Lobpreis inmitten des Schmerzes

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Das Buch Hiob, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Liest man die Heilige Schrift, stellt man schnell fest, dass Satans größtes Ziel – dass was er Tag und Nacht ausheckt und plant – darin besteht, Gott und uns voneinander zu trennen. Die von Liebe geprägte Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf möchte er zerstören: Also, dass wir darauf vertrauen, dass Gott die Liebe ist; dass er nicht nur die ganze Welt liebt, sondern auch jeden Einzelnen von uns ganz persönlich; dass Gott immer für uns und bei ist; dass er uns unsere Sünden vergeben und uns gerettet hat. Und Satan möchte auch die Antwort auf diese Liebe zunichtemachen: Also dass wir Gott von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von ganzer Seele zurücklieben und unseren Nächsten wie uns selbst. In diese von Liebe geprägte Beziehung will Satan sich drängen. Die Mittel, um sein Ziel zu erreichen, sind ihm dabei egal, solange sie funktionieren: Er kann uns bitter machen gegen die Kirche und das Christentum im Allgemeinen. Oder er hält uns so beschäftigt mit guten Dingen, dass sie der besten und wichtigsten Sache im Leben im Wege stehen. Wie auch immer er es erreicht: Sein Wille besteht darin, dass wir heute Abend ins Bett gehen und nicht darauf vertrauen, dass Gott voller Liebe zu uns ist.

Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt Satan – wie gesagt – viele Wege. Aber einer der effektivsten ist wohl Schmerz. Manchmal stimmt die Redewendung zwar, dass Not beten lehrt. Oft ist es aber so, dass Leid für uns zu einem Fragezeichen hinter der Liebe Gottes wird. Und ich verstehe, warum diese Taktik funktioniert. Im zwischenmenschlichen Bereich ist es schließlich so: Wenn jemand sagt, dass er uns liebt, und wir machen etwas Schweres durch, derjenige hilft uns aber nicht, lässt uns das ganz gewiss in Zweifel darüber geraten, ob seine Worte stimmen. Hat einer die Macht, unsere Probleme zu lindern oder zu beseitigen, derjenige legt aber die Hände in den Schoß, dann beginnt man sich automatisch zu fragen, ob das wirklich Liebe ist. Nimmt man nun die biblische Lehre von Gottes Liebe und von seiner Allmacht zusammen, scheinen Schmerz und Leid keinen Sinn zu ergeben. Denn wenn Gott so mächtig und so liebevoll ist, warum sollte ich dann etwas so Schweres durchmachen müssen? Warum lebe ich dann mein Leben allein – ohne Partner an meiner Seite? Warum kommt der Krebs zurück? Warum kann ich keine Kinder bekommen? Warum ist mein Berufsleben so schwierig? Warum wird es nicht besser mit meiner Depression? Hat man zu Gott nicht nur einmal oder zweimal wegen seines Schmerzes gebetet, sondern ihn oft – manchmal jahrelang – angefleht, und er bringt ihn nicht in Ordnung, dann mag man die Frage stellen: „Ernsthaft, Gott?! Du bist der Gott, der Meere teilen und Wasser in Wein verwandeln kann, aber mein Problem, mein Leid kannst du nicht lindern oder lösen?“ Es ist ein großer Kampf in einer Welt wie dieser mit Leben wie den unseren, vom ersten bis zum letzten Tag an einer der grundlegendsten Aussagen der Heiligen Schrift festzuhalten: Gott ist die Liebe – Punkt.

Das soll unsere Frage für heute sein: Wie antwortet man auf Schmerz und Leid? Ob nun auf den der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft: Wenn das Leben schwer wird: Was tun wir, um uns gegen das größte Ziel des Teufels zu wehren und ihm zu widerstehen? Die Frage ist wichtig: Denn einige mag das Leid näher zu Gott bringen. Aber viele treibt es von ihm weg. Und schon so mancher endeten als Atheist – genau wegen dieser Frage.

