Frieden

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Jahreswechsel 2020/21

Liebe Freunde in Christus!

Der Jahreswechsel – wie wir ihn ein weiteres Mal erleben – lädt ja auch immer ein, zurückzublicken. An eine Sache musste ich in diesem Jahr besonders denken: Der Planet, auf dem wir leben, ist nicht gerade das, was man einen friedlichen Ort nennen könnte. Das erkennt man allein schon an all den Konflikten und Kriegen, die es im vergangenen Jahr gab. Schaut man sich diese genauer an, kann man schon schlechte Laune bekommen. Vor allem, wenn man einen Wikipedia-Eintrag aufschlägt, der den Titel „Liste der andauernden Kriege und bewaffneten Konflikte“ trägt. Land für Land wird dort aufgeführt, wo auf dieser Welt gerade Kriege stattfinden und wie viele Menschenleben diese bisher gekostet haben. Man kann dort von den 570.000 Todesopfern lesen, die der Bürgerkrieg in Syrien bisher gekostet hat. Oder von der Krise im Jemen mit ihren 120.000 Toten. Oder von der Entführung von Kindern im Konflikt in Nigeria. Land um Land, Ort für Ort zeigt diese Liste, dass diese Welt kein friedlicher Ort ist.

Habt ihr jemals darüber nachgedacht, warum all das geschieht? Ich denke, mit Gewissheit sagen zu können, dass es alle Menschen bevorzugen würden, in Frieden zu leben. Niemand von uns will Kugeln ausweichen oder sich vor seinen Feinden verstecken müssen. Keiner will seine Kinder oder Freunde in den Krieg schicken. Sondern wir wollen in Frieden leben und unsere Tage in Frieden ausklingen lassen. Nicht umsonst findet sich in Luthers Kleinem Katechismus unter der 4. Bitte auch der Friede als eine gute Gabe Gottes, die zum täglichen Brot dazugehört. Aber wenn das für euch stimmt, für mich und für die allermeisten anderen Menschen ebenso – warum ist Friede dann eine solche Seltenheit auf diesem Planeten?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, müssen wir nicht erst in den Jemen reisen oder nach Syrien. Auch in unserer nächsten Nähe gab es im vergangenen Jahr wohl zur Genüge Unfrieden, Streit und Konflikte. Denken wir zum Beispiel an die Auseinandersetzungen rund um die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus, welcher unser Leben im vergangenen Jahr so stark beeinflusste. Ziemlich verhärtete Positionen waren da zu beobachten – sowohl auf Seiten der Befürworter dieser Maßnahmen, als auch bei ihren Gegnern. Bisweilen kam es zu sprachlichen Eskalationen. Da war von Covidioten die Rede, von Schlafschafen, von Maulkörben oder Leerdenkern. Und so mancher schreckte selbst vor Vergleichen mit der unsäglichen nationalsozialistischen Vergangenheit unseres Landes nicht zurück.

Aber auch das ist noch zu allgemein gesprochen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum es so viel Unfriede auf diesem Planeten gibt. Denkt an euer vergangenes Jahr. Gab es Beziehungen in eurem Leben, die nicht unbedingt von Frieden gekennzeichnet waren? Ich bin ehrlich: Mir persönlich fallen da einige ein. Euch auch? In eurer Familie? Mit den Geschwistern? Mit dem Ehepartner? Den Kindern? Das kann auch ein Gemeindeglied sein, bei dem es unangenehm ist, ihm zu begegnen. Man versucht, herzlich miteinander umzugehen, aber so wirklich funktioniert das nicht. Vielleicht ist es auch dieser eine Arbeitskollege, mit dem man ständig aneinander gerät oder der Nachbar, den man nie wirklich leiden konnte. Ich bin offen – auch weil es mich belastet – mir fällt das eine oder andere ein. Und wahrscheinlich geht es euch ähnlich.

Aber warum? Wenn wir alle es bevorzugen würden, in Frieden miteinander zu leben, warum ist dann eben dieser Frieden eine solche Seltenheit? Die Antwort kann man auf einen recht simplen Satz herunterbrechen: Frieden hat immer einen Preis. Wann und wo auch immer sich Menschen begegnen, muss jeder von ihnen einen hohen Preis bezahlen, um Frieden haben zu können. Man verliebt sich beispielsweise, heiratet und bekommt Kinder. Um ein friedliches und harmonisches Miteinander zu haben, muss jeder in dieser Familie einen hohen Preis bezahlen – manchmal einen schwer zu schluckenden Preis – damit Friede herrscht.

