Versöhnung

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Invokavit, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus.

Die Passionszeit ist eine Zeit der Einkehr – eine Zeit der Umkehr und der Hoffnung. Verglichen mit dem Ostermorgen ist diese Kirchenjahreszeit deshalb irgendwie dunkler, ernster. Und das ergibt Sinn: Denn wir wollen die Sünden, die wir begangen haben, ernst nehmen. Also die Dinge, die wir besser nicht getan hätten. Und ganz genauso jene guten Dinge, die wir aber unterlassen haben zu tun. All das bringen zu Jesu Kreuz. Nicht, um zu winseln oder um uns deprimiert zu fühlen. Sondern um sein Sühneopfer immer besser und tiefer zu verstehen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht – aber mir fällt es meist schwer, auf Knopfdruck eine bestimmte Gefühlslage einzunehmen. Um dem zu begegnen, würde ich diese erste Predigt in der Passionszeit gern mit einem Gebet beginnen. Lasst uns beten:

Lieber himmlischer Vater, du bist heilig und dir allein gebührt die Ehre. Und doch müssen wir dir bekennen, dass wir das Ziel verfehlt haben. Du hast uns das schlichte Gebot gegeben, dich zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Aber wenn wir innehalten und darüber nachdenken, was uns wirklich begeistert, worüber wir uns am meisten Sorgen machen, was Gegenstand unserer Tagträume ist und wofür wir bereit sind, Vieles zu opfern, dann müssen wir bekennen: Gott, oft bist es nicht du. Und so bitten wir dich: Hab Erbarmen mit uns.

Und, Vater, das andere Gebot ist dem gleich: Wir sollen unseren Nächsten lieben, wie uns selbst – also, dass wir den Bedürfnissen unseres Nächsten so schnell und tief gehend begegnen, als wären sie unsere eigenen. Aber wenn wir an unsere Eltern denken, unsere Geschwister, alle Glieder dieser Gemeinde… wenn wir an unsere Nachbarn denken, an unsere Kollegen auf Arbeit, an den Chef, an die Verantwortlichen in unserem Land, unsere Regierung – Vater, Geduld und Freundlichkeit – diese Worte beschreiben viel zu oft nicht unser Verhalten. Und so bitten wir dich: Hab Erbarmen mit uns.

Höre uns, wenn wir vor dich kommen – mit unseren Gedanken, Motiven, Worten, Taten und allem Guten, was wir unterlassen haben: Wir bitten dich um Vergebung für alle Sünden. Nicht, weil wir gut wären, sondern weil Jesus es an unserer Stelle war. Er hat uns versöhnt mit dir. Und in seinem Namen beten wir. Amen.

Meine Lieben, denken wir an unsere Sünden, wird eben erwähnte „Versöhnung“ zu einem der schönsten Worte der Heiligen Schrift. Aber das ist ja nicht nur hinsichtlich der Bibel so. Auch im alltäglichen Leben ist das Wort „Versöhnung“ von Wohlklang erfüllt. Denken wir an die Versöhnung zwischen zwei Freunden, die sich zuvor zerstritten hatten. Denken wir an die Versöhnung zwischen einem Vater und seinem erwachsenen Kind, mit dem die Beziehung immer schwierig gewesen ist. Oder denken wir an ein Paar, dessen Ehe kurz vor dem Aus stand, dann aber doch Versöhnung möglich war.

Hat man selbst Derartiges erlebt oder durfte es bei geliebten Menschen beobachten, weiß man, welche Kraft in diesem Wort stecken und was es in jemanden auslösen kann. Vielleicht liegt das gerade auch daran, dass man sich nur zu allzu gut ausmalen kann, wie eine Welt ohne Versöhnung aussehen würde. Denken wir noch einmal an ein Paar, dessen Ehe vor dem Aus steht.

Ohne Versöhnung wird es das Herz beider brechen. Ohne Versöhnung wird es fortan zwei Haushalte geben, in denen die Kinder groß werden. Zwei Betten. Zwei Zahnbürsten. Zwei unterschiedliche Tagesabläufe. Und im Gegensatz dazu: Was ist, wenn es das Paar schafft, sich zu versöhnen; wenn sie ihre Fehler voreinander eingestehen und sich vergeben können; wenn aus der Welt geschafft werden kann, was zwischen ihnen stand; wenn die Intimität und die Zuneigung von einst wieder Einzug hält. Das ist ein schöner Gedanke. Und das ist es auch, was das Wort „Versöhnung“ so kraftvoll macht.

