Gerettet!

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Lätare, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entfaltete der englische Bischof Thomas Godwin eine ausgeprägte schriftstellerische Tätigkeit. Nach seinem Tod im Jahr 1590 sammelten einige Christen sein geschriebenes Werk und veröffentlichten es. Zwölf große ledergebundene Bücher zu je 500 eng beschrieben Seiten entstanden auf diese Art und Weise. Der Bischof hatte offenbar eine Menge über Gott zu sagen.

Das Interessanteste an seinem Schaffen war allerdings Band 2 seiner gesammelten Werke. In diesem Band legte der Bischof nicht etwa ein Zwölftel der Heiligen Schrift aus, was Sinn ergeben würde. Ebenso wenig konzentrierte er sich auf ein biblisches Buch, welches seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der gesamte zweite Band – alle 500 Seiten – widmete sich einem einzigen Kapitel der Heiligen Schrift. Immer und immer wieder muss er sich mit diesem Abschnitt beschäftigt haben. Denn er hatte darin etwas gefunden, was es ihm wert erschien, Jahre darauf zu verwenden, es zu auszulegen.

Zwischenzeitlich sind fast 500 Jahre vergangen und wir befinden uns in Deutschland, nicht in England: Dennoch hat Godwin Recht. Der Abschnitt, der ihn so beschäftigte, ist es wert, unsere volle Aufmerksamkeit zu erfahren. Denn diese Stelle zeigt in kompakter Form, worum es beim Christentum geht. Die Verse sind aber auch eine Hilfe für solche, die sich Sorgen machen, ob sie in den Himmel kommen, weil es sich für sie so anfühlt, als seien sie fern von Gott; weil sie meinen, es zu oft vermasselt zu haben; weil sie denken, es könne ihnen nicht mehr vergeben werden. Diese Kapitel sagt uns aber ebenso etwas über die Einigkeit in Kirche und Gemeinde. Der Abschnitt kann für diejenigen hilfreich sein, die der Meinung sind, einigermaßen gute Menschen zu sein. Rettung bräuchten sie nun wirklich nicht. Es ist aber auch eine Stelle für jene, die sich einsam und verlassen fühlen. Mit Thomas Godwin kann man also nur übereinstimmen: Es gibt genug Gründe, diesen Abschnitt der Heiligen Schrift genauer zu betrachten.

Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem Epheserbrief, Kapitel 2, und wir beginnen bei den Versen 1 und 2. Dort schreibt der Apostel Paulus:

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams.

Paulus kannte die Christen sehr gut, an die er schrieb. Er selbst hatte die Gemeinde in Ephesus gegründet und dort mehrere Jahre gewirkt. Zu diesen ihm bekannten Menschen schreibt er:

Auch ihr wart tot

„Erinnert ihr euch an die Zeit, bevor wir uns trafen, ich euch von Jesus erzählte und ihr auf diese Weise gerettet wurdet?“

Auch ihr wart tot

„Ihr wart nicht einfach nur zerbrochen, wie alle menschlichen Wesen zerbrochen sind. Ihr wart geistlich tot.“ Wir alle kennen sicher den Satz, den sich Menschen gelegentlich an den Kopf werfen: „Für mich bist du tot.“ Derjenige, der diese Worte verwendet, will damit zum Ausdruck bringen, dass die Beziehung voll und ganz zerrüttet und jede Vertrauensbasis verlorengegangen ist. Von diesem Menschen möchte er nie wieder etwas hören. Kein Anruf. Keine Textnachricht. „Wenn sich unsere Wege nie wieder kreuzen und du dein Leben dort und ich meines hier lebe, ist das voll und ganz in Ordnung.“ Denn die Beziehung ist tot. Sie ist aus und vorbei – Vergangenheit.

Gemäß Paulus herrschte solch ein Zustand zwischen seinen Freunden in Ephesus und Gott.

Auch ihr wart tot.

Ihre geistliche Situation war verzweifelt. Es war schlimm. Sie befanden sich an einem gefährlichen Ort.

Und der Grund, warum er das schrieb ist beängstigend. Denn Paulus sagt hier nicht, dass die Epheser aufgrund einer unaussprechlichen Sünde tot waren. Wie drückte er sich aus?

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt

Was die Epheser geistlich gesehen tötete, bestand schlicht darin, das zu tun, was jeder anderer in der Welt ebenso tat. Gott hat einen bestimmten Pfad vorgesehen, den man nehmen sollte. Aber die Welt wählt einen ganz anderen. Und Gott sagt, dass es richtig wäre, dies oder jenes zu tun. Aber die Freunde, die Eltern, die Nachbarn waren der Meinung, dass etwas anderes richtig sei. Und gemäß dem Apostel ist einfach nur das zu tun, was alle anderen machen, so schlimm, dass es einen Menschen geistlich tot zurücklassen kann.

