Streit unter den Jüngern

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Liebe Freunde in Christus!

In jedem menschlichen Herzen findet sich eine tiefe Sehnsucht nach Größe. Würdet ihr dem zustimmen? Denkt zum Beispiel an ein Paar, welches kurz vor der Trauung steht. Ein solches Paar würde doch niemals sagen: „Wir wünschen uns, zukünftig eine mittelmäßige Ehe zu führen.“ Jeder wünscht sich doch großartige Ehe. Oder denkt an einen Ehemann, der mit seiner Frau ein italienisches Restaurant besucht. Während er das Brot in das Olivenöl taucht, schaut er seiner Frau tief in die Augen und sagt ihr: „Schatz, heute Abend siehst du so… durchschnittlich aus.“ Keine Frau will nur durchschnittlich, sondern sie will großartig aussehen, schön sein. Wenn ich den Eltern unter euch sagen würde, dass sie 08/15-Eltern sind, würdet ihr das als Ermutigung empfinden? Wohl kaum. Oder denkt zurück an die Zeit, als die Friseure noch geöffnet hatten. Wie wären eure Gefühle, würde jemand eurer neuen Frisur ein Zeugnis ausstellen, welches folgendermaßen lautet: „Benötigt Nachbesserungen“. Durchschnittlich, mittelmäßig und 08/15 sind für uns keine Komplimente. Denn wir sehnen uns danach, groß zu sein. Wir wollen Teil von großartigen Ehen und Familien sein. Wir wollen gute Arbeiter sein. In unserem Herzen streben wir alle nach Größe.

Das provoziert eine wichtige Frage: Woher kommt wahre Größe? Und wie erlangen wir sie? Unsere Welt gibt uns ohne mit der Wimper zu zucken eine klare Antwort: Wahre Größe kommt daher, dass man als Erster das Ziel erreicht, der Beste ist. Will man in einem beliebigen Bereich des Lebens erfahren, wer groß und wichtig ist, muss man nur darauf achten, wer an der Spitze steht, wer als Erster das Ziel erreicht. Wo zum Beispiel sitzen meist die großen wichtigen Leute in einem Flugzeug? An einem Ort, den wir die erste Klasse nennen. Sie sitzen nicht auf Platz 26B zwischen dem Sumo-Ringer und dem professionellen Bodybuilder. Nein, sie sitzen auf einem erstklassigen Sitz und haben mehr Platz, mehr Komfort und ihnen wird das Essen zuerst gebracht. In einem Orchester spielt der beste Violinist die erste Geige. Oder man schaut sich eine Sportveranstaltung an. Wie findet man heraus, wer der Größte und Beste ist. Klar: Derjenige gewinnt den ersten Platz. Er steht auf dem Siegertreppchen ganz oben. In unserer Welt ist klar: Wenn man es schafft, als Erster das Ziel zu erreichen, wird man als groß betrachtet.

Aber wisst ihr was: Es gibt einen ziemlich großen Makel an dieser Definition von Größe. Und ich vermute, ihr habt ihn bereits am eigenen Leib erfahren. Denn was passiert, wenn mehrere Menschen im selben Bereich danach streben, der Größte zu sein? Das kann man schon in Kindergartengruppen beobachten. Die meisten Kinder wollen in der Reihe ganz vorn stehen, direkt neben der Erzieherin. Der kleine Hans sagt zum Beispiel „Ich bin der Erste!“ Aber Max geht es genauso und ruft: „Nein, ich bin der Erste!“ Und schon nimmt das Drama seinen Lauf.

Im Erwachsenenalter hört das aber nicht auf: Will man in einem Gespräch der Erste sein, der redet, aber einem anderen aus der Runde geht es ebenso, was geschieht? Aus dem Gespräch wird möglicherweise ein Streit. Oder man selbst vertritt einen bestimmen Erziehungsstil, der Ehepartner findet aber etwas anderes gut. Wenn nun beide ihren Kopf durchsetzen, also der Erste sein wollen, was geschieht? Wieder Streit.

