Gottes Antwort auf das „Warum“

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

2. Advent, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Bereits vergangene Woche hatten wir es festgehalten: Wenn uns Leid und Schmerz treffen, suchen wir eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“. Warum widerfährt mir das? Warum trifft es ausgerechnet mich? Warum muss ich da durch?

Denn können wir das „Warum“ beantworten, wird es einfacher, die Dinge zu ertragen. Denkt zum Beispiel an die Schule. An wie vielen Morgen war es anstrengend, so zeitig aufstehen zu müssen? Wie viele Stunden hat man für etwas gelernt, das einen nicht interessierte? Wie viele Leistungskontrollen und Klassenarbeiten hat man an unbequemen Tischen geschrieben, während man auf noch unbequemen Stühlen saß? Wir haben das alles auf uns genommen, obwohl es manchmal schmerzhaft war, weil es einen guten Grund dafür gab. Die Ausbildung und der Abschluss führen vielleicht zu einem guten Job, zu einem guten Gehalt, zu einem besseren Leben. Den Schmerz hat man ertragen, weil man wusste, warum.

Oder ein noch plastischeres Beispiel: Schwangerschaft. Ein befreundeter Arzt hat mir einmal gesagt, eine Schwangerschaft würde von den körperlichen Symptomen her einer schweren Herzerkrankung gleichen: die morgendliche Übelkeit; die angeschwollenen Beine und Füße; die Klamotten, die nicht mehr passen wollen; die zahllosen Versuche, eine Schlafposition zu finden, während das Ungeborene putzmunter ist und im Mutterleib Party zu machen scheint. All das und noch viel mehr haben schon viele Mütter durchgemacht, ohne vom Glauben abzufallen. Denn es gab einen guten Grund, warum man all das ertrug. Wir können harte Zeiten wie Wehen und qualvolle Leiden durchstehen, solange wir wir verstehen, warum.

Aber genau das macht es manchmal so schwer, oder? Wir verstehen sicher den Schmerz, der mit schulischer Ausbildung oder dem Kinderkriegen verbunden ist. Für viele Formen des Leides haben wir dagegen keine so offensichtliche Erklärung. Warum hat ausgerechnet mich die Depression getroffen? Warum der Autounfall? Warum der Krebs? Warum sterben manche Menschen so früh? Die Wahrheit ist: Wir wissen oft nicht warum – so stellten wir schon vergangene Woche fest. Es gibt nur eine Person, die wirklich weiß, warum das Leben so ist, wie es ist. Ein Vier-Augen-Gespräch können wir mit Gott allerdings nicht führen.

Gerade diese Tatsache macht das Buch Hiob so faszinierend. Ganz am Ende dieser alttestamentlichen Schrift über Schmerz und Leid, taucht Gott auf, um mit Hiob zu sprechen. Derjenige, der das „Warum“ kennt, redet mit dem, der dringend eine Antwort auf diese Frage benötigt. Nachdem Hiob und seine Freunde 35 Kapitel lang darüber diskutiert hatten, was Hiob widerfahren war, kam der Herr herab, um mit seinem Freund ein persönliches Gespräch zu führen. Was in dieser Unterredung geschah, ist nicht unbedingt das, was man erwarten würde. Muss man selbst durch Schmerz oder jemand, den man lieb hat, ist es aber genau das, was wir hören müssen.

Schauen wir aber ins Buch Hiob, genauer ins 38. Kapitel. Dort heißt es in den ersten drei Versen:

Und der Herr antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach: Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

Gott erscheint Hiob in einem Sturm. Seid ihr jemals in ein heftiges Unwetter geraten? Egal ob man ein kleines Kind ist oder eine ausgewachsene starke Person – solche Wettererscheinungen können einem gehörigen Respekt einflößen. Genau das ist der Punkt in unserem Text. Gott kommt zu Hiob, nicht als kleines Baby in Windeln gewickelt, sondern inmitten eines heftigen Sturms. Er will Hiob damit an etwas erinnern, bevor er auch nur ein Wort sagte. Und nur für den Fall, dass Hiob die Bedeutung nicht verstanden hat, spricht Gott es aus:

Gürte deine Lenden wie ein Mann!

„Hast du deinen Helm und deine Rüstung dabei, Hiob? Du wirst sie brauchen. Du hattest eine Menge Fragen und deine Freunde haben lange geredet. Nun bin ich an der Reihe.“

Ich will dich fragen, lehre mich!

