Vater unser im Himmel

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Rogate, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

„Vater unser im Himmel.“ In den vergangenen 2.000 Jahren wurden diese Worte unzählige Male von Milliarden Christen überall auf der Welt gesprochen. Sie sind eines der besten Geschenke Jesu an uns und zugleich eine der größten Herausforderungen. Welche anderen Worte wären Christen so vertraut, dass sie sie selbst dann noch erinnern, wenn Alzheimer und Demenz einsetzen? Aber weil sie so vertraut sind, werden sie oft gedankenlos heruntergebetet – etwa während des Gottesdienstes. Nicht umsonst meinte Martin Luther einmal:

Das Vaterunser ist der größte Märtyrer, weil es so viel gedankenlos gebetet wird.

Wären umherwandernde Gedanken kleine Messerchen, würde man jeden Sonntag tausende an „Aua“-Rufen aus jeder Kirche rund um den Planeten hören.

Dabei ist das Vaterunser vielmehr als nur 63 aneinandergereihte Worte. Denn Jesu Gebet enthält alles, für das wir in der Regel beten. Das Gebet für das Kind, welches sich vom Namen des Herrn entfernt hat. Das Gebet wegen des Ehemannes, der meint, sein Zuhause wäre sein Reich – ganz gleich, wie die anderen Bewohner sich fühlen. Das Gebet des frischverheirateten Paares, welches lernt, dass Gottes Wille für sie darin besteht, den anderen an die erste Stelle zu setzen. Das Gebet für den Mitgläubigen, der kaum Schlaf findet, weil er seinen Job verloren hat und nicht weiß, ob er das tägliche Brot bezahlen kann. Das Gebet für einen selbst, weil alte Wunden aufbrechen und man nicht weiß, wie man vergeben soll. Das Gebet darum, nicht ständig in die immer gleiche Versuchung zu fallen. Das Gebet, wenn man sich fragt, ob man gut genug ist, weil einem das Böse so schwer auf den Schultern liegt. All das sind Dinge, für die wir vielleicht schon einmal gebetet haben. Und sie alle haben gemeinsam, dass sie in den Worten enthalten sind, die Jesus uns Christen in den Mund gelegt hat.

Und über all dem steht die Anrede: Vater unser im Himmel. Mit dieser Anrede wollen wir uns heute – am Sonntag Rogate – beschäftigen und dabei drei Dinge bedenken: Erstens: Wir reden mit einem Vater. Zweitens: Wir reden mit unserem Vater. Drittens: Wir reden mit unserem Vater im Himmel.

Beginnen wir mit dem Ersten: Wir reden mit einem Vater. Ihr Väter unter uns: Erinnert ihr den Tag, an dem eure Kinder geboren wurden? Für die meisten unter uns, ist das wohl ein unvergesslicher Moment. Vielleicht kamen einem vor Freude die Tränen. Oder das Herz schlug schneller, als man den kleinen neuen Erdbewohner das erste Mal in den Armen halten konnte. Und das nicht nur, weil ein Kind geboren war – sondern auch eine neue Liebe. Und so groß die Liebe für Familie, Freunde oder den Partner auch sein mögen: Die Liebe für ein Kind ist etwas Einzigartiges.

