Verleugnet euch selbst!

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

1. Sonntag nach Epiphanias, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Jesus hatte seinen Jüngern soeben angekündigt, welchen Weg er als Gottessohn zu gehen hatte. Recht bald, nachdem er und seine Jünger in Jerusalem angekommen sein werden, erwarteten ihn Verrat und Gefängnis. Schläge drohten ihm, Verspottung und Folter. Schließlich würde er an einem Kreuz sterben – wie ein Verbrecher – und am dritten Tag auferstehen. Nachdem Petrus die Worte seines Herrn gehörte hatte, nahm er Jesus beiseite und und fuhr ihn an: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ Petrus wollte unter allen Umständen verhindern, dass Jesus diesen Weg gehen musste. Und er war sicher bereit, dafür zu kämpfen und seinen Herrn, wenn nötig, zu verteidigen. Jesus allerdings war nicht begeistert von dieser Einlassung seines Jüngers. Im Gegenteil: Der Text sagt, dass Jesus Petrus bedrohte und ihm in aller Deutlichkeit sagte:

Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Mit anderen Worten: Petrus dachte an einen Weg, der ihm weniger beschwerlich, weniger bedrohlich erschien – an einen einfacheren und komfortableren Pfad für seinen Herrn. Dabei übersah er aber, dass ein solcher Weg nicht notwendigerweise zum größtmöglichen Segen dient. Jesus dachte anders: Er hatte Petrus im Kopf, Johannes und alle seine Jünger, ja, jeden einzelnen Menschen. Er dachte an Vergebung und Errettung und er war nicht bereit, sich von dem Weg abbringen zu lassen, den er als Gottessohn zu gehen hatte. Deswegen wählte Jesus diese harten Worte:

Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

„Du musst du deine Gedanken, Petrus, und das Kreuz auf dich nehmen und mir nachfolgen.“

Aber bei dieser Begebenheit ging es nicht nur um Petrus, nicht nur um die 12 Apostel, sondern jeder Mensch auf dieser Erde sollte das hören. Das wird daran deutlich, dass Jesus seine Unterredung mit Petrus unterbrach und so viel Volk zu sich rief, wie er nur konnte. Dann sprach er die Worte, die unseren heutigen Predigttext darstellen. Er stammt aus dem Markusevangelium, Kapitel 8, und wir beginnen bei Vers 34. Dort heißt es:

Und Jesus rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

„Wer immer mir nachfolgen will“, sagt Jesus, „der verleugne sich selbst“. Will man also ein Jünger Jesu sein; will man sich selbst einen Christen nennen; will man Jesus auf dem Weg zu seinem Kreuz und zum leeren Grab folgen; will man mit ihm in die Gegenwart Gottes treten, wo Vergebung, Annahme, Rettung und ewige Liebe warten… dann hört zu, sagt Jesus: „Verleugne dich selbst“.

Wenn meine Recherchen richtig sind, wurde die Schallplatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfunden. Aber hätte es sie schon Zeit Jesu gegeben, wäre das wohl der Moment gewesen, wo die Schallplatte einen Kratzer, einen Sprung, gehabt hätte. Und jeder hätte wohl aufgesehen und gefragt: „Was sagst du da, Jesus? Ich muss – es ist nötig, dass – keine andere Option, als zu verleugnen – also „Nein“ zu sagen – abzuwehren – beiseite zu schieben – so wie Petrus später Jesus verleugnen wird, so muss ich mich selbst verleugnen? Jesus, du sagst also, um dir nachzufolgen, muss ich nicht zuerst die Welt verleugnen, den Teufel oder die Sünde – sondern mich selbst?!“ Und Jesu Antwort lautet: „Amen!“

Diese Botschaft Jesu ist und bleibt das exakte Gegenteil von dem, was wir seit mindestens einem Jahrzehnt (wenn nicht schon viel länger) in unserer Gesellschaft hören. Sagt mir: Wann habt ihr das letzte Mal eine Werbung gesehen, die den Slogan verwendete: „Verleugne dich selbst!“ Viel eher hört man das Gegenteil: „Sei du selbst – Schicht für Schicht“, wirbt zum Beispiel ein Krankenhaus. „Sei dir selbst treu“, hört man, oder: „Du musst dich selbst annehmen.“ Fast jeder Film, den unsere Kinder anschauen, transportiert eine andere Botschaft als Jesus in unserem Text. Die Luft, die ihr und ich Tag für Tag einatmen, steht Jesu Worten entgegen. Denn dieser sagte nicht: „Sei dir selbst treu“, sondern: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst“.

