Selbstbeherrschung

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Galater 5,22f – St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Vor etwa 20 Jahren – bevor ich Theologie studierte und Pastor wurde – arbeitete ich in einem ambulanten Pflegedienst in Berlin. Damals fuhr ich von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, um Patienten in ihrer vertrauten Umgebung zu betreuen. Und weil Berlin eben Berlin ist, brauchten viele dieser Menschen Hilfe, nicht weil sie alt geworden waren, sondern weil sie an einer Alkoholsucht litten. Nachdem ich meine Aufgaben erledigt hatte, saß ich oft mit ihnen in der Küche oder im Wohnzimmer und wir unterhielten uns. Ein Thema kam bei diesen Gesprächen fast immer auf den Tisch: Selbstbeherrschung. „Warum bin ich wieder rückfällig geworden?“ „Dieses Mal nehme ich es mir ganz fest vor: Ich rühre nie wieder einen Tropfen Alkohol an.“ „Ab jetzt wird alles anders.“ „Zukünftig werde mich besser beherrschen.“ Manchmal erinnere ich mich an ihre Gesichter, an ihre Geschichten und die Umstände, unter denen sie leben mussten – und ich denke dabei: Wie viel hängt im Leben doch von dieser einen Sache namens Selbstbeherrschung ab. Ich ging damals zurück in eine Wohnung und legte mich am Abend in ein komfortables Bett. Manche meiner Patienten hausten auf einer alten heruntergekommenen Matratze, irgendwo in einer Ecke liegend. Ich kaufte mir gutes Essen auf dem Nachhauseweg. Sie bekamen ihr Geld zugeteilt, damit sie nicht alles für Alkohol ausgeben. In meiner Freizeit konnte ich machen, was ich wollte. Der Zeitplan meiner Patienten war oft durch den Alkohol diktiert. Wie viel hängt doch ab – von dieser einen Sache namens Selbstbeherrschung.

Und das ist nicht nur wahr hinsichtlich solcher Menschen, die Opfer der Droge Alkohol geworden sind. Ist es nicht so, dass die Qualität unseres irdischen und geistlichen Lebens zu einem großen Teil von unserer Selbstbeherrschung abhängt? Ich will niemanden erschrecken, aber denkt darüber nach: Jeder von uns könnte sein Leben in weniger als einer Stunde vollständig ruinieren. Eine falsche Entscheidung kann eine Familie zerstören, uns ins Gefängnis bringen oder eine Abhängigkeit nach sich ziehen. Im Leben hat man oft keine 5 Chancen. Manchmal braucht es nur eine Entscheidung, durch welche das Leben eine harte Wendung nimmt und auf dem Kopf steht. Darüber wollen wir heute Morgen nachdenken:

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit;

Keuschheit – oder verständlicher übersetzt: Selbstbeherrschung – um diese Frucht des Geistes soll es heute gehen.

Denn wir sind tagtäglich vielen Versuchungen ausgesetzt. Manch einem geht es wie meinen Patienten und Alkohol übt eine große Anziehungskraft aus, der man schon allzu oft nachgegeben hat. Überhaupt flüchtet man sich gern aus seinem Leben – durch Alkohol, stundenlanges Klicken durch das Internet oder Einkaufen. Aber es sind nicht nur solche Dinge: Wir können unser Leben auch mit einem Verhalten durcheinanderbringen, das gemeinhin als akzeptabel betrachtet wird. Andere kontrollieren zu wollen, gehört dazu. In jedem Gespräch muss man Recht behalten. Die Dinge auf Arbeit oder Zuhause oder in der Gemeinde haben nur nach den eigenen Vorstellungen zu laufen – andernfalls reagiert man mit Unbehagen oder wird aggressiv. Keinesfalls rückt man auch nur einen Millimeter von seinem Standpunkt ab. Oder: Wir sollen in Frieden leben, weil Gott der König der Könige und der Herr aller Herren ist. Aber man ist zu sehr damit beschäftigt, sich Sorgen zu machen. Oder wir sollen geduldig, freundlich und liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen. Aber man hat keine Zeit, weil so viele Dinge auf der To-Do-Liste stehen; Wenn wir den Teil in uns nicht beherrschen, der supertoll und außergewöhnlich sein will, dann kann das unser Leben durcheinanderbringen. Was auch immer es sein mag: In euch und in mir ist etwas, das leicht versucht werden kann. Zudem steckt die Welt um uns herum voller Dinge, die uns versuchen wollen. Wenn ihr und ich es zulassen, dass diese Beiden miteinander Tango tanzen, kann uns das viele Beschwernisse einbringen. Wenn wir allerdings mit der Hilfe Gottes der Versuchung widerstehen und ein Leben in Selbstbeherrschung führen, dann ist das mit vielen guten Dingen verbunden.

