Liebe für die Armen

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Jakobus 2,1-13; Trinitatis 2021

Liebe Freunde in Christus!

Manche unter uns haben sie schon gesehen: Seit einiger Zeit läuft sie durch unsere Stadt – in Lumpen gewickelt und einen Einkaufswagen vor sich herschiebend, der – so vermute ich – all ihr Hab und Gut beherbergt. Meine Kinder und ich haben sie regelmäßig auf dem Weg zur Schule gesehen. Scheinbar verbrachte sie viele Nächte im Freien in der Nähe des Westsachsenstadions. Die Frau ist offenkundig obdachlos. Die Armut ist ihr anzusehen. Und sie ist bei Weitem nicht die Einzige. Wir sehen sie manchmal in Innenstädten sitzen – einen Hut oder eine Büchse vor sich stehend, oder vor und in Bahnhöfen. Vielleicht kennen wir eine arme Familie aus der Klasse des Enkelkindes. Oder wir wissen um die 2,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, die mit weniger als 2 Euro pro Tag nach Hause gehen, obwohl sie länger und härter arbeiten als die meisten unter uns. Armut ist in der Welt. Sie ist in unserer Stadt. Sie ist in unseren Schulen und manchmal auch in unserer Kirche.

Darum meine Frage zu Beginn: Lieben wir die Armen? Ist unsere Kirche, dafür bekannt, dass sie diejenigen liebt, die in Not sind; die bedrückt und bedrängt werden; die Opfer von Ungerechtigkeit wurden; oder die, die auf der Straße leben? Heute – am Trinitatissonntag – drängt uns Jesu Halbbruder Jakobus dazu, über diese Frage nachzudenken. Am Ende des 1. Kapitel seines Briefes schreibt er die folgenden Worte:

Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.

Wollen wir wissen, ob unser Gottesdienst für Gott akzeptabel ist, geht es nicht nur darum, „sich selbst von der Welt unbefleckt halten“. Auch die Armen lieben und sich um die kümmern, die in Not sind, gehört dazu – die Waisen, die Witwen, die nicht für sich selbst sorgen können. Für Gott ist die Liebe zu den Armen keine Option. Sie ist für einen Christen nicht nur ein hehres Ziel. Liebe zu den Armen ist ein Gebot des dreieinigen Gottes.

Das fand auch einmal ein Pastor heraus, der versuchte die Armen aus der Bibel zu entfernen. Mit einer Bibel und einer Schere bewaffnet, setzte er sich hin und las Gottes Wort – vom Anfang bis zum Ende. Dabei suchte er alle Verse, die die Armen erwähnen, die Bedürftigen, die Vaterlosen, die Unterdrückten, die Waisen und solche, die unter Ungerechtigkeit und Unterdrückung litten. Jeden dieser Verse schnitt er aus. Und was hielt er nach Abschluss dieser ungewöhnlichen Aktion in Händen, die dazu bestimmt war, Christen für das Problem der Armut zu sensibilisieren? Er endete mit einer völlig zerfledderten Bibel. Ich glaube, es waren über 1.000 Verse, die er aus seiner Bibel geschnitten hatte. Nicht nur aus dem Alten Testament, als Israel ein theokratischer Staat war, der sich auch um die Armen zu kümmern hatte. Nein, vom Anfang bis zum Ende der Heiligen Schrift, hatte er Verse herausgeschnitten. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament: Der Apostel Paulus hatte von Gott den Auftrag bekommen, die Botschaft des Christentums bis an die Enden der damals bekannten Welt zu verbreiten. Den Menschen wollte er die Botschaft bringen, dass Jesus am Kreuz für ihre Sünden gestorben war. Zuvor aber ging er zu Petrus, Jakobus, Johannes und den anderen Aposteln und bat sie um ihren Segen. Und wisst ihr, was diese sagten? Paulus hat es im 2. Kapitel des Galaterbriefes für uns festgehalten:

Und da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, reichten Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Beschnittenen predigen sollten, allein dass wir der Armen gedächten – was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun.

Natürlich würden Paulus und Barnabas das Evangelium predigen. Aber eins sollten sie bedenken: dass es arme Menschen gibt, die der dreieinige Gott liebt. Für Paulus schien das klar: Wir könnte er biblisch gesinnt sein, wenn er die Armen nicht liebt, wie es auch unser Vater im Himmel tut; wie es Jesus tut und der Heilige Geist ebenso.