Und es sind im Wesentlichen zwei Dinge, die Ausdruck dieser einzigartigen Liebe sind: Väter sind erstens für ihre Kinder da und zweitens opfern sie. Gute Eltern sind für ihre Kinder da. Es ist wahr, dass wir als schwache und fehlbare Menschen nicht immer und überall sein können. Und doch sind gute Väter für ihre Kinder da. Sie kommen zu den Aufführungen in der Musikschule oder zu den Turnieren des Sportvereins. Sie hören zu, wenn es nötig ist. Sie nehmen ihre Kinder in den Arm, wenn diese es brauchen. Aber sie sind nicht nur da: Sie opfern auch. Wisst ihr, wie viel es im Durchschnitt kostet, ein Kind großzuziehen – also von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr? Die meisten Schätzungen, die man finden kann, gehen von etwa 130.000 Euro aus. Und manche unter uns haben ja mehr als nur ein Kind. Aber das Geld, welches man für Windeln, Kleidung, Spielzeug, Schulbücher, Nahrung und dergleichen mehr ausgibt, mag dabei noch das kleinste Opfer sein. Wie viel Schlaf opfern Eltern? Wie viele eigene Interessen stellen sie hinten an? Wie viele Kilometer legen sie zurück, um ihre Kinder von einem Ort zum nächsten zu bringen? Es sind viele Dinge, die Eltern für ihre Kinder aufgeben müssen. Aber sie tun es, weil sie sie lieben.

Und ist nicht genau das der Grund, warum Kinder so mutig sind, wenn sie mit ihren Eltern reden? Im Supermarkt fragen die Kinder: „Papa, kaufst du mir das?“ „Mama, kann ich bitte das bekommen?“ „Papa, Mama, Papa, Mama, Papa, Mama…“ Keine Scham, wenn sie fragen. Keine Angst, wenn sie bitten. Und warum sollten sie diese auch haben?

Eines Tages kam einer der Jünger zu Jesus und bat ihn: „Herr, lehre uns beten“. Dieser antwortete: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater!“ Und all diese Bilder kommen in den Sinn: Gott vergleicht sich mit einem Vater? Ein Vater, der sich am Tag meiner Geburt freut? Ein Vater, der alles opfert – sogar seinen Sohn hergibt – für mich? Ein Vater, dessen Angesicht immer über mir leuchtet – wie das eines Vaters, der sein Kind beim Schlafen beobachtet?

Ein Neutestamentler durchforschte einmal die Schriften aller möglichen jüdischen Gelehrter, weil er herausfinden wollte, wie oft sie Gott als Vater ansprachen. Bei seinen Nachforschungen konnte er nicht einen einzigen Rabbi finden. Erst im 10. nachchristlichen Jahrhundert fand er einen Gelehrten, der Gott Vater nannte. Im Neuen Testament ist es dagegen so, dass Jesus in jedem seiner Gebete – bis auf eins – Gott den Vater nannte. Das macht natürlich Sinn, weil er der Sohn ist – die zweite Person der Dreieinigkeit. Aber er lehrte eben auch seine Jünger, etwas ganz Neues für damalige Verhältnisse: Nennt Gott den Vater. Euren Vater im Himmel. Einen Vater, der liebt. Einen Vater, der immer da ist. Einen Vater, den man um alles bitten kann – wie es kleine Kinder mit ihrem irdischen Vater tun. Oder wie Luther es im Kleinen Katechismus erklärte:

Gott will uns mit der Anrede „Vater unser“ locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten soll, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

Aber er ist nicht nur ein Vater – Gott ist unser Vater. Das kleine Wort „unser“ wird in der Grammatik ein Possessivpronomen genannt. Oder anders formuliert: ein besitzanzeigendes Fürwort. Jesus sagt also in seinem Gebet, dass Gott nicht nur ein Vater ist. Er ist auch nicht nur sein Vater. Er ist unser persönlicher Vater.

Wie viel Kraft steckt in diesen beiden Worten – „unser Vater“. Stellt euch vor, ihr seid ein Kind und der Vater des Nachbarjungen kauft seinem Sohn im Sommer jeden Tag ein großes Eis – drei Kugeln, mit Schlagsahne und bunten Streuseln obendrauf. Wie fühlt man sich da? Neidisch wahrscheinlich. Aber ist dieser Vater der eigene Vater – wie fühlt man sich dann? „Das wird ein guter Sommer!“ Das kleine Possessivpronomen „unser“ ändert alles. Der Apostel Johannes schrieb im Alter von über 90 Jahren und nachdem er schon lange Zeit Christ gewesen war, die folgenden Worte, die voller Freude stecken:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Johannes will es uns ganz gewiss machen: Gott erweist seine Liebe. Und das nicht irgendwem, sondern uns! Uns, weil wir durch den Glauben an Jesus seine Kinder sind.