Und worin besteht dieser Preis? Er trägt den Namen „Ich“. Was ich will; was ich mag; wann ich es will; wie ich es will. Wollen wir in Frieden leben, müssen wir das aufgeben – jeder Einzelne von uns. Nur liegt euch und mir oft das Gegenteil so nahe. Aber wenn jeder darauf besteht, das zu bekommen, was er will und wann er es will und so wie er es will, dann wird es unmöglich, Frieden zu haben – in der Kirche, in einem Land, auf dieser Welt. Den eigenen Kriegsfürsten in sich selbst zu bezwingen, ist das schwerste überhaupt – das schlagende Herz, welches sagt: Ich zuerst. Ich zuerst. Ich zuerst. Vom Kleinen zum Großen – von persönlichen bis hin zu nationalen Beziehungen: Kommt das „Ich“ an erster Stelle, gibt es keine Friedensquelle.

Und nur, dass sich niemand irrt – das alles sind nicht meine Gedanken. Wir finden sie bei Jakobus, dem Bruder Jesu, der sie unter Eingebung des Heiligen Geistes für uns aufgeschrieben hat. In Kapitel 4 seines Briefes schreibt er in seiner gewohnt direkten Art das Folgende:

Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten? Ihr seid begierig und erlangt’s nicht; ihr mordet und neidet und gewinnt nichts; ihr streitet und kämpft und habt nichts…

Wünscht man sich bei diesen Worten nicht, dass Jakobus Unrecht hätte? Wünscht man sich nicht, die Konflikte in meinem Leben hätten mit den Anderen zu tun und damit, dass diese schließlich nicht einsichtig wären? Aber Jakobus dreht den Spiegel um und sagt: Krieg und Kampf – Streit und Konflikt – schau du selbst in den Spiegel: Es liegt an dir! Es liegt daran, dass du die Dinge willst. Und bekommst du sie nicht, endet der Frieden und der Krieg beginnt. Das ist der Spiegel, in den ich, in den ihr, in den wir alle schauen müssen. So und nun „Frohes neues Jahr“ euch und mir!

Der Jahreswechsel ist eine gute Gelegenheit, einmal innezuhalten und zurückzublicken. Und wir sind Christen. Wir wollen dabei nichts verklären, sondern die Dinge beim Namen nennen. Gleichzeitig sehnen wir uns wohl alle nach Frieden. Und es ist die ehrliche Frage: Ist das überhaupt möglich, wenn jeder in unseren Familien und in der Nachbarschaft, dasselbe „Ich komme zuerst“- Herz in sich trägt und dieses auch in den Nachfolgern Jesu noch immer schlägt? Und die Antwort lautet:

Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Das zeigt uns die Heilige Schrift. Zu Weihnachten hatten wir gesehen, dass solche Worte, die etwas mit Freude zu tun haben, über 500 Mal in der Bibel vorkommen. Sucht man nach dem Wort „Frieden“ findet man 249 verschiedene Stellen. Auch heute haben wir nicht die Zeit, sie alle zu lesen. Deshalb wollen wir nur auf einige von ihnen genauer schauen, die zur Kirchenjahreszeit passen und die zeigen, wie Jesus den Frieden mit uns Menschen machte. Ein Friede, der uns auch im kommenden Jahr begleiten will. Ein Friede, der uns zum Frieden untereinander ermuntern will.

Beginnen wir bei der ersten Stelle. Sie stammt aus dem Propheten Jesaja, der um das Jahr 700 v. Chr. wirkte. In Kapitel 9 heißt es:

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

7 Jahrhunderte bevor das Kind in Bethlehem geboren wurde, gab es dieses Versprechen: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“

Und welche herrlichen und inhaltsreiche Namen trägt dieses Kind! Jesus heißt Wunder-Rat. Wir könnten auch übersetzen: Jesus ist ein wunderbarer Berater. Er ist niemals zu beschäftigt, um sich unserer Sorgen und Nöte anzunehmen. Er ist nicht verärgert, wenn wir immer wieder an seine Tür klopfen, weil wir seine Hilfe benötigen. Jesus mag uns manchmal mit liebevoller Strenge begegnen. Manchmal muss er uns zur Umkehr rufen – gerade in Hinblick auf unser Ich-zentriertes Herz – wie gerade durch Jakobus. Aber alles geschieht zu unserem Besten. Er ist ein wundervoller Berater.

