits mit der rechten Hand angenommen hat. Alle anderen Charaktere des Hauptmotivs sind bewegungslos. In Gedanken versunken, schauen sie geradeaus oder seitwärts gewandt und erzeugen so den Effekt einer würdigen Anbetungsszene. Einzig der Diener der Weisen am rechten unteren Bildrand kramt in einer Tasche, vielleicht, um weitere wertvolle Geschenke hervorzuholen.

Nicht nur Albrecht Dürer hat die Begebenheiten aus dem 2. Kapitel des Matthäusevangeliums künstlerisch in Szene gesetzt. Es ist ganz allgemein ein sehr beliebtes Motiv in der Malerei gewesen. Und wir können das vielleicht verstehen. Diese Männer aus dem Osten, die gekommen waren, um Jesus anzubeten, haben etwas Geheimnisvolles an sich. Wenn wir den Text gleich genauer betrachten, werden wir einigen dieser Geheimnisse begegnen. Manche werden wir nicht auflösen können. Zugleich liegt aber eine Sache ganz klar und deutlich vor uns: Von drei möglichen Reaktionen, die Menschen gegenüber Jesus an den Tag legen können, werden wir hören. Da ist zum einen die Reaktion der Schriftgelehrten in Jerusalem. Dann die Reaktion von König Herodes, ebenfalls in Jerusalem. Und schließlich die Reaktion Weisen selbst.

Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 2, und wir beginnen bei Vers 1. Dort heißt es:

Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem

Bethlehem – das wissen wir – lag etwa 10km von Jerusalem entfernt. Und wir wissen auch, dass es sich hierbei um keinen besonderer Ort handelte. Dort lebten die Hirten und die Stadt roch womöglich nach Schaf. Maria und Josef waren ursprünglich wegen der Volkszählung dorthin gekommen. Aber wie es scheint, blieben sie nach der Geburt Jesu eine zeitlang dort. Später im Text lesen wir davon, dass die junge Familie mittlerweile in einem Haus lebte – nicht länger in einer Krippe, dem Futterplatz für Tiere. Vielleicht hatte Josef dieses Haus für seine Familie organisiert, weil er in der Nähe von Jerusalem bleiben und nicht sofort nach Nazareth zurückkehren wollte. In jedem Fall ist seit der Geburt einige Zeit vergangen. Vielleicht eine paar Wochen oder sogar Monate. Ich persönlich glaube, dass Jesus bereits 1 Jahr oder noch älter war, als die Weisen in Bethlehem eintrafen. Dafür spricht auch, dass König Herodes beim Kindermord zu Bethlehem alle Knaben von zwei Jahren und darunter töten ließ. Das würde nur dann Sinn ergeben, wenn Jesus bereits etwa dieses Alter erreicht hatte.

Und dann hören wir von den Weisen aus dem Morgenland. Sie kamen aus dem Osten, genauer aus dem Perserreich – dem Gebiet des heutigen Iran oder Irak. Aber wer waren diese Männer? Und hier sind wir schon beim ersten Geheimnis angelangt. Denn mit letzter Gewissheit können wir diese Frage nicht beantworten. Waren sie Könige, wie die katholische Tradition behauptet? Waren sie Mitarbeiter an einem Hof, Adlige sozusagen? Der griechische Text beschreibt sie als magoi. Das deutsche Wort „Magier“ stammt davon ab. Übersetzt bedeutet es soviel wie „Zauberer“, „Weiser“ oder „Sterndeuter“. Die letztgenannte Bedeutung spielt nun in unserem weiteren Text eine größere Rolle. Denn dort heißt es weiter:

Da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

Die Weisen aus dem Morgenland scheinen sich also ganz allgemein mit der Sterndeutung beschäftigt zu haben. Astrologie wurde bei den Babyloniern und Persern sehr eifrig betrieben. Aber auf einen ganz bestimmten Stern hatten sie sehnsüchtig gewartet. Und auch hier können wir wieder fragen: Warum? Und woher wussten die Weisen, dass es dieser Stern war, der anzeigte, dass der König der Juden geboren war? Auch das bleibt ein Geheimnis. Eine zweifelsfreie Antwort wissen wir nicht. Gelehrtere Leute als ich vermuten aber das Folgende: Die Weisen kamen aus dem Perserreich. Dort wirkte auch der Prophet Daniel. Vielleicht hatte dieser dort eine Art Schule eröffnet, wo die Menschen die Heilige Schrift studieren konnten. Möglicherweise war es so, dass Gott dem Daniel offenbarte, dass ein Stern die Geburt des verheißenen Messias begleiten würde. Das wäre eine Erklärung dafür, warum die Weisen auch viele Generationen nach Daniel von diesem Zeichen wussten und darauf gewartet hatten. Außerdem lebten immer noch viele Juden in diesem Gebiet. Nach der babylonischen Gefangenschaft waren sie nicht wieder nach Israel zurückgekehrt. In ihrer neuen Heimat werden sie wohl nicht von ihrem Glauben an einen Messias geschwiegen haben. Und doch: Vielleicht, möglicherweise, hätte, würde, könnte – all das sind nur Vermutungen. Die Heilige Schrift lässt uns an diesem Punkt im Dunkeln.