Egal um welchen Bereich es sich handelt: Wenn es mehrere gibt, die der Größte sein wollen, sind Wettkampf, Spannungen und Streit vorprogrammiert. Man kann also das Folgende feststellen: Wenn wir die Definition dieser Welt von wahrer Größe übernehmen, wird es so sein, dass wir bei allem möglichen enden, nur nicht bei Größe.

Wir brauchen also eine andere Definition für Größe. Eine Definition, die nicht aus dieser Welt stammt, sondern aus dem Wort. Gott sei Dank hat uns Jesus die göttliche Definition wahrer Größe gegeben. Er tat dies im Kreise seiner zwölf Apostel, die ihn drei Jahre lang begleitet haben. Diese Jünger wurden von Jesus wie niemand anderes gelehrt. Aber nun war das Lehren Jesu zu einem gewissen Abschluss gekommen. Unser Heiland stand kurz davor, gekreuzigt zu werden, nach drei Tagen wieder aufzuerstehen und 40 Tage später in den Himmel zurückzukehren. Aber zuvor wollte er seinen Jüngern beibringen, wie man wahre Größe findet.

Unser Text für die heutige Passionsandacht stammt aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 20, und beginnen mit den Versen 17 und 18. Dort heißt es:

Und Jesus zog hinauf nach Jerusalem und nahm die zwölf Jünger beiseite und sprach zu ihnen auf dem Wege: Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen 19 und werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er auferstehen.

Jesus stand also kurz davor, sich voll und ganz dem Willen Gottes unterzuordnen. Er wird verspottet und gefoltert werden. Er wird getötet werden. Aber er tut es, weil er jedem sündigen menschlichen Wesen aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seine Sünden vergeben will.

Mitten in dieses großartige Versprechen platzen zwei seiner Jünger, weil sie etwas von Jesus erfahren möchten. Sie kommen mit ihrer Mutter. In unserem Text heißt es weiter:

Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus (also Johannes und Jakobus) mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten. Und er sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm: Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner Linken.

Das ist ziemlich daneben, oder? Johannes und Jakobus sind erwachsene Männer, die mit ihrer Mutter zu Jesus kommen. Das sind Fischer. Bärtige Männer, die den Geruch ihrer Arbeit an sich tragen. Aber nun verstecken sie sich hinter den Beinen von Mutti, um Jesus zu bitten. Das ist schon ein bisschen daneben.

Aber viel schockierender ist die Wende, die unser Text nimmt. „Oh, Jesus du wirst sterben – wow! Gefoltert und verspottet – schlimm, ja! Apropos! Können wir eine Reservierung an deinem Tisch im Himmel machen?“ Das ist lächerlich. Beleidigend.

Aber wisst ihr, warum sie es tun? Sie wollen die Ersten sein, die Größten. Denn wenn Jesus im Himmel an einem Tisch sitzt, gibt es nur jeweils einen Platz zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. Nur sind es 12 Männer. Nicht jeder kann also auf diesen beiden Plätzen sitzen. Johannes und Jakobus versuchen, die Ersten zu sein. Auch ihre Mutter will für die Beiden, dass sie die besten Plätze bekommen. Alle drei haben also die weltliche Definition von wahrer Größe übernommen.

Jesus antwortet ihnen nun:

Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? (Erinnert euch an vergangene Woche: der Kelch ist ein Bild für den Zorn Gottes.) Sie antworteten ihm: Ja, das können wir. Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater.

„Wisst ihr, um was ihr mich bittet“, so fragt Jesus hier. „Wollt ihr mir wirklich so nah sein? Wisst ihr nicht, was euch das kosten würde?“ Johannes und Jakobus reagieren fast schon beleidigt. Sie sind trunken von dem Gedanken, groß und wichtig zu sein; als Erste die Ziellinie zu überschreiten. Deswegen antworten sie: „Ja, Jesus wir können das!“ Die anderen zehn Apostel bekommen das natürlich mit. Im nächsten Vers heißt es:

Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder.

