Gott ist die Liebe

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Heiligabend, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Wonach wir uns wohl am meisten sehnen und wonach sich unser Innerstes bewusst oder unbewusst ausstreckt, ist die Hoffnung, dass die Liebe das letzte Wort hat. In einem Leben, welches oft stressig, manchmal verrückt und fast immer unberechenbar ist, wollen wir ein Happy End für die Liebe. Das gilt nicht nur für die hoffnungslosen Romantiker unter uns, sondern für alle Menschen. Männer, Frauen, ältere Leute und Teenager: Wir alle wünschen uns unerschütterliche Liebe.

Stellt euch vor, Gott würde uns einen Stift in die Hand drücken und uns auffordern: „Schreibe die Geschichte deines Lebens selbst!“ Würden wir sie nicht mit einer ganzen Menge Liebe füllen? Zunächst schrieben wir die Zeilen hinsichtlich unseres Vaters – Zeilen voller Liebe und Annahme. Niemals müssten wir uns fragen, ob er Zuneigung für uns empfindet. Wir müssten uns nicht vor Gefahren fürchten. Denn er wäre stark für uns. Er wäre da für uns. Auf eine greifbare Weise würde er uns mit seinen Worten und Taten lieben.

Im nächsten Kapitel gehen wir in die Schule. Dort treffen wir auf die Freunde, die uns ein Leben lang begleiten werden. Trotz all unserer Macken und Fehler, trotz der Höhen und Tiefen, die wir durchmachen, und trotz der Schwäche, die uns anhaftet, stehen sie immer zu uns. Denn es sind die Art Freunde, an die man sich immer wenden kann. Von der Jugend bis ins hohe Alter ist es mit ihnen immer so, als wäre der Kontakt nie abgebrochen.

Die meisten würden in ihre Geschichte wohl auch die Begegnung mit diesem einen besonderen Menschen schreiben. Man würde sich verlieben und hätte Schmetterlinge im Bauch haben. Irgendwann würde man sich entscheiden, gemeinsam vor einen Altar zu treten. Und von da aus würde die Liebe weiter wachsen – bis zu dem Tag, an dem alt und grau auf einer Bank nebeneinandersitzt.

Was Menschen begehren ist unerschütterliche Liebe. Wir wollen das Happy End, wo die Dinge gut enden, alle in Sicherheit sind und die Liebe das letzte Wort hat.

Nur erfahren wir oft genug das Gegenteil: Nicht immer gibt es im Leben ein Happy End, wie in einem Buch oder Film. Einige von uns haben oder hatten gute Väter, andere nicht. Manche haben wunderbare Freunde, zu denen sie mit allen Freuden, Sorgen und Nöten gehen können. Andere haben sich aus den Augen verloren. Einige von uns haben die Liebe ihres Lebens gefunden, andere nicht. Manche haben ein Versprechen abgelegt und andere haben es gebrochen. Manche wurden hintergangen und tief verletzt. So sehr wir es uns auch wünschen würden, das Leben bietet nicht immer ein Happy End.

Genau aus diesem Grund muss ich an das beste Weihnachtsgeschenk denken, welches ich mir überhaupt vorstellen kann. Von diesem Geschenk berichtete der Apostel Johannes – der Jünger also, den Jesus lieb hatte. In seinem ersten Brief spricht er über den Heiland und den Gott der Liebe, an den er glauben darf. Heute wollen wir einen kleinen Ausschnitt aus diesem Brief bedenken, weil es das beste Weihnachtsgeschenk überhaupt enthält. Und das ist nicht die neuste Spielekonsole, ein Schmuckstück, ein größerer Fernseher oder ein paar freie Tage. Was Menschen am meisten begehren ist unerschütterliche Liebe.

Aber hören wir die Worte des Apostels Johannes. In seinem 1. Brief in Kapitel 4 schreibt er (8b-10):

Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Johannes beginnt mit einer starken Feststellung. Er sagt:

Gott ist die Liebe.

Diese Aussage ist in der Geschichte religiösen Denkens eine Ausnahmeerscheinung. Könnte man in das erste nachchristliche Jahrhundert reisen und den Durchschnittsbürger auf der Straße befragen, hätte er sicher viele Gedanken über Gott. Gott ist Macht. Er hat alles unter seiner Kontrolle. Gott ist ein Richter. Gott weiß alles. Er sieht alles. Aber woran niemand gedacht hätte, ist das, was Johannes schreibt:

Gott ist die Liebe.

Die Behauptung, dass der König aller König, der Herr und Gott des Universums durch das definiert werden kann, wonach wir uns am meisten sehnen, war damals ein vollkommen abwegiger Gedanke. Etwa genauso verrückt wie eine Zombieapokalypse in einer Liebesschnulze. Und doch hatte Johannes es erfahren und geglaubt:

Gott ist die Liebe.

