Gott dreht den Spieß um

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

4. Advent, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Das Herzstück des christlichen Glaubens ist ein Gott, der den Spieß umdreht. Denken wir nur an die Worte, die Jesus während seines Erdenlebens predigte – und auch daran, an wen er sie richtete. Jesus widersetze sich regelmäßig den Erwartungen, die viele an ihn stellten. Er drehte den Spieß um. Diejenigen, die meinten, sie seien gut, mit dem himmlischen Vater im Reinen und – Gott sei Dank – nicht so wie die anderen da draußen, predigte Jesus schockierende Dinge. Er sagte ihnen, dass sie sich in großer geistlicher Gefahr befanden.

Und dann gab es all die Menschen, von denen man annehmen musste, sie hätten keinerlei Chance: die Zolleinnehmer, die Hirten, die Lahmen und Blinden, die Außenseiter, die verlorenen Söhne und Töchter. Auch hinsichtlich ihnen drehte Jesus den Spieß um. Er stellte ihnen keine Leiter auf, die sie hätten hinaufklettern müssen, um mit Gott ins Reine zu kommen. Stattdessen erklärte er ihnen, dass sie bereits mit Gott im Reinen waren – durch den Glauben an ihn und an das, was er tun würde.

Und so ist es bis heute: Denjenigen, die meinen, sie seien im Grunde ganz gute Menschen, predigt das Wort Gottes, dass sie es nicht sind. Und denen, die wissen, dass sie Sünder sind, predigt es die Gnade von der Vergebung aller Sünden.

Wie ist es mit uns? In christlichen Kreisen kann man es leider oft beobachten: Wenn religiöse Menschen in einem Raum zusammenkommen, die zu viel von sich selbst halten, kann es sehr schnell sehr hässlich werden. Statt sich auf die Brust zu schlagen, wird allzu schnell und allzu gern mit dem Finger auf andere gezeigt. „Hast du gehört, was der oder die gemacht hat?!“ „Was stellen diese Leute nur mit unserem Land an? Die sind doch das eigentliche Problem.“

Ist es nicht erbärmlich, wie verlockend es für uns ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen – insbesondere auf diejenigen, deren Sünde jedermann bekannt geworden ist, oder hinsichtlich Nichtchristen? Wie schnell widerspricht doch unser Denken und Reden dem, wofür Jesus stand! Und was mich am meisten dabei ankotzt, ist die Tatsache, wie verlockend dieses Denken für mein eigenes Herz ist: „Ja, diese Leute – die sind das Problem!“

Es ist vergleichbar mit einem Paar, welches Eheproblem hat. Spricht man mit der Frau, hört man möglicherweise eine Aussage, wie diese: „Ich bin sicher nicht perfekt, aber mein Mann…“ Und dann folgt eine lange Auflistung der Fehler des Partners. Anschließend redet man mit dem Mann und erhält eine ganz ähnliche Antwort: „Ich habe sicher einiges auf dem Kerbholz, aber meine Frau…“ Und dann sprudeln die negativen Worte nur so aus dem Mund.

Immer wieder findet sich dieses Denken in uns, dass wir eine viel zu gute Meinung über unser eigenes Verhalten haben: „Die Umstände waren schuld, als ich dieses oder jenes tat. Aber tief in mir drin, bin ich eigentlich ganz in Ordnung. Aber die anderen Menschen? Die sind es ganz gewiss nicht.“ Wir sprechen das wohl kaum offen aus, weil wir gelernte Lutheraner sind. Aber, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ist dieses Denkmuster sehr wohl bei uns zu finden.

Heute wollen wir sehen, dass der christliche Glaube den Spieß umdreht. Bevor es zu spät ist, will Gott uns dieses Denken nehmen, uns unseren Stolz rauben, und in kleine Stücke zerschlagen. Und dann, wenn wir gebrochen, verloren und beschämt sind, will er uns an den Ort der Gnade bringen. Nicht nur um unserer eigenen Demut willen, sondern wegen unseres Glücks und der Ewigkeit.