Verweilen wir noch einen Augenblick an dieser Stelle und fragen uns, was Jesus genau meint. Sagt der Heiland hier, dass alles, was wir fühlen, denken, wollen, begehren und annehmen grundsätzlich schlecht oder falsch ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: „Nein.“ Die Heilige Schrift lehrt, dass Gott jeden Menschen mit einem Gewissen geschaffen hat. Und dieses Gewissen bezeugt uns das, was Paulus das inwendig geschriebene Gesetz Gottes nennt. Auch ohne die Zehn Gebote schriftlich vor uns liegen zu haben, tun wir Menschen von Natur aus, was das Gesetz fordert. Durch den Sündenfall ist dieses inwendige Gesetz zwar zum Teil verschüttet und verdunkelt. Unser Gewissen richtet sich daher oft an falschen Maßstäben aus. Aber das inwendig geschriebene Gesetz ist dennoch nicht vollständig zerstört. Man sieht das zum Beispiel daran, dass in praktisch allen Kulturen Dinge wie Mord, Diebstahl oder Verleumdung gesetzlich verboten sind und strafrechtlich verfolgt werden. Oder auf einer persönlicheren Ebene: Wenn man beispielsweise Kinder hat und möchte, dass diese sich untereinander lieben und respektieren, sagt Jesus nicht, dass wir uns selbst verleugnen sollen. Denn in diesem Fall arbeitet unser Gewissen korrekt.

Jesus meint etwas anderes: In diesem Leben wird es oft so sein, dass wir wie Petrus in der eingangs erwähnten Unterredung nicht auf dem Weg gehen, auf dem Jesus geht. Weil die Sünde uns verdorben hat, ist unser Denken von Natur aus oftmals nicht identisch mit dem, was Gott will und was er uns in seinem Wort offenbart. Jesus sagt nun aber in unserem Text: Wollen wir seine Nachfolger sein, müssen wir seine… Nachfolger sein. Oder anders ausgedrückt: Wenn wir ihm nachfolgen wollen und merken, dass wir ihm in unserem Denken, Reden und Handeln widersprechen, dann sind das genau die Momente, in denen wir uns selbst verleugnen müssen. Verleugnen, was wir denken, unseren Sinn ändern und bejahen, was Jesus in seinem Wort sagt.

Zwei Beispiele, wie das aussehen könnte: Ich sage das vielleicht zu oft, aber es ist eben so naheliegend und betrifft uns praktisch ständig. Reden wir über die Menschen in unserem Leben. Über die Mutter, den Vater, den Nachbarn zu unserer Rechten und den, zu unserer Linken, den Typen auf Arbeit, die Klassenkameraden. Diese Menschen in unserem Leben teilen wir in der Regel in zwei Kategorien ein: Da sind zum einen diejenigen, die wir mögen und deshalb lieben – und diejenigen, die wir eben nicht mögen und ihnen deshalb unsere Liebe verwehren. Tief in unserem Herzen denken wir oft, dass diese unsere Zeit und Aufmerksamkeit nicht verdienen – nach allem, was sie gesagt, wie sie sich benommen oder nachdem sie uns verletzt haben. Es ist genug! Sie verdienen es schlicht nicht und keiner würde mir die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Aber Jesus läuft diesen Pfad nicht entlang. Sein Weg trägt den Namen bedingungslose Liebe. Wir sollen daher die Menschen lieben, die wir mögen und diejenigen, die wir nicht mögen ganz genauso. Anschuldigungen sollen wir nicht mit Anschuldigen beantworten; abfällige Bemerkungen nicht mit abfälligen Bemerkungen; Tratsch nicht mit Tratsch. Vielmehr sollen wir segnen. Und denken wir nicht so, müssen wir uns selbst verleugnen und Jesus nachfolgen.

Ein zweites Beispiel: sich selbst vergeben. Wir alle sündigen Tag für Tag. Wir treffen Entscheidungen, die wir hinterher bereuen. In der Hitze des Augenblicks ist unser Verhalten vollkommen unangemessen und wir verletzen dadurch andere. Aber manchmal tun wir Dinge, die mit so vielen Konsequenzen verbunden sind, dass es fast unmöglich wird, sich selbst zu vergeben. Ein Gefühl ergreift uns dann, dass es schlicht und ergreifend nicht richtig wäre, wirklich zu glauben, dass ich voll und ganz geliebt bin; dass mir jede Sünde vergeben ist; dass Gottes Angesicht über mir leuchtet. Was ich getan habe, war so dumm, so daneben, so verletzend – ich kann unmöglich mit erhobenem Kopf herumlaufen – als ein Kind Gottes, das die volle Vergebung besitzt. Aber wisst ihr, was Jesus zu solchen Gedanken sagt? Er sagt: Das ist nicht der Weg, den ich gehe. Ganz im Gegenteil: Ich gab mein Leben am Kreuz – nicht deshalb, damit Schuld und Scham das letzte Wort behalten. Sondern damit ein Christ jeden Morgen erwachen und wissen darf, dass die Gnade alle Morgen neu ist und sie ihm persönlich gilt – mit jedem Atemzug, den er tut. Sind wir also am Leben und atmen, danken wir dem Herrn: Uns ist vergeben. Erhebe dein Haupt, Kind Gottes, und denke nicht, du wüsstest besser bescheid über Vergebung, als Jesus es tut. Es ist und bleibt vollbracht.

