Gottes Absicht mit Schmerz

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Reformationsfest, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Wir leben in einer Zeit, in der Gesundheit, Vitalität und Stärke zentrale Werte darstellen. Krankheit, Leid und Schwäche werden dagegen oft als etwas rein Negatives betrachtet, dem man mit allen Mitteln versucht auszuweichen. Und so ist es kein Wunder, dass man sich die großen Männer und Frauen der Vergangenheit gern als gesunde und vor Kraft strotzende Menschen vorstellt. Ein bedeutender Mann oder eine wichtige Frau haben gefälligst kerngesund zu sein! Oder!?

Martin Luther jedenfalls war es nur in seinen jüngeren Jahren – später hat er viel gelitten – zahlreiche Krankheiten plagten ihn. Als die Reformation bereits in Gang gekommen war und Luther 1519 nach Leipzig reiste, um mit Johannes Eck zu disputieren, beschreibt ihn ein Beobachter wie folgt:

Martinus ist nur mittelgroß, hager und von Sorgen und vom vielen Studieren so ausgemergelt, dass man in der Nähe alle Knochen am Leibe zählen kann.

Zwei Jahre später – 1521 – entstehen nicht nur die vier großen reformatorischen Hauptschriften, u. a. „Die Freiheit eines Christenmenschen“. Luther musste auch nach Worms reisen, weil er vor dem Reichstag widerrufen sollte. Der Weg dorthin geriet zur Tortur. Luther sah den Tod vor Augen. Er wurde zur Ader gelassen, Heilwasser sollte helfen. Widerrufen wird er – trotz seiner Leiden – freilich nicht. Deshalb musste sich Luther als Junker Jörg getarnt auf der Wartburg verstecken, weil er für vogelfrei erklärt worden war. In diese Zeit fällt die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche. Aber auch das ist mit großen Leiden verbunden, die der Reformator seinem Freund Melanchthon in einem Brief unverblümt mitteilt:

Mein Stuhl ist so hart, dass ich gezwungen werde, ihn mit großer Kraft bis zum Schweißausbruch herauszustoßen … Gestern habe ich nach vier Tagen einmal ausgeschieden. Dadurch habe ich die ganze Nacht weder geschlafen noch habe ich bis jetzt Ruhe. Dies Übel wird unerträglich, wenn es so weitergeht.

Und so geht es weiter: 1526 erleidet er die erste große Kolik im Bereich der ableitenden Harnwege. Höllische Schmerzen. In der Folgezeit kommt es Schlag auf Schlag: Ohnmacht, Angina-pectoris-Anfälle, Drehschwindel, Erbrechen, Schweißausbrüche, Ohrensausen. Dazu Herzattacken, Atemnot, Verstopfung und Hämorrhoiden „fast von der Größe einer Walnuss“, wie Luther zu berichten weiß. 1529 dann ereilt ihn ein fieberhafter, fast tödlicher grippaler Infekt. Er kann kaum sprechen – für einen Prediger besonders misslich.

Körperliche Leiden begleiten Luther bei den Marburger Religionsgesprächen ebenso, wie beim Reichstag 1530 in Augsburg, den er von der Feste Coburg aus verfolgt. Im Januar 1537 begibt er sich zum Bündnisgespräch der Protestanten nach Schmalkalden. Doch vor Ort ist an eine Teilnahme nicht zu denken. Wegen Nierenkoliken, begleitet von Brechreiz, ist er gezwungen, nach Wittenberg zurückzukehren. 1543 schreibt er schließlich:

Ich habe genug. Ich bin erschöpft.

Drei weitere Jahre muss er noch durchhalten, bis er am 18. November 1546 im Alter von 62 Jahren unter Leiden wie Herzbeklemmungen, Frösteln und Schwitzen zu seinem himmlischen Vater heimgerufen wird.

All das kann man in einem Buch nachlesen, welches den Titel „Luthers Leiden“ trägt. Diese Schrift stellt einmal eine andere Form dar, sich der Reformation und ihren Umständen zu erinnern. Luther kannte Schmerz gut und aus leidvoller eigener Erfahrung. Er deutet ihn als Herausforderung und Bewährung des Glaubens und als Notwendigkeit, in diesem Leben Jesus das Kreuz nachzutragen.