Gerade das Lukasevangelium kommt immer wieder auf dieses Thema zu sprechen: Als Jesus über diese Erde wandelte, drehte er den Spieß um. Und wir müssen gar nicht weit blättern, um einen dieser Momente zu finden. Denn bereits im ersten Kapitel begegnet uns Maria – eine Geschichte darüber, wie Gott den Spieß umdreht.

Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem Lukasevangelium, Kapitel 1, und wir beginnen bei Vers 26. Dort heißt es (26-30):

Und im sechsten Monat (von Elisabeths Schwangerschaft) wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Stellt euch für einige Sekunden vor, ihr wüsstet nicht, wer Maria ist. Nur ihr Vorname ist bekannt – einer der gewöhnlichsten für eine jüdische Frau damals. Und sie war nicht nur gewöhnlich: Sie war Maria aus Nazareth – einem unbedeutenden kleinen Ort. Nicht umsonst fragte einer der Jünger vor seiner Berufung (Joh 1,46): „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“

Maria aus Nazareth: Aber was geschah? Ein Engel! Aber nicht nur irgendein Engel. Laut der Bibel gibt es zehntausende mal zehntausende von ihnen. Aber nur zwei werden mit Namen genannt. Gabriel ist einer von ihnen. Dieses große mächtige Wesen erniedrigt sich und kommt in diese kleine Stadt Nazareth zur gewöhnlichen Maria, die gerade eine Hochzeit plant, Jungfrau noch, wahrscheinlich ein Teenager.

Und wie reagierte Maria?

Sie aber erschrak über die Rede

Sie sagte nicht: „Na, endlich beachtet mich jemand. Ich bin immerhin die Jungfrau Maria“. Nein, sie erschrak und fragte sich vermutlich, ob sie mit Gott in Schwierigkeit sei. Aber was sagte ihr der Engel zweimal?

Sei gegrüßt, du Begnadete!

Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Gnade bedeutet unverdiente Liebe. Man sollte sie im Grund nicht bekommen, erhält sie aber doch. Wie Maria. Gott dreht den Spieß um.

Der Engel hat aber noch mehr zu sagen (31-33):

Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Mit anderen Worten: Maria würde die Mutter von Gottes Sohn sein, auf den das Volk schon lange gewartet hatte. Dessen Reich wird kein Ende haben, weil er den Tod besiegen wird. „Dieses Kind wird aus deinem Mutterleib kommen“, so sagt es Gabriel der Maria.

Ihre Antwort erfahren wir in den nächsten Versen (34-37):

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Ich habe viele Fragen, immer wenn ich diesen Abschnitt lese.

Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten;

Was genau soll das bedeuten? Maria ist nicht schwanger, dann zieht eine Wolke über ihren Kopf und plötzlich ist da ein Baby in ihrem Bauch? Und wie funktioniert das überhaupt? Normalerweise ist es so, dass man die Hälfte seiner Gene von der Mutter und die andere Hälfte vom Vater hat? Sah Jesus komplett wie Maria aus? Denn der Heilige Geist ist ja Geist und hat daher keinen Körper. Wie könnte er also helfen, ein leibhaftiges Kind zu erschaffen? Und die Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Das ist eine einmalige Empfängnis, denn Jesus von Nazareth war ein einzigartiges Kind. Von Anfang an war seine Menschwerdung ein Wunder, weil auch das, was er tun würde, ein echtes Wunder darstellt. Aber:

Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Die Antwort Marias auf all das, kann man durchaus als erstaunlich bezeichnen. Im Text heißt es weiter (38):

Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Ist das nicht das Bescheidenste, das jemals jemand gesagt hat? Habt ihr je innegehalten und darüber nachgedacht, wie kompliziert Marias Leben werden würde? Normalerweise kann man es planen, schwanger zu werden. Nicht so Maria: Noch mitten in den Hochzeitsvorbereitungen steckend, soll sie ein Baby bekommen. Und wie soll sie das alles Josef erklären? Ich meine, er weiß ganz genau, dass er noch nicht mit ihr zusammen war. Was soll sie ihm sagen? Und was den Nachbarn? Wart ihr jemals in einem kleinen sehr religiösen Dorf? Marias Leben würde sehr kompliziert werden. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Mutter des sündlosen Gottessohnes wird.