Wir werden nicht jeden Vers lesen, aber in den nächsten beiden Kapiteln nimmt Gott Hiob intellektuell auseinander. Über 70 Fragen stellt er Hiob – Fragen darüber, wie die Welt funktioniert und was sie im Innersten zusammenhält. Und Hiob? Er kann keine einzige davon beantworten.

Verschaffen wir uns einen kleinen Überblick über die Art der Fragen, die Gott stellt. In Kapitel 38, Vers 4, heißt es beispielsweise:

Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist!

Einige Verse später fragt Gott (18):

Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage es, wenn du das alles weißt!

Und noch ein paar Verse weiter heißt es (21):

Du weißt es ja, denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deine Tage sind sehr viel!

Diese letzte Aussage Gottes ist schon fast sarkastisch.

Und Gott macht damit weiter: „Hiob, weißt du, wie Stürme funktionieren und kannst du den Weg voraussagen, den sie nehmen?“ Hiob kann nur mit den Schultern zucken. „Und wie ist mit dem Vogelstrauß? Weißt du, warum sie so gebaut sind, wie sie es sind? Denn ich weiß es.“

Frage auf Frage – erst 10, dann 30, dann 50, dann über 70. Und jedes Mal kann Hiob nur fragend mit den Schultern zucken. Und beachtet bei all dem, dass Gott ihm nicht sagt, warum er seine Gesundheit, seinen Reichtum und seine Kinder verloren hat. Er zeigt Hiob einfach, dass er nicht so viel weiß, wie er dachte.

Das schlägt sich auch in Hiobs Antwort nieder, wie wir sie in Kapitel 40(3-5) finden. Dort heißt es:

Hiob aber antwortete dem Herrn und sprach: Siehe, ich bin zu gering, was soll ich dir antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.

Während Hiob in den Sturm starrt, denkt er darüber nach, was er weiß und wie viel Gott weiß. Und er erkennt, dass er nicht würdig ist, über Gott zu urteilen oder eine Begründung zu verlangen. Er hält sich sogar die Hand vor den Mund und sagt:

Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.

Gott allerdings war noch nicht fertig. Wäre ich Gott, hätte ich an dem Punkt vielleicht gesagt: „Gut, ich bin froh, dass du es verstanden hast.“ Aber das ist nicht das, was Gott tut. Stattdessen sagt er das Folgende (40,6-8):

Und der Herr antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach: Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich! Willst du mein Urteil zunichtemachen und mich schuldig sprechen, dass du recht behältst?

„Denn das ist es, was du getan hast, Hiob. Du sagtest, ich sei schlecht – gerade so, als würde ich den Unterschied zwischen richtig und falsch nicht kennen. Du verurteilst mich als lieblosen, unfreundlichen Schöpfer, nur um deinen Freunden zu beweisen, dass du kein schlechter Mensch bist?“

Als ich diesen Abschnitt das erste Mal las, dachte ich: Gott ist irgendwie gemein. Ich meine Hiob sagte doch, dass es ihm leid täte und dass er Gott nicht mehr in Frage stellen will. Und doch macht Gott weiter. Das mag auf den ersten Blick gemein erscheinen. Aber ich kann euch sagen, dass dem nicht so war. Seit dem ersten Kapitel wissen wir, dass Gott Hiob liebt. Er war stolz auf sein Kind, so dass er sogar vor dem Teufel bekannte, dass Hiob gerecht und gottesfürchtig ist.

Warum also diese Worte Gottes? Jemand hat mal gesagt, dass Gott mit Hiob umgeht, wie Gandalf, der Graue, mit Bilbo Beutlin umgegangen ist. Im Buch „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien gibt es eine Szene, in der der mächtige Zauberer Gandalf mit seinem kleinen Hobbit-Freund Bilbo spricht. Bilbo ist in Besitz eines mächtigen Ringes gelangt. Gandalf nun versucht ihn davon zu überzeugen, diesen Ring loszuwerden. Denn er weiß um die böse Magie, die in diesem Ring enthalten ist. Und er macht sich Sorgen, was sie in Bilbos Herz anrichten wird. Bilbo allerdings, der unter dem Einfluss der dunklen Magie steht, wendet sich gegen seinen alten Freund. Er wird misstrauisch und glaubt, Gandalf wolle ihm den Ring stehlen. Und so greift er sogar zu seinem kleinen Hobbit-Schwert, um gegen Gandalf, seinen Freund, zu kämpfen. Und wie reagiert Gandalf? Er zeigt seine Bedrohlichkeit und Überlegenheit. Seine Augen blitzen vor Wut und Ärger. Und als Bilbo das sieht, reißt ihn das vom Bann des Ringes los. Gandalf sagt daraufhin, dass er versucht, ihm zu helfen. „Ich wünschte, du würdest mir vertrauen, wie du es einst getan hast.“