Der eine oder andere unter uns war ganz sicher schon einmal an diesem Punkt. Mit der Mutter, dem Sohn, einem Freund oder eben dem Partner. Irgendetwas war geschehen: ein Streit, eine Sünde, ein Kampf. Etwas, das dazu führte, dass zwei Menschen auseinandergetrieben wurden, die zuvor sehr nahestanden. Und man war versucht, aufzugeben und davonzulaufen. Gleichzeitig weiß man, dass es tragisch und mit tiefen Wunden verbunden ist, kann man sich nicht wieder versöhnen. Wunden, die man für sehr lange Zeit mit sich herumschleppen wird. Aber… Versöhnung! Wie gut ist es, wenn man ausräumen kann, was zwischen einem stand. Wie gut ist es, wenn Kinder ihren Eltern nahestehen. Wie schön anzusehen ist es, wenn Geschwister auf einer Feier zusammen lachen und an einem Tisch sitzen können – ohne dass Spannungen die Stimmung trüben. Wie entspannt ist es, zur Kirche zu kommen – ohne darüber nachdenken zu müssen, wo sie sitzt oder wo er sitzt, weil man die Dinge klären und sich vergeben konnte; weil man sich als Brüder und Schwestern in Christus liebt. Versöhnung ist in der Tat ein überaus schönes Wort. Erst war man sich ganz nah. Dann kreuzte Sünde den Weg zweier Menschen und sie wichen auseinander. Versöhnung ist, wenn man sich wieder normal, freundschaftlich oder gar liebevoll begegnen kann und zu alter Nähe zurückfindet. Es gibt wenig Dinge auf diesem Planeten, die schöner, erleichternder und besser wären als das.

Kein Wunder also, dass sich das Wort auch in der Heiligen Schrift findet. Wir lesen dort ebenso von Versöhnungen zwischen vormals zerstrittenen Menschen. Die wohl bekannteste und schönste Versöhnungsgeschichte der Bibel spielte sich zwischen den Brüdern Jakob und Esau ab. In seiner Jugend war Jakob so eifersüchtig auf Esau, den Erstgeborenen und Liebling des Vaters, dass er ihm hinterlistig das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen stahl. Aus Angst vor Esaus Zorn floh Jakob. Viele Jahre später kehrte er in die Heimat zurück. Mit Angst und Sorge dachte Jakob an die Begegnung mit seinem Bruder. Aber schließlich gelang es den Beiden doch, sich miteinander zu versöhnen.

Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.

Oder denken wir an Jakobs Sohn Josef, dessen Brüder ihn aus Neid nach Ägypten verkauften. Am Ende der Josefsgeschichte steht ebenfalls Versöhnung. Josef und seine Brüder können die Geschehnisse der Vergangenheit überwinden und sich vergeben.

Und Josef fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte auch an seinem Halse, und Josef küsste alle seine Brüder und weinte an ihrer Brust.

Die größte aller Versöhnungsgeschichten fand allerdings nicht zwischen Menschen statt, sondern zwischen Gott und dem Menschen. In Jesaja 59,2 heißt es:

Eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.

Gott ist gut – mit einem großen „G“. Er ist heilig und rein. Und Sünde scheidet uns von diesem heiligen und reinen Gott. Sünde bedeutet immer Trennung. Aber, Gott sei Dank, gibt es die Worte, die beschreiben, was Christus tat: Er überwand die Trennung, brachte uns zurück zu unserem Vater, weil er uns mit ihm versöhnte.

Im 2. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus in Kapitel 5(,19) das Folgende:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Wie unlogisch ist dieser Satz doch: Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus! Denn wer hat die Beziehung zwischen Gott und Mensch verdorben? Wer sündigte und ist verantwortlich für die Scheidung, für die Trennung, für den Graben, so dass wir nicht länger in der Nähe Gottes waren? Die Antwort ist offensichtlich: Es war nicht ein sündloser Gott, sondern sündenvolle Menschen. Aber was tat Gott? Er hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus!

Stellt euch das zwischen zwei Menschen vor – etwa einem Ehepaar. Der Mann hat zwischenzeitlich aufgehört, seiner Frau großartig Beachtung zu schenken. Kein freundliches Wort mehr. Kein Kompliment. Er ist faul geworden und hilft nicht mehr im Haushalt. Viele Handlungen seiner Frau bedenkt er mit Kritik und Nörgelei. Kurz zusammengefasst: Der Mann hat damit aufgehört das zu tun, was ihn zu einem guten Ehemann machen würde. Dieses Verhalten hat dazu geführt, dass das Paar auseinanderdriftet. Und im Wesentlichen ist es die Schuld des Mannes. In wessen Verantwortung würde es da liegen, sich wieder zu versöhnen? Logisch: In der Verantwortung des Mannes. Ist er faul, muss er damit aufhören, faul zu sein. Behandelt er seine Frau als wäre sie ein Maskottchen, welches zwar hübsch aussieht, um das man sich aber nicht weiter kümmert – dann muss er dieses Verhalten abstellen. Der Mann hat es schließlich kaputtgemacht. Er muss es also auch wieder reparieren.