Aber was sagt sie?

Siehe, ich bin des Herrn Magd;

Bevor ihr Sohn erwachsen wurde, um seinen Jüngern das Vaterunser beizubringen, umschreibt Maria es bereits hier:

wie du gesagt hast

„Vater, dein Wille geschehe.“ Die bescheidene Maria aus dieser bescheidenen Stadt wird zur Mutter Gottes.

Und es erfüllte sie mit Freude. Deshalb brach sie auch in ihr berühmtes Lied aus. Kurz nachdem der Engel sie verlassen hatte, eilte Maria zu ihrer schwangeren Verwandten Elisabeth. Beide freuten sich über die Kinder in ihren Bäuchen. Und Maria war so von der Güte Gottes überwältig, dass sie ihr Lied sang. Wir kennen es unter dem Namen Magnificat. Und es klingt so (47-55):

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Maria war voller Freude. Und warum? Die kurze Antwort lautet:

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Maria lobt einen großen Gott, der große Dinge an ihr getan hat – an ihr, die nichts vorzuweisen oder anzubieten hatte. Alles, was sie besaß, war ein empfängliches Herz und Gottesfurcht. Aber Gott weitete seine Barmherzigkeit aus. Die Reichen gehen leer aus. Die Mächtigen werden vom Thron gestoßen. Aber an Maria würde man sich ewig erinnern. Denn Gott erhöht die Niedrigen, er gibt den Armen und er gedenkt und hilft denjenigen, die ihm dienen.

Man könnte all das so zusammen: Gott dreht den Spieß um. Marias Geschichte ist dafür ein Beleg. Aber nicht nur bei Maria war das so. Das ganze Lukasevangelium durchzieht die Tatsache, dass Gott den Spieß umdreht.

Denken wir beispielsweise an die Hirten – arme und verachtete Arbeiter. Sie wurden die ersten Zeugen dafür, dass Gott Mensch geworden ist. Gott dreht den Spieß um. Herodes, der Große, trug seinen Beinamen nicht umsonst. Er baute große Städte und erweiterte den Tempel. Aber dann starb er. Gott dreht den Spieß um. Von Kaiser August ging ein Gebot aus, dass alle Welt geschätzt würde. Aber heute kennen die meisten Menschen Kaiser Augustus nur wegen Jesus. Josef war ein einfacher Zimmermann aus einer kleinen Stadt, bis er zum Stiefvater des ins Fleisch gekommenen Gottes wurde. Gott dreht den Spieß um. Die Pharisäer waren sehr wichtig und glaubten, in Gottes Augen gut dazustehen. Sie dankten ihm sogar dafür, nicht so zu sein, wie die anderen Leuten – bis Jesus sagte: „Ihr Schlangen und Otterngezücht!“ Gott dreht den Spieß um.

Zolleinnehmer dagegen dachten, ihre Chance vertan zu haben. Wenigstens waren sie reich: „Wir leben jetzt und irgendwann sterben wir.“ Aber dann machte Jesus halt bei Matthäus und sagte: „Folge mir nach!“ Der verlorene Sohn nahm das Erbe seines Vater und verprasste es anschließend. Als er am Boden war, kehrte er um und meinte, er sei es hinfort nicht mehr wert, sein Sohn genannt zu werden. Aber was sagt der Vater? „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Gott dreht den Spieß um.

Ein sehr reicher und sehr guter junger Mann kam zu Jesus und fragte ihn, was er tun müsse, um selig zu werden. Dieser antworte: „Halte die Gebote“ „Das tue ich“, entgegnete der Mann, woraufhin Jesus sagte: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen“. Der junge Mann zog daraufhin traurig davon. Zachäus war der schlimmste aller Zolleinnehmer. So vielen Menschen hatte er eine Menge Geld abgeknöpft. Aber dann stieg er auf einen Baum, um Jesus sehen zu können. Dieser kam ganz bewusst zu ihm und meinte:

Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

Gott dreht den Spieß um. Die religiösesten Menschen umringten Jesu Kreuz. Sie spukten auf ihn, machten sich über ihn lustig. Bald darauf würden sie vor seinem mächtigen Thron stehen müssen. Ein Dieb dagegen, der neben Jesus am Kreuz hing, hatte nichts anbieten und war im Begriff zu sterben aufgrund seiner Schlechtigkeit. Doch bat er: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Jesus antwortete ihm: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Gott dreht den Spieß um.