Die Apostel sind verärgert. Petrus tritt nach vorn und erhebt seine Faust. Thomas schüttelt zweifelnd mit dem Kopf. Und Thaddäus, wir wissen nicht, was Thaddäus in der Bibel tut. In jedem Fall sind die Jünger verärgert. Es kommt zum Streit. Aber warum geschieht das das? Weil Johannes und Jakobus so unreif sind? Weil Jesus ihnen Besseres beigebracht hat? Nein! Die anderen Apostel sind deshalb unwillig, weil auch sie als Erster das Ziel erreich wollen. Auch sie wollen groß sein. Nur waren ihnen Johannes und Jakobus zuvorgekommen.

Wisst ihr, was an der ganzen Begebenheit so bemerkenswert ist? Es ist nicht das erste Mal, dass Jesus und dessen Jünger über diese Sache reden. In Lukas 9,46 heißt es:

Es kam aber unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei.

Und wisst ihr, was noch bemerkenswerter ist? Unsere Begebenheit ist nicht das letzte Mal, dass Jesus und dessen Jünger über das Thema diskutieren. In der Nacht, als Jesus das Abendmahl einsetzte, streiten die Jünger schon wieder. Als die Jünger noch den Geschmack von Brot und Wein auf der Zunge hatten, heißt es in Lukas 22:

Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.

Wieder und wieder und wieder streiten sich die engsten Anhänger Jesu darum, wer von ihnen der Wichtigste sei. Und wie bei einer Horde Kindergartenkinder, wo jeder ganz vorn in der Reihe stehen will, führte ihr Wunsch zu Wettbewerbsdenken, Spannungen, Zorn und letztlich zur Sünde.

Meine Lieben, man kann wissen, was Gott will. Die Jünger wussten es auch. Aber das Beispiel der Apostel zeigt uns, dass in uns allen etwas ist, das nicht mehr Informationen braucht, sondern Vergebung. Es ist etwas in uns drin, dass nicht mehr Bibelstellen auswendig wissen muss. Es will sich einfach nicht unterordnen und zu seinem Nächsten sagen: „Ich setze dich an die erste Stelle.“ Es will nicht dienen, sondern will, dass ihm gedient wird. Es ist etwas in uns, dass den Wegen Gottes feindlich gegenübersteht. Es ordnet sich dem Gesetz Gottes nicht unter, noch kann es das. In uns ist etwas, das genau wissen kann, was ein Anderer braucht. Aber wir bestehen darauf, das zu tun, worauf wir Lust haben. In uns ist etwas, das genau weiß, dass wir zu unseren Eltern „Ihr kommt zuerst“ sagen sollen. Aber manchmal wir wollen ihnen keinen Respekt zeigen. In uns ist etwas, dass sich in den Willen eines anderen fügt, weil die Umstände es erzwingen. Aber wir sind dabei nicht verlegen, dem Anderen sehr deutlich zu zeigen, dass wir es nicht mögen. In uns ist etwas, dass um 3:17 Uhr nachts das schreiende Neugeborene hört und denkt: „Frau, warum stehst du nicht auf und kümmerst dich um dein Baby.“ Für uns ist es oft genug ganz natürlich zu sagen: „Ich zuerst.“ „Ordne dich meiner Autorität unter.“ „Diene mir.“

Was wird Jesus mit diesen Jüngern tun? Was wird Jesus mit uns tun? Drei Jahre lang haben seine Jünger ihn Tag für Tag begleitet. Und doch verstehen sie so wenig. Müsste er ihnen nicht sagen:„Jungs, ich hab es versucht. Aber das bringt alles nichts. Ich bin fertig mit euch!“ Müsste er nicht ebenso mit uns verfahren? Aber Jesus tut das nicht. In den nächsten Versen unseres Textes heißt es:

Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch;

Jesus weist die Jünger zunächst auf Bekanntes hin: „Ihr wisst, wie es in dieser Welt ist. Jeder will an erster Stelle stehen. Jeder will wichtig sein. Aber so soll es bei euch nicht sein.“ Und dann fährt er fort und sagt:

So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht,

„Ihr wollt groß sein? Der erste im Himmelreich? Ich sage euch wie: Vergesst, wo ihr sitzen werdet. Stattdessen dient!“ Die Worte Jesu zeigen, dass großen Menschen nicht zuerst gedient wird, sondern das sie als erstes und freiwillig dienen. Große Menschen erwarten nicht, dass man sich ihnen unterordnet, sie ordnen sich dem anderen unter. Sie treten einen Schritt zurück und sagen: „Du kommst zuerst.“ Genau darin besteht laut Jesus wahre Größe.