Darüber redet auch das Buch der Sprüche Salomos. In Kapitel 25, Vers 28, dichtete der weise König das Folgende (NL):

Ein Mensch ohne Selbstbeherrschung ist so schutzlos wie eine Stadt mit eingerissenen Mauern.

Denkt man an alte Zeiten zurück, wird klar, was Salomo meint: Damals hing alles davon ab, wie stark die Mauern der eigenen Stadt waren. Waren sie eingerissen oder brüchig, konnten Feinde eindringen, stehlen und brandschatzen. Lebte man dagegen innerhalb intakter und starker Mauern, konnten Widersacher zwar mit ihren Säbeln rasseln. Den Einwohnern ging es dennoch gut und sie konnten in Frieden leben, weil sie gut beschützt waren. Der Feind konnte bellen, aber eben nicht beißen. Unsere Stelle aus den Sprüchen sagt nun, dass mit Selbstbeherrschung jede Menge Segen verbunden ist. Ich bin mir also nicht sicher, womit ihr zu kämpfen habt. Ich kenne eure Lieblingssünden oder Laster nicht. Aber eins weiß ich: Wir alle haben etwas. Heute wollen wir die Heilige Schrift befragen, wie Gott uns hilft, uns selbst zu beherrschen. Ob es Wut ist oder Angst, Ungeduld oder Kontrollsucht: Was tut Gott, um in uns langsam und stetig die Frucht der Keuschheit oder Selbstbeherrschung wachsen zu lassen. Zwei Punkte wollen wir dabei bedenken.

Und der erste Punkt für heute Morgen lautet: Gott lässt die Frucht der Selbstkontrolle wachsen durch Leitplanken. An vielen Straßen – besonders auf Autobahnen – sieht man sie: Leitplanken. Sie dienen dazu, dass man nicht aus Versehen in den Gegenverkehr gerät. Oder ein noch besseres Bild: An gefährlichen Stellen, wo man leicht von der Straße abkommen und einen Abhang hinunterstürzen könnte, sind Leitplanken aufgestellt, um genau das zu verhindern. Und das lässt sich auch auf unser geistliches Leben übertragen: Wenn man weiß, dass es Dinge gibt, die in der Lage sind, einen in den Abgrund zu ziehen, ist es gut, sich selbst eine Regel aufzuerlegen, die das verhindert. Wie eine Leitplanke Abstand zum Abgrund hält, so ist es für uns manchmal gut, einen gewissen Abstand zu einer bestimmten Sünde einzunehmen. Also Dinge zu lassen, die technisch gesehen keine Sünde darstellen, uns aber leicht zur Sünde verlocken können. Der Apostel Paulus hat es am besten ausgedrückt. In 1. Korinther 6,18 schreibt er an Gemeindeglieder in einer Stadt, die angefüllt war mit sexueller Unmoral und Prostitution – alles Dinge, die damals als selbstverständlich in der griechische Kultur galten. Den Christen in einem solchen Umfeld rät der Apostel deshalb das Folgende:

Flieht die Hurerei!

„Flieht!“ – das ist eine gute Ermunterung, nicht wahr? Paulus hätte schreiben können: „Widersteht!“ Oder der Apostel hätte sagen können: „Du sollst nicht!“ Aber anstelle dieser beiden Dinge, schreibt er etwas anderes: „Flieht! Haltet Abstand! Ihr seid gerade Christen geworden. Ihr habt eine Menge Erfahrung darin, beim Tempel vorbeizuschauen. Und ihr wisst: Wenn ihr sie seht und sobald sie subtil lächelt und euch zuzwinkert, seid ihr erledigt.“ Was rät der Apostel also? „Flieht! Lauft weg! Tretet einen Schritt zurück und nehmt den Umweg durch die Stadt. Was auch immer ihr tun müsst, um so weit wie möglich von der Versuchung entfernt zu bleiben, tut es!“ Leitplanken! Eines der weisesten Dinge, die wir also tun können, besteht darin, herauszufinden worin für uns der Abgrund besteht – und wie es aussehen würde, weit weg von diesem Abgrund zu bleiben.

