Haltet fest am Glauben!

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

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Liebe Freunde in Christus!

Ein Thema begegnet uns in der Bibel immer wieder. Denken wir zum Beispiel an Noah. Er wird als fromm beschrieben, ein Mann ohne Tadel in einer Zeit, die ziemlich gottlos war. Die immer krasser werdende Sünde hatte Gott dazu veranlasst, die Sintflut zu senden. Noah aber durfte die Arche bauen und wurde so vor den Wassermassen gerettet. Nach der Sintflut verließ Noah mit seiner Familie das Boot, baute einen Altar und betete Gott an. Aber seine Geschichte endet hier nicht. Denn was geschieht als Nächstes? Noah pflanzte einen Weinberg, erntete die Früchte, betrank sich maßlos daran und lag nun sturzbetrunken und nackt in seinem Zelt. Ham, einer seiner Söhne, sah das Elend und erzählte es den Brüdern. Als der völlig verkaterte Noah das am nächsten Morgen mitbekam, verfluchte er seine Söhne und die folgenden Generationen. Ende der Geschichte.

Oder Jona? Von Gott war er gesandt, den Assyrern in Ninive zu predigen. Aber der Prophet wollte nicht, sondern verkrümelte sich lieber in die entgegengesetzte Richtung. Gott sandte also diesen riesigen Fisch, in dessen Inneren Jona die nächsten drei Tage zubringen würde. Schließlich kam der Prophet doch noch in Ninive an. Dort predigte er. Und als er das tat, bekehrten sich 120.000 Menschen zu Gott und bekannten ihre Sünde. Man müsste nun annehmen, Jona wäre glücklich darüber. Ist er aber nicht. Als er sah, dass Gott den Einwohnern der Stadt vergeben hatte, wurde er so wütend darüber, dass er zu Gott betete, er möge ihn doch bitte töten. Ende der Geschichte.

Oder David gegen Goliath? David wird der nächste König Israels werden. Aber zuvor musste er gegen den Riesen Goliath kämpfen. Im Vertrauen auf Gott wagte der Hirtenjunge das Unterfangen. Mit fünf glatten Steinen bewaffnet, zog er in den Kampf. Er brauchte nur einen dieser Steine, weil er Goliath an der Stirn traf und dieser zu Boden sank. David wird schließlich König. Lebte er nun glücklich bis ans Ende seiner Tage? Nein, in der Folgezeit missbrauchte er seine Macht, benutzte eine Frau, schwängerte sie und schickte ihren Ehemann in den sicheren Tod. Anschließend versuchte er alles zu vertuschen. Das ist David.

Und Petrus? Am ersten Karfreitag verleugnete der Nachfolger Jesu, diesen überhaupt zu kennen. Und doch ging Jesus ans Kreuz, starb auch für seine Sünden und stand nach drei Tagen von den Toten auf. Und mit wem wollte Jesus nach seiner Auferstehung reden? Wie nannte er Petrus? Vergangene Woche hatten wir es gehört. Jesus nannte Petrus „meinen Bruder“. Und Jesus vergab Petrus nicht nur, er schenke ihm den Heiligen Geist. Zum ersten Pfingstfest predigte der Apostel und 3.000 Menschen wurden an einem einzigen Tag getauft und kamen zum Glauben. Aber auch in diesem Fall ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Später treffen wir ihn wieder, als er sich weigerte, mit Menschen an einem Tisch zu essen, die nicht seine jüdischen Wurzeln teilten. Er verhielt sich wie ein deutscher Pastor, der sich weigert, zu einer arabischstämmigen Familie nach Hause zu gehen. Es war so schlimm, dass Paulus ihn öffentlich zurechtweisen musste.

Ein Thema begegnet uns in der Bibel immer wieder. Gläubige fangen zwar gut an und scheinen heldenhaften Glauben zu haben. Aber dann fallen sie, sind keine Helden mehr, sondern zeigen Makel, Fehler und Sünden. Und oft ist es so, dass ihre schlimmste Sünde sich fast unmittelbar an ihren größten Erfolg im Glauben anschließt. Und genau darüber wollen wir heute – am Sonntag Quasimodogeniti – sprechen.