Das soll also heute unser Thema sein: Die Liebe des dreieinigen Gottes zu den Armen. Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem Jakobusbrief, Kapitel 2. Und wir beginnen mit den Versen 1-4. Dort schreibt der Herrenbruder:

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken?

Jakobus beginnt mit einer Geschichte: Stellt euch vor, eines Tages seht ihr, wie eine Nobelkarosse vor der Kirche einparkt. Ein gut gekleideter Mann steigt aus dem Auto, wobei seine teure Uhr das Sonnenlicht widerspiegelt. In seinen feinen Schuhen nimmt er forschen Schrittes die Stufen des Kircheneingang, nimmt seine Gucci-Brille ab und reicht euch mit selbstbewusstem Händedruck die Hand. Im Vorbeigehen erhascht ihr den Hauch seines angenehmen Parfüms. Der angenehme Geruch wird allerdings sauer, als ihm ein obdachloser Mann folgt. Seine Schuhe sind furchtbar zerschlissen und lassen noch schmutzigere Socken darunter vermuten. Er trägt ein schäbiges Flanellhemd, das vom Schweiß zu vieler Tage und Nächte unter freiem Himmel stinkt. Ein leichtes Würgegefühl überkommt euch, als er direkt hinter dem reichen Mann in die Kirche geht. Zwei Männer betreten am selben Tag dieselbe Kirche. Aber einer – so beschreibt es Jakobus in unserem Text – bekommt eine fürstliche Behandlung:

Setz du dich hierher auf den guten Platz!

Und der Andere? Er wird ignoriert, beurteilt, verurteilt mit bösen Gedanken:

Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!

Denkt ihr das, was Jakobus beschreibt, könnte auch in unserer Kirche passieren? Dass wir Leute lieben aufgrund dessen, wie viel sie haben und theoretisch und praktisch auch geben können? Kann es passieren, dass wir Menschen vor allem als Beitragszahler betrachten und diejenigen, die nichts geben können als Last empfinden, weil schließlich auch für sie Synodalbeiträge abgeführt werden müssen?

Bevor wir innerlich die Antwort darauf geben, denkt kurz über Folgendes nach: Stellt euch kurz vor, ihr arbeitet in einer kleinen Firma mit nur zwei weiteren Angestellten. Einer der Kollegen bringt euch zum Lachen und der andere treibt euch in den Wahnsinn. Mit dem einen Mitarbeiter zu reden, ist ein Vergnügen. Und es stellt eine emotionale Belastung dar, es mit dem anderen zu tun. Nehmen wir weiter an, es ist Montagmorgen und ihr seid als erstes im Büro. Eine ganze Reihe von E-Mails warten darauf, beantwortet zu werden. Plötzlich hört ihr, wie sich die Bürotür öffnet und jemand nach euch, die Firma betritt. Derjenige kommt an euren Schreibtisch und stellt eine Frage: „Bist du grad beschäftigt, so dass du keine Zeit zum Reden hast? Und die Antwort, wenn man ehrlich ist, sieht wahrscheinlich folgendermaßen aus: Es kommt darauf an. Es kommt darauf an, wer durch die Tür kam. Wenn es die Person ist, von der man meint, sie sei schwer zu lieben, dann ja: „Tut mir wirklich leid, ich würde gerne reden, aber ich bin grad sehr beschäftigt.“ Aber wenn es der Freund ist? Dann ist es vielleicht etwas anderes.

Warum passieren solche Dinge? Warum zeigen wir manchen Menschen Liebe, anderen dagegen nicht und erst recht nicht allen? Warum haben wir Zeit für manche und für andere nicht? Die Antwort lautet wohl: Tief in jedem menschlichen Herzen gibt es etwas, das bekommen will; das empfangen will; das haben will. Von einer Person erhalten wir vielleicht ein gutes Gefühl, bekommen den Lacher, empfangen die Fürsprache. Und von einer anderen Person bekommen wir das dagegen nicht. In Wahrheit ist es sogar so, dass wir etwas geben müssen. Unsere Zeit, unsere Energie, ein Stück von uns selbst. Im Gegenzug bekommen wir dafür nicht viel zurück. Was Jakobus uns in diesem Abschnitt fragt, ist: Wenn du in dein Herz schaust, bist du ein Nehmer oder bist du ein Geber? Wenn du Menschen triffst, lautet deine erste Frage da: Was kann ich aus diesem Gespräch mitnehmen? Was kann ich von dieser Person erhalten? Oder ist dein erster Gedanke: Was kann ich dieser Person geben? Wie kann ich ein Segen für diese Person sein?