Mich erinnert all das an eine sehr bekannte biblische Gestalt, an Hiob. Hiobs leidvolle Geschichte mag bisweilen geheimnisvoll wirken, manchmal seltsam, dann wieder interessant und fesselnd. Und es werden eine Menge wichtiger Themen in diesem biblischen Buch behandelt: Warum widerfahren Gläubigen schlechte Dinge? Warum geht alles schief, obwohl man nichts falsch gemacht hat? Wie leben wir inmitten von Tragödien als Gemeinschaft zusammen? Was können wir sagen – und was besser nicht? Im Buch Hiob geht es auch um die Gründe, warum Gott uns Dinge widerfahren lässt, die wir überhaupt nicht verstehen. Vor allem führt uns die Geschichte Hiobs aber zum Kern dessen, was die Reformation wiederentdecken durfte: Jemand hat das Buch Hiob einmal als das Evangelium nach Hiob bezeichnet. Und da ist eine Menge dran. Denn in den 42 Kapiteln geht es im Wesentlichen um eine Sache: um die Liebe Gottes. Liebt Gott uns wirklich? Liebt er uns, obwohl er Schmerz und Krankheit in unserem Leben zulässt – wie er sie im Leben Luthers zugelassen hat? Liebt er uns, obwohl er zwar die Macht hätte, alle Leiden mit einem Fingerschnippen zu beenden, es aber oft nicht tut? Und die andere Seite der Liebes-Medaille: Warum lieben Menschen Gott? Warum sollte man ihn lieben – ob man sich nun gerade obenauf befindet oder durch ein finsteres Tal hindurchmuss? Das Buch Hiob führt uns zum Kern der Reformation, zum Kern der Heiligen Schrift: zum Evangelium von der Liebe Gottes. Genau aus diesem Grund wollen wir uns heute zum Reformationstag und in den kommenden Wochen mit ausgewählten Abschnitten aus dem Buch Hiob beschäftigen.

Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem Buch Hiob, Kapitel 1, und wir beginnen bei Vers 1. Dort heißt es:

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

Die Gelehrten sind sich im Unklaren, wo genau das Land Uz gelegen haben mag. Unsicherheit besteht auch darüber, zu welcher Zeit Hiob gelebt hat. Die meisten glauben allerdings, dass es um 2000 v. Chr. gewesen sein muss. Was wir aber sicher wissen: Hiob war ein guter Kerl. Das erste, was wir von ihm hören, nachdem wir seinen Standort erfahren haben, ist, dass dieser Mann untadelig und aufrichtig war. Er fürchtete Gott und mied das Böse.

Vier erstaunliche Dinge sagt unser Text über diesen einen Mann! Hiob war fromm und rechtschaffend. Er war nicht die Art von Mensch, die in der Kirche eine Show abzieht. Selbst wenn man bei Hiob hinter den Vorhang blicken konnte, war er untadelig und aufrichtig. Keine Doppelzüngigkeit oder Heuchelei, sondern sein Herz war von Rechtschaffenheit erfüllt. Und im Text heißt es, dass Hiob gottesfürchtig war. Dieser Mann hatte Ehrfurcht vor Gott. Ihm glaubte und vertraute er. Gott war der Herr seines Lebens. Und Hiob mied das Böse. Klopfte die Versuchung an seine Tür, wehrte er sie ab. Nicht, dass Hiob ohne Sünde gewesen wäre. Wahr ist aber, dass er versuchte, die Gebote Gottes zu halten.

Außerdem hatte Hiob ein gutes Leben, wie wir in den nächsten Versen unseres Textes erfahren. Dort heißt es:

Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

Erstaunlich gesegnet war Hiob. Nicht nur an Tieren, die in der Antike den Reichtum eines Menschen widerspiegelten. Sondern er hatte auch 10 Kinder. Hiob war ein reich gesegneter Mann – beziehungsmäßig, finanziell, sozial und kulturell. Es ist, wie es unser Text sagt:

er war reicher als alle, die im Osten wohnten

Und nur für den Fall, dass man jetzt denkt: „Solche Typen kenne ich doch! Nach außen hin super erfolgreich. Aber zuhause herrscht das reinste Chaos. Die Ehe geht in die Brüche. Die Kinder sind aufmüpfig. Der Vater ist eh nie zuhause.“ Bei Hiob war es nicht so. Die Verse 4 und 5:

Und seine Söhne gingen hin und machten ein Gastmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.