Und noch mehr: Jesaja sagt, dass er Gott-Held genannt wird; …ein mächtiger Gott. Ein guter menschlicher Berater kann vielleicht Hinweise geben, die hilfreich sind. Aber er hat nicht die Macht, etwas an unserem Zustand zu ändern. Jesus dagegen ist Gott. Alles, was uns Sorge bereitet, ist in seinen Händen. Das war im vergangenen Jahr so und ändert sich auch nicht im kommenden. Denn Jesus ist solch ein mächtiger Gott – ein Gott-Held, dass er keinem seiner Kinder etwas widerfahren lässt, das nicht zum Besten für sie wäre.

Er ist ein wunderbarer Berater, ein mächtiger Gott und er heißt Ewig-Vater. Wir dürfen uns hier hinsichtlich der Dreieinigkeit nicht verwirren lassen. Jesus ist nicht Gott, der Vater. Aber Jesaja will uns hier deutlich machen, dass Jesus wie ein Vater für uns ist. Er sorgt sich um uns, wie ein Vater. Er empfindet Barmherzigkeit für uns, wie ein Vater. Und er ist – anders als ein irdischer Vater – immer bei uns, weil er ewig ist.

Und das führt uns zum Friede-Fürsten. Im Hebräischen heißt Frieden „Shalom“. Es bedeutet ganz zu sein. Vollständig. Denn wenn man einen wunderbaren Berater, einen mächtigen Gott und einen ewigen Vater hat, ist man vollständig. Man hat alles, was man braucht. Selbst wenn ich nicht alles bekommen, was ich will und wie ich es will und wann ich es will… Selbst wenn das Jahr 2021 große Herausforderungen für mich bereithält:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

Und durch dieses Kind haben wir alles, was wir brauchen.

Einige Kapitel später im Buch Jesaja finden wir die Worte, die uns sagen, wie Jesus uns all das gebracht hat. In Jesaja 53 heißt es:

Er – das Kind – schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich… Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Der Friede-Fürst kommt zu uns. Aber wie entsteht Friede? Nicht dadurch, dass Gott auf diese Erde kommt und alle Menschen bestraft, die mit einem Ich-zentrierten Herzen zu kämpfen haben. Die Strafe liegt auf ihm. Das Kind tat, was niemand erwartet hätte. Er brachte Frieden, indem er für alle Menschen die einzigen Worte lebte, die den Krieg beenden können: Du kommst zuerst.

Manchmal denken wir vielleicht etwas zu verkitscht über die Weihnachtszeit, in der wir uns ja noch immer befinden. Wir singen vom kleinen Jesulein und denken an ein Neugeborenes mit süßen kleinen Fingern und Zehen, welches in Marias Armen liegt. So wunderbar all das ist: Der Grund, warum Jesus unser Fleisch und Blut annahm, liegt darin begründet, dass er später für uns sein Blut vergießen konnte.

Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.

Luther schreibt treffend zu dieser Stelle:

Da siehst du den strengen Zorn und unwandelbaren Ernst Gottes über die Sünde und Sünder, dass er auch seinem eigenen allerliebsten Sohn nicht die Sünder hat losgeben wollen, er täte denn für sie eine schwere Buße. Was will dem Sünder begegnen, wenn das liebste Kind so geschlagen wird? Es muss ein unaussprechlicher Ernst da sein, dem so eine große unermeßliche Person entgegengeht und dafür leidet und stirbt, und wenn du recht tief bedenkst, dass Gottes Sohn selbst leidet, so wirst du wohl erschrecken, und je länger je tiefer. Die Sünde muß ganz getötet sein, oder sie wird dich töten.