Darüber musste ich neulich nachdenken, als ich einige alte Filme und Serien aus meiner Jugendzeit anschaute – also aus den 80ern und vor allem den 90ern. So sehr ein Trip in die Vergangenheit seinen Reiz haben mag: Was mir wirklich ins Auge sprang und mich auch störte, war die Art und Weise, wie Dinge damals liefen und entsprechend dargestellt wurden. Was zum Beispiel hängen blieb, ist die Art und Weise, wie wir damals zu und über Frauen geredet haben. Und dabei handelt es sich nicht um das 19. Jahrhundert, sondern um meine Kindheit und Jugend. Heute wäre es undenkbar, dass in einem Film derart über Frauen gesprochen wird. Aber als ich ein Kind war, kann ich mich nicht erinnern, dass das jemanden großartig aufgeregt hätte. Es war einfach so: Menschen machten Witze über die Intelligenz einer Frau, über ihre Stärke oder ihre Fähigkeit, ein Auto zu fahren. Niemand hätte damals gesagt, dass das vollkommen unvorstellbar ist. Im Gegenteil – es war die damalige Art dieser Welt. Und heute sitzt man da und denkt sich: „Oh man!“

Das kann jemanden aber auch hinsichtlich der Geschichte so gehen. Es ist nicht allzu lang her, dass vielleicht der Großvater oder Urgroßvater glaubte, Juden seien ein minderwertiges Volk und er – als Arier – die überlegene Herrenrasse. Aber viele von denen, die so menschenverachtend dachten, meinten in dem Moment nicht, dass dies falsch wäre. Es war ein Denken nach der Art dieser Welt – damals, in diesem speziellen Moment der Geschichte.

Nichts anderes sagt Paulus in unserem Text. Es ist nicht so, dass man ein Serienmörder sein müsste oder Hitler höchstpersönlich. Nein, Paulus schreibt schlicht:

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt

Wenn ihr darüber nachdenkt: Was ist diese „Art der Welt“ für uns heute? Was sind die Dinge, über die wir lachen und von denen wir annehmen, es sei keine große Sache – unsere Enkel und Urenkel werden aber schockiert zurückblicken? „Opa Micha?! Echt?!“ Was sind die Dinge, die wir in Schulen und Universitäten fördern oder die Väter ihren Kindern mit auf den Weg geben – zukünftige Generationen öffnen aber ihre Bibeln und sagen: „Wie konnten sie das nicht sehen?“ Worum es Paulus hier geht, ist nicht so sehr die Sorge, dass wir krasse Sünden begehen. Vielmehr denkt der Apostel daran, dass wir einfach der Art dieser Welt folgen und dabei Gottes Wege vergessen. Jede Kultur und Zeit hat ihre Art und Weise, wie die Dinge laufen. Die Frage ist, welche uns Stück für Stück von Gott wegziehen wollen.

Aber Paulus ist noch nicht fertig. In unserem Text heißt es nun weiter:

Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne

Wir hatten gelegentlich schon darüber gesprochen: Die Menschen von Ephesus lebten in einer Stadt, in der sexuelle Unmoral überhandgenommen hatte. Die Gottheit von Ephesus war Artemis und wurde als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt. Prostitution, Orgien und Trinkgelage waren daher an der Tagesordnung.

Was die Worte des Apostels aber so erstaunlich machen, ist die Tatsache, dass er sich mit den Leuten von Ephesus in eine Reihe stellt:

Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches.

Wir alle – und dabei war Paulus ein blitzsauberer Kirchengänger, der jeden Tag zu Gott betete und im Alten Testament las. Paulus erklärt das mit dem Wort „Fleisch“ – also den Teil an oder in uns, der nicht mit Gott übereinstimmt. Paulus sagt hier, dass sein Fleisch etwas in sich hat – Gedanken, Wünsche, Begierden – und als er diese Begierden befriedigte, den Wünschen nachgab und den Gedanken folgte, ließ es ihn sterben. Wenn ich das Wort „Fleisch“ erklärten müsste, würde ich sagen, dass es die Sache in uns ist, die beständig ruft: „Aber ich!“ Gott sagt „A“ und das Fleisch antwortet: „Aber ich denke B!“ Gott sagt „Begehre A“ und das Fleisch antwortet: „Aber ich begehre B!“ Gott sagt „A ist richtig und B ist falsch“ – „Aber ich denke, B ist richtig und A ist falsch. Das Fleisch ist der Teil in uns, der sich gegen Gott auflehnt und von ihm verlangt, dass er mit uns übereinstimmt; dass er sich uns unterordnet; dass er uns nachfolgt statt umgekehrt. Und Paulus macht es ganz deutlich: Egal, ob man von Kindesbeinen in einer Kirche aufgewachsen ist oder ein offen rebellisches Leben geführt hat wie die Epheser: Das Fleisch ist es, welches unsere Beziehung zu Gott tötet.