Wow, eine funktionierende Familie – eine Seltenheit (nicht nur) in der Heiligen Schrift. Habt ihr es mitbekommen? Die Söhne Hiobs veranstalteten so eine Art Ringtausch: Wohl zu ihren Geburtstagen luden sie alle ihre Geschwister in ihre Häuser ein und feierten gemeinsam. Sie hatten sich offenbar lieb. Und Hiob ist ein guter Vater. Denn was tut er? Er erwischte seine Kinder nicht beim Sündigen, nach dem Motto: „Immer wenn sie feiern, betrinken sie sich.“ Er hörte auch nichts darüber, dass seine Kinder sündigten. Etwa, dass sie schlecht über andere geredet hätten. Nein, Hiob sagt:

Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen.

Könnten – Hiob war besorgt um die Beziehung seiner Kinder zu Gott. Die Details unseres Textes sind faszinierend: Hiob traf zunächst Vorkehrungen. Er plante ein, früh am Morgen aufzustehen. Das stand also ganz oben auf seiner Liste. Dann brachte er ein Brandopfer dar. Das biblische Brandopfer erforderte das ganze Tier. Alles davon wurde verbrannt und Gott übergeben. Oder anders formuliert: Das Brandopfer war das teuerste Opfer. Und im Text heißt es: Brandopfer nach ihrer aller Zahl. D. h. Hiob brachte nicht nur ein Opfer für alle seine Kinder zusammen dar, sondern 10 Tiere – eines für jedes seiner 10 Kinder. Und dann heißt es am Ende von Vers 5 noch:

So tat Hiob allezeit.

Es war also seine übliche Angewohnheit. Hiob ist wie ein moderner Vater, der seine Kinder so sehr liebt, dass er sie nicht nur beim Zubettgehen auf die Stirn küsst. Sondern er geht auf die Knie und bittet für sie, dass sie Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt lieben. Was lernen wir zusammenfassend aus den ersten fünf Versen des Buches? Hiob war ein guter Mann, der ein gutes Leben führte.

Aber dann nimmt die Handlung eine radikale Wendung. In der vielleicht seltsamsten Szene der Heiligen Schrift lesen wir das Folgende ab Vers 6:

Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

Das ist ein Abschnitt, der eine ganze Reihe Fragen aufgeworfen hat. Gott ist im Himmel – so weit, so klar. Die Engel sind bei ihm und beten ihn an – ebenso nachvollziehbar. Und im gelesenen Abschnitt hält Gott mit ihnen so eine Art himmlische Versammlung ab – auch verständlich. Aber was hat Satan dort zu suchen? Ist er nicht gefallen? Hat er nicht den Himmel längst verlassen müssen? Ist er nicht gefesselt und in den Abgrund geworfen (vgl. Offb 20,3)? Ist er nicht weit entfernt von der guten Gegenwart Gottes? Wie kommt er da zu dieser Versammlung der Engel? Wir haben nicht genug Zeit, all das in Tiefe zu bedenken – darum an dieser Stelle nur die Quintessenz: Gott ist allmächtig. Die Gottessöhne – die Engel also – sind Gottes Boten und helfen dabei, seine Pläne umzusetzen. Aber, weil Gott allmächtig ist, benutzt er nicht nur die guten Engel, um euch und mich zu segnen. Auch die gefallenen Engel müssen sich ihm beugen – und, ob sie wollen oder nicht, seinen Plan ausführen. Die guten Engel werden als Diener ausgesandt und sie folgen dem mit Freuden. Die Bösen in ihrer Täuschung und Lüge meinen, dass sie Gottes Volk ein Bein stellen werden. Aber Gott hat größere Pläne und lenkt in seiner Allmacht alles nach seinem guten Willen. Und das ist wohl der Grund, warum Satan gewährt wird, in Gottes Gegenwart zu erscheinen.

Wir werden das im Buch Hiob noch genauer sehen – aber denken wir zur Veranschaulichung an Jesus: Wir wissen, dass es Satan war, der das Herz des Judas mit dem Wunsch erfüllte, seinen Herrn und Meister zu verraten. Aber was geschah nach dem Verrat? Jesus zertrat Satans Kopf am Kreuz. Er besiegte ihn und vergab uns alle unsere Sünden, so dass der Teufel uns nicht mehr anklagen kann. Jesus besiegte Satan und öffnete uns den Himmel und den Weg zum ewigen Leben. Allein aus Gnaden – ohne unser Verdienst. Allein durch die Schrift – denn dadurch wirkt der Heilige Geist. Allein aus Glauben – nur das schlichte Vertrauen auf Christus genügt. Und Satan selbst hatte in seiner Verblendung einen wichtigen Baustein zu unserer Erlösung geliefert.