Denn wenn ich über uns als Gemeinde nachdenke – überhaupt an die Menschen in unserer Zeit – dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass Gott uns überreich gesegnet hat und dass wir durchaus erfolgreiche Leute sind. Sicher wir leben gerade mit den Auswirkungen und Beschränkungen, die mit dem Virus verbunden sind. Vergangene Woche habe ich vergeblich versucht, Mehl einzukaufen, um Croissants zu backen. Aber lasst euch das noch einmal auf der Zunge zergehen. Ich wollte Croissants backen! Croissants! Mir geht es nicht so wie der Witwe aus Zarpat, die gerade noch genug Mehl für ein Brot hatte und anschließend drohte der Hungertod. Nein, Gott hat mich und meine Familie trotz allem reich gesegnet.

Und den meisten unter uns geht es wohl auch so. Die Schulen mögen gerade geschlossen sein. Aber erstens haben wir in unserem Land überhaupt Schulen. Und außerdem beobachte ich nicht nur an meinen eigenen Kindern, dass sich die meisten Lehrer sehr viel Mühe geben, dass dennoch Lernstoff vermittelt wird. Gott ist gut zu uns – auch jetzt.

Und dann denke ich an die Ehen und Familien in unserer Gemeinde. Sicher, es läuft nicht immer alles rund. Manchmal kommt man an seine Grenzen – vielleicht gerade jetzt, wo die Kinder immer zuhause sind. Und doch! Gott hat viele von uns reich gesegnet mit Menschen, die mit uns durch dieses Leben gehen.

Und dann denkt an die Arbeit. Auch hier mag es derzeit Einschränkungen geben. Es ist sicher nicht die schönste Erfahrung, auf Kurzarbeitergeld und dergleichen angewiesen zu sein. Und doch hat Gott alles in unserem Land so eingerichtet, dass niemand ins Bodenlose fallen muss, nur weil die Dinge gerade so laufen, wie sie laufen. Gott stellt immer noch das tägliche Brot auf unsere Tische.

Und wie ist es mit geistlichen Segnungen? Vielleicht gab es Zeiten, in denen Zweifel vorhanden waren oder man gar nicht mehr zur Kirche gekommen ist. Aber dann erfuhr man, was es bedeutet, wenn der gute Hirte ausgeht, auch dass 100. Schaf zu suchen und zu finden. Gott ist gut zu uns. Manche unter uns haben es bis zur Rente geschafft. Nach all den Opfern darf man nun einen ruhigen Lebensabend verbringen – mit Kindern, Enkeln und sogar Urenkeln. Wenn ich an unsere Gemeinde denke, sehe ich sehr viel Segen, sehr viel gute Dinge und Erfolge, die Gott uns geschenkt hat. Auch jetzt in dieser Krise. Und Gott ist längst nicht fertig damit. Vielleicht bekommen wir nicht immer alles, wonach wir uns sehnen. Und doch will Gott uns den Segen seines Friedens und Wohlergehens schenken. Immer und immer wieder.

Und das ist der Grund, warum ich euch heute eine Begebenheit aus dem Buch Richter erzählen möchte. Wie an Petrus, Noah, Jona und David lernen wir auch in dieser Geschichte eine Sache: Nur weil unser geistliches Leben heute gut läuft, bedeutet das nicht automatisch, dass es auch morgen so sein wird. Heute wollen wir die herzzerreißende Geschichte Gideons betrachten, einem der Richter Israels. Beim Namen Gideon denken wir vielleicht an Wolle, an Wasser und mehrere Wunder Gottes. Oder wir denken an einen erstaunlichen Sieg, bei dem 300 Männer, Posaunen und zerbrochene Krüge eine Rolle spielten. Aber wir wollen nicht nur auf diese Dinge schauen sondern auf die ganze Geschichte. Denn sie ist eine Warnung für uns, nicht selbstzufrieden zu werden. Und diese Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass wir auf den auferstandenen Herrn Jesus blicken sollen, dem einzig wahren Helden in der menschlichen Geschichte. Den biblischen Bericht über Gideon finden wir in den Kapitel 6-8 des Richterbuches. Und seine Geschichte beginnt im 6. Kapitel folgendermaßen:

Und als die Israeliten taten, was dem HERRN missfiel, gab sie der HERR in die Hand der Midianiter sieben Jahre… So wurde Israel sehr schwach vor den Midianitern. Da schrien die Israeliten zum HERRN.

So läuft es im Richterbuch immer wieder. Gott segnete das Volk Israel, indem er sie von den Feinden bereitete. Aber anschließend taten sie die immer wieder die gleiche Sache. „Und als die Israeliten taten, was dem HERRN missfiel“, heißt es in unserem Text. Im Hebräischen wird das sogar noch deutlicher. Die Israeliten taten nicht einfach nur etwas böses, sondern sie taten das Böse. Sie brachen das erste Gebote und betrogen Gott, indem sie stummen Götzen dienten. Gott wurde für sie zu einem Gott unter vielen.