Ich denke, ihr habt schon so oft gegen euer Fleisch gekämpft wie ich. Es geht schon im Kleinkindalter los. Man sagt dem Kind: „Sei nett. Teile das Spielzeug mit deinem Bruder.“ „Aber ich hatte es zuerst. Aber ich bin jetzt dran. Aber ich! Aber ich! Aber ich!“ Oder man öffnet seine Bibel auf der Seite, die sagt: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Roll nicht mit den Augen. Verzieh nicht die Mundwinkel. Widersprich nicht ständig. Frustriere deine Eltern nicht mit dem, was du tust. „Aber ich mag die Hausaufgaben nicht! Aber ich mag die Regeln nicht!“ Und Epheser 4 sagt:

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

„Aber ich musste eine Stunde auf mein Essen warten!“ „Aber der fährt wie ein…“ „Aber ich mag die Regierung nicht!“ „Aber ich kann diese Frau nicht ausstehen!“ Gott sagt uns all diese Dinge – aber etwas in uns – das Fleisch – kämpft dagegen an und will seinen Kopf durchsetzen. Paulus meint nun: „Ich weiß darum, ich verstehe es – aber es wird uns töten.“ Und darum schreibt er am Ende von Vers 3 noch das Folgende:

und (wir) waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

Zorn – Feuer und Schwefel – Strafe – Verdammung und Hölle. „Aber ich mag diese Sichtweise Gottes nicht!“ Ja, keiner tut das. Aber Paulus bekennt, dass Gott heiligen Zorn hat. Einen Zorn, den wir verdient haben. Und das nicht, weil wir eine schlechte Kindheit gehabt hätten. Paulus schreibt: „von Natur“ aus. Nicht, weil wir mit ein paar Freunden zusammenwaren, die uns nicht guttaten, oder wir einige rebellische Jahre in der Jugend hatten, in denen wir versuchten, uns selbst zu finden. Es ist die schlichte Verderbtheit des menschlichen Zustands, die Paulus hier beschreibt. und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

Aber Gott sei Dank für die Grammatik. Mögt ihr Grammatik auch so sehr wie ich? Vielleicht nicht – aber in diesem Fall ist es mehr als angebracht. Denn welche Zeitform verwendet Paulus? Er schreibt nicht: Wir sind Kinder des Zorns. Er schreibt: Wir waren es. Und zu Beginn unseres Textes hieß es nicht: Auch ihr seid tot durch eure Übertretungen und Sünden. Nein: Wir waren tot. Das war unser Zustand – in der Vergangenheit. Denn dann geschah etwas. Und das, was geschah, sind zwei Worte, die sich immer wieder in der Heiligen Schrift finden. Sie lauten nicht „Aber sie“ – das ist, was die Welt sagt. Und sie lauten ebenso wenig „Aber ich“ – das ist, was das Fleisch sagt. Sie lauten „Aber Gott“. Mit diesen zwei Worten geht es nun in unserem Text weiter. Dort heißt es:

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Das war ein einziger langer Satz, meine Lieben. Man mag denken: Ein paar Punkte hätten fürs Verständnis nicht geschadet, Paulus. Aber der Apostel – getrieben vom Heiligen Geist – bricht in einen einzigen freudigen Wortschwall aus: Er und wir alle hätten es verdient, weit weg von Gottes Liebe und Güte zu sein – tot wegen unserer Übertretungen – ohne jede Hoffnung. Aber Gott griff ein. Aber Gott rettete. Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht. Auch uns. Auch uns, die wir so oft nach der Art dieser Welt gelebt haben. Auch uns, die wir so oft unserem Fleisch gefolgt sind. Auch uns hat Gott mit großer Liebe geliebt.

