Mann und Frau in der Kirche

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Septuagesimä, St. Petri 2020

Liebe Freunde in Christus!

In den vergangenen beiden Wochen unterhielten wir uns über das Thema „Mann und Frau“. Dabei riefen wir uns ins Gedächtnis, dass Gott ganz am Anfang diese beiden Geschlechter schuf – und zwar einzigartig und zugleich miteinander vereint. Physisch unterscheiden wir uns voneinander – und auch hinsichtlich unserer Berufung. Wir hatten gesagt, dass ein Mann einer Rippe gleichen soll – stabil, schützend, hingebungsvoll – so dass das Herz und die Lunge darunter frei schlagen und atmen können. Und wir hörten von der hohen und heiligen Berufung der Frau. Ihr wird in der Bibel der Name gegeben, der im Übrigen Alten Testament nahezu exklusiv Gott zugeschrieben wir. Sie wird „Gehilfin“ genannt. Mit ihren Gaben, ihrem Glauben, ihrer Erfahrung, ihrer Intelligenz und ihrem Wissen, ist sie dazu berufen, den Menschen in ihrer Umgebung zu helfen.

Wir hatten aber auch von der traurigen Wahrheit gehört, dass Mann und Frau in Sünde fielen. Davon blieb auch die Frage nach den Geschlechtern nicht unberührt. Scham war in der Welt. Beide klagten sich gegenseitig an. Aber Gott überließ das erste Menschenpaar nicht sich selbst. Unmittelbar nach dem Sündenfall mit all seinen schrecklichen Konsequenzen, gab Gott den Beiden das Versprechen, dass Jesus kommen und Satan den Kopf zertreten würde. Er würde leben, sterben und auferstehen zur Vergebung aller Sünden und so den Himmel aufschließen für jeden, der auf Jesus vertraut.

Heute nun wollen wir unseren Blick auf die Frage nach „Mann und Frau in der Kirche“ richten. Was haben die Dinge, worin die beiden Geschlechter einzigartig bzw. miteinander vereint sind, mit der Gemeinde Gottes zu tun? Das Thema „Mann und Frau in der Kirche“ ist sicher für viele von uns mit starken Emotionen oder gar Frustration verbunden. Denn auch diejenigen, die Jesus lieben und seinen Willen gern tun wollen, schauen auf den Umgang mit diesem Thema und haben Bauchschmerzen oder Schlimmeres. Und so mancher hat schon gefragt, ob die entsprechenden Bibelstellen falsch ausgelegt oder angewendet werden. Die Heilige Schrift ist in jedem Fall immer die richtige Quelle, an die wir uns wenden wollen, wenn wir Fragen haben. Denn weder die weltlich-traditionelle Sicht auf Mann und Frau kann maßgeblich für uns Christen sein noch die kulturelle Denkweise unserer Zeit. Was sagt also Gottes Wort?

Bevor wir aber gleich Gottes Wort aufschlagen, denkt kurz mit mir über folgende Frage nach: Wie geht es uns mit diesem Thema? Mir persönlich ist es immer irgendwie fremd geblieben. Wie ihr wisst, bin ich atheistisch aufgewachsen – allerdings mit zwei starken Frauen, die mich großgezogen haben. Die Fragen, die mir hier als Pastor begegnet sind, waren daher alles andere als vertraut und entsprachen nicht meinem bisherigen Erfahrungshorizont. Aber ich bin eine Ausnahme unter uns. Die allermeisten sind seit ihrer Geburt Christen und Mitglieder dieser Gemeinde bzw. Kirche. Und da mögen die Erfahrungen im Wesentlichen in zwei Richtungen gehen:

Für manche ist dieses Thema mit Frustration verknüpft. Man kennt all die Bibelstellen zu „Mann und Frau in der Kirche“. Aber der Umgang damit fühlte sich dennoch oft zu harsch oder abrupt an. Gott liebt die Welt; wir haben alle denselben himmlischen Vater und sind Eins in Christus? Es mag sich manchmal nicht so angefühlt haben, besonders als Frau. Dieses Thema kann mit starken Emotionen und negativen Erfahrungen verbunden sein. Obendrein bewegt einen vielleicht die Frage, ob die Bibelstellen wirklich richtig ausgelegt worden sind – frei von jedem Zeitgeist – ob nun der von vor 100 Jahren oder der unserer Gegenwart.