Hilfe finden wir im Buch Hiob und damit bei der Geschichte des Mannes, der vermutlich mehr gelitten hat als wir alle zusammen. Vergangene Woche sagten wir, dass es im Buch Hiob vor allem um eine Sache geht: Nämlich um die Liebe Gottes. Es geht um die Frage: Werde ich Gott auch dann lieben, wenn das Leben schwer wird? Oder gehe ich zum Gottesdienst, bete und gebe Kollekte nur deshalb, weil Gott mich so reich segnet? Und gleichzeitig: Liebt Gott mich? Wenn er Leid zulässt, ist er wirklich der Gott der Liebe – wie er es ja behauptet? Um diese Liebesbeziehung zwischen Gott und uns geht es bei Hiob.

Erinnern wir uns noch einmal kurz an vergangene Woche: Hiob lebte vermutlich um das Jahr 2000 v. Chr. – etwas zur Zeit Abrahams. Er hatte eine Frau. Drei Töchter. Sieben Söhne. 11.500 Tiere. Dazu jede Menge Angestellte. Er war ein guter Mann mit einem guten Leben. Bis dieser seltsame Vers im Buch auftaucht, in welchem Satan vor Gott erscheint und diesem eine Frage stellt: „Liebt Hiob dich wirklich? Du hast ihn reich gesegnet. Logisch, dass er dir vertraut und dich anbetet. Aber ich wette, dass er dir ins Angesicht absagen wird, nimmst du ihm sein gutes Leben.“ Und Gott antwortete darauf:

Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.

An dieser Stelle steigen wir heute Morgen wieder ein. Unser Predigttext stammt aus dem Buch Hiob, Kapitel 1, und wir beginnen bei Vers 13:

An dem Tage aber, da Hiobs Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Die Leute aus Saba lebten als Nomaden in der Wüste im Gebiet des heutigen Jemen bzw. Saudi-Arabiens. Sie fegten vermutlich auf ihren Kamelen heran und nahmen 1.5000 von Hiobs Tieren. 10 Prozent seines Besitzes mit einem Schlag weg. Aber noch viel Schlimmer: Alle Knechte tot. All seine Angestellten, für die Hiob mit Sicherheit gut sorgte und auch betete – mit einem Male ermordet. Nur einer von ihnen schafft es – verschwitzt, gebrochen und verstört – zu Hiob mit der schlechten Nachricht. Weiter mit Vers 16:

Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Feuer Gottes! War es ein Meteorit? Ein Gewittersturm? War es übernatürliches Feuer wie einst in Sodom und Gomorra? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen: Das Feuer war nicht menschengemacht. Es kam vom Himmel – Feuer Gottes. In einem Moment waren 7.000 Schafe Vergangenheit. Über 50% von Hiobs Besitz. Und zudem all seine Knechte verbrannt und getötet von dem Feuer, das vom Himmel fiel. Vers 17:

Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Die Leute aus Saba stammten aus dem Süden, die Chaldäer lebten im Norden. Offenbar mit einem genauen Plan kamen sie, um Hiob seines Besitzes zu berauben. 3.000 Kamele verliert Hiob in kurzer Zeit. Zudem werden auch diese Angestellten ermordet. Und nun ist alles dahin: Hiobs ganzes Unternehmen ist bankrott. 11.500 Tiere weg. Nahezu alle Angestellten tot. Und ich wünschte, das wäre der schlimmste Teil. Vers 18:

Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Satan leckte sich die Lippen. Die Engel, die die Zukunft nicht kennen, hielten den Atem an. Hiob war ein gottesfürchtiger Mann. Gott hatte ihn reich gesegnet. Aber nun war dieser Segen von einem Moment zum nächsten vergangen. Würde Hiob Gott dennoch fürchten? Würde er ihn lieben?