Denn er ist die einzige Person im Universum, dessen Liebe innerliche und nicht äußerliche Gründe hat. Ihr und ich – alle menschlichen Wesen – lieben diejenigen, die es unserer Meinung verdient haben. Die, die unserer Liebe nicht wert sind, lieben wir dagegen nicht. Denkt beispielsweise an einen sehr netten Nachbarn, bei dem man immer klingeln kann, wenn man ein Werkzeug, ein Stück Butter oder ein paar Eier braucht. Und dann denkt an die andere Sorte von Nachbar. Solche, die sich über alles beschweren. Wegen der Kinder. Weil man das Treppenhaus nicht richtig saubergemacht hat. Weil man zu laut Musik hört. Mit Sicherheit lieben wir die eine Sorte Nachbar mehr als die andere. Denn menschliche Liebe ist immer von außerhalb motiviert, davon, wie sich jemand uns gegenüber verhält.

Aber Gottes Liebe ist vollkommen anders. Sie kommt aus seinem Inneren. Er schaut auf uns und muss nicht lange darüber nachdenken, ob wir seiner Liebe wert sind. Er liebt einfach. Seine Liebe ist unermüdlich. Im wahrsten Sinne des Wortes: Sie wird nicht müde. Seine Liebe ist bedingungslos. Im wahrsten Sinne des Wortes: Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft. Seine Liebe ist kostenlos. Im wahrsten Sinne des Wortes: Niemand muss für sie bezahlen – weder mit Geld noch mit guten Werken. Wenn Paulus von also von Gottes großer Liebe spricht, will er uns versichern: Gott schaut auf Menschen, die es nicht verdient haben und liebt sie dennoch. Er schaut auf Menschen wie mich, die Millionenmal gefallen sind und er liebt mich dennoch. Und das nicht mit kleiner, sondern mit großer Liebe. Manche Menschen wenden sich von der Gemeinde ab, weil sie öffentlich gesündigt haben. Auch zu ihnen sagt Paulus:

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht

Der reich ist an Barmherzigkeit: Barmherzigkeit ist Mitleid, Freundlichkeit und Erbarmen für jemanden, der sich in einer ausweglosen Lage befindet. Man sieht beispielsweise eine obdachlose Familie auf der Straße sitzen – Kinder, die mit einer kleinen Dose um Spenden bitten. Eine ausweglose Lage. Was man in dieser Situation fühlt, ist Barmherzigkeit, Mitleid für diese Leute. Paulus nun schreibt in unserem Abschnitt, dass Gott reich ist an Barmherzigkeit. Als Gott uns in unserer geistlich ausweglosen Situation sah, kramte er nicht in seinen Taschen, ob er einen Euro für uns übrighat. Gott ist reich an Barmherzigkeit. Reicher als der größte Reichtum, den wir uns verstellen können. Wenn wir meinen, er sei nun wirklich fertig mit uns: Diese Sünde war zu viel. Dieser Versuchung habe ich einmal zu oft nachgegeben. Dann sagt unser Abschnitt:

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden…

Und dann folgen drei Belege für Gottes große Liebe und Barmherzigkeit: Er hat uns mit Christus lebendig gemacht. Er hat uns mit auferweckt. Und er hat uns mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus. „mit eingesetzt im Himmel“ – das ist ein Sprachbild, welches uns an eine Hochzeit denken lassen soll. Jesus ist bei dieser Feier der Bräutigam. Und wer sitzt direkt neben ihm? Die Braut – die Braut Christis – das ist die Gemeinde, alle wahrhaft Gläubigen. Sie sitzt auf dem besten Platz während dieser Hochzeitsfeier. Ja, wir verdienten den Zorn Gottes und waren tot wegen unserer Übertretungen. Die Welt sagt: Aber sie… Das Fleisch sagt: Aber ich… Paulus erinnert uns an den christlichen Glauben, der sagt:

Aber Gott hat uns lebendig gemacht, auferweckt und mit eingesetzt im Himmel.

Für all das gibt es ein Wort: Gerettet! Wir befanden uns in einer gefährlichen und ausweglosen Lage, wären wir gestorben, ohne an Jesus zu glauben. Denn dann wäre da nichts als Zorn gewesen. Aber Gott hat uns von all dem gerettet. Das bedeutet das Wort „gerettet“: aus auswegloser Lage befreit zu werden. …ohne unser Zutun – ohne all unser Verdienst.

Und darum sind die Worte „Aber Gott“ so wichtig: Schwierigkeiten und Probleme können sich in den Beziehungen unseres Lebens einschleichen. Man mag frustriert deswegen sein und sich einsam und verlassen fühlen: Aber Gott. Wir wandern nicht allein durch dieses Leben, sondern sind mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus. Und deshalb ist Gott – der Herr dieses Universums! – an unserer Seite und für ihn ist nichts unmöglich.