Und der Herr gab den Israeliten dann genau das, was sie gewollt hatten. Seinen Schutz und seine Bewahrung schlugen sie aus. Und in unserem Text sind es die Midianiter, die das Volk nun bedrängen. Sie lebten östlich des Jordans, im heutigen Gebiet Saudi-Arabiens. Ihre Armee war stark, 135.000 Soldaten. Immer wieder drangen sie in Israel ein und richteten Chaos und Verwüstung an. Die Israeliten konnten den Angriffen nicht standhalten. Sie mussten sich in die Berge zurückziehen und dort verschanzen. Im Text heißt es, dass die Midianiter wie Heuschrecken über das Land herzogen und jede Ernte der Israeliten vernichteten. In der Folge hungerte das Volk Gottes und wurde immer schwächer.

Schließlich riefen sie Gott um Hilfe an. Und weil Gott voller Liebe und Barmherzigkeit gegenüber Sündern ist, drehte er ihnen nun nicht den Rücken zu und verweigerte überhaupt noch mit den Israeliten zu reden. Stattdessen half er. Davon hören wir in den nächsten Versen:

Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Eiche bei Ofra; die gehörte Joasch, dem Abiësriter. Und sein Sohn Gideon drosch Weizen in der Kelter, damit er ihn berge vor den Midianitern. Da erschien ihm der Engel des HERRN und sprach zu ihm: Der HERR mit dir, du streitbarer Held!… Der HERR aber wandte sich zu ihm und sprach: Geh hin in dieser deiner Kraft; du sollst Israel erretten aus den Händen der Midianiter. Siehe, ich habe dich gesandt!

Der Engel des HERRN kam. Das ist Jesu Name im Alten Testament, bevor er im Neuen Testament Mensch wurde, geboren als Baby in Bethlehem. Der Engel des HERRN kam also und zwar nach Ofra. Vom kleinen Ort Ofra hören wir in der Bibel sonst… nichts weiter. Und die Abiësriter, von denen in unserem Text die Rede ist? Wir lesen nur in an unserer Stelle von ihnen. Das sind Niemande im Niemandsland. Und Jesus erschien obendrein dem Geringsten unter ihnen. Im Text sagt der Engel des Herrn: „Der HERR mit dir, du streitbarer Held!“ Und wisst ihr, wie Gideon reagierte? Im nächsten Vers erfahren wir es:

Er aber sprach zu ihm: Ach, mein Herr, womit soll ich Israel erretten? Siehe, mein Geschlecht ist das geringste in Manasse, und ich bin der Jüngste in meines Vaters Hause.

Gideon sagt hier also letztlich: „Selbst hier in Ofra bin ich ein Niemand. Ich bin derjenige mit den geringsten Erfolgsaussichten. Ich, ein streitbarer Held? Nie und nimmer!“ Gideon ist unsicher in Bezug auf sich selbst. Er ist ängstlich und letztlich verzweifelt, als Jesus ihn berufen will. Er ist in diesem Moment so bedürftig, dass er Jesus darum bittet, ein Wunder zu tun. Und Jesus tat es. Gideon holte ein Ziegenböcklein, ungesäuerte Brote und Brühe. Das alles soll er auf Anweisung Jesu auf einen Fels legen und die Brühe darüber gießen.

Da streckte der Engel des HERRN den Stab aus, den er in der Hand hatte, und berührte mit der Spitze das Fleisch und die Brote. Da fuhr Feuer aus dem Fels und verzehrte das Fleisch und die Brote. Und der Engel des HERRN entschwand seinen Augen.

In diesem Moment realisierte Gideon, dass Gott mit ihm war. Also baute er ihm einen Altar und nannte ihn „Der Herr ist Friede.“ Denn er hatte Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen. Er, der unsichere Sünder. Gott musste also gnädig sein, voller Barmherzigkeit, weil er einem Zweifler wie ihm geholfen hatte.