Ist das nicht der Grund, warum es die ganze Bevorzugung in unserer Welt gibt? Gerade auch die Bevorzugung der Reichen gegenüber den Armen? Denn wir können eine Menge von reichen Menschen erhalten, nicht wahr? Schenkt man einem reichen Gast in der Kirche Aufmerksamkeit, bekommt man vielleicht eine großzügige Spende. Oder auf Arbeit: Vielleicht kann man sich ein wenig bei demjenigen einschleimen, der gute Beziehungen hat und man so den Auftrag bekommt, die Beförderung oder was auch immer. Aber die Armen können das nicht. Die Armen haben keine guten Beziehungen, die sie spielen lassen könnten. Sie können in der Regel keine mehrstelligen Summen spenden. Im Gegenteil: Es ist wohl eher so, dass wir geben. Unsere Zeit, unsere Energie, unser Geld. Jakobus stellt uns mit seiner Geschichte die sehr überführende Frage: Wenn du in dein Herz schaust, bist du ein Nehmer oder bist du ein Geber? Oder wie er es formuliert:

Macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken?

Der Herrenbruder hat noch mehr zu sagen. In den Versen 5-9 heißt es nun weiter:

Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.

Wenn wir die Armen nicht lieben, dann erinnert uns Jakobus daran, dass Gott es tut. Gott erwählt die Armen in der Welt, wie es im Text heißt. Er wählt die Menschen aus, die der Welt nichts zu geben, die nur eine leere und offene Hand, haben. Und er macht sie reich im Glauben. Er macht sie zu Erben seines Reiches, das für immer und ewig währt. Und ist das nicht das vornehmste Gesetz, das Gott gegeben hat? Nicht nur Gott von ganzem Herzen zu lieben, wie er sagt, sondern unseren Nächsten wie uns selbst? Das ist das königliche Gesetz, wie Jakobus es in unserem Text nennt – das Gesetz, das vom König der Könige und dem Herrn der Herren kommt. Und wenn Gott will, dass wir unseren Nächsten lieben, ist dann nicht auch der Arme unser Nächster?

Jakobus fährt fort im Text:

Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2. Mose 20,13-14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes.

Wenn wir meinen, unsere Frömmigkeit sei gut in den Augen Gottes, aber wir gleichzeitig nicht die Armen lieben, dann – so zeigt es uns Jakobus – haben wir es nicht richtig durchdacht. Denn das Gesetz Gottes erlaubt uns nicht, einige Gebot auszuwählen, andere dagegen zu ignorieren. Ich meine, stellt euch das an anderer Stelle vor. Wie wäre das bei einem Mann, der vor Gericht steht, weil er 18 Menschen getötet hat. Zu seiner Verteidigung sagt er im Zeugenstuhl: Wissen Sie, Euer Ehren, ich gebe zu, dass ich 18 Frauen getötet habe. Aber eins kann ich ihnen versichern: Meine Frau habe ich kein einziges Mal betrogen.“ Würden wir ihn davonkommen lassen, wären wir anstelle des Richters? Natürlich nicht. Man kann sich nicht aussuchen, welche Gesetze man einhält und welche nicht. Oder stellt euch vor, ein Polizist hält euch an und ihr sagt ihm: „Ja stimmt, ich bin auf der Spielstraße 90 km/h gefahren und habe den Schülerlotsen und ein paar Grundschüler gestreift. Aber wissen Sie was? Ich hatte eine Brille in der korrekten Sehstärke auf.“ Der Polizist würde uns wohl nicht nur verwarnen. Er würde uns festnehmen. Man kann nicht einfach ein Gebot halten und die anderen ignorieren. Jakobus sagt in unserem Text dasselbe: Man kann nicht in die Kirche gehen, Kollekte geben, die Bibel lesen und beten, aber das Gebot ignorieren, welches besagt: „Liebe deinen armen Nächsten wie dich selbst.“

Und deshalb schlussfolgert Jakobus nun folgendermaßen:

Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Jakobus macht es deutlich: Seid vorsichtig! Hört auf damit, Menschen mit bösen Gedanken zu verurteilen, wie zum Beispiel diesen: „Wenn sie es sich verdient hätten, dann würde ich vielleicht helfen.“ Ist es nicht das, was im Mittelklasse-Zwickau oft geschieht? „Es gibt doch Hartz IV und Obdachlosenhilfe, die armen Menschen helfen, oder? Und wenn sie sich in der Schule wirklich angestrengt hätten; und wenn sie härter arbeiten würden und einen Job bekämen; und wenn sie keine Kinder außerhalb der Ehe gezeugt hätten, dann wären sie nicht in dieser misslichen Lage. Also: Wenn sie es sich verdient haben, indem sie härter arbeiten, dann werde ich vielleicht helfen.“ Aber das ist nicht barmherzig. Hätte Gott dieselbe Logik auf uns angewandt, was wäre dann passiert? „Es ist doch ihre Schuld, dass sie sich in dieser sündigen Lage befinden? Sie haben all diese falschen Entscheidungen getroffen. Würde ich sie jetzt segnen, könnte es passieren, dass sie meinen Segen missbrauchen und ihn für den geistlichen Alkohol und die Drogen dieser Welt ausgeben. Also werde ich nichts tun.“ Nein, das ist nicht das, was Gott getan hat. Er zeigte Barmherzigkeit. Und Jakobus sagt in unserem Text heute: Ich möchte, dass ihr dasselbe tut. Hört auf, die Armen zu verurteilen und fangt an, Barmherzigkeit zu zeigen.

Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Wie immer redet Jakobus unverblümt. Aber letztlich sagt er nur das, was auch schon Jesus sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – auch deinen armen Nächsten. Investiert so viel Zeit in die Bedürfnisse deines armen Nachbarn wie in deine eigenen. Das ist das königliche Gesetz. Das ist ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott.

Es war einmal eine reiche Frau, die nie geheiratet hatte. Sie besaß zwar ein riesiges Vermögen, hatte aber keine Kinder, denen sie es hätte vererben können. Es gab aber einen Neffen, der in ihren Augen der Hauptkandidat war, ihr Erbe anzutreten. Dieser Neffe war immer nett zu ihr. Er zeigte sich mitfühlend. Er rief an ihrem Geburtstag an. Einmal im Monat kam er vorbei. Aber die reiche Frau hatte Gerüchte gehört, dass er sehr ehrgeizig war und nicht jeden so behandelte wie sie. Bevor sie also beschloss, ihn als Erben einzusetzen, wollte sie ein Experiment durchführen. Sie verkleidete sich als jemand, der arm war und nichts hatte. Sie wollte herausfinden, wie er sie behandeln würde. Und genau das hat sie getan. Eines Tages zog sie ihre Designerklamotten aus und fand eine schmutzige alte Jogginghose. Sie verschmierte ihr Make-up im ganzen Gesicht. Ihre Haare hatte sie schon seit Tagen nicht gewaschen. Schließlich warf sei ein Sweatshirt mit Kapuze über und legte sich auf die Veranda seines Hauses. Am Morgen kam ihr Neffe heraus, um die Zeitung zu holen. Als er sie erblickte, war sofort offensichtlich, dass er seine ganze Freundlichkeit drinnen gelassen hatte. Er verurteilte sie sofort wegen ihres Aussehens. Erst ignorierte er sie erst, dann schrie er sie an, dann fluchte er und drohte ihr, die Polizei zu rufen, wenn sie nicht sofort verschwinden würde. So erfuhr sie vom Zustand des Herzens ihres Neffen: Er liebte sie nicht um ihrer selbst willen. Er liebte sie, weil er dachte, er würde ihren großen Reichtum bekommen.

Wussten ihr, dass Jesus genau das Gleiche tut? In Matthäus Kapitel 25 schrieb Jesus diese unglaublichen Worte:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit… Da wird dann der König sagen:… Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Jesus liebt es, sich zu verkleiden. Aber er kleidet sich nicht in die königlichen Gewänder der Reichen, sondern in die zerrissenen Kleider der Armen. Das ist ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott: Sehen wir die Verbindung zwischen dem Gott, der die Armen liebt, und den Armen, die uns im täglichen Leben begegnen, als so eng an, dass wir die beiden nicht trennen können. Wir dürfen wissen: Jedes Mal, wenn wir geben, lieben und jemandem dienen, der nichts anzubieten hat, wir damit eigentlich Jesus selbst dienen, der sagt:

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Meine Lieben, hat Jakobus unsere Aufmerksamkeit? Auch der Herrenbruder zeigt uns ein weiteres Mal, dass die Liebe, die wir haben sollten, unsere größte Lieblosigkeit offenbart.