Für andere sehen die Erfahrungen mit diesem Thema sicher ganz anders aus.

Man kennt die Stellen, ist mit ihnen aufgewachsen und ist sich der Verschiedenheit der Geschlechter bewusst. Und doch verknüpft man damit Positives, weil man Männern und Frauen in der Kirche begegnete, die demütig waren, freundlich und die sich gegenseitig aufopferungsbereit dienten. Liebe und Vertrauen bestimmten das Bild – und weniger die Frage, wer die letzte Entscheidung fällt oder wer welches Amt ausübt.

Letzteres ist immer das Ziel, nicht wahr? Diese Gemeinde soll doch ein Ort sein, an dem Männer und Frauen positive Erfahrungen machen und sich keiner aufgrund seines Geschlechtes zurückgesetzt fühlt. Spannungen, Auseinandersetzungen, Kampf – das will sicher keiner unter uns. Stattdessen soll Liebe und Wertschätzung das Bild prägen – ähnlich zu einem Ehepaar, dass sich liebt und dient – auf eine Weise, dass man nicht vermuten würde, dass es ein offizielles Haupt der Familie gibt – einfach, weil es funktioniert.

Allerdings richten wir unseren Blick heute zunächst auf eine Kirche, in der es nicht so zuging. Das Gegenteil war der Fall: In der korinthischen Kirche ging es drunter und drüber. In den beiden Korintherbriefen lesen wir von einem Mann, der mit seiner Stiefmutter schlief. Andere Gemeindeglieder zerrten sich gegenseitig vor heidnische Gerichte. Wieder andere besuchten nach dem christlichen Gottesdienste Prostituierte. Und mancher betrank sich am Abendmahlswein. Und auch das gemeindliche Leben an und für sich war nicht immer ein Gutes. Der 1. Korintherbrief besteht aus 16 Kapiteln – vier davon drehen sich um konkrete Gemeindefragen. Denn als Menschen mit verschiedenen Gaben und unterschiedlichen Geschlechtern aufeinandertrafen, kam es zu großen Problemen, weil Gottes Ordnung missachtet wurde.

Wie beantwortete der Apostel Paulus nun diese Probleme? Einen ersten Vers wollen wir uns vor Augen führen – 1 Korinther 11, Vers 3. Dort heißt es:

Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist das Haupt Christi.

Der Mann ist das Haupt der Frau – hier haben wir wohl eine der umstrittensten Formulierung der Heiligen Schrift vor uns. Aber bevor wir genauer darauf eingehen, was das bedeutet, will ich unsere Aufmerksamkeit auf das Ende des 3. Verses lenken: Gott aber ist das Haupt Christi. Diese Aussage will unsere Annahmen und Emotionen zum Thema Mann und Frau durcheinanderbringen.

Es ist doch interessant, dass der Apostel Paulus – als er über die kontroverse Debatte rund um Mann und Frau spricht – das Verhältnis von Gott, dem Vater, und dessen Sohn Jesus Christus thematisiert. Er schreibt: Gott ist das Haupt Christi. Dieser Gedanke mag überraschen, vor allem aus unserer heutigen Perspektive heraus: Wenn wir davon hören, dass jemand das Haupt von jemanden ist – etwa der Mann über die Frau – dann verbinden wir vielleicht damit, dass derjenige wichtiger wäre, irgendwie überlegen oder bessergestellt. Aber die Worte des Paulus durchbrechen diese Gedanken: „Gott aber ist das Haupt Christi.“

Ganz offensichtlich ist in der Beziehung zwischen Vater und Sohn – auch wenn sie an Macht und Ehre gleich sind – einer von beiden das Haupt. Und es ist nicht Jesus. Einer war verantwortlich für den großen Plan. Und der andere ordnete sich diesem Plan unter. Und das war Jesus. Dennoch: Wenn wir heute eine Kirche betreten, fühlen wir uns doch nicht schlecht für Jesus. Wir denken nicht, dass er auch nur irgendwie minderwertig sei – quasi das Hausmädchen für den himmlischen Vater. Solche Ideen kommen uns noch nicht einmal in den Sinn. Das ganze Gegenteil ist der Fall: Wir haben Ehrfurcht vor Jesus, weil er Gott ist. Und wir lieben ihn, weil er uns errettet hat. Jesus ist mutig, demütig, stark und aufopferungsbreit. Jesus ist wunderbar, ganz ohne das Haupt zu sein.