Das tut Gott auch mit Hiob. Hiob stellte wegen seines Schmerzes und Leides den Gott in Frage, der ihn liebt, der ihn geschaffen und gesegnet hatte. Er versteht die Gründe für sein Leid nicht und stellt nun das Herz Gottes in Frage. Er diskreditiert seine Güte und Liebe. Er verurteilt Gott, dass er nicht so liebevoll sei, wie er es behauptet. Und so zeigt Gott dem Hiob seine Macht und Stärke. Er tut es, um ihm zu helfen: „Sünde verdirbt dein Herz, Hiob. Und ich muss dich daran erinnern, dass ich Gott bin und du nicht.“

Genau aus diesem Grund macht Gott weiter. Dieses Mal überschüttet er Hiob nicht mit so vielen Fragen wie zuvor. Stattdessen gibt er ihm zwei Beispiele monströser Kreaturen, vor denen Hiob sich fürchtet. In Kapitel 40 hören wir ihre Namen: Behemot und Leviatan. William Blake, der englische Maler, den ich schon vergangene Woche erwähnte, hat versucht, diese Kreaturen bildlich festzuhalten:

Ganz oben im Bild sehen wir Gott, umgeben von zwei Engeln, wie er auf die monströsen Kreaturen zeigt. Hiob, dessen Frau und seine Freunde bestaunen diese unterdes andächtig. Liest man die Beschreibung dieser Lebewesen, fühlt man sich an ein riesiges Krokodil und an ein wildes, aggressives Nilpferd erinnert. Manche glauben, es handle sich hier um ausgestorbene Arten, wie etwa Dinosaurier. Andere sind der Meinung, mythische Bestien würden hier beschrieben, gegen die Hiob keine Chance gehabt hätte. Wie auch immer: Gottes Aussage ist wichtig. Und die besteht in Folgendem: „Würdest du diesen Bestien gegenüberstehen, Hiob, du würdest dir sehr klein vorkommen. Stehen diese Kreaturen aber mir gegenüber, fühlen sie sich sehr sehr klein. Hiob, du bist mir so begegnet, als wären wir auf Augenhöhe. Lass mich dir zwei Beispiele geben, um zu beweisen, dass dem nicht so ist.“

Ihr solltet dieses Kapitel nachher lesen. Lasst mich euch nur einige der Worte Gottes wiedergeben. Er fragt Hiob:

Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden?

„Hättest du gern ein Krokodil als Haustier? Würdest du dich wohlfühlen, wenn es an deinem Bettende schläft? Würdest du ein wildes, aggressives Nilpferd mit deinen Töchtern in ein kleines Schwimmbecken stecken? Würdest du es anleinen und eine Runde um den Block mit ihm gehen? Nein! Du hättest definitiv Angst.“ Aber für Gott ist das nicht so. Er ist größer, stärker, besser, heiliger. Er weiß mehr, kann mehr und liebt mehr. Denn er ist Gott und Hiob ist es nicht.

Gottes Wort wirkt. Am Ende des Buches, in Kapitel 42, spricht Hiob die folgenden Worte aus:

Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Hiob tut Buße, er ändert seinen Sinn. Und ganz am Ende des Buches wendet Gott die Dinge für Hiob schließlich zum Besten: Er gibt ihm seine Gesundheit wieder, segnet ihm mit doppelt so viel Besitz wie zuvor und schenkt ihm sieben Söhne und drei Töchter. Und im letzten Vers des Buches heißt es dann:

Und Hiob starb alt und lebenssatt.

Und das Beste von allem: Hiob war erfüllt von der Liebe Gottes und mit Vertrauen zu Gott.

Aber das Faszinierendste an all dem ist: Hiob erhält keine Antwort. Gott taucht nicht auf und sagt: „Ich bin Gott und du bist es nicht. Aber nun will ich es dir offenbaren: das Gespräch zwischen mir und Satan, von dem du nichts wusstest; den Grund, warum all das geschah.“ Er sagt auch nicht, dass er Hiobs Geschichte als Trost für kommende Generationen verwenden will, um Menschen zu helfen, die leiden. Gott sagt nichts von all dem. Er erscheint einfach im Sturm und erinnert Hiob, dass er Gott ist. Und das war gut für Hiob. Dieser bekennt schließlich:

Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Denn die Erinnerung daran, wer Gott ist, reicht.