Ich weiß nicht, wer von euch den Film „Die Schöne und das Biest“ kennt. Nach dem Tod seiner Mutter, lebt ein junger Prinz im Herzen Frankreichs. Er liebt glamouröse Feste und schöne Frauen, sich selbst jedoch am meisten. Eines Tages sucht bei einem seiner Feste eine alte Frau vor einem Sturm Zuflucht in seinem Schloss. In seiner Selbstsucht erkennt der Prinz sofort: Von dieser Frau habe ich nichts zu erwarten. Sie kann mir nichts geben. Also schickt er sie fort – zurück in die Kälte und den Sturm. Seid ihr nicht auch froh darüber, dass unser Friedefürst diesem Prinzen kein Stückchen ähnelt? Ich meine, das Gesetz Gottes zeigt uns immer wieder, wie oft wir daneben liegen. Im Kleinen wir im Großen. Es hält uns allen vor Augen, wie viel Zeit und Geld wir für Dinge aufwenden, die so wenig bedeuten. Es hält uns vor Augen, wie oft wir schon achtlos an den Armen und damit an Jesus vorübergangen sind – vielleicht sogar mit bösen Gedanken im Kopf. In seinem Gesetz lässt Gott uns erkennen, dass wir geistlich gesehen der Frau gleichen, die als arme Bettlerin vor des Prinzen Palast um Eintritt bat. Wir sind die Armen! Und wie sie kommen auch wir mit leeren Händen: Wir können Gott keinen unglaublichen Glauben anbieten, der immer die Armen lieben würde. Stattdessen haben wir nichts anzubieten, dass er uns Eintritt in sein Reich geben müsste. Aber, meine Lieben, wir haben keine Bestie als Prinzen. Wir haben einen wunderbaren Retter und den Friedefürsten. Wir folgen einem Jesus, der nicht darauf gewartet hat, was er von uns bekommen kann. Stattdessen hat er einfach die Frage gestellt: Was kann ich euch geben?

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Das hat Jesus getan: Er zog die königlichen Gewänder aus, die er im Himmel hatte. Er verließ die Herrlichkeit und den Lobpreis der Engel und kleidete sich in Armut. Jesus wurde nicht auf feinster ägyptischer Baumwolle geboren. Er wurde auf dem schäbigen Heu eines Futtertroges geboren, in Windeln gewickelt. Aber als er aufwuchs, wurde es offensichtlich: Jesus liebte die Armen, die ihre Hände ausstreckten und einfach sagten: „Herr, sei den blinden Bettlern und den trauernden Witwen gnädig“ Jesus liebte sie. Und er blieb stehen und gab nicht nur Geld. Er gab seine Zeit für sie. In Wahrheit gab er sogar das Größte von allem: Er kümmerte sich nicht nur um ihre physischen Bedürfnisse. Er gab sein Leben am Kreuz, um die Sehnsüchte aller bedürftigen Seele zu stillen.

Das ist der Jesus, dem wir folgen: Er gibt uns auch heute Vergebung und Gnade und Barmherzigkeit. An unserer Stelle war Jesus großzügig, wo wir oft geizig waren. An unserer Stelle hatte Jesus Zeit, sich um die Bedürfnisse und Nöte anderer zu kümmern, wo wir so hektisch uns mit uns selbst beschäftigt vorübergingen. Für unsere Sünden starb er am Kreuz. Für uns führte er ein vollkommenes Leben, um es uns schenken zu können. Kein Wunder also, was Jakobus zu Beginn unseres Textes heute sagte:

Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.

Und dann später im Text:

Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?

Als wir arm waren und nichts anderes sagen konnten als „Herr, erbarme dich meiner!“, wählte Gott die Liebe zu uns. Und er gab uns das Erbe, das wir wie der Neffe aus der Geschichte vorhin nicht verdient hatten. Er machte uns zu seinen Kindern, zu Söhnen und Töchtern, denen er das Erbe des Himmels schenkt. Ist das nicht der Grund, warum wir Jesus lieben? Und an dem Tag, wenn er zurückkommt, werden wir ihn vollkommen lieben und ihm dienen. Aber bis zu diesem Tag werden wir ihn ebenso lieben. Wir werden ihn lieben, wenn wir ihn mit nichts in Händen sehen, in alten Schuhen und in schmutziger Kleidung, hungrig und durstig.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.