Diese Größe zeigte Jesus in seiner schönsten Form. Wenn wir Vergebung für die Sünden unserer Vergangenheit suchen, dann hören wir auf letzten Worte Jesu in unserem Text heute. Sie sind bei weitem die Wichtigsten. Jesus sagt:

…und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

Jesus diente – und zwar uns. Für uns ordnete er sich ganz dem Willen des himmlischen Vaters unter. Er kam vom Himmel auf die Erde. Und anstelle uns einen Palmenwedel in die Hand zu drücken, damit wir ihm frische Luft zufächeln können, diente er uns, indem er das perfekte Leben führte, welches uns misslang.

Das zeigt sich ganz besonders in einer Begebenheit, in der Nacht bevor Jesus am Kreuz starb: In Johannes 13 sind Jesus und die Jünger versammelt. Die Jünger waren den ganzen Tag auf den Beinen gewesen. Ihre Füße sind schmutzig. Und sie suchen nach dem Diener, der ihnen die Füße vor dem Essen wäscht. Und was geschieht? Gott kommt vom Himmel auf die Erde. Er kniet sich nieder und wäscht menschliche Füße. Obwohl die Jünger darüber stritten, wer von ihnen der Größte sei, nimmt Jesus Wasser und wäscht damit die Füße von Johannes. Den kleinen Erdklumpen zwischen Thomas Zehen entfernt er. Und auch dem stolzen Petrus reinigt er die Füße. Die Jünger wissen nicht, wie ihnen geschieht. Stellvertretend für alle sagt Petrus:

Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Aber Jesus diente seinen Jüngern. Und das war nicht das letzte Mal, dass er das tat. Obwohl die Jünger sündig waren und oft so wenig verstanden, stoppte Jesus seinen Plan nicht. Er ging ans Kreuz und gab sein Leben für sie. Unsere Sünde hält ihn nicht auf. Im Gegenteil: Er gibt sein Leben als Erlösung für viele.

Das Wort, welches mit „Erlösung“ übersetzt wurde, ist eigentlich das Wort „Lösegeld“. Lösegeld ist der Preis, den man zahlen muss, um eine Person aus einer gefährlichen Situation zu befreien. Unsere Sünde – unsere Sehnsucht, dass andere uns dienen – brachte uns in eine Gefängniszelle. Festgebunden, um das Urteil der ewigen Verdammnis zu erhalten. Aber Jesus hat das Lösegeld bezahlt, um uns zu befreien. Und deshalb hat jeder, der an Jesus glaubt, eine großartige Stellung vor Gott: Frei von Sünden. Vergeben. Söhne und Töchter, die beim himmlischen Hochzeitsmahl am Tisch Jesu sitzen dürfen.

Durch Jesus haben wir ein großes Versprechen: Weder unsere selbstsüchtige Vergangenheit, noch unsere stolze Gegenwart, noch unser zukünftiger Wunsch, dass andere uns dienen, kann uns von der Liebe Gottes trennen, die in Christus Jesus ist. Durch Jesus haben wir eine große Hoffnung: Näher als dieses Leben, in dem wir so oft mit unserer Sünde kämpfen, kommen wir der Hölle nicht. Denn Jesus hat uns eine Wohnung bei seinem himmlischen Vater vorbereitet, wo es keine Spannungen mehr gibt; keine Kämpfe; kein Wettbewerb; keinen Schmerz. An diesem Ort gibt es keine Türen mehr, die im Zorn zugeschlagen werden. Keine kalten Schultern. Nein, Jesus hält die Ewigkeit für uns bereit. Und durch Jesus haben wir einen großen Namen. Wir sind kein Niemand. Wir müssen uns nicht über unsere Sünde definieren. Durch Jesus sind wir jetzt in diesem Moment groß in den Augen. Er nennt uns Priester und Könige. Und so schenkt uns Jesus wahre Größe – allein aus Gnaden. Amen.