Und noch mehr: Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist von lauter Liebe geprägt. Mindestens zweimal während Jesu Erdenzeit, riss der Vater quasi den Himmel auf, um aller Welt zu verkünden: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus war und ist so geliebt vom Vater. Als er daher sich dem Willen des Hauptes unterordnen musste, war es zwar schwer, so dass Jesus betete, dass der Kelch des Leids an ihm vorübergehen möge. Aber er konnte eben auch anfügen: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Warum sagte Jesus das? Ich meine, er ist dem Vater an Macht und Ehre gleich. Warum sagt er da nicht: „Mein Wille geschehe“? Und die Antwort lautet: Gott aber ist das Haupt Christi.

Das ist es auch, von dem Paulus will, dass wir darüber nachdenken, wenn wir über Mann und Frau in der Kirche reden. Was auch immer wir zu diesem Thema sagen oder entscheiden, wenn wir uns als Männer und Frauen nicht an dieser vollkommenen Beziehung zwischen Vater und Sohn ausrichten, dann versäumen wir etwas Entscheidendes. Wenn wir die Bibelstellen zu Mann und Frau auf unsere Zeit anwenden, wir aber Frauen sich nicht so fühlen lassen wie Jesus und Männer wie unseren Vater im Himmel, dann haben wir etwas versäumt. Denn es ist dieser wunderschöne Zusammenhang des Evangeliums, in dem Paulus schreibt:

der Mann aber ist das Haupt der Frau

Innerhalb von Kirche und Gemeinde ist der Mann also dazu berufen, wie Gott, der Vater, zu sein. Und die Frau ist dazu berufen, wie Jesus zu sein. Damit ist weder Vollkommenheit gemeint noch die göttlichen Eigenschaften. Es geht hier um den Vergleichspunkt: Nämlich die liebevolle Gemeinschaft, die der Vater mit dem Sohn hatte und umgekehrt. Und das, obwohl Gott als das Haupt Christi bezeichnet wird. Aber in der Beziehung zwischen Vater und Sohn ist eben nichts, was auch nur irgendwie mit Schwäche zu tun hätte, mit Abwertung oder gar Minderwertigkeit. Es gibt in dieser Beziehung keinen Neid und niemanden, der frustriert das Handtuch wirft. Und daher ist es die Berufung für Mann und Frau in der Kirche diese vollkommene Beziehung zwischen Vater und Sohn widerzuspiegeln.

Aber was bedeutet das nun? Was bedeutet es praktisch, dass der Mann dazu berufen ist, wie Gott, der Vater, das Haupt zu sein? An zwei Dinge kann man dabei denken: Das Haupt, der Kopf, ist wichtig. Und er ist abhängig.

Erstens: Das Haupt ist wichtig. Ein Körper ohne Kopf ist kein guter Körper. Denn der Kopf gibt die Richtung vor, in welche sich der ganze Körper bewegt. Wir kennen das vielleicht von einem Spaziergang. Wo immer wir hinschauen, dahin zieht es auch unseren Körper. Spaziert man zum Beispiel mit Freunden und ich schaue nach links, weil ich etwas entdeckt habe, wird es meinen Körper unmerklich in dieselbe Richtung treiben. Darin besteht die wunderbare Berufung, die der Vater hat. Er hatte den Heilsplan zur Errettung dieser Welt und damit jedes Einzelnen von uns. Und Jesus folgte dem. Und darin besteht auch die Berufung des Mannes. Er kennt die Richtung – nämlich, dass er Menschen näher zu Jesus, näher zu Gott bringen soll. Dorthin soll er führen – in Liebe. Und was könnte wichtiger sein als das?