Würde er ihm vertrauen? Würde er seine Faust im Zorn erheben gegen einen Gott, der all das hätte verhindern können, es aber nicht getan hat? Oder würde Hiob auf die Knie fallen und Gott anbeten? Der Himmel hielt in diesem Moment den Atem an. Und die Hölle tat es ebenso. Wie würde Hiob reagieren?

All das erinnert mich an die Geschichte einer Frau, die vor drei Jahren durch die Presse ging. Mit ihrer Familie war sie in den Urlaub gefahren. An einem sonnigen und schönen Tag wollte die Familie einen Ausflug unternehmen – genauer auf einem Boot. Der Bootsführer meinte beim Einstieg noch zu der Familie, dass zwar Rettungswesten an Bord seien. Aber diese werden nie gebraucht. Sie könnten sie einfach liegenlassen. Aber dann zog aus dem Nichts ein Sturm auf. Der ruhige See war binnen weniger Sekunden von großen Wellen aufgewühlt. Diese schwappten über die Vorderseite des Bootes und brachten es schließlich zum Sinken. An diesem Tag starben 17 Menschen – darunter 9 Familienmitglieder dieser einen Frau: Ihr Ehemann – tot. Ihre neunjährige Tochter – tot. Ihr siebenjähriger Sohn – tot. Und – ihr Baby – ihr Einjähriges – tot. Sie selbst überlebte gerade eben so. Als sie aus dem Wasser gezogen und wiederbelebt war, wünschte sie, die Fluten hätten auch sie verschluckt. In einem Hiobsmoment hatte sich das gesamte Leben dieser Frau verändert. Wie geht man mit einer solchen Situation um? Diese Frau war eine Christin wie wir es heute Morgen in dieser Kirche sind. Wie wir saß sie Sonntag für Sonntag im Gottesdienst, hörte Gottes Wort, betete und sang. Wie wir vertraute sie auf ihren Retter und Heiland Jesus Christus. Wie würde diese Frau auf all das reagieren?

Und wie würde Hiob reagieren? Bote auf Bote war mit tragischer Nachricht zu ihm geeilt. Wie geht Hiob damit um? In Vers 20 erhalten wir eine erste Antwort:

Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt…

Hiob trauerte. Er zerriss sein Gewand, wie es die Menschen in dieser Kultur taten, um äußerlich zu zeigen, wie zerrissen sie sich innerlich fühlten. Und er rasierte sich den Kopf. Mit nichts mehr in Händen brach er einfach zusammen. Und doch hatte er alles. Vers 20 geht nämlich noch weiter:

Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief

Neigte sich tief – das hebräische Wort steht für die Anbetung des Herrn und für den Gottesdienst. Oder mit anderen Worten: Hiob sagt zu Gott: „Du bist es wert. Du bist dessen würdig, dass ich mich vor dir verneige und dich anbete – selbst im Angesicht des großen Leids, welches mich getroffen hat.“ Auch wir haben uns heute zum Gottesdienst versammelt, obwohl wir tausend andere Dinge tun könnten – Warum? Weil wir daran glauben, dass Gott es wert ist. Er ist es wert, dass wir sein Wort anhören. Er ist es wert, dass wir ihn mit unseren Liedern und Gebeten die Ehre geben. Denn er hat unsere Herzen angerührt. Er hat uns von unseren Sünden gerettet, ist von den Toten auferstanden und hat alle unsere Feinde besiegt. Manche werden heute Kollekte geben, obwohl sie nicht viel auf dem Bankkonto haben – Warum? Weil Gott es wert ist. Er ist voller Liebe, Gnade und Barmherzigkeit – und das treibt uns zum Gottesdienst. Genauso war es auch bei Hiob: Inmitten seines Schmerzes und seiner Trauer sagte er: „Gott du bist es wert. Mein Herz ist in Stück gerissen. Und dennoch bist du meines Lobes und Dankes würdig.“