Und wie kommen wir dazu, Gottes Kinder zu sein, so dass er sich unser Vater nennt und uns seine Liebe erweist? Die Antwort der Heiligen Schrift auf diese Frage lautet „Adoption“. Und wisst ihr, wie Adoption in der alten Welt funktionierte? Damals wurden fast ausschließlich erwachsene Männer adoptiert, die besser, schneller, größer und stärker waren als der Rest. Adoption hatte etwas mit Erbe und dem Familiennamen zu tun. War man damals ein mächtiger Mann, der ein großes Erbe hinterlassen konnte, hatte aber selbst keinen Sohn, adoptierte man einen erwachsenen Mann. Ihm würde sowohl das Erbe als auch der Familienname gehören. In Jesu Tagen ging es bei der Adoption also darum, wie würdig einer war – um Stärke und um Überlegenheit gegenüber anderen. Kaiser Augustus, der uns in der Weihnachtsgeschichte begegnet, war beispielsweise adoptiert. Julius Cäsar sah den jungen Augustus – oder Okatvian, wie er eigentlich hier. Und er war stark und überlegen. Besser als die anderen. Deshalb adoptierte er ihn.

Lässt uns das nicht staunen, wenn wir hören, dass wir in Gottes Familie adoptiert worden sind und Gott sich unser Vater nennt und uns seine Kinder und Erben? Was sah er an uns, bevor wir die Kindschaft empfingen und zum Glauben kamen? Jemanden, der besser, schneller, schöner und stärker war als andere? Nein, es war das ganze Gegenteil davon. Römer 8 sagt, dass wir Gottes Feinde und fleischlich gesinnt waren. Psalm 51 sagt, dass wir sündig waren von Geburt an. Und Epheser 2, dass wir tot waren aufgrund unserer Übertretungen. Stellt euch Gott vor, der auf diese Welt schaute und die Schlimmsten und die Schwächsten sah. Und doch wollte er, dass wir die Kindschaft empfingen. Und doch nennt er uns seine Kinder. In Galater 4(,4-7) fasst Paulus diesen Gedanken wunderbar zusammen, wenn er schreibt:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen (adoptiert wurden). Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Kinder und Erben des himmlischen Vaters? Erben! Und welche Reichtümer gibt er seinen Kindern? Ewige Freude und Glück in seiner Gegenwart. Einen verherrlichten Körper ohne Makel, ohne Schmerzen, ohne Krankheit. Keine Enttäuschungen mehr und erst recht keine Sünde. Schon jetzt genießen wir einen Teil dieses Erbe. In Vollkommenheit aber dann, wenn Jesus wiederkommt. Es steckt so viel Kraft in der Tatsache, dass Gott nicht nur ein Vater ist, sondern unser Vater.

Und was ist der größte Beweis dafür? Er ist immer bereit dazu, das zu beseitigen und zu bereinigen, was wir angerichtet haben. So ist es ja auch bei irdischen Vätern. Man erkennt, wer wessen Vater ist daran, wer aufräumt und saubermacht, was die Kinder angerichtet haben. Und so ist es auch mit unserem himmlischen Vater. Ihr und ich – wir haben genug Dinge mit unserer Sünde verunreinigt und jede Menge geistliches Chaos angerichtet. Dinge, die wir selbst nicht bereinigen oder saubermachen können. Für manche ist es die schiere Menge an Sünden. Immer und immer wieder will unser Herz das, was es eben will. Und obwohl Jesus uns sagt, dass wir uns unterordnen und den anderen an die erste Stelle setzen sollen, tun wir doch das, was uns gefällt; was uns guttut; was uns wichtig ist und wollen das letzte Wort haben. Und nach Jahrzehnten eines solchen Verhaltens hat sich einfach ein riesiger Berg angesammelt. Einen Berg, den man nicht mehr abtragen kann. Für andere sind es die Dinge, die unkontrolliert aus uns herauskommen. Dieselben Lippen, die das Gebet des Herrn sprechen, können des Teufels Ungeduld ausspucken. Für andere ist es der immer wiederkehrende Ausbruch eines Streites, der schon seit Jahren schwelt. Spannungen, die unterschwellig immer mit den Eltern vorhanden sind. Unterstellungen gegenüber dem Kollegen, die sich angesammelt haben und die man nicht mehr bereinigen kann.