Das also meinte Jesus, als er sagte:

Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst…

Gelegentlich mag uns das Angst machen. Jesus sagt in unserem Vers nicht umsonst, dass wir damit unser Kreuz auf uns nehmen. Zu sich selbst „Nein“ zu sagen; sich selbst zu verleugnen, fühlt sich machmal nach Sterben undTod an. Aber ziehen wir mit Jesus, finden wir Leben, echtes Leben. Genau das sagt Jesus im nächsten Vers unseres heutigen Textes. Dort heißt es:

Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.

Der schwere Teil des Christentums besteht darin, dass der Gottessohn König und Herr ist, der immer das letzte Wort hat. Aber der wunderschöne Teil besteht darin, dass wir Tag für Tag mit Gott leben dürfen. An den guten Tagen und an den schlechten – wir sind niemals allein im Reich Gottes, weil es einen König gibt, der gleichzeitig Gott ist. Wir gehen im Leben durch Höhen und Tiefen, durch Tragödien und Feste – mit einem Vater an unserer Seite, der uns besser kennt, als wir selbst es tun. Mit einem Vater, der uns liebt; der sich unserer nicht schämt und der seine ganze Barmherzigkeit aufbringt, um für uns zu sorgen.

Und wir gehen unseren Weg mit dem Gottessohn, mit Jesus, der an einem Kreuz hing und dort sein Leben verlor; der den schmalen Pfad des Leides ging, damit wir Vergebung und das Wohlgefallen des himmlischen Vaters sicher haben. Und das Tag für Tag – an den moralisch guten und an solchen, wo wir auf unser Gesicht fallen – immer ist da Jesus; immer ist da Gnade; immer ist da Liebe.

Und wir gehen unseren Weg mit dem Heiligen Geist. Der Geist, der sagt, dass Angst und Sorge nicht das letzte Wort über uns haben. Der Geist, der unseren Glauben stärkt und erhält durch das Wort Gottes und die Sakramente. Der Geist, der uns ausdrücklich als Tröster gesandt ist, der ewig bei uns ist.

Meine Lieben, keiner von uns weiß, was uns in diesem Jahr erwartet. Aber eins dürfen wir mit Gewissheit glauben: Immer sind der Vater, der Sohn und der Heilige Geist bei uns. Und deswegen können wir ganz getrost und jeden Tag aufs Neue, unser altes Leben verlieren, denn der dreieinige Gott schenkt uns durchs Evangelium ein neues, ewiges Leben.

Das Bild hier vorn macht es noch etwas anschaulicher:

Das Leben als Christ mag sich bisweilen so anfühlen, als würde man selbst an einem Kreuz hängen und den Dingen dieser Welt und sich selbst sterben. Ihr seht die Knochen und den Tod am unteren Bildrand, das Geld, den Ruhm. Wir sterben all diesen Dingen. Aber indem wir unser Kreuz auf uns nehmen, finden wir Leben. Oben am Kreuz seht ihr ein Schild angebracht mit drei griechischen Buchstaben darauf. Das ist das Wort „zoe“ – in der Bibel meint es echtes, wahres Leben – also ein Leben von und mit Gott, zu dem wir aufschauen und das Angesicht des Vaters erblicken, der uns liebt und niemals verlässt. Und es mag etwas schwer zu erkennen sein: Aber die weißen Linien im Hintergrund deuten die Gestalt Jesu an. Dort steht er direkt an der Seite jedes Menschen am Kreuz und stützt seine Arme mit dem Evangelium, damit er die Kraft und die Motivation hat, sich selbst zu verleugnen und Jesus nachzufolgen.

und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.

Eine tägliche Erinnerung daran ist das Vaterunser. Es ruft uns immer wieder neu ins Gedächtnis, wer wir sind: Kinder unseres himmlischen Vaters durch den Glauben an Jesus Christus. Und als solche Kinder bitten wir darum, dass Gott uns alles vergeben möge und dass wir nicht der Versuchung nachgeben, dem Weg zu folgen, der uns am natürlichsten erscheint. Erlöse uns von dieser Art bösen Denkens. Und dann der Beginn und das Ende des Gebetes: Immer und immer wieder ist darin das Verlangen enthalten, mit Jesus voll und ganz übereinzustimmen. Geheiligt werde nicht mein – sondern dein Name. Nicht mein Königreich komme sondern deins. Nicht mein – sondern dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Denn nicht mein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, sondern dein.

Lassen wir uns also vom Vaterunser täglich daran erinnern: Wir sind Kinder Gottes und haben Vergebung durch das Blut Jesu. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.