Zweitens: Das Haupt ist abhängig. Ich habe noch nie einen abgetrennten Kopf auf dem Boden liegen sehen und gedacht: „Dir geht’s ja richtig gut. Mal was ganz Ausgefallenes. Schöne Augen übrigens.“ Und selbst wenn ein Kopf ohne Körper überleben würde, könnte er seiner Aufgabe nicht nachkommen. Er kann in eine bestimmte Richtung schauen, in die er gern gehen würde. Aber ohne Körper? Unmöglich. Das erinnert uns daran, wie Gott die Frau am Anfang schuf. Er nannte sie „Gehilfin“. Denn eine Frau ist dazu berufen zu helfen, um näher zu Jesus, näher zu Gott zu gelangen. Das Haupt mag also wichtig sein, aber es ist niemals unabhängig. Im Gegenteil: Es ist voll und ganz abhängig von den Gaben, dem Glauben und der Mitarbeit der Frau in der Kirche.

So sieht also der Grundsatz aus. Im restlichen Teil des Abschnitts wendet Paulus diesen Grundsatz dann auf die korinthische Kirche des 1. Jahrhunderts an. Er spricht zum Beispiel über das Bedecken des Hauptes und über die Haarlänge von Mann und Frau. Ich werde darauf nicht näher eingehen, weil dieser Abschnitt eine Anwendung auf die korinthischen Verhältnisse damals darstellt. Offenbar gab es die Sitte, dass ein bedecktes bzw. unbedecktes Haupt eine Aussage darüber darstellte, wie man zu Gott und seinem Willen stand. Desgleichen stellte langes bzw. kurzes Haar je nach Geschlecht, eine schockierende kulturelle Aussage dar. Was Paulus hier aber schlicht und ergreifend macht, ist die Anwendung des Grundsatzes, den er zuvor dargelegt hatte – auf die Verhältnisse damals. Was bedeutete es, dass der Mann wie Gott, der Vater, und die Frau wie Jesus sein sollten? Die Anwendung rund um bedeckte Häupter und die Haarlänge kann sehr verwirrend sein. Aber darum geht es auch nicht: Wir müssen heute nicht mehr über die Bedeutung von Kopfbedeckungen diskutieren oder einem Mann sagen, wie lang oder kurz sein Haar sein darf. Das alles stellt nicht die Anwendung des Grundsatzes für unsere Zeit und Kultur dar.

Aber das ist nicht das einzige Moment im 1. Korintherbrief, wo Paulus über die Frage von Mann und Frau spricht. In Kapitel 14 redet er ziemlich deutlich über das öffentliche Predigtamt. Über die Position also, in der jemand Gottes Wort predigt und die Gemeindeglieder zuhören und sich dem fügen sollen – nicht wegen des Mannes hier vorn, sondern weil es Gottes Wort ist. Dazu heißt es in 1. Kor 14, Vers 34:

Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt.

Mit Gemeindeversammlung ist nicht das gemeint, was wir unter dem Begriff verstehen. Gemeint ist hier vielmehr der öffentliche Gottesdienst, zu dem sich die ganze Gemeinde versammelte.

Und bei den Worten des Paulus könnte man sich nun hinstellen und sagen:

Da haben wir es! Die Kirche sagt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Mann und Frau. Keine Erfindung. Keine Tradition. So steht es in Gottes Wort. Und das stimmt auch. Das Gesetz Gottes sagt, dass es Zeiten gibt, in denen Männer aufstehen und reden sollen. Und es wäre nicht richtig, würde die Frau dasselbe tun. Sie soll vielmehr schweigen, zuhören und lernen. Oder mit anderen Worten: Das öffentliche Predigtamt – insofern es sich an eine gemischte Gruppe aus Männern und Frauen richtet – ist den Männern vorbehalten.

So formuliert es auch Paulus im 1. Timotheusbrief, wo es im 2. Kapitel heißt:

Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva.

Da haben wir es also. Das Wort des Herrn. Fall geschlossen.

Aber allein bei dieser Feststellung stehen zu bleiben, wäre ein großer Fehler.

Und wisst ihr warum? Weil Kapitel 14 des 1. Korintherbriefes nicht direkt auf Kapitel 11 desselben Briefes folgt. Zumindest meine Mathelehrerin hat mir in der 1. Klasse beigebracht, dass nach der 11 noch die 12 und 13 kommen, bevor die 14 an der Reihe ist. Meines Erachtens kommt all der Kampf, all der Streit, all das Unbehagen zwischen den Geschlechtern daher, dass man diese Mitte bestehend aus Kapitel 12 und 13 vergisst oder leicht übersieht. Wenn wir den Grundsatz anwenden, dass der Mann das Haupt der Frau ist und die Frau deshalb in bestimmten Momenten schweigen und sich unterordnen soll, wir dabei aber die Mitte auslassen – dann muss es schiefgehen.