Lasst es mich folgendermaßen beschreiben: Ich habe hier zwei Magneten. Stellen wir uns vor, einer von beiden ist die Sünde, die imstande ist, unser Leben gehörig durcheinander zu bringen. Wenn man damit weitermacht, endet man als Süchtiger, verliert das Vertrauen eines geliebten Menschen, seinen Job oder die Verbindung zu Gott. Stellen wir uns weiter vor, der andere Magnet ist man selbst. Was wäre das Klügste, wenn wir wissen, dass das Zusammentreffen dieser beiden Magneten unser Leben gehörig auf den Kopf stellen würde? Bestünde es darin, der Sünde immer näher zu kommen und zu sagen: „Das zu tun, ist nicht falsch. Es gibt keine Bibelstelle dagegen. Ich fasse es nicht an.“ (Magneten zusammen). Da ist etwas Mächtiges an der Sünde, dass uns immer wieder anzieht wie ein Magnet. Und wir fragen uns anschließend: „Wie konnte das passieren? Ich habe nicht geplant, das zu tun. Ja, ich hasse das Böse doch und betete deswegen.“ Und Gott sagt: „Hör zu! Kenne dich! Flieh! Halte Abstand!“ Für andere Christen ist das vielleicht nicht die Versuchung. Vielleicht können sie dies und jenes tun und es verführt sie nicht zur Sünde. ber wenn uns ein Verhaltensmuster an uns auffällt, das immer dann auftritt, wenn wir einer Sünde nahekommen, dann ist das Klügste, was wir tun können, zu fliehen.

Welche Sünde ist es für uns? Und wie würde es aussehen, Leitplanken einzurichten und zu fliehen. Für manche ist es vielleicht das Internet. Instagram, Facebook und all die anderen Seiten zu nutzen, ist zunächst einmal nicht falsch. Es gibt keine Bibelstelle, die sagen würden: „Du sollst kein Internet benutzen!“ Aber vielleicht hat man sich selbst dabei beobachtet, dass man nicht nur schaut, sondern begehrt. Oder man neigt dazu, auf sozialen Plattformen anzugeben. Oder man durchblättert das Internet nicht nur, sondern vergleicht sich ständig mit anderen. Anschließend fühlt man sich nicht geduldiger, freundlicher, zufriedener oder liebevoller. Sondern das Gegenteil davon: Wütend, frustriert und ungeduldig. Paulus würde raten: „Flieh!“ Nicht, weil es an und für sich falsch wäre, das Internet zu nutzen. Sondern einfach, weil man zumindest im Moment nicht gut damit umgehen kann.

Für andere sind es die Nachrichten. Viele von uns informieren sich täglich, was in der Welt geschieht. Aber ist es euch auch schon aufgefallen: Die Nachrichten machen uns nicht unbedingt christlicher? Die Bibel sagt: Es gibt einen Gott. Und er hat das Sagen. Er ist die Liebe. Er ist der König der Könige, der Herr aller Herren. Und er regiert alles zum Wohle seiner Kinder. Alles ist unter seine Füße getan. Und darum wird sich alles zum Besten wenden, weil mein Vater das Universum beherrscht. Aber wie schnell vergessen manche Christen das, sobald sie die neuesten Nachrichten hören? Sie lassen sich von Dingen einnehmen und verrückt machen, die sie kein Stück kontrollieren können. Wenn es uns so geht, würde Paulus antworten: „Flieht!“ Man muss sich nicht mit Dingen beschäftigen, die einen die Freude und den Frieden rauben.