Das provoziert die große Frage: Wie konnte Hiob so denken? Ich meine, man kann den freien Willen des Menschen dafür verantwortlich machen, dass die Leute aus Saba und die Chaldäer kamen und alle Tiere nahmen. Aber wer kontrolliert das Feuer des Himmels? Wer den Wind, der von der Wüste kam? Antwort: Gott! Wie kann man Gott sagen, dass er es wert ist, wenn er gleichzeitig derjenige ist, der direkt oder indirekt für den Schmerz verantwortlich ist, den man gerade durchmacht? Wir werden gleich Hiobs Antwort lesen. Aber bevor wir das tun: Was Hiob antwortet, wäre nicht das gewesen, was ich jemanden sagen würde, dem großes Leid widerfahren ist. Der vielleicht ein Kind verloren oder einen schweren Unfall hatte. Mir würden vor allem zwei Dinge einfallen, die ich sagen würde: Erstens: Gott ist immer noch bei uns. Es schmerzt, es ist schlimm – aber Psalm 34,19:

Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Gott ist hier und er ist treu. Und zweitens: So sehr es schmerzt – der Schmerz hat niemals das letzte Wort. Gott hat für uns eine Wohnung im Himmel bereitet – an einem Ort, wo es keinen Schmerz, keine Trauer, keine Tränen, keine Beerdigung und keine Tragödien mehr gibt. Aber weder das eine noch das andere sagt Hiob. Er fällt nicht auf die Erde und sagt zu Gott: „Danke, dass du immer noch bei mir bist – obwohl es meine Kinder nicht mehr sind.“ Ebenso wenig sagt er: „Ich bete dich an, weil du mir das ewige Leben verheißen hast.“ Was Hiob sagt, ist viel erstaunlicher als das. Vers 21:

Hiob sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! – In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Hiob sündigte nicht – im Gegenteil: Er wischte Satan das Grinsen aus dem Gesicht. Und er sagte eben nicht: „Gott, warum hast du mir das angetan?!“ Nichts dergleichen tut Hiob. Stattdessen betet er Gott an und lobt dessen Namen. Und seine Logik dabei ist bestechend:

Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.

Mit anderen Worten: Hiob wendet sich ab von seinem Schmerz, wirft einen Blick auf sein gesamtes Leben und sagt: „Als ich geboren wurde, war ich splitternackt.“ Hiobs Mutter presste ihren Sohn nicht mit 3.000 Kamelen in der Hand aus ihrem Leib. Nichts besaß er, als er zur Welt kam. Für Hiob bedeutete das logischerweise, dass Gott ihm alles gegeben hatte. Dass er eine Familie hatte, war ein Segen Gottes. Seine Kinder – eine Gabe des Herrn. Seine Kamele, Eselinnen und Rinder – Gottes Geschenke an ihn.

Der HERR hat’s gegeben

So bekennt es Hiob. Und:

der HERR hat’s genommen

Am Ende eines Lebens sagen auch wir es heute noch: „Man kann nichts mitnehmen.“

Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.

Und alles zwischen diesen beiden nackten Tagen stammt von Gott. Er gibt und er kann nehmen.

Das, was Hiob hier bekennt, ist das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass wir nur Haushalter in dieser Welt sind. Haushalter zu sein, bedeutet: Wenn es etwas Gutes in unserem Leben gibt, gehört es uns in Wahrheit nicht uns, sondern Gott lässt es uns verwalten. Wir haben Schuhe an den Füßen, Geld auf dem Konto, vielleicht eine gute Gesundheit und eine Familie, für die wir sorgen. Nichts davon gehört uns. Denn mit nichts kamen wir in diese Welt, was bedeutet, dass Gott es uns geschenkt haben muss. Und gehören ihm alle Dinge, hat er jedes Recht, uns auch wieder alles zu nehmen. Das ist der grundlegende Glaube, der uns vor Bitterkeit bewahrt – vor Wut und dem Hinterfragen der Liebe des Gottes, der die Liebe ist.

Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen

Und alles, was ich danach bekommen habe, lag allein an Gott. In seiner Güte und Liebe hat er mich gekleidet und mir ein Dach über dem Kopf gegeben, mich mit Essen und Trinken versorgt – und mit so vielem mehr. Kommt nun der Moment, in welchem Gott manchen Segen zurückverlangt, wäre es da nicht unlogisch zu sagen: „Wer denkst du bitte, wer du bist! Gehört alles mir!“ Hiob hat recht, wenn er bekennt:

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Was Hiob durch sein Leid lernt, wollen wir für uns folgendermaßen festhalten: Gesteht Gott das Recht zu! Er hat das Recht, zu geben und zu nehmen. Er kann reich segnen oder es sparsam tun. Gott hat das Recht dazu – und wir dürfen es ihm auch geben. Denn so werden wir Gott nicht beschuldigen, dass er uns Unrecht getan hat.

Das tat auch die Frau, der dieses schlimme Bootsunglück widerfuhr, von dem ich vorhin erzählte. Acht Tage, nachdem ihr Leben geradeso gerettet worden war, fand die Beerdigung ihrer Familienmitglieder statt. Vier weiße Särge standen an diesem Tag auf dem Friedhof. Ihr Mann, ihre neunjährige Tochter, ihr siebenjähriger Sohn, ihr Baby. Während des Gottesdienstes saß die Frau in der ersten Reihe. Der Pastor las Gottes Wort. Entfernte Familienmitglieder und Freude trauerten mit ihr. Sie alle sangen Lieder und lobten Jesus. Sie alle beteten mit gebrochenem Herzen zu Jesus. Aber die Wahrheit war: Die Gottesdienstteilnehmer waren nicht diese Frau. Sie würden später nach Hause gehen zu ihren Familien. Sie würden über das Spielzeug ihrer Kinder stolpern, diese in den Arm nehmen und sich am Abend ins warme Bett neben den Partner legen. Die Frau konnte all das nicht mehr tun. Kein fröhliches Kindergeschrei in ihrem Haus. Die Betten leer. Was soll man tun in einer solchen Situation? Antwort: Diese Frau feierte Gottesdienst. Während der Beerdigung sah man sie immer wieder, wie sie ihre Hände zum Gebet faltete. Sicher hat sie Jesus um seine Hilfe gebeten. Sicher hat sie ihm ihr Herz ausgeschüttet. Sicher hat sie den Namen des Herrn gelobt. So wie Hiob.

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Die Frage für uns heute lautete: Gestehen wir Gott das Recht zu, zu geben und zu nehmen? So schwer es auch wäre; so undenkbar es ist, darüber nachzudenken: Werden wir Gott das Recht auf alles in unserem Leben zugestehen? „Gott, ich bitte dich heute um einen guten, schmerzfreien Tag. Aber wenn du ihn mir nicht schenkst: Du hast das Recht dazu!“ „Gott, ich wünschte dieser Knoten in meiner Brust wäre nichts weiter. Aber wenn doch: Du hast das Recht dazu!“ „Gott, ich will, dass es meine Ehe schafft und tue, was nötig ist. Aber wenn alles nichts hilft: Du hast das Recht dazu!“ „Ich möchte, dass die anderen Kinder in der Schule nett zu meinem Kind sind. Aber selbst, wenn sie es nicht sind, selbst wenn Schule für sie eine harte Erfahrung darstellt: Du hast das Recht dazu!“ „Gib mir Geld und nimm es. Gib mir Gesundheit und nimm sie mir. Gib mir alles oder nichts. Am Ende hast du alles Recht dazu!“ Das ist es, was uns für die Höhen und Tiefen des Lebens vorbereitet: Die einzige Konstante in unserem Leben, die immer bei uns ist und uns niemals verlässt, anzubeten und zu preisen. Gott selbst!