Könnt ihr euch vorstellen, das zum ersten Mal zu hören? Die meisten von uns sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass Gott die Liebe ist. Aber könnt ihr euch vorstellen, ein Leben lang geglaubt zu haben, dass ein göttliches Wesen mächtig und heilig ist; dass er das Leben aller Menschen in seiner Hand hält – aber dann plötzlich zu erfahren, dass Gott mehr als all das die Liebe ist? Und was würde das mit euch machen? Wie würde es euer Leben verändern? Was ein Mensch sich am meisten wünscht, ist unerschütterliche Liebe. Und der unerschütterliche Gott ist die Liebe.

Und weil er die Liebe ist, tat Gott etwas Erstaunliches. In unserem Text schrieb Johannes:

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Gott ist also nicht nur die Liebe, er hat sie uns auch gezeigt. Durch das, was er tat, so sagt es Johannes, erschien die Liebe Gottes unter uns. Ich muss an ein recht berühmtes Buch denken. Vielleicht habt ihr schon einmal davon gehört. „Die fünf Sprachen der Liebe“ heißt es. Darin behauptet der Autor, dass Menschen auf fünf verschiedenen Arten, Liebe ausdrücken, geben und empfangen. Diese fünf Arten sind Geschenke, Zeit, Berührungen, Worte und Taten.

Lasst mich ganz kurz diese fünf Sprachen der Liebe erklären: Erstens – Geschenke. Wir haben Weihnachten und wer mag da keine Geschenke bekommen? Ihr Kinder, bettelt ihr auch darum, dass die Bescherung nicht etwas früher stattfinden kann? Sorgfältig gewählte Geschenke können ein Ausdruck von Liebe sein. Das gilt auch für Nummer 2: Zeit. Wird man älter, spielen Geschenke an Weihnachten vielleicht nicht so sehr die zentrale Rolle. Es ist mehr die Zeit, die man mit Menschen verbringt, die einem nahestehen. Drittens: Berührungen. Haltende Hände. Die Umarmung. Die sanfte Berührung. Damit kann ich anderen meine Liebe und Zuneigung zeigen. Viertens: Worte. „Ich liebe dich.“ „Du bist mir wichtig.“ Es kann ein Kompliment sein oder eine Ermutigung. Und – fünftens – Taten. Die Hilfe, die man jemandem gewährt, lässt diesen sich geliebt und beachtet fühlen.

Ich dachte an dieses Buch, als ich in Vorbereitung auf den Gottesdienst erneut die Weihnachtsgeschichte las. Und ich dachte an Christus in der Krippe. Es dämmerte mir, dass der Gott, der die Liebe ist, uns auf alle fünf Arten seine Liebe zeigt. Jesus wurde in einer Krippe geboren und ist Gottes Geschenk an uns.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeboren Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Und weil Jesus kein unsichtbarer Engel oder Geist war, sondern ein Erlöser aus Fleisch und Blut, was konnte man mit ihm machen? Man konnte ihn berühren. Und er konnte Menschen umarmen und ihnen so seine Zuneigung zeigen. Man konnte ihn sogar durchbohren und an ein Kreuz nageln.

Und als er am Kreuz hing, was tat Jesus da? Er ist nicht nur Gottes Geschenk an uns. Jesus hat uns auf die beste Art und Weise gedient, die größte Tat vollbracht, die jemals jemand vollbringen kann. Er opferte sein Leben für uns.

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Nachdem er von den Toten auferstanden war, versprach Jesus, dass jeder, der an ihn als seinen Erlöser glauben würde, viel und gute Zeit mit Gott verbringen wird – ganz unabhängig davon, wer man ist und was man getan hat. Und dies schon jetzt zu Lebzeiten. „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, so versprach es der Heiland. Aber eben noch mehr: eine Ewigkeit in der guten Gegenwart Gottes, wo es keine Trauer, keine Zerbrochenheit, keine Scheidungen, Ängste, Medikamente oder Schmerzen mehr gibt.

Und Gott spricht zu uns. Durch sein Wort sagt er uns, dass er uns liebt; dass wir seine Söhne und Töchter sind; dass es eine Ewigkeit gibt und er für jeden von uns dort eine Wohnung bereitet hat. Für immer und ewig werden wir dort die Worte Gottes hören, die unsere Herzen erfüllen. Gott ist die Liebe. Und er zeigte sie uns auf so vielen verschiedenen Wegen.