Oder Alkohol. Gibt es mehrere Tage im Monat, an denen man sich betrinkt – und nicht nur ein bisschen – dann ist man vielleicht die Art von Person, die keinen Alkohol zuhause haben sollte. 1 Korinther 6 dreht sich nicht nur um sexuelle Unmoral oder das Okkulte, sondern auch um Trunkenheit. Alkohol zu trinken ist an und für sich nicht falsch. Es ist nicht falsch, einen guten Whiskey, einen Weißwein oder ein Bier zu genießen. Aber beobachtet man sich beim gewohnheitsmäßigen Trinken, würde Paulus sagen: „Flieht!“ Trinkt nicht allein zuhause. Meidet Gelegenheit, wo Alkohol gereicht wird.

Meine Lieben, beten wir in der Kirche nicht „Und führe uns nicht in Versuchung!“, nur um uns anschließend selbst in Versuchung zu führen. Der Apostel Petrus hat es einmal so ausgedrückt (2 Petrus 1,5):

So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit (oder eben: Selbstbeherrschung).

Gott spricht dieses Wort des Gesetzes in großer Liebe zu uns. Er ist unser Vater. Und er will nicht, dass wir mit den Konsequenzen unserer Sünde leben müssen. Er will nicht, dass eine weitere Familie kaputtgeht, ein weiteres Leben zerstört wird und ein weiteres Jahr durch Sorge und Unzufriedenheit verloren geht. Deshalb sagt er uns: „Flieht der Sünde! Bevor du den Abhang hinunterstürzt, wende alle Mühe dran zu fliehen. Du wirst es nicht bereuen!“

Das erinnert mich an einen meiner Patienten, von denen ich eingangs sprach. Er war gerade einmal Mitte 30 – jünger als ich jetzt – aber er hatte bereits sein komplettes Leben ruiniert. Er lebte in der heruntergekommensten Ecke von Neukölln – generell nicht gerade der schönste Stadtteil Berlins. Seine Wohnung war kaum eingerichtet. Eine Couch, ein Tisch – mehr stand nicht darin. Sein Nachtlager war eine fleckige Matratze. Und er hatte bereits so viel Alkohol in seinem Leben konsumiert, dass er an dem Punkt angelangt war, dass er nur noch ein Bier am Tag vertrug und anschließend sturzbesoffen war. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit seiner Betreuerin, eine ziemlich weise und liebevolle Person. Und eine Sache, die sie über ihn sagte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf: „Ihm würde es besser gehen und er würde es vielleicht sogar schaffen, sein Leben halbwegs in den Griff zu bekommen. Aber er bräuchte neue Leute um sich. Und einen anderen Platz zum Leben. Ständig macht er Versprechen, nicht mehr zu trinken. Aber sobald er mit seinen Leuten rumhängt, die alle in seinem Viertel wohnen, sind die Versprechen vergessen.“ Und letztlich ist es genau das, was auch der Apostel Paulus sagt: „Flieht!“ Flieht der Sünde und flieht der Umstände, die euch zu ihr verleiten. Wollen wir unser Leben verändern und „Nein“ sagen zu alten sündigen Gewohnheiten, brauchen wir neue Leute, neue Orte und Abstand.

So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit

Woher kommt Selbstbeherrschung? Erster Punkt: Leitplanken.

Und mein zweiter Punkt lautet: Selbstbeherrschung kommt durch das Evangelium – durch die Dinge, die Jesus für uns getan hat. Alles, was wir bisher gesagt hatten, ist Gesetz. Es waren Dinge, die wir tun oder nicht tun sollen. „Sei selbstbeherrscht! Wende alle Mühe auf!“ Das ist das Gesetz – und es kann als Leitplanke, als Riegel gegen die gröbsten Auswüchse der Sünde, dienen. Das Evangelium ist dagegen nichts, was wir tun könnten. Es ist das, was Jesus für uns tat. Er lebte. Er starb. Er erstand am dritten Tag auf. Er vergibt uns. Er reinigt uns. Er rettet uns. Er schenkt uns einen Platz im Himmel. Er erklärt uns für gerecht vor Gott. Und eben dieses Evangelium bringt in uns auch die Frucht der Selbstbeherrschung hervor.