Oder es überkommt einen der ernüchternde Moment nach einem schlimmen Streit. Augenblicklich wird man gewahr, wie schlecht und grob man geredet hat. Man fragt sich, wie Gott nun von einem denkt.

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht

Hoffnungslosigkeit und Scham sollen uns nicht überwältigen – denn Gott rettet Menschen, die es nicht verdient haben.

Oder es beginnt ein neuer Abschnitt im Leben: Man versucht über das hinwegzukommen, was in der Vergangenheit war und denkt: Das kann ich nicht. Man hat einen geliebten Menschen verloren und meint: Ohne sie, ohne ihn? Ich kann nicht! Aber Gott ist allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Wir waren tot in unseren Übertretungen und Sünden, aber Gott rettete und durch Jesus.

Das erinnert mich an das, was vor etwas mehr als 10 Jahren in Chile geschah. Damals ereignete sich ein Grubenunglück, welches die ganze Welt in Atem hielt. Im Kuper- und Goldbergwerk von San José stürzte infolge eines Bergschlags die Wendelstrecke ein und schloss 33 Bergleute unter Tage ein. Sie befanden sich nun an einem gefährlichen Ort. Und diese Männer waren sicher stark und fähig. Aber nun lagen 700 Meter zwischen ihnen und dem Licht. 700 Meter zwischen ihnen und ihren Familien. Es gab nichts, was sie hätten tun können, um sich zu befreien. Für 3 Tage hatten sie Essensreserven bei sich. Aber 68 Tage später saßen sie immer noch in der Dunkelheit.

Aber dann – an Tag 69 – wurden sie gerettet. Der Aufwand war riesig. Nicht nur die chilenische Regierung war daran beteiligt, sondern auch die amerikanische Raumfahrbehörde NASA. Es brauchte 20 Millionen Euro an Spenden, um die Rettungskapsel Phönix 2 zu entwickeln. Wie der Phönix aus der Asche – also der mythologische Vogel, der erst starb, aber dann zu neuem Leben erweckt wurde. Damals in Chile wurde zunächst ein Loch gebohrt – 700 Meter in die Tiefe. Dann ließ man diese Rettungskapsel hinunter, öffnete die Tür und die Grubenarbeiter betraten die Kapsel. Von der Dunkelheit ins Licht konnte nun ein Arbeiter nach dem nächsten hinauffahren. Menschen in großer Gefahr wurden gerettet.

Könnt ihr euch vorstellen, wie sich die Männer im Moment ihrer Rettung gefühlt haben. Das Bild gibt vielleicht einen kleinen Eindruck:

Von Gobierno de Chile – https://www.flickr.com/photos/gobiernodechile/5081251604/in/set-72157625151102744/, CC BY 2.0

Sie rissen die Arme in die Luft. Vollkommen Fremde umarmten sich. Einer der Arbeiter sah seine Frau zum ersten Mal nach zwei Monaten wieder und hielt sie so fest in ihren Armen, als wollte er sie nie wieder loslassen. Ein Großvater fiel auf seine Knie, als sein Enkel auf ihn zugelaufen kam. Gerettet!

Aber etwas noch viel Interessanteres geschah etwa vier Monate nach dem Grubenunglück. Das israelische Ministerium für Tourismus bot allen 33 Arbeitern einen kostenlosen Urlaub in Israel an. Einige von ihnen nahmen das Angebot an. Sie wurden an den Ort geführt, wo Jesus geboren wurde und dorthin wo er lebte. Und dann kamen sie an den Ort, wo Jesus gekreuzigt und auferstanden sein soll. Und ich frage mich, was sie in diesem Moment gefühlt haben mögen. Sie wussten, wie es ist, dem Unvorstellbaren so nahe zu sein, aber dann an einem einzigen Tag gerettet zu sein.

Was sie fühlten ist vielleicht vergleichbar mit dem, was die frühen Christen fühlten, als Jesus tot und weg war – in ein dunkles Grab gelegt. Aber dann – an einem einzigen Sonntag auferstanden zur Rettung! Und es ist vielleicht auch das, was Leute wie wir fühlen: Beladen mit unseren Sünden und unserem Fleisch kommen wir in diese Kirche, schauen aufs Kreuz und dürfen wissen: „Ich bin nicht tot. Ich bin nicht weg. Ja, ich habe gesündigt. Aber Gott! Aber Gott rettet!“

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.