Und das ist auch eine wichtige Lehre für uns: Wir glauben, dass wir einen Grund für unser Leid und unsere Schmerzen brauchen. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Gemäß der Geschichte des Mannes, der mehr gelitten hat, als jeder von uns wahrscheinlich leiden wird, brauchen wir keine Antwort auf das „Warum“. Wir müssen uns lediglich daran erinnern, wer Gott ist.

Vielleicht meint ihr jetzt, ich würde mich wiederholen, weil ich bereits vergangene Woche etwas ganz ähnliches gesagt habe. Aber dem ist nicht so. Denn das Ende des Buches Hiob erinnert uns daran, wer wir sind und wer Gott ist. Und haben wir diese Erinnerung, brauchen wir keine Antwort auf das „Warum“.

Beginnen wir mit dem Ersten: Wer sind wir? Ich beispielsweise bin ein 40jähriger Mann, der sich nicht daran erinnern kann, was er vor drei Tagen zum Frühstück gegessen hat. Ich bin ein mittelalter Mann, der trotz all der Ausbildung manchmal nicht weiß, wie sein Benutzername und Passwort für eine bestimmte Internetseite lautet. Was wisst ihr und ich über uns selbst oder die Welt oder das Universums? Wir mögen uns manchmal groß fühlen, wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen. Aber wenn wir wirklich einmal tiefgründig nachdenken: Was wissen wir schon über das Leben?

Lasst es mich beweisen: Schaut kurz auf denjenigen, der gerade neben euch vor dem Bildschirm sitzt und ratet, wie viele Haare derjenige auf dem Kopf hat. Was glaubt ihr, wie viele es sind? Mal abgesehen von denjenigen, denen bereits ein Großteil ihrer Haare ausgefallen sind, lautet die Antwort folgendermaßen: Bei eher braunhaarigen Menschen sind es rund 110.000 Haare. Sind die Haare blond, sind es etwa 150.000. Habt ihr richtig geraten?

Noch ein Versuch: Schaut wieder auf die Person neben euch: Wie viele Haare haben beide Augenbrauen desjenigen? Sind sie nicht gezupft, sind es im Durchschnitt 600 Haare.

Was ich damit sagen will: Wisst ihr, wie viele Haare ihr auf dem Kopf habt? Wisst ihr, wie viele Atemzüge ihr seit dem Aufstehen bereits genommen habt. Könnt ihr die Anzahl der Herzschläge des heutigen Tages benennen? Der Punkt ist: Wir haben so wenig Ahnung von uns selbst. Bevor wir also Gott in Frage stellen, wäre es zunächst wichtig zu erkennen, dass es mein Haar ist und ich nicht einmal weiß, wie viele ich davon überhaupt habe. Es ist mein Herz, meine Lunge. Und ich weiß nicht einmal diese kleinen Dinge über mich. Ich bin daher unfähig das ganze Bild zu verstehen, was Gott mit Schmerz und Leid bezweckt. Es ist wie bei Hiob und den beiden Bestien. Im Vergleich zu Hiob mögen sie riesig sein. Aber im Vergleich zu Gott sind sie winzig.

Das alles liegt nicht daran, dass wir dumm wären. Aber wir sind und bleiben eben Menschen. Es ist so, als würden wir das Leben durch ein kleines Guckloch betrachten, Gott aber sieht das ganze Panorama. Bevor wir also Gottes Liebe zu uns in Frage stellen, weil wir das „Warum“ nicht verstehen, denken wir daran, dass es natürlich so sein muss. Wir sind wir und Gott ist Gott. Wenn wir also nach einem Grund für unser Leid verlangen, besteht Gottes Antwort darin, nicht zu vergessen, wer wir sind. Einige von uns werden irgendwann Ur-ur-ur-Enkel haben, die sich nicht einmal an unseren Namen erinnern. Ihr und ich – wir sind keine große Sache. Und so sagt es auch Hiob:

Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe… Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Erinnern wir uns also immer daran, wer wir sind. Und zweitens: Denken wir daran, wer Gott ist. Er ist der Gott, der im heftigen Sturm erscheint. Er ist der Erschaffer des Behemots und der Aufseher über den Leviatan. Er ist derjenige, der die Haare auf unseren Köpfen gezählt hat. Er muss daher nicht raten. Er kennt jeden Sperling und den Namen eines jeden Sterns am Himmel. Und das Beste daran: Gott nutzt sein Wissen nicht zur Schadenfreude, sondern er ist der kommende Erlöser. Er rettet kleine Menschen, wie wir es sind. Er rettet Sünder, wir ihr und ich es sind. Gott nutzte seine Größe, um uns zu segnen. Das ist unser Gott, unser Erlöser.