Davon schrieb der Apostel Paulus einmal in seinem Brief an Titus. Interessanterweise finden sich in diesem Brief die meisten Vorkommen des Wortes für „Keuschheit“ oder „Selbstbeherrschung“. Titus war nämlich Pastor auf der griechischen Insel Kreta. Und es reicht schon, die ersten Verse des Briefes zu lesen, um zu wissen, dass die Bewohner Kretas nicht gerade berühmt dafür waren, sonderlich selbstbeherrscht zu sein. Die Leute betrogen sich gegenseitig und beschwindelten einander. Und Kreta war ein Zentrum griechischer Kultur. Sexuelle Unmoral und Prostitution waren an der Tagesordnung. Trunkenheit wurde als eine Form der Anbetung der Götter betrachtet. Paulus findet harte Worte für die dortigen Zustände, wenn er im Brief schreibt:

Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr.

Aber dann kam die frohe Botschaft von Jesus nach Kreta. Paulus setzte Titus dort als Pastor ein und schreibt ihm:

Deswegen ließ ich dich in Kreta, dass du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt

Was noch fehlt: Werden die Gemeindeglieder Selbstbeherrschung üben können – in einer Umgebung, die so wenig selbstbeherrscht lebt? Klar könnte man ihnen einfach sagen: „Flieht! Habt Leitplanken gegen die Sünde!“ Aber ist man auf einer Insel, ist es schwer wegzulaufen. Was also tun? Liest man den Brief, ist eine der Antworten des Paulus, Selbstbeherrschung zu predigen – das, was wir heute auch im ersten Teil der Predigt gemacht haben. Titus sollte beispielsweise Pastoren finden, die nicht nur biblisch ausgebildet sind, sondern die auch selbstbeherrscht leben. In Kapitel 2 sagt Paulus dann das Folgende:

Den alten Männern sage, dass sie nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld;

Oder kurz: Selbstbeherrscht. Dann wendet Paulus sich den Frauen zu:

Desgleichen den alten Frauen, dass sie sich verhalten, wie es sich für Heilige ziemt, nicht verleumderisch, nicht dem Trunk ergeben.

Oder kurz: Selbstbeherrscht. Anschließend redet Paulus zu jungen Leuten:

Desgleichen ermahne die jungen Männer, dass sie besonnen seien in allen Dingen.

Oder kurz: Selbstbeherrscht. Aber nach all dem Gesetz „Sei besonnen, sei nüchtern, sei selbstbeherrscht!“ – liest man dann Titus 2, Vers 11. Dort schreibt der Apostel das Folgende:

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen (selbstbeherrscht), gerecht und fromm in dieser Welt leben.

Was lehrt mich, zu einer bestimmten Sünde „Nein“ zu sagen? Was motiviert mich, zu etwas Abstand zu nehmen, womit doch alle meine Verwandten und Freunde so viel Spaß haben? Wie kann man der altbekannten Versuchung begegnen, aber auf sie ganz neu reagieren? Die Antwort des Apostels lautet: durch die heilsame Gnade Gottes. Wenn wir über diese Gnade nachdenken, die vor 2000 Jahren auf unserer Erde erschien; wenn wir auf Pause drücken und uns die unverdiente Liebe auf der Zunge zergehen lassen, die an einem Kreuz für uns das Leben ließ; wenn wir aufhören, nur auf die Ge- und Verbote zu achten und damit beginne, über das zu meditieren, was am Kreuz geschah – dann passiert etwas in uns. Das Evangelium motiviert uns, das zu wollen, was auch Gott will. Es ist nicht das Gesetz mit seinen Forderungen, welches uns dazu bringen kann. Das Größte, was mein Herz antreiben kann, ist die Liebe Gottes, die mein Herz erobert hat. Andere Bibelstellen sagen, dass uns die Liebe Christi drängt. Oder dass wir lieben, weil Jesus uns zuerst geliebt hat.