Das erinnert uns vielleicht an Thomas aus dem heutigen Evangelium. Er konnte nicht glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist. Und was tat Jesus? Er ließ ihn seine Hände berühren, die Wundmahle und seine Seite. „Mein Herr und mein Gott!“ kann er nur noch ausrufen. Denn Jesus kümmert sich um Zweifel und schenkt auf diese Weise großen Segen. Und so war es auch bei Gideon. Durch das Wunder wurde er gestärkt. Aber das hielt nicht lang. Denn nun standen die Midianiter vor der Türe Israels. Ihre Armee war riesig – 135.000 Soldaten. An guten Tagen konnte Israel 32.000 Soldaten zusammenbekommen. Das entspricht einem Verhältnis von 4:1.

Gideons Mut ging angesichts solcher Zahlen über Bord. Wieder bittet er Jesus um ein Zeichen, um ein zweites Wunder. Er legte abgeschorene Wolle auf den Boden und bat Gott, dass er die Wolle nass mache. Der Boden um die Wolle aber sollte vollkommen trocken bleiben. Jesus tat auch das, wie er sich vom zweifelnden Thomas berühren ließ. Gideon wachte am nächsten Morgen auf und die Wolle war nass, der Boden aber trocken. Aber Gideon hat immer noch Angst und bittet Jesus um ein drittes Wunder. Dieses Mal soll es umgekehrt sein: die Wolle trocken und der Boden nass, um zu zeigen, dass Gott wirklich mit Gideon war. Am nächsten Morgen wachte er auf und es war genauso gekommen, wie er sich das erbeten hatte. Drei persönliche Zeichen für den unsicheren ängstlichen Nachfolger Gottes. Die Midianiter sind im Land, Gideon fasste Mut. Er hat eine Armee von 32.000 Soldaten hinter sich. Viel wichtiger ist aber, dass er nun vertraute, dass Gott mit ihm ist.

Aber Gott kannte das Herz der Israeliten nur zu genau. Was würde geschehen, wenn 32.000 Israeliten gegen 135.000 Midianiter gewinnen? Sie würden sich wohl an die eigene Brust schlagen und sagen: „Gideon, hast du gesehen, was ich getan habe? 1 gegen 4! Und ich habe sie alle besiegt.“ Ein anderer springt ihm bei: „Ja, ich habe ebenso hart gekämpft und sie geschlagen.“ Die Israeliten hätten wohl gedacht, dass es ihr Stärke gewesen sie, ihr Mut, der den Sieg herbeigeführt hat. Gott wusste, dass die Israeliten nach einem großartigen Sieg nur sich selbst anbeten würden. Gott tat also etwas erstaunliches. Vor dem Kampf machte er aus 32.000 Soldaten zunächst 10.000. Am Ende waren es sogar nur 300 Soldaten. 300 gegen 135.000! Des entspricht einem Verhältnis von 1:450. Ein solcher Kampf wäre absolut aussichtslos, außer Gott ist mit einem. Und das war er. Nachdem Gott noch ein viertes Wunder rund um einen Traum gewirkt hatte, fand Gideon endlich den Mut anzugreifen. Vier Wunder. Vier Zeichen hatte es für den zweifelnden Nachfolger gebraucht. Und nun begann der Kampf, der eigentlich keiner war. Im Text wird es so beschrieben:

Und während die dreihundert Mann die Posaunen bliesen, schaffte der HERR, dass im ganzen Heerlager eines jeden Schwert gegen den andern war. Und das Heer floh bis Bet-Schitta auf Zereda zu, bis an die Grenze von Abel-Mehola bei Tabbat.

Die Israeliten bliesen in ihre Posaunen, zerschlugen ihre Krüge und was geschah? Die Midianiter gerieten in Panik und erschlugen sich gegenseitig mit ihren Schwertern. Gottes Volk musste einfach nur noch dabei zuschauen, wie Gott die Feinde besiegte. Israel war nun frei von seinen Unterdrückern. Und Gideon kehrte zurück nach Ofra, legte sich in sein Bett, sprach sein Gute-Nacht-Gebet und kuschelte sich an seine wundersame Wolle. Ende der Geschichte. Nein, so war es leider nicht. Etwas tragisches geschah. Gott hatte Gideon, seine Familie und ganz Israel gerettet. Aber am Ende von Richter 8 lesen wir die folgenden Worte:

Da sprachen die Männer von Israel zu Gideon: Sei Herrscher über uns, du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn, weil du uns aus der Hand der Midianiter errettet hast. Aber Gideon sprach zu ihnen: Ich will nicht Herrscher über euch sein, und mein Sohn soll auch nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein. – Und wir würden „Amen“ sagen, aber er ist noch nicht fertig – Und Gideon sprach zu ihnen: Eins begehre ich von euch: Jeder gebe mir die Ringe, die er als Beute genommen hat. Denn weil es Ismaeliter (das sind die Midianiter) waren, hatten sie goldene Ringe… Und Gideon machte einen Efod (das ist ein Götterbild) daraus und stellte ihn in seiner Stadt Ofra auf. Und ganz Israel trieb dort mit ihm Abgötterei. Und er wurde Gideon und seinem Hause zum Fallstrick.