Und so auch hier: Gott in seiner unglaublichen Macht kontrolliert alles. Es gibt kein Yin-Yang, keine gut gegen böse. Gott steht über allem. Und in seinem guten, liebevollen Willen, lässt er es zu, dass Satan an der himmlischen Versammlung teilnimmt. Und er hat dafür einen guten Grund.

Das müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir unseren Text jetzt weiter bedenken: Dort erleben wir nämlich Gott, wie er offenkundig fröhlich über seinen Knecht Hiob ist. Denn wer erwähnt Hiob zuerst? Nicht Satan – es ist Gott selbst:

Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?

Vers 1 war keine Übertreibung, denn aus Gottes Mund hören wir es erneut:

Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

Ist das nicht erstaunlich, wenn man genauer darüber nachdenkt? Gott ist im Himmel, umgeben von Engeln, und er rühmt sich seiner geliebten Kinder. Er regiert nicht nur das Universum und hält Sterne davon ab, ineinander zu stürzen. Er redet mit Engelwesen über seine Diener auf Erden. Und er sagt: „Satan, siehst du diesen Mann? Ich liebe ihn. Und er liebt mich.“ Das Buch Hiob handelt von der Liebe Gottes. Und Hiob liebte Gott wirklich, weil Gott ihn zuerst geliebt hat.

Aber Satan! Satan ist kein Name im eigentlichen Sinn, sondern eine Art Titel. Im Hebräischen wird das dadurch deutlich, dass immer der Artikel steht: der Satan. Das Wort bedeutet „Feind“ oder „Ankläger“. Seinem Titel gemäß antwortet Satan daher nicht mit „Amen“ auf Gottes Rede über Hiob. Stattdessen versucht er, die Saat des Zweifels auszustreuen. Davon erfahren wir als Nächstes in unserem Text:

Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!

Im Wesentlichen stellt Satan hier die Frage: „Aber warum?“ „Gott, ich sehe, dass Hiob dir dient. Er bringt Opfer dar – eines für jedes Kind. Aber warum tut er das? Nicht, weil er dich liebt, sondern weil er dich ausnutzt. Ringsumher hast du sein Leben beschützt. Es ist, als hättest du einen hohen Zaun um Hiob errichtet. Warum sollte er dich da nicht loben?“ Man könnte die Anklage Satans auch folgendermaßen formulieren: „Du, Gott, verwöhnst Hiob, als wäre er dein Haustier. Er macht brav sitzt und bleibt bei dir, weil er weiß, dass er gleich ein Leckerli dafür bekommt. Draußen herrscht Armut, aber innerhalb der Zäune, die du, Gott, um ihn errichtet hast, bestimmt der Reichtum. Außerhalb des Zauns finden sich genug gestörte Familien, nicht so bei Hiob. Klar, rühmt und preist er dich. Wer würde das nicht tun, bekommt er so viel von dir geschenkt?Aber weißt du, was: Lass uns einen Deal machen. Strecke deine Hand nach ihm aus. Und wir werden sehen, was in seinem Herzen ist. Vermindere deinen Segen und er wird sein Verfluchen steigern. Er wird dir ins Angesicht absagen!“

Gott antwortet schockierenderweise in Vers 12 das Folgende:

Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.

Kommende Woche werden wir erfahren, was Satan Hiob antut. Und wir werden sehen, wie dieser reagiert. Für heute reicht uns eine Feststellung, in welcher Gott und Satan übereinstimmen. Und sie lautet: Schmerz bewährt. Leid beweist. Geht es einem im Leben einigermaßen gut, kann man beten, loben, Kollekte geben – und all das ist gut. Aber es ist nicht bewiesen, nicht bewährt. Nur wenn Gott Schmerz zulässt und der Betroffene mit Lobpreis reagiert, hat sich der Glaube bewährt. Der 1. Petrusbrief spricht darüber sehr viel. Dort geht es an vielen Stellen um Leiden, welches man nicht selbst verschuldet hat. In 1. Petrus 1,6f heißt es beispielsweise:

Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.