Und so stehen wir vor dem Kreuz, welches die Liebe Christi zu uns am deutlichsten zeigt. Und wir denken an die wahnsinnige Selbstbeherrschung und Gnade, die unsere Erlösung errungen hat. Könnt ihr euch Jesus vorstellen, wie er am Kreuz hing? Sein Körper sackt in sich zusammen und er erstickt langsam. Die einzige Möglichkeit zu atmen, besteht darin, sich an den Nägeln, die sich durch seine Nerven bohren, ein kleines Stück nach oben zu ziehen. Sein Rücken ist gemartert von Splittern und Blut. Und das ist der leichtere Teil. Denn all der Zorn Gottes über die Sünde liegt in diesem Moment auf ihm. Zudem kommen seine Feinde und verspotten ihn. „Du bist der Sohn Gottes? Na, dann steige herunter vom Kreuz!“ „Er hat anderen geholfen und kann sich selbst nicht helfen?!“ Was hättet ihr an Jesu Stelle getan? Ich kenne meine Antwort: Wäre ich Jesus und hätte göttliche Macht besessen, ich hätte das Gesicht des einen Pharisäers und das Hinterteil des anderen in zwei starke Magnete verwandelt. Vielleicht hätte ich gegrinst und gesagt: „Wie war das gleich nochmal, was ihr soeben sagtet?“ Wurdet ihr schon einmal verspottet, als ihr große Schmerzen hattet? Alles in einem will es demjenigen heimzahlen. Aber was tat Jesus? Nichts! Er sparte seinen Atem, damit er mit seinem Vater sprechen konnte. Seine Liebe für euch und für mich, für Menschen, die mit Selbstbeherrschung zu kämpfen haben, war so tiefgründig und vollkommen. Jesus war wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und er machte nicht einmal den Mund auf.

Weil Jesus so selbstbeherrscht und seinem Vater gehorsam war, könnt ihr und ich sagen, dass wir durch den Glauben gerettet sind – dass wir vor dem himmlischen Vater dastehen als heilig, untadelig und makellos. In der Mitte unserer Römer-7-Gebete, wo wir mit dem Apostel Paulus beklagen, dass wir das Böse, das wir nicht wollen, doch so oft tun – können wir im nächsten Atemzug sagen: „Gott sei Dank. Mir ist vergeben. Ich bin gereinigt durch die Taufe und durch das Wort des Evangeliums. Ich bin geliebt bei Gott! Ich habe nichts verdient und doch gibt Jesus mir alles. Ich habe die Rückseite seiner Hand verdient, aber stattdessen gibt er mir sein Angesicht, das über mir leuchtet.“ Vertraut man auf diese Selbstbeherrschung Jesu, geschieht etwas im Herzen. Ja, Sünde bleibt immer verlockend für uns. Aber dennoch schafft das Evangelium etwas Neues: Den neuen Menschen, der die Sünde nicht mehr will.

Meine Lieben, es ist ein wenig so, wie seinen Rasen zu mähen. Viele mögen es, wenn eine Wiese in geraden Linien gemäht wird. Aber das ist schwieriger, als man denkt: Man hält sich ganz fest am Lenker des Mähers. Man schaut nach unten und geht ganz langsam. Und doch kann es passieren, dass man sich umschaut und denkt: „Was für Schlängellinien bin ich denn gefahren!“ Aber es gibt einen Trick: Man schaut auf etwas anderes – die Ecke des Hauses, ein Baum in der Ferne. Denn wenn man aufhört, auf sich selbst zu achten und beginnt, auf etwas anderes unbewegliches zu blicken, kann man gerade Linien mähen. Und so ist es auch mit unserem christlichen Leben. Wir wollen im Reich Gottes gerade Linien mähen: Wir wollen geduldig und freundlich sein. Wir wollen selbstbeherrscht leben. Wir wollen nicht sündigen. Aber je mehr man über sein eigenes Verhalten nachdenkt, desto eher endet es in Schlängellinien.

Paulus zufolge ist der Schlüssel, auf etwas anderes zu schauen. Auf einen Baum. Auf den Baum. Und je mehr wir uns auf die Gnade Gottes konzentrieren, die allen Menschen Heil bringt, desto eher werden wir uns eines Tages umdrehen und sagen: „Fast eine gerade Linie.“ Nicht gleich. Nicht sofort. Früchte wachsen manchmal langsam. Aber Gott verändert uns: Er gab uns sein Gesetz als Leitplanke. Aber viel wichtiger: Er gab uns das Evangelium und schafft dadurch den neuen Menschen in uns.

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit;

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinne in Christus Jesus. Amen.