Und dann starb Jesus. Das Licht der Welt schien zu erlöschen. Bis der Sonntag kam und ein Engel sagte: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Gott dreht den Spieß um.

Wieder und wieder sehen wir es: Der Sinn des christlichen Glaubens besteht darin, dass Menschen, die sich für gut halten, zu Fall gebracht werden. Und solche, die wissen, dass sie nicht gut sind, werden aufgerichtet.

Reden wir also über uns. Wie denken wir über uns selbst? Wenn wir die Selbstwert-Botschaft der modernen westlichen Kultur glauben; wenn wir in den Spiegel schauen und meinen: „Ich bin gut. Ich bin würdig. Ich verdiene es“, dann sagt Jesus: „Vorsicht!“ Wenn wir uns mit Freunden oder der Familie treffen und es leichter ist über andere herzuziehen, als die eigene Sünde zu bekennen, dann befinden wir uns in großer geistlicher Gefahr. Denn Gott „zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“.

Der einzige Grund, warum wir so denken können, ist darin zu suchen, dass wir vergessen haben, was Maria sagte: „Heilig ist Gottes Name.“ Warum wir uns vormachen können, halbwegs gute Menschen zu sein – oder doch wenigstens besser als die anderen – , liegt daran, dass wir nur an ihre Namen, nicht aber an Gottes Namen, denken. Wir sehen die Dinge, die andere Menschen tun – und die wir ehrlicherweise nicht machen. Wir denken an die Entscheidungen, die andere getroffen haben und an die Versuchungen, denen wir widerstanden haben, andere aber nicht. Und verglichen mit ihren Namen, meinen wir, dass wir moralisch besser wären als sie. Und es mag sogar stimmen: Manche treffen gute Entscheidungen, andere nicht. Manche Menschen geben der Versuchung nach, andere nicht. Aber Maria sagt, dass das nicht der Punkt ist. Es geht nicht darum, erst auf andere und dann auf sich selbst zu schauen. Der Punkt ist, auf Gott zu schauen und dann auf sich.

Stellt euch vor, dass der allwissende Gott ein einminütiges Video zusammengeschnitten hätte – mit den schlimmsten Momenten eures Lebens. Kein dreistündiger Kino-Epos, eine Minute. Der schlimmste Moment mit den Geschwistern. Das Aufmüpfigste, was man je dem Vater ins Gesicht sagte. Die Kamera, die beobachtet, wie man diesen Link im Browser eingibt. Das, was man sagte, als man meinte, nur der beste Freund hört zu. Die schlimmsten Entscheidungen, die man traf, als man betrunken war. All die Dinge, die uns durch den Kopf schwirren. Wäre es nur eine Minute – und wir lassen kurz Gott aus dem Spiel – nur wir und diese 60 Sekunden würden jetzt in diesem Video-Gottesdienst abgespielt werden: Könntet ihr überhaupt atmen? Ich könnte es nicht. Würdet ihr den Menschen, die das gesehen haben, noch in die Augen schauen können? Und würdet ihr euch erdreisten, etwas zu sagen, wie: „Ich bin eigentlich ganz okay“?

Und das ist nicht einmal Punkt. Wenn es uns schon peinlich wäre, dass sündige Menschen das sehen, was ist es dann mit Gott? Denn er kann das nicht nachvollziehen: „Heilig ist Gottes Name.“ Jesus sagt nicht, dass er dort gewesen ist, denn er ist der Heilige Gottes. So wie man sich bei einigen Dingen fühlt, die andere Menschen getan haben, und zu denen man sagt: „Das würde ich niemals tun!“ – genau das sagt Gott über jede einzelne unserer Sünden. Er wäre nie so unfreundlich, nie so ungeduldig, nie so lieblos.