Oder mit anderen Worten: Wir wissen, dass wir Gott nicht benutzen, wenn er uns Dinge nimmt oder Leiden auferlegt und wir ihn dennoch loben. Luther, über dessen zahlreiche Leiden ich eingangs sprach, formuliert es ganz ähnlich, wenn er schreibt:

Der Herr Christus macht aus dem Kreuz und Leiden ein sicheres Kennzeichen, durch welches wir wissen können, dass wir in das Reich Gottes und ewige Leben gehören.

Und so spricht unser Text heute vor allem in Zeiten hinein, in denen auch wir das Kreuz auferlegt bekommen und leiden müssen. Er spricht in Zeiten hinein, in denen sich ein Paar sehnlichst ein Kind wünscht. Große Sehnsüchte und Hoffnungen – aber Gott sagt zu diesem Wunsch „Nein“. Unser Text spricht in Zeiten hinein, in denen wir uns um einen geliebten Menschen große Sorgen machen – und gleichzeitig merken, dass wir die Dinge so wenig unter Kontrolle haben. Und ich denke an all jene, die sich an das Trauma erinnern, welches ihnen in der Vergangenheit zugefügt wurde. Und die in der Gegenwart kaum davon loskommen. Ich denke an Zeiten der Trennung, der Scheidung und der Bitterkeit – und an Zeiten, in denen das Herz gebrochen ist. Unser Text redet aber auch zu solchen, die den Ring am Finger tragen. Nur gestaltet sich das Eheleben nicht so, wie andere es einem zuvor gesagt haben. Der Text redet auch zu solchen, die mit einer schweren Krankheit zu kämpfen haben – mit körperlichen Leiden, wie auch Luther sie immer wieder ereilten. Ich denke auch an diejenigen, die an ihrem Geist leiden und die sich das nicht ausgesucht haben. Trotzdem hängt die Angst wie eine dunkle Wolke über ihnen – oder die Depression oder anderen Erkrankungen. Und während wir all das Leid auf dieser Erde beklagen, weil es beklagenswert ist; und während wir beten und die Hilfe anderer suchen, dürfen wir bei allem eine Sache über unseren Schmerz wissen: Schmerz beweist es – Leiden bewährt. Seid ihr heute hier und habt die identischen Lieder gesungen wie ich: „Ein feste Burg ist unser Gott“ und es ist grad keine gute Zeit in eurem Leben: Der Schmerz beweist es. Leiden bewährt.

Ich will es folgendermaßen veranschaulichen: Stellt euch vor, diese Binde steht für die Zerrissenheit unseres Lebens – all der Schmerz, die Krankheit, die Trauer, der Kummer, die Sucht. Als ich heute in die Kirche kam und meine Hände zum Gebet faltete, war das gut. Jemand, der das gleiche tut – aber anders als ich – gerade mitten im Leid steht, beweist es. Als ich heute zur Kirche kam, um Gottes Wort zu hören, war das gut. Jemand, der das gleiche tut – aber gerade Schmerz durchmacht, zeigt seinen bewährten Glauben. Ihr alle, die ihr durch Gebrochenheit gegangen seid; die ihr euren Weg humpelnd zur Kirche absolvieren musstet und die ihr trotzdem Gott liebt, ihr habt es bewiesen: das Evangelium von der Liebe Gottes ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Satan würde Gott am liebsten den ganzen Tag lang verleumden. Er würde gerne sagen, dass die Beziehung zwischen Gott und uns nur ein Tauschhandel ist. Dass wir Gott benutzen, um etwas Gutes zu bekommen. Dass das Christentum nur Werksgerechtigkeit bedeutet. Satan würde gerne sagen, dass unser Glaube falsch und dass Gott nicht des Lobes würdig ist. Aber jedes Mal, wenn wir inmitten unseres Schmerzes Gottes Wort aufschlagen und auf dessen Worte vertrauen, beweisen wir es.

Einige von euch, die heute zur Kirche gekommen sind, haben dem Teufel damit das Maul gestopft. Er versucht auch heute noch zu sagen: „Gott, diese Leute benutzen dich nur. Schau dir diesen Typen in der ersten Reihe an. Meine Güte, hat der ein gutes Leben.“ Aber dann kam einer herein, der gerade Leid durchmacht, und stopft Satan das Maul und beweist ihm das Gegenteil. Humpelt einer in die Kirche, beweist er, dass Gott unserer Liebe würdig ist. Singt einer am Ende seines härtesten Tages Gott Lieder in seinem Herzen, beweist er, dass Gott würdig ist. Er beweist, dass Satan der Vater der Lüge ist und unser Gott ein Vater, der allen Lobes würdig ist.