Und durch Jesu Werk wurde die Sünde tatsächlich getötet, weil er den Preis bezahlte. Wenn wir Jesus in der Krippe sehen, sollte uns ein Schauer über den Rücken laufen, während unser Ich-zentriertes Herz langsam von Frieden erfüllt wird, weil wir uns fragen: Gott hat was getan?

Ich habe das Bild schon einmal gezeigt. Im Jahr 1968 gruben Bauarbeiter im östlichen Teil Jerusalems tief in die Erde. Während der Arbeiten stießen sie auf ein 2.000 Jahre altes Grab. Die hinzugezogenen Archäologen fanden in diesem Grab einen Schatz – eine archäologische Entdeckung von größter Bedeutung. Anschließend steckten sie diesen Schatz in eine Glasvitrine und stellten ihn im größten Museums Israel aus. Was sie fanden, war das:

Wir sehen hier einen 2.000 Jahre alten Nagel, der durch das Fersenteil eines menschlichen Wesen geschlagen wurde. Lange dachte man, es handelt sich hierbei um den einzigen archäologischen Beleg für die Kreuzigung im 1. nachchristlichen Jahrhundert. Mittlerweile ist auch in Italien eine ähnliche Entdeckung gemacht worden. Das Bild hier vorn zeigt aber das Fersenbein eines Mannes Namen Jejohannen, der offenbar Opfer einer Kreuzigung wurde. Man erkennt, wie der Nagel durch den Knochen geschlagen wurde.

Und nun denkt daran: Das ist mit dem Sohn Gottes geschehen. Mit Gott höchstpersönlich! Und er tat es freiwillig – für uns. Das war es, was er wählte, auf dass wir Frieden hätten. Denn Jesus Christus ist der Friede-Fürst, der auf seinem Thron saß – der König aller Könige. Aber er ließ all das zurück, wurde Menschen und gab sich selbst dahin, so dass ihr und ich mit erhobenem Haupt vor Gott stehen können, weil wir Frieden mit ihm haben. Frieden im vergangenen Jahr. Frieden im kommenden Jahr. Frieden jetzt und allezeit. Durch Jesus können wir in den Spiegel schauen und wissen: Ich bin rein. Ich bin heilig. Ich bin makellos, weil Jesus mir meine Sünde abnahm und dafür seine Gerechtigkeit schenkte. Über mich ist Gott fröhlich mit Jauchzen, weil Jesus den Preis für meinen Frieden bezahlte.

Erinnern wir uns noch einmal an das, was das die Menge der himmlischen Heerscharen in der ersten Weihnachtsnacht verkündeten:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Es waren Heerscharen – eine Armee an Engeln. Aber sie zückten nicht ihre Schwerter, um Krieg zu führen, sondern um diese Worte des Friedens auszurufen. Denn Jesus hat den Preis bezahlt für unseren Frieden.

Und all das hat auch mit der Jahreslosung für 2021 zu tun. Sie stammt aus dem Lukasevangelium, Kapitel 6, wo es heißt:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

„wie auch euer Vater barmherzig ist“ – Durch seine Liebe, durch seine Barmherzigkeit haben wir Frieden mit ihm. Egal, was wir fühlen. Egal, was wir von uns selbst halten. Wir müssen uns nicht mehr fragen, wie Gott zu uns steht. Wir müssen nicht dafür arbeiten. Wir müssen nicht erst besser werden, bevor wir Frieden haben können. Jetzt und in diesem Moment haben wir ihn durch den Glauben an Jesus. Und dieser Friede wird auch im kommenden Jahr nicht von uns weichen. Die Frucht des Geistes ist Frieden. Denn er kommt direkt von Gott. Diese Ruhe und Gewissheit gehört uns durch Jesus. Wir haben damit nichts zu tun. Es liegt nicht an uns, sondern allein an Jesus.

Und je mehr das in unser Herz sinkt, desto eher können wir damit beginnen, uns auch untereinander so zu behandeln – seid barmherzig, so heißt es in der Jahreslosung. Es geht nicht mehr darum, was ich will, was ich bevorzuge, sondern um diese drei Worte: Du kommst zuerst. Und während wir darüber nachdenken, wie das konkret in unserem Leben aussehen könnte, ende ich mit einem meiner liebsten Bibelverse – ein Bibelvers, der uns auch im kommenden Jahr ein wöchentlicher Begleiter sein will:

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.