Deswegen wollen wir auf diese Mitte zwischen Kapitel 11 und 14 noch ein wenig genauer eingehen. Kapitel 12 des 1. Korintherbriefes dreht sich darum, wie sehr wir einander brauchen. Das machen schon die beiden Überschriften in diesem Kapitel deutlich: „Viele Gaben – ein Geist“ „Viele Glieder – ein Leib“ Paulus schreibt in beinahe poetischen Worten über den Leib Christi. Und er schreibt darüber, wie wertvoll jedes Glied in der christlichen Kirche ist – und wie notwendig.

Die Korinther brauchten diese Worte. Denn manche in dieser Gemeinde – vermutlich die Männer, die einen gewissen Einfluss hatten – schauten auf andere herab – vermutlich auf viele der Frauen. Und sie dachten dabei: Wir brauchen euch nicht. Denn wir tun die harte Arbeit. Wir haben den Plan. Und der Rest ist gefälligst still und ordnet sich unter.

Aber Paulus greift solches Denken in Liebe an. Gleichzeitig wusste der Apostel, dass es in dieser Kirche auch solche gab, die sich minderwertig fühlten, nicht gebraucht, unnötig. Manche von ihnen scheinen neidisch gewesen zu sein. Paulus begegnet diesem Denken, indem er darauf verweist, wie wichtig jedes einzelne Glied am Leib Christi ist. Oder mit anderen Worten: Wir brauchen einander. Und dabei spielt es keine Rolle, in welcher Position man sich gerade befindet – jedes Glied am Leib Christi ist wichtig. Paulus drückt es in Kapitel 12, Vers 24 und 25, so aus:

Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei – keine Spaltung zwischen Mann und Frau, wichtig oder unwichtig, über- und unterlegen – , sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen.

In gleicher Weise füreinander sorgen! Wenn ein Mann nicht für die Frau sorgt, dann vergisst oder übersieht er diese Mitte! Wenn eine Frau die Wichtigkeit der Männer nicht bedenkt, übersieht sie diese Mitte! Und diese Mitte besteht erstens darin, dass wir einander brauchen, und zwar jeden Einzelnen. Egal welchen Geschlechts. Oder mit anderen Worten: Als Christen in der Gemeinde sind wir bedürftig und werden zugleich gebraucht. Niemand unter uns ist unabhängig. Eine Gemeinde kann niemals gesund sein und funktionieren, solange wir nicht bedenken, dass egal, wer diese Kirche betritt, dieser ein wichtiges Glied am Leib Christi ist, welches gebraucht wird.

Und was folgt auf die 12? – Natürlich die 13. Dort finden wir kein hübsches Gedicht über Hochzeiten. Sicher, bei vielen Trauungen sind diese Worte über die Liebe zu hören. Und das passt ja auch gut: Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie bläht sich nicht auf.

Aber Paulus dachte nicht zuerst an die Ehe. Er schreibt diese Worte an eine strauchelnde Gemeinde, in der nicht jedes Glied als gleichwertig geschätzt wurde. Er schreibt an Männer, die ungeduldig waren, stolz, und die die Frauen der Gemeinde nicht beschützten. Er schreibt an Frauen, die zu Zeiten neidisch waren, sich daher leicht aufregten und in Zorn gerieten – oder die sich nicht freuen konnten, über die gottgegebenen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Genau an diese Gemeinde richtet Paulus seine Worte:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf…

Meine Lieben, wenn wir das übersehen, dann werden uns die unterschiedlichen Berufungen von Mann und Frau auseinanderreißen. Aber wenn wir an Christus denken, der die Liebe in Person ist; ja, der uns zuerst geliebt und uns dazu berufen hat, einander zu lieben, dann wird das immer helfen. Das ist also die zweite vereinigende Wahrheit: Wir brauchen einander. Und wir lieben einander. Es ist dieser Kontext, in dem Paulus über das Verhältnis von Mann und Frau in der Kirche redet. Dieser Kontext – diese Mitte – ist es, den wir nicht vergessen sollen. Das ist der Kerngedanke, den ich gern festhalten möchte: Männer, Frauen, Brüder, Schwester, Söhne, Töchter: Vergesst die Mitte nicht.