Und so hasse ich den Schmerz, der manchen unter uns ereilt. Und ich liebe ihn. Denn das, was wir mehr als alles andere an diesem Ort sagen wollen, ist: „Gott, du bist würdig!“ Einige von uns können es im Moment noch nicht beweisen. Sie mussten noch nicht durchs Feuer. Aber viele von euch können es. Sie tragen die Narben davon – ob körperlich oder seelisch. Und doch sind sie hier und sagen: Gott ist genug. Er ist hier. Und er liebt mich.

Unser Text heute zeigt das auch – auf einer anderen Ebene. In den 12 Versen, die wir heute betrachtet haben, findet sich nämlich etwas überaus Kraftvolles. Lasst es mich euch vorlesen: „Gott, Herr, Herr, Herr, Herr, Herr, Gott, Herr, Herr.“ Neunmal hören wir in diesem halben Kapitel der Bibel von Gott. Mit zwei unterschiedlichen Namen wird er beschrieben: Der eine ist „Gott“ – auf Hebräisch „elohim“. Dieser Name drückt vor allem Gottes Kraft aus, seine Stärke und Allmacht. Der andere ist „Herr“ – auf Hebräisch „Jahwe“. Dieser Name drückt Gottes Liebe und gnädige Zuwendung zu uns Menschen aus. Es ist der Herr, der all seine Verheißungen hält und der immer bei uns und für uns ist. Er ist bei uns und hat seinen Sohn dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Gleich zu Beginn des schmerzhaftesten Buchs der Bibel sehen wir Elohim, den Gott der Macht, und Jahwe, den Gott der Liebe – der eine wahre Gott. Und dieser ist unserer Lobpreisung immer würdig – ob nun in Freud oder in Leid.

Satan würde uns, wenn der Schmerz das nächste Mal zuschlägt, gern einreden:„Klar, Gott ist allmächtig. Aber liebt er dich auch? Er ist Gott! Er könnte daher deinen Krebs umgehend heilen oder dir ein Kind oder Partner schenken. Er könnte alles reparieren. Er ist doch allmächtig! Warum tut er es nicht? Weil er dich nicht liebt. Warum solltest du es also tun?“ Geschieht das, wissen wir, was wir Satan sagen können: „Schmerz und Leid bewähren. Mein Gott ist nicht nur allmächtig und regiert Himmel und Erde. Mein Gott ist der Gott des Kreuzes. Und er hat es bewiesen.“ Denn vor 2,000 Jahren kam Jesus in diese Welt und blieb nicht in einem übernatürlichen Kraftfeld, das die Gebrochenheit draußen und den Segen drinnen gehalten hätte. Stattdessen ging er für uns durch den Schmerz. Die Nägel beweisen es. Die Dornenkrone beweist es. Das Kreuz beweist es. Jedes Mal, wenn wir uns inmitten unseres Leidens und Schmerzes fragen, ob Gott uns liebt, dürfen wir unsere Augen auf Jesus am Kreuz richten und sagen: „Ja, es kann nicht anders sein. Denn das Evangelium sagt es mir so. Denn wer geht durch Leid, Schmerz und Tod – außer die Liebe?!“

Wegen dieser Liebe findet im Himmel eine Unterhaltung statt – sie dreht sich um euch und ist von göttlicher Liebe erfüllt. Ich weiß nicht, ob auch Satan bei dieser Versammlung wieder dabei ist – aber ich frage mich, ob Gott sagt: „Hast du achtgehabt auf mein Kind? Sie hat Krebs und kam heute zur Kirche. Er trauert wegen eines geliebten Menschen und hat heute zu mir gebetet. Sie war Opfer eines Missbrauchs und glaubt nach wie vor, dass ich gut bin. Er hatte einen Unfall, sie fiel in Abhängigkeit – sie kennen Schmerz und Leid. Aber schaut, wo sie sind: Habt ihr achtgehabt auf meine Söhne und Töchter?“

Meine Lieben, so konnte es auch Martin Luther sagen – trotz all der Krankheit, trotz all der Leiden – denn er hatte das Evangelium von der Liebe Gottes wiederentdeckt. Von dieser Liebe erfüllt schrieb er die Worte, mit denen ich heute enden möchte:

Die Gläubigen werden fröhlich und bereit, alle Dinge zu leiden, denn sie zweifeln nicht, Gott ist mit ihnen, und sie seien in Gottes Gnaden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.