Aber in Vers 2 gibt es eine weitere Besonderheit. Die Weisen kommen zunächst nicht nach Bethlehem, sondern nach Jerusalem. Erinnert euch, dass der Prophet Micha, der den Geburtsort des Messias weissage, nach der Zeit Daniels lebte und wirkte. Die Weisen konnten also nichts von Bethlehem wissen. Jerusalem war da eine logische Wahl, denn es handelte sich schließlich um die Hauptstadt. Dort würde man einen König schließlich vermuten. Und deshalb fragten die Weisen herum: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“

„König der Juden“ – bei dieser Formulierung müssen wir noch einen Moment verweilen. Als Herodes im Jahr 37 v. Chr. durch die römischen Besatzer zum König ausgerufen wurde, bekam er von ihnen genau diesen Titel: „König der Juden“. Und das obwohl Herodes gar kein Jude war, sondern Edomiter und damit ein Nachfahre Esaus. Eigentlich waren die beiden Volksstämme verfeindet. Aber weil Herodes den Römern sehr nahestand, konnte er durch ihre Unterstützung die Herrschaft über Israel an sich reißen. Der Punkt ist also der: Herodes trug den Titel „König der Juden“ – ohne ein Jude gewesen zu sein. Das ist wohl eine der Gründe für seine überaus brutale Regentschaft. Die meisten seiner Kinder hatte er mit eigenen Händen getötet, um mögliche Konkurrenten auszuschalten. Als der berühmte Geschichtsschreiber Josephus über Herodes schreibt, erwähnt er nicht einmal den Kindermord zu Bethlehem, weil das offenbar nur eine Kleinigkeit war im Vergleich zu den übrigen Grausamkeiten seiner Herrschaft. Sie dienten allesamt dazu, seine nicht-jüdische Herkunft zu kompensieren.

Welch eine Bedrohung müssen also die Weisen aus dem Morgenland für Herodes dargestellt haben, als diese in Jerusalem damit begannen, nach dem neugeborenen König der Juden zu fragen. Davon berichtet uns auch unser Text, in dem es nun weiter heißt:

Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,

An diesem Punkt stellt eich eine weitere Frage: Wenn die Weisen eine solche Bedrohung darstellten, warum lässt Herodes sie nicht einfach gefangennehmen oder hinrichten? Zimperlich war er in dieser Hinsicht nicht. Die Antwort hat etwas mit der Anzahl der Weisen zu tun. Die christliche Tradition redet immer wieder von der Zahl drei. Aber unser Text sagt darüber nichts. Drei mag aufgrund der drei Geschenke einen guten Sinn ergeben. Genau wissen wir aber auch das nicht. Was wir dagegen wissen: Die Weisen waren nicht allein gekommen. Beim Propheten Jesaja erfahren wir, dass die Menge der Kamele im Gefolge der Weisen das ganze Land bedeckten.2 Das hat seinen Grund. Der Weg von Persien nach Israel war weit und gefährlich. Diener und Soldaten haben sie daher in großer Zahl begleitet. Jerusalem muss von all diesen Menschen gut gefüllt gewesen sein. Herodes war aber noch aus einem anderen Grund so erschrocken: Erst vor Kurzem konnte er einen 20 Jahre andauernden Krieg gegen das Perserreich beenden. Da wirkt eine solche Truppe aus dem Osten natürlich wie eine erneute Bedrohung.

Und wie reagierte Herodes? In unserem Text heißt es weiter:

und Herodes ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Mi 5,1): »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

Interessant ist hier, dass die Schriftgelehrten die Prophezeiung Michas verändern. Eigentlich heißt es „Und du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausend in Juda…“ Offenbar erheben sie hier den kleinen unbedeutenden Ort Bethlehem eigenmächtig, weil von dort der Messias kommen soll.

Interessanter ist aber der Umgang Herodes mit den Weisen, von dem wir im weiteren Text erfahren:

Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.

Aus allem bisher Gesagten ist klar: Herodes hat keinerlei Interesse daran, jemanden anzubeten, der beanspruchen könnte, König der Juden zu sein. Das war er schließlich selbst, wie er meinte. Konkurrenten hatte er auch schon zuvor gnadenlos ausgeschaltet. Auch dieses Kind will er daher um jeden Preis töten. Den Weisen verschweigt er das freilich und belügt sie stattdessen mit List. Sie hätten ihm vermutlich auch geglaubt, hätte Gott ihnen nicht später im Traum befohlen, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren.