Neulich las ich die Geschichte eines Ehemannes, bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Heilungsaussichten bestanden nicht und sieben Monate später tat er seinen letzten Atemzug. Bevor es aber dazu kam, verbrachte er viel Zeit mit seiner Frau. Besonders während seiner letzten Tage saß sie neben seinem Bett, hielt seine Hand, streichelte ihm durchs Haar und die Beiden sprachen viel über den Gott, an den sie beide glaubten. Eines Tages kam ein Familienmitglied zu Besuch, welches nicht an Gott glaubte. Er sah das Leiden und es machte ihn wütend. Er kannte die Beiden und wusste, dass sie wunderbare Menschen waren, die das nicht verdient hatten. Bald würde die Frau Witwe sein und trauern. Die Kinder der Beiden würden nun ohne einen Vater großwerden müssen. Die Sinnlosigkeit dieses Leidens machte ihn zornig. Es brauch aus ihm heraus und er fragte die Frau: „Warum bist du nicht wütend?“ Diese antwortete: „Mein Mann hätte es verdient, in der Hölle zu enden. Aber er kommt in den Himmel! In seiner Barmherzigkeit hat Gott meinem Mann vergeben. Wegen des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu ist er erlöst. Wie kann ich da wütend auf Gott sein, der meinen Mann in den Himmel aufnimmt?“

So ist Gott! Halten wir zu viel von uns selbst, sagen oder denken wir Dinge wie das Folgende: „Ich verdiene doch kein Leiden, sondern ein gutes und stilles Leben!“ Erkennen wir dagegen nicht nur, dass wir sehr wenig wissen, sondern auch, dass wir so viele Dinge nicht getan haben, die wir hätten tun sollen und dass Gott uns dennoch liebt, dann verändert das unseren Blick auf Leid. Dann sagt man Dinge, wie: „Ich verdiene schlimmeres. Zwar mag ich einen schweren Weg gehen – für 50, 60, 80 Jahre auf dieser Erde. Aber der kommende Erlöser hat mir die Ewigkeit in seiner guten Gegenwart geschenkt – ohne Schmerz, ohne Leid. Das ist nichts als Gnade. Verdient habe ich es nicht.“

Die Warum-Frage mag sich sogar ins Gegenteil verkehren: „Warum, Gott, kümmerst du dich überhaupt um mich? Warum bedeutet dir mein Leben so viel, dass du mir deinen Sohn als kleines Kind in der Krippe und als erwachsenen Mann am Kreuz geschenkt hast? Du bist Gott und regierst das Universum. Und doch kümmert es dich, wenn ich wegen des Krebes oder wegen der Angst zu dir bete. Warum liebst du mich, obwohl doch meine Sünden zahlreich sind? Warum kam Jesus für mich? Warum gab er sein Leben für mich? Als ich mich verirrte, warum bist du mir nachgegangen? Als ich verloren war, warum hast du mich gesucht und gefunden? Als ich nichts mit dir zu tun haben wollte, warum hast du da alles getan, damit gerade ich das Wort deines Sohnes höre?“ Und Gottes Antwort lautet: „Weil ich Gott bin – der kommende Erlöser.“

Meine Lieben, eines Tages werden wir in den Himmel kommen. Und ich mag an dieser Stelle raten, aber ich glaube nicht, dass wir Gott dort nach dem „Warum“ unseres Leides fragen werden. Stattdessen werden wir einfach auf unsere Knie fallen und ihn anbeten, weil er Gott ist. Wir werden die ersten Stunden in der Herrlichkeit nicht damit verbringen, Gott nach den guten Gründen auszufragen, warum all das geschehen ist. Nein, wenn wir ihn sehen, seine Güte erfahren und die ersten Stunden ohne Sünde, ohne Schmerz und ohne Leid verbringen – in seiner Herrlichkeit und Heiligkeit – dann werden wir ihm einfach nur dafür danken, dass er Gott und unser Erlöser ist. Und darum:

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.