Wie kann das sein? Israels Problem bestand darin, dass sie anderen Göttern hintergelaufen waren. Gott hatte vier Wunder gewirkt, fünf, wenn man den Kampf dazurechnet. Und wie endet diese Geschichte? Gideon sammelt Gold ein, um ein Götzenbild zu machen. Und Israel betete es auch noch an, als hätte eine goldene Statue sie vor den Feinden gerettet. Für niemanden endet diese Geschichte im Guten. Kein Happy End. „Und er wurde Gideon und seinem Hause zum Fallstrick.“ Gideon stirbt als Götzendiener.

Und ist euch etwas am letzten Teil dieser Begebenheit aufgefallen, etwas, das hier fehlt? Es ist ein unsicherer Gideon. Während der gesamten restlichen Geschehnisse war Gideon ängstlich gewesen. Manche Kommentatoren betonen, wie wenig Vertrauen Gideon an den Tag legt. Wie viele Wunder, wie viele Zeichen von Jesus höchstpersönlich kann einer brauchen? Immer sagte: „Hilf mir Gott! Gib mir ein Zeichen!“ Die ganze Zeit findet er keine Hoffnung in sich selbst. Er ist einfach nur schwach und sich seiner Schwäche bewusst. Aber hier in diesem letzten Abschnitt? In Richter 8 ist Gideon ein gemachter Mann. Er fühlt sich stark und braucht kein weiteres Feuer, keine weitere Wolle oder einen Traum. Er verlässt sich voll und ganz auf sich. Und was geschieht? Ein tragisches Ende. Ein Fallstrick.

Was lehrt uns diese Begebenheit? Sie lehrt uns, dass vielerlei Segen haben kann, aber das bedeutet nicht, dass es von da an nur noch bergauf gehen. Oder anders formuliert: Erfolg kann zur Sünde führen. Manchmal geschieht der tragischste Fall nach dem größten Segen. Manchmal ist die größte Gefahr für unseren Glauben nicht ein Virus, nicht der Krebs, nicht unsere Schwäche oder unsere Kämpfe. Manchmal besteht die größte Gefahr für unseren Glauben in der Stärke und im falsch verstandenen Segen Gottes. In 1Korinther 10 drückt der Apostel Paulus es so aus:

Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.

Wenn man meint, ohne Gott sei man besser dran oder dass es auch ohne ihn gehe; wenn man meint, man müsse nicht beten, damit er uns segnet und hilft – dann mag jeder zusehen, dass er nicht falle. Noah fiel. Gideon fiel. Jona fiel. David fiel. Salomo fiel. Petrus fiel.

Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.

Meine Lieben, auch wir wurden gesegnet mit Wagenladungen voll Jesus. Die meisten von uns kennen die Heilige Schrift von Jugend an. Woche für Woche hören wir das Evangelium und im Idealfall auch unter der Woche. Aber:

wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle.

Wir sollen nicht einem Bauern gleichen, der in einem Jahr seinen Samen ausbringt und eine gute Ernte einfährt. Aber dann nimmt er an, auch im kommenden Jahr wäre die Ernte wieder reich, selbst wenn er keinen Samen mehr ausbringt. Gideon erinnert uns daran, dass unser Glaube gestern nicht garantiert, dass dieser auch Morgen noch vorhanden ist.

Meine Lieben, dieser Sonntag ist nach dem Introitus benannt, der früher auf Latein gesungen wurde. Quasimodogeniti – Wie die Neugeborenen. Die Worte stammen aus 1 Petrus 2, wo es vollständig heißt:

Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

„Die vernünftige lautere Milch“ – ein schönes Bild für das Wort Gottes und für das Evangelium im Besonderen. Danach dürfen und sollen wir begierig sein, wie neugeborene Babys. Aber wie bei Gideon kann es passieren, dass Erfolg und die vermeintliche eigene Stärke uns nicht mehr begierig sein lassen. Und warum? Weil wir uns selbst dienen. Weil wir Zufriedenheit und Kraft aus uns selbst ziehen. Darum sind solche Zeiten, wie wir sie jetzt gerade erleben, durchaus auch Gnade Gottes. Denn so mancher Mangel, so mancher Stachel, der uns derzeit im Fleisch stecken mag, macht uns demütig und will uns die Gnade Gottes wieder neu ins Gedächtnis rufen, dass wir umso fester an ihr hängen. So ging es auch Paulus hinsichtlich einer schweren Zeit, die er durchmachen musste. Er schreibt:

Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe – damit ich nicht Falle und mir etwas auf meinen vermeintlichen eigenen Erfolg einbilde – , ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Gott führt uns derzeit lebendig vor Augen, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell sich sicher geglaubte Gewohnheiten in Luft auflösen können. Aber das soll uns nicht verzweifeln lassen, sondern vielmehr daran erinnern:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

In den Schwachen! Nicht in den Starken, denn die Gesunden bedürfen keines Arztes. Sondern die Kranken. Diejenigen, die erkannt haben, dass sie voll und ganz auf die Hilfe Gottes angewiesen sind, auf seine vernünftige lautere Mich des Evangeliums. Nicht nur dann und wann. Sondern jeden Tag, jede Stunde. So wie die frühere Version Gideons, der bekannte: „Ohne Gott kann es nicht gehen, ohne seine Gnade nicht funktionieren. Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch.“ Habt ihr an diese vernünftige lautere Milch des Evangeliums gedacht, als ich euch heute die Geschichte Gideons erzählt habe? Denn Jesus ist die einzige Person, die Erfolg in diesem Leben haben konnte, ohne dass ein tragischer Fall folgte. Mit 30 Jahren wurde er im Jordan getauft. Bei dieser Gelegenheit sprach Gott die Worte, die wir neulich schon einmal bedacht haben: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und welche Geschichte folgt direkt darauf? Die Versuchung Jesu durch den Teufel. Denn der Teufel weiß, wie es läuft. Es funktionierte bei David, bei Gideon, bei Noah und Jona. Sie hatten Erfolg und wurden anschließend selbstgefällig. Exakt das ist der richtige Moment zur Versuchung. Und es funktioniert fast immer. Außer dieses Mal. Jesus war hungrig, fastete, betete, zitierte die vernünftige lautere Milch des Wortes Gottes und verließ diese Wüste sündlos. Und als Jesus am Kreuz starb, war es kein weiterer Sünder, der den Tod fand. Sondern es war der Retter. Als er am Kreuz starb tauschte Jesus mit uns. Er nahm uns unsere Sünde ab und schenkte uns seine Vollkommenheit.

Ich denke an all die Details der Geschichte heute. Jesus kam zu Gideon uns sagte ihm, dass der Herr mit ihm ist. Und wegen dem, was Jesus tat, sagt er dasselbe zu euch. Egal, wie einsam und allein ihr euch auch fühlen mögt, Gott ist mit euch. Mancher meint vielleicht, es sei vollkommen unmöglich, dass Gott mit ihm ist. Er kann mir nicht so nahe sein nach allem, was ich getan habe. Jesus würde Antwort: „Der Herr ist Friede.“ Erinnert ihr euch daran, wie erstaunt Gideon darüber war, dass Gott einem Sünder von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat und voller Vergebung ist? Wir mögen 135.000 Sünden begangen haben: Jesus kämpfte und siegte für uns. Und wie Gideon und seine 300 Soldaten, die mit Posaunen und Krügen bewaffnet waren, schauen wir Gott dabei zu, wie er seinen Kampf für uns gewinnt. Und weil er das tat, was sagt er nun zu uns? Erinnert euch daran, dass Gideon ein Niemand aus einer Reihe von Niemanden war, die im Niemandsland lebten. Aber als Jesus zu Gideon kam, was sagte er ihm da: „Der HERR mit dir, du streitbarer Held!“ Und wie nennt er uns? Der HERR mit dir, du streitbarer Held Der HERR mit dir, Braut Christi. Der HERR mit dir, Brüder und Schwestern. Der HERR mit dir, Heilige Gottes. Und ein Teil in uns mag sich vielleicht gern melden und wie Gideon fragen: „Wie soll das alles gehen?“ Und die Antwort: Weil Jesus für uns und an unserer Stelle gekämpft und gesiegt hat. Denn der auferstandene Herr ist unser Retter, der uns die Ewigkeit schenkt.

Seid also begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.