Aber Gott sagt, dass er unser Vater ist. Und wie ein guter irdischer Vater, reinigt er uns – beseitigt das Chaos – vergibt unsere Sünde. Selbst dann, wenn er sich selbst die Hände schmutzig machen muss. Selbst dann, wenn die Hände seines Sohnes in Splitter und Blut getränkt sind. Durch Jesus ist das Chaos, die Sünde, ein für alle Mal beseitigt. Und durch den Glauben gehört uns das, was Jesus für uns tat. In der Taufe wurden wir gereinigt von aller unserer Sünde:

Er hat sie – die Gemeinde – gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei.

Und in Galater 3:

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.

Gott nahm die desinfizierende Wirkung seiner Gnade und reinigte uns. Und anschließend kleidete er uns in das vollkommene Kleid der Gerechtigkeit seines Sohnes. Das ist nun das, was er an seinen Kindern sieht – die vollkommene Gerechtigkeit seines Sohnes.

Denn er ist unser Vater – im Himmel. Das ist der dritte und letzte Punkt für heute. Es ist gut, dass Gott wie ein Vater ist. Es ist besser, dass er unser Vater ist. Das beste aber ist, dass er unser Vater im Himmel ist.

Kennt ihr das Problem mit irdischen Vätern, die nicht im Himmel sind? Sie sind auf der Erde. Wusstet ihr, dass der durchschnittliche irdische Vater 85,2kg wiegt? Und dass er durchschnittlich 20 Liegestütze schafft? Und dass er immer nur an einem Ort zu einer bestimmten Zeit sein kann? Obendrein sind sie alles andere als vollkommen. Sie sind nicht immer für ihre Kinder da. Sie sind nicht immer bereit, so viel für ihre Kinder zu opfern, wie sie müssten.

Aber unser aller Vater ist im Himmel! Seine Liebe ist daher himmlisch und seine Barmherzigkeit vollkommen. In der Christenlehre haben vermutlich alle von uns drei Worte gelernt, die unseren himmlischen Vater beschreiben: Er ist allwissend. Irdische Väter können ihren Kindern manchmal nicht durch schwierige Zeiten helfen, weil sie nicht wissen, was in den Herzen ihrer Kinder vor sich geht. Aber unser Vater im Himmel weiß es. Irdische Väter wissen nicht, was die Zukunft bringt. Aber unser Vater im Himmel weiß es. Und Gott ist allgegenwärtig. Er ist niemals zu beschäftigt, niemals von jemandem anderen in Beschlag genommen. Er ist allgegenwärtig und kann daher immer bei uns sein, immer für uns da sein. Und Gott ist allmächtig. Er hat alle Macht der Welt. Irdischen Vätern geht früher oder später die Kraft und die Energie aus. Sie werden müde oder können ihren Kindern gerade keine Aufmerksamkeit zukommen lassen. Unser Vater im Himmel ist anders. Er hat die Macht, alles zum Besten zu wenden. Er hat die Kraft, wo uns die Kraft versagt. Er versorgt uns mit allem, was wir brauchen. Und darum beten wir mit Zuversicht:

Vater unser im Himmel.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.