Gott war es auch, der alles so lenkte, dass die Weisen nun das eigentlich Ziel ihrer Reise kennen. Unser Text beschreibt, wie sie an das ersehnte Ziel gelangen:

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut

Das ist interessant: Es scheint so gewesen zu sein, dass sie Weisen den Stern in ihrer Heimat gesehen hatten. Dann aber war er wieder verschwunden und tauchte erst wieder auf, als die Weisen Gottes Wort gehört hatten – genauer die Verheißung, dass der Messias in Bethlehem geboren werden sollte. Der Stern war aber nicht nur wieder aufgetaucht, sondern bewegte sich. Er ging vor ihnen her, wie es der Text beschreibt, bis zu dem Ort, an dem Jesus war.

Der hier erwähnte Stern erinnert uns also an Gottes Wort. Denn wohin führt uns das Wort? Immer zum Zentrum, immer zu Jesus. Und so war es auch bei den Weisen und dem Stern: Sie fanden Jesus durch’s Wort. Der Stern allein hätte ihnen nicht viel genützt. Erst die Prophezeiung Michas wies sie in die richtige Richtung. Und so gilt es auch uns: Unser Stern heißt Gottes Wort. Durch das Wort finden wir Jesus. Durch das Wort erfahren wir von seinen Werken für uns. Durchs Wort wissen wir von Jesu vergebender Liebe und Güte. Wie der Stern den Weisen macht uns das Evangelium die Gnade Gottes hell und leuchtend und zeigt uns den richtigen Weg. Das war der Grund, warum die Weisen hocherfreut wurden. „Sie freuten sich mit überaus großer Freude“, so müsste man den griechischen Text eigentlich übersetzen.

Albrecht Dürer hat diese große Freude über den Heiland etwas versteckt in seinem Gemälde wiedergeben. Auf den ersten Blick könnte man es glatt übersehen. Schauen wir deshalb etwas genauer an:

Ganz rechts unten sehen wir einen Hirschkäfer. Dürer hat ihn immer wieder dargestellt. Und das nicht ohne Grund: Der Hirschkäfer ist in der Malerei ein Symbol für Christus als Sieger über das Böse. Genau dazu kam Jesus in diese Welt. Paulus schreibt dazu im 1. Korintherbrief:

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

Und wie tat er das? Auch das stellt Dürer dar: Direkt hinter dem Hirschkäfer erkennen wir einen Spitzwegerich. Zur Zeit des Malers war diese Pflanze wegen ihrer heilenden Eigenschaften hochgeschätzt. Hier ist sie Symbol für das Blut Jesu, welches zur Vergebung aller Sünden vergossen wurde. Durch Jesu Wunden sind wir in der Tat geheilt.

Aber nicht nur Jesu rettendes Werk am Kreuz stellt Dürer dar:

Auf der linken unteren Seite des Bildes sind einige Schmetterlinge dargestellt, das antike Symbol für die Auferstehung. Dürer erinnert uns damit daran, dass Jesus nicht im Grab blieb, sondern auferstand und damit auch unseren Tod besiegte. Wie sich die Raupe erst verpuppt und schließlich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt, so werden auch wir am jüngsten Tag verwandelt werden. Paulus formuliert es so:

Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen.

Kein Wunder also, dass sich die Weisen so sehr freuten. Von der Reaktion auf ihre erfahren wir jetzt noch in den letzten Worten unseres Textes für heute:

und sie – die Weisen – gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Soweit der Text. Zum Schluss wollen wir noch kurz auf die eingangs erwähnten drei möglichen Reaktionen in Hinblick auf Jesus zu sprechen kommen. Hüten wir uns jedoch, auf diese Menschen herabzublicken, über die wir gleich nachdenken wollen. Für unseren alten Menschen soll es vielmehr ein Spiegel sein.

Da ist zunächst die Reaktion der Hohepriester und Schriftgelehrten. In Dürers Bild sind sie ganz bewusst in den Hintergrund gerückt:

Man sieht sie kaum. Aber warum stehen sie so weit abseits? Es war doch der Beruf dieser Männer, die Heilige Schrift zu studieren. Sie kannten sie inn- und auswendig. Deshalb konnten die Weisen fragen: „Wo ist der Messias? Wir haben Hinweise darauf, dass er geboren wurde.“ Und die Schriftgelehrten wussten sofort die richtige Antwort: „Er wird in Bethlehem geboren. Einfach die Straße runter. 10km von hier.“ Etwa soweit wie Glauchau von Zwickau entfernt liegt. An einem Nachmittag kann man locker dorthin laufen. Aber tun es die Schriftgelehrten den Weisen gleich und gehen nach Bethlehem? Nein. Es interessiert sie nicht, dass der Messias geboren war. Nicht einmal einen Abgesandten schicken sie los, um herauszufinden, ob es vielleicht wahr sein könnte. Sie reagieren also mit Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit ist wohl bis heute die häufigste Reaktion von uns Menschen auf Jesus und die frohe Botschaft. Man kann das Evangelium ganz deutlich sagen: Gott wurde Mensch, um uns unsere Sünde abzunehmen und unsere Lasten zu tragen. Durch Jesus gibt es ewiges Leben – geschenkt. Allein aus Gnade. Aber manchmal ist die Reaktion pure Langeweile. Die Schriftgelehrten hätte es keine drei Stunden gekostet, um das ins Fleisch gekommenen Wort zu sehen – den Messias, ihren Retter. Aber sie hätten nicht gelangweilter sein können. Geht es uns manchmal auch so?

Und dann lesen wir im Text von einer zweiten Art der Reaktion, nämlich die des Königs Herodes. Herodes hasste Jesus. Er hasste den Gedanken, dass irgendwer seinen Thron beanspruchen könnte. Wir teilen die Menschen gern ein nach Gläubige und Ungläubige. Aber dazwischen gibt es noch eine dritte Möglichkeit, auf die wir acht haben sollten. Es ist die Position des Herodes. Er glaubte an Jesus, hasste ihn aber. In dieser Hinsicht gleicht er dem Teufel und seinen Dämonen. Auch die wissen, dass Jesus Gott ist. Sie lehnen ihn aber voll und ganz ab. Und das kann – tragischerweise – bis heute so sein. Menschen wissen, dass es einen Gott gibt. Aber sie hassen den Gedanken, dass sie sich gegenüber einer höheren Macht verantworten müssen und dass es ein Gericht gibt. Sie hassen den Gedanken, dass sie nicht ihr eigener Retter sein können und dass sie ihren Thron verlassen müssen, damit ein anderer darauf Platz nehmen kann. Reagieren wir nicht auch manchmal mit Ablehnung, wenn Jesus zwischen uns und unsere Götzen tritt?

In unserem Text lesen wir also von Gleichgültigkeit, von Hass und schließlich von der Reaktion der Weisen. Es ist diese Reaktion, auf die wir aus sind und warum uns der Heilige Geist diesen Abschnitt der Bibel gelassen hat.

Denn sie wurden hocherfreut und sie gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an…

Martin Luther muss es geliebt haben, über diesen Text zu predigen. In seinen zahlreichen Verkündigungen zu den Weisen benutzt er immer wieder ein und dasselbe Bild: Stellt euch vor, ihr lebt in jener Zeit in Bethlehem. Am Abend dreht ihr noch einmal eine Runde, vielleicht um den Hund Gassi zu führen. Ihr kommt am Haus von Maria und Joseph vorbei, die neuen Nachbarn im Dorf. Aber nichts ist wie sonst. Überall stehen Kamele und fremde Menschen. Aus Neugier nähert ihr euch dem Haus und versucht einen Blick durch das Fenster zu erhaschen. Und was seht ihr? Drei reiche und weise Männer, die niedergefallen sind – nicht nur auf die Knie, sondern der Länge nach auf den Boden, so dass auch das Gesicht den Untergrund berührt. Und warum? Um ein vielleicht einjähriges Kleinkind anzubeten. Luther fragt nun, wie wir wohl bei diesem Anblick reagiert hätten: Was für große Trottel müssen diese Männer sein, dass sie ein Kleinkind anbeten. Was tun sie da nur! Auf dem Gesicht! Aber wir wissen: Was der Welt wie eine Torheit vorkommt, ist die größte Weisheit. Denn verborgen unter dem Körper dieses Kindes ist der Herr aller Herren, der Schöpfer des Universums und der Retter aus aller Sünde.

Das ist die Einladung des Text an uns. Wie die Weisen wissen wir, wer dieses Kind ist – unser Herr und unser Retter. Jesus ist daher alle Anbetung wert. Albrecht Dürer dachte ebenso – wieder etwas versteckt. Hier vorn können wir es aber sehen:

In Gestalt des Königs mit dem grünen Gewand und dem für ihn typischem, schulterlangen Lockenhaar hat sich Dürer in seinem Bild selbst verewigt. Wir dürfen es ihm gleichtun. Denn wir wissen: in diesem Kind, in diesem Mann, in diesem Jesus liegt unsere ganze Hoffnung, unsere ganze Freude und unsere ganzer Frieden.

Und dieser Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  1. 1793 kam es auf Vorschlag des damaligen Direktors der Uffizien, Luigi Lanzi, nach Florenz. Lanzi, der seine Sammlung um ein wichtiges Werk Albrecht Dürers ergänzen wollte, bot zum Tausch das Bild „Darbringung im Tempel“ von Fra Bartolomeo an.
  2. Jes 60,6