Und ich würde nun gern „Amen“ sagen, aber Johannes hat noch eine Sache, die er uns mitteilen möchte. In unserem Text heißt es:

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Habt ihr euch durch die Weihnachtsbotschaft jemals gekränkt gefühlt? Man sieht das kleine Jesus-Baby in der Krippe liegen und hört die Worte des Engels:

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Habt ihr euch dabei schon einmal leicht verletzt gefühlt? Denn ihr solltet es. In der Schule saß ich neben meinem besten Freund. Eines Tages kam unsere Klassenlehrerin zu uns an den Tisch und legt meinem Freund einen Kamm auf den Platz: „Hier, schenke ich dir“, meinte sie nur trocken, „du solltest ihn benutzen.“ Ich meine, der Kamm war ein Geschenk, ein kostenloses Geschenk. Aber was dachte mein Freund? „Ist es wirklich so schlimm?“ Der Kamm war ein Geschenk, welches gleichzeitig ein Urteil enthielt: Mit zerzausten Haaren kommt man nicht in die Schule.

Das ist es, was Johannes in unserem Text sagt. Die Formulierung „Versöhnung für unsere Sünden“ zeigt es: Unsere Sünde, unser Mangel an Liebe, braucht Versöhnung. Denn diese Dinge machen Gott zornig.

Und das macht Sinn, nicht wahr? Liebt man jemanden zutiefst, wie Gott alle Menschen liebt, und ich würde denjenigen verletzen, dann würde wohl jeder zornig werden. Seid ihr ein Vater und ich komme und schubse euer Kind mit Absicht, so dass es hinfällt, dann würdet ihr zurecht zornig auf mich sein. Denn Liebe ist schön und wichtig. Wenn ihr und ich also traurigerweise nicht oder nur unzureichend lieben, dann hat das ernste Auswirkungen hinsichtlich des Gottes, der die Liebe ist.

Aber wenn wir demütig genug sind, das zu akzeptieren; wenn wir die große Illusion aufgeben, uns mit Menschen zu vergleichen, die wirklich schlimme Dinge getan haben, nur um uns einreden zu können, dass wir doch ganz passabel sind; wenn wir zu Jesus sagen: „Ich habe Mist gebaut. Ich habe gesündigt. Ich habe kein Recht darauf, für immer und ewig bei dir zu sein. Aber ich komme und bekenne und bitte um Vergebung“ – dann antwortet uns Jesus durch Johannes:

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Jesus wurde geboren, um unser Retter zu sein. Er wurde geboren, um sich selbst für uns zu opfern, damit jeder, der auf Jesus vertraut, seine Augen schließen und sich das lächelnde Gesicht eines himmlischen Vaters vorstellen kann, der einen immer noch liebt; der uns trotz allem liebt. In Jesus finden wir die unerschütterliche Liebe, nach der wir uns sehnen – der Sohn Gottes, gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden.

Meine Lieben, Gott ist die Liebe. Sicher, Gott ist voller Macht, Kraft und Weisheit. Vor allem aber ist er die Liebe. Und die Liebe freundlich, langmütig und sie rechnet das Böse nicht zu. Das ist die Liebe. Das ist Gott. Frohe Weihnacht.

Lasst uns beten:

Lieber himmlischer Vater, wir wissen, dass dein Angesicht immer über uns leuchtet, denn du hast uns durch Jesus vergeben. Du schämst dich nicht für uns, du bist nicht zornig auf uns – jeder, der den Namen Jesu anruft, ist von all dem gerettet. Wir danken dir für deine unerschütterliche Liebe zu uns.

Herr, wir beten für alle Menschen, dass ihr Leben von Liebe erfüllt sein möge. Liebe von Familienmitgliedern, von Freunden, von Mitchristen. Aber mehr noch als diese vergänglichen Beispiele der Liebe, beten wir, dass du die Herzen aller Menschen und unsere mit dir erfüllt – mit der Liebe, die nichts und niemand erschüttern kann. Sie ist das, wonach wir uns sehnen. Es ist, wie ein alter Christ es einmal sagte: Wir sind ruhelos, bis wir Ruhe finden in dir.

Gott hilf uns dabei, andere Menschen zu lieben. Unsere Welt braucht gerade jetzt in dieser Zeit viel Liebe. Sie braucht Menschen, die geduldig sind, bescheiden, großzügig und freundlich. Sie braucht Menschen, die nicht auswählen, wen sie lieben und wie viel sie lieben. Hilf uns zu einer solchen Liebe. Und wenn wir dabei versagen, lass uns aufschauen zu dir und erkennen, dass du immer noch lächelst; dass du uns immer noch und trotz allem liebst.

Herr, wir beten heute besonders für diejenigen, die sich einsam und verlassen fühlen – wie Maria und Josef, als sie in Bethlehem nach einer Unterkunft gesucht haben. „Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.“ – so sagte es einst David. Wir bitten dich, mache das an uns allen wahr.

Segne die Kranken und ans Bett gefesselten. Lass sie deine Liebe, deine Heilung und deine Gegenwart spüren. Sei du ihr Fels und ihr Zufluchtsort in aller Sorge. Schwache oder Starke – du liebst sie alle.

Wir beten all das in Jesu rettendem Namen. Amen.