Wie sieht es bei uns damit aus? Wie geht es den Frauen? Wie geht es den Männern? Ein weiser Pastor sagte sinngemäß einmal das Folgende: Wenn wir über das Thema Mann und Frau reden, dürfen wir die herzzerbrechend hohe Zahl an Frauen nicht vergessen, die einen Großteil ihres Lebens von Männern umgeben waren, die in keiner Weise Gott, dem Vater, glichen. Ihre Väter, die Typen in der Schule, der erste Freund, der Ehemann. Es gibt leider viel zu viele Männer, die emotional manipulativ sind, die Frauen beschimpfen oder ihre körperliche Überlegenheit in aggressiver Weise ausnutzen. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist wunderschön. Aber die Realität ist nun einmal, dass wir Sünder sind und Männer oft in keiner Weise dem himmlischen Vater gleichen. Sie sind nicht selbstlos, noch strahlen sie mit ihrer ganzen Autorität aus, dass sie ihre Gegenüber lieben und es brauchen.

Der weise Pastor sagte außerdem: Wir dürfen nicht vergessen, wie schwer es ist, die Worte über Mann und Frau zu hören, wenn man durch solche Dinge hindurchmusste. Und er hat recht. Ich schätze, wenn euch diese Thematik nicht sonderlich betrifft, dann hat euch Gott mit guten Männern in eurem Leben gesegnet. Einen guten Vater – ein Mann, der euch respektiert und wertgeschätzt hat. Ein Pastor, der euch Fragen gestellt und euren Antworten zugehört hat, die dann Ausdruck in seinen Predigten fanden. Einen guten Mann, der einer Rippe gleicht.

Hatte man das dagegen nicht, dann möchte ich heute eine Sache dazu sagen: Diese Männer haben die Mitte vergessen. Was Gott lehrt, was gut und richtig ist, ist nicht das, wodurch schon so manche Frau hindurchmusste. Jeder Mann, der einer Frau mit Aggressivität begegnet, sie nicht schützt und ihr gegenüber auf der Liebe beharrt, liegt falsch – und das ist nicht das, wofür wir als Gemeinde und Kirche stehen. Und es ist erst recht nicht das, wofür Gott steht.

Nein, man nennt es Sünde. Das Ziel jeder Gemeinde und Kirche muss also darin bestehen, dass Frauen nicht noch einmal durch diese Dinge hindurchmüssen.

Im Gegenteil: Durch die Gnade Gottes ist uns allen vergeben. Und diese Vergebung darf gerade uns Männern Ermunterung sein, einander in Liebe und Wertschätzung zu begegnen. Wir können an dieser Stelle sicher nur bekennen, dass wir darin alle oft genug versagt haben. Schämen wir uns dafür und tun wir als Männer Buße. Bekennen wir unsere Sünden. Immer in dem Wissen, dass Jesu Gnade größer ist als unser Versagen. Und das darf uns dann Motivation sein, unser Leben mit Hilfe des Heiligen Geistes fortan zu bessern. Mehr Fragen zu stellen. Besser zuzuhören. Mehr wertzuschätzen. Die Augen zu öffnen und die Gaben unserer Frauen zu erkennen und wie sehr wir auf sie angewiesen sind. Und egal, welchen Platz wir in dieser Gemeinde haben: Nutzen wir ihn, um zu dienen, einzubinden und zu lieben. Denn ohne die Frauen, wären wir wie ein Kopf ohne Körper. Wir könnten niemals den guten Kampf des Glaubens kämpfen.