Gebt den Irrglauben also auf, dass wir die Guten sind und nur die anderen das Problem. Kommt lieber zu Gott in tiefer Reue und Demut. Denn das Problem am Denken, man sei halbwegs in Ordnung, besteht darin, dass man es tagtäglich beweisen muss. Das Gute daran, zu wissen, dass man nicht in Ordnung ist – zerbrochen und verkorkst -, besteht darin, dass man sich vor Jesu Thron niederwerfen kann. Maria singt:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Kommen wir demütig vor Gott, sieht er unsere Niedrigkeit an:

Gott erhebt die Niedrigen.

So drückt es Maria aus. Fürchtet man Gott und meint: „Ich verdiene es nicht, in deiner Gegenwart zu sein“, dann antwortet Maria:

Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.

Sagt man zu Gott: „Sei mir gnädig. Ich habe nichts anzubieten“, dann antwortet Maria:

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

Ruft man zu Gott: „Herr, hilf“, dann antwortet Maria:

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Gott verheißt denjenigen, die um Erbarmen rufen, die besten Dinge. Wenn verlorene Söhne und Töchter sich auf den Weg machen und bekennen: „Ich bin nicht würdig, dein Kind zu heißen“, dann schmeißt Gott ein Fest und lädt alle Engel dazu ein – wegen seiner Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung. Denn es stimmt: Das Christentum dreht den Spieß um. Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Meine Lieben, Jesus ist das Licht der Welt. Er ist der König aller Könige und in Gerechtigkeit, Liebe und Reinheit gekleidet. Wir dagegen finden uns so oft in einem Tal der Finsternis wieder. Wir verdienten die Dornenkrone, das Leiden und Sterben. Aber Jesus hat den Spieß umgedreht. Damals vor 2.000 Jahren nahm er all die Dunkelheit – die Sünden einer ganzen Welt – auf sich. Und was gab er uns dafür? Sich selbst! Er kleidete uns in sich selbst. Er krönte uns mit Gerechtigkeit.

Und so können wir in den Spiegel schauen und dort den schlimmsten aller Sünder sehen. Und gleichzeitig wissen wir durch den Glauben: „Ich bin geliebt, gerettet, sicher, geheiligt, gerecht, ein Kind Gottes, ohne Flecken oder Runzel, sondern makellos in den Augen Gottes. Und sein Angesicht scheint immer über mir, auf allen meinen Wegen.“ Nicht, weil ich all das verdient hätte, sondern weil Jesus es mir schenkt. Und durch den Glauben gehört mir alles, was er hat. Zu Gott zu kommen, mit nichts in den Händen, ist mit der allergrößten Freude verbunden. Denn er schenkt uns alles, was wir brauchen. Er schenkt uns Jesus.

Meine Lieben, ich weiß nicht, wer hier alles zuschaut. Sollte das heute neu für manche von euch gewesen sein: Kommt zu Jesus. Er nimmt euch an. Jetzt und sofort. Man muss nicht erst die ganze Bibel gelesen oder zuvor seine schlechten Angewohnheiten abgelegt haben. Gnade heißt bedingungslose Liebe. Und sie gilt jedem Menschen, egal, wer er ist und egal, was er getan hat.

Oder: Wenn das für euch heute alles nur eine Wiederholung von etwas war, das ihr schon lange kennt, dankt Gott. In einer Welt, die uns einreden will, wir wären doch gar nicht so schlimm und wir sollten einfach nur ein bisschen besser werden – in einer solchen Welt, dankt Gott, dass er kommt und unser altes Herz immer wieder aufs Neue niederschlägt. Und dankt Gott, dass er uns nicht am Boden der Tatsache liegen lässt, sondern die Niedrigen erhebt und uns durch seinen Sohn würdig gemacht hat, das ewige Leben zu erben.

Und so wollen wir heute mit Worten des Heilands enden, der auch uns gerettet hat:

Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.