Meine Lieben, es ist schwer, Gott das Recht zuzugestehen, zu geben und zu nehmen, wie er es für richtig hält. Aber bei Hiob finden wir auch dafür Hilfe. Schon vergangene Woche wies ich auf die zwei Namen Gottes hin, die im Buch Hiob immer wieder auftauchen: Der eine Name lautet „Gott“ – auf Hebräisch „Elohim“. Dieser Name steht für Gottes Macht und Stärke. Der zweite Name lautet „Herr“ – auf Hebräisch „Jahwe“. Er bedeutet „Ich bin, der ich bin.“ Gott ist. Und er ist anwesend und sich selbst und uns immer treu. Er macht ein Versprechen und hält es garantiert. Interessant ist nun das Folgende: Fast das gesamte Buch über wird der Name „Jahwe“ nicht verwendet. Besonders als Hiob und seine Freunde 35 Kapitel lang über Gott und das Leid argumentieren, heißt es immer nur: Gott, Gott, Gott, Gott. Kraft, Macht, Kraft. Aber hier im ersten Kapitel des Buches und besonders in Hiobs Worten, nachdem ihm alles genommen wurde – wie nennt er da Gott?

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Jahwe, Jahwe, Jahwe: Ich bin, ich bin, ich bin. Der Gott, der alle seine Verheißungen einhält und sich uns gnädig zuwendet. Hiob ist nur deshalb in der Lage zu beten, als er am Boden liegt, weil er weiß, dass es einen Gott gibt, der bei ihm ist – auch mitten im finsteren Tal. Wir dürfen und sollen ebenso darauf vertrauen: Wenn wir uns abmühen; wenn wir inmitten von Schmerz und Leid stecken; wenn unsere Liebe zu Gott nur noch einem glimmenden Docht gleicht, dann dürfen wir an die Verbindung zwischen Hiob und Jesus denken.

Denn Jesus gleicht in gewisser Hinsicht Hiob. Er hatte zwar keine 11.500 Tiere – dafür aber zehntausend Mal zehntausend Engel. Jesus war reich wie Hiob und gab doch alles auf – anders als Hiob aus freiem Willen. Vor 2.000 Jahren wurde er in der kleinen Stadt Bethlehem geboren. Nackt ist er von seiner Mutter Maria Leibe gekommen. Und 33 Jahre später starb er nach Meinung der meisten Historiker nackt an einem römischen Kreuz. Und sein Vater hatte es gegeben, sein Vater hatte es genommen. Jesus trauerte wie Hiob: Hiob hatte sich sein Gewand zerrissen. Jesus wurde sein Gewand abgenommen. Hiob hatte sich das Haupt rasiert. Jesu Haupt war mit einer Dornenkrone gekrönt. Jesus hatte wie Hiob Fragen an Gott und wünschte sich, dass der Kelch des Leids an ihm vorübergehen möge. Und doch hat er, genau wie Hiob, seinen Vater nicht beschuldig, ihm Unrecht getan zu haben, als das Leid dann doch über ihn hereinbrach. Stattdessen hat er alles für euch und für mich durchlitten. Die gute Nachricht der Bibel ist, dass Jesus all das durchmachte und Gott sogar inmitten des Sturms lobte und preiste, damit wir das wissen können: Gott ist nicht nur derjenige, dem alles gehört und der daher alles Recht hat, zu geben und zu nehmen. Er ist auch derjenige, der alles getan hat, damit wir und er für immer zusammen sein können – er gab sogar seinen Sohn. Inmitten des größten Schmerzes dürfen wir daher wissen: Gott ist immer noch hier. Und er kommt bald wieder, um mich zu sich in die ewige Herrlichkeit zu holen. Und mit seiner Hilfe stehe ich einen Tag nach dem nächsten durch bis zu jenem Tag, an dem ich sein Angesicht sehen werde. Und Satan kann wüten oder wimmern: Durch Gottes Stärke und Gnade dürfen wir es glauben. Er ist nicht nur Gott, sondern der Herr:

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.