Und es gilt natürlich auch den Frauen. Auch für sie ist es leicht, die Mitte zu vergessen. Manchmal fühlen sich Frauen übersehen oder ungeliebt – oft sicher zu recht. Und dann ist es einfach, die Seiten aus Gottes Wort zu vergessen, die uns wichtig sein wollen. Paulus schreibt:

hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Wenn ihr euch Frauen also trefft – besonders dann, wenn kein Mann anwesend ist – entscheidet euch dafür, etwas zu sein. Fallt nicht in dieses Verhalten, das nicht geduldig ist, nicht freundlich und nicht liebevoll. Denn das wäre nicht gut für uns alle. Ihr mögt Recht haben: Ich mag als Pastor eine Fehlbesetzung sein. Die Männer dieser Gemeinde und Kirche mögen schon oft gegen euch gesündigt haben. Aber hättet ihr die Liebe nicht, so wärt ihr nichts. Euch ist vergeben, so vergebt auch euren Schuldigern. Das Haupt zu sein, mag aus der Distanz einfach aussehen. Es ist daher sehr leicht, darüber zu urteilen, wie man die Dinge besser machen könnte. Wichtiger aber ist eure Hilfe. Wir brauchen uns alle gegenseitig. Und besonders brauchen wir Männer eure Worte, eure Gebete und eure Weisheit. Helft also. Wählt die Liebe. Und freut euch über Gottes Berufung.

Und es gilt uns allen – Frauen und Männern, Brüdern und Schwestern, Töchtern und Söhnen: Dankt Gott für Jesus! Denn wir sind Sünder, die in vielfältiger Weise sowohl die Berufungen als Mann und Frau vergessen und ebenso die Mitte. Aber Gott sei Dank – wir haben Jesus. Durch ihn wissen wir, wer wir sind.

Kein Fehler. Sondern ein Kind Gottes. Wegen Jesus und dem, was er für uns tat, sind wir keine elenden Männer und Frauen mehr, sondern es gibt keine Verdammnis für diejenigen, die in Christus Jesus sind. Denn Jesus kam in diese Welt. Und an seinem Kreuz erkennen wir die Liebe. Jesus suchte nicht das seine, Jesus eiferte nicht, Jesus blähte sich nicht auf und rechnete das Böse nicht zu. Stattdessen freute er sich an der Wahrheit, ertrug alles, hoffte alles, duldete alles. Jesus ordnete sich dem Willen des himmlischen Vaters unter, so dass die Vergebung uns gehört. Wenn wir diese Kirche heute also wieder verlassen, muss niemand mit Schuld beladen sein, mit Scham oder dergleichen.

Wir dürfen und sollen unsere Sünde bekennen. Aber Jesus vergibt alle Sünden.

Und durch den Beistand des Heiligen Geistes hilft er uns auch, unser Leben fortan zu bessern. Wir sind also niemals allein. Jede Frau und jeden Mann zu lieben – das ist schwer. Aber denken wir immer an den Gott, der bei uns ist. Denken wir an den Heiligen Geist, der in uns wohnt und uns führt und tröstet.

Meine Lieben, wenn wir uns alle gemeinsam daran erinnern, ist alles gut. Selbst dann, wenn wir uns über all die schwierigen Fragen unterhalten. Ich stehe kurz davor, Amen zu sagen. Aber ihr habt sicher gemerkt, dass ich mit keiner Silbe diese Fragen erwähnt habe: Was ist mit Bibelstunden oder dem öffentlichen Verlesen von Gottes Wort? Wer kann den Chor leiten? Wer Kassierer sein? Wie sieht es mit dem Stimmrecht aus? Wisst ihr, wie meine Antwort auf diese Fragen lauten: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Kapitel 11 des 1. Korintherbriefes spricht von Kopfbedeckungen und der Haarlänge. Es spricht dagegen nicht über die Organisationsform deutscher Gemeinden des 21. Jahrhunderts. Ich weiß es also nicht. Aber eine Sache weiß ich: Wenn wir einander brauchen und wenn wir einander lieben – dann finden wir die richtigen Antworten. Wenn wir dagegen in diesen Fragen starr auf unseren Positionen verharren und dabei die Liebe vergessen, dann kann es nie gut werden. Aber wenn wir die Mitte nicht vergessen – also dass wir alle Glieder an Jesu Leib sind, dazu berufen uns zu brauchen und zu lieben – dann wird das, was wir entscheiden, gut sein – auch wenn es zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Gemeinden, verschieden ausfällt. Dann wird kein Kampf sein, sondern gegenseitige Annahme. Und wir alle können unsere Gaben zur Ehre Gottes einsetzen. Vereint als Männer und Frauen – als Brüder und Schwestern – als Freunde in Christus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.