Der Apostel Paulus führt uns nun aber vor Augen, dass das Christentum nicht auf diese Weise funktioniert. Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus! Er tat die Arbeit. Ist nicht genau das der Grund, warum wir es lieben, Christen zu sein? Es liegt nicht an uns. Weder können noch müssen wir unsere Beziehung zu Gott selbst reparieren. Es gibt keine 5 oder 10 Schritte, die man gehen müsste, um besser zu werden in den Augen Gottes. Jetzt und in diesem Moment – und zu allen anderen Momenten in unserem Leben – sagt Gott: Ich habe euch mit mir selber versöhnt durch Christus!

Und was folgt daraus? Auch darüber schreibt der Apostel Paulus. Genauer im Kolosserbrief, Kapitel 1(,21f):

Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;

Auch euch! Auch uns! Auch jeden Einzelnen von uns hat Gott mit sich selbst versöhnt. Dich hat Gott versöhnt, der du an so vielen Sonntag bekennen musstest, ein Sünder zu sein. Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes. Und was folgt daraus?

damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;

Euch! Uns! Jeden Einzelnen von uns stellt Gott als heilig, untadelig, makellos vor sein Angesicht. Durch das versöhnende Werk Christi zählt Gott, der Vater, unsere Sünden nicht und hält sie uns ebenso wenig vor. Ganz im Gegenteil: Vor Gott dürfen wir stehen – und zwar heilig. Untadelig. Makellos – man kann das grie. Wort auch mit „unbescholten“ oder „unanklagbar“ übersetzen. Oder anders formuliert: „Frei von allen Anschuldigungen“.

Wir mögen uns selbst anklagen – uns selbst beschuldigen – wenn wir in den Spiegel schauen. Gott tut das aber nicht. Wir mögen nachts im Bett liegen, schlaflos, weil wir über all unsere Makel nachdenken – über all die tadelswerten Gedanken, Worte und Handlungen. Gott tut das aber nicht. Man mag von sich annehmen, man sei das Gegenteil von „heilig“. Gott aber tut das nicht.

Er hat euch nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;

Meine Lieben, wir stehen mit dem Sonntag Invokavit am Beginn der Passionszeit. Das Werk Jesu – sein vollkommenes Leben an unserer Stelle, sein Leidensweg hin nach Golgatha, sein Tod am Kreuz – all das wollen wir erneut bedenken und uns dadurch trösten lassen. Denn Jesus hat uns mit Gott versöhnt. Er allein hat unsere Beziehung zum himmlischen Vater repariert und die Trennung überwunden. Während der vor uns liegenden Passionszeit wird uns Station für Station vor Augen gehalten, was Jesus auf sich nehmen musste, damit es keine Trennung mehr zwischen dem Vater und uns gibt. Paulus schrieb:

Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes

„durch den Tod seines sterblichen Leibes“ – so kommen die Dinge wieder ins Lot. Unsere Sünde ist in der Tat kraftvoll – so kraftvoll, dass sie uns von Gott scheiden kann und wir ihm fremd sind und feindlich gesinnt. Aber Jesus brachte uns zurück zu Gott, versöhnte uns mit ihm „durch den Tod seines sterblichen Leibes“.

Meine Lieben, oft fühlt es sich allerdings nicht so an, als wären wir wirklich versöhnt mit Gott. So ist es zumindest schon vielen Christen gegangen. Sie dachten an die eine Sache, die im vergangenen Jahr geschehen ist – oder vor drei Jahren oder vor 2 Jahrzehnten. Die Erinnerung an ihre eigene Sünde gab ihnen das Gefühl, immer noch getrennt zu sein von Gott. Für andere ist es ein Teil ihres Charakters oder eine Sünde, über die sie immer und immer wieder stolpern – viel zu oft schon. Sprechen sie dann mit Gott, ist immer dieses Fragezeichen in ihrem Kopf, ob man es wirklich wert sei.

Geht es uns manchmal auch so? Dann sind die Worte des Apostel Paulus der Schlüssel:

Christus hat euch nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;

Diese Worte dürfen wir uns vor Augen halten, wenn wir zweifeln, dass wir mit Gott versöhnt sind. Diese Worte dürfen wir uns auf einen Zettel schreiben und an den Spiegel im Bad kleben, damit wir ihn immer lesen können, wenn wir unser sündiges Spiegelbild erblicken.

Christus hat euch nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle;

Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus

Null Trennung, 100% Nähe. Denn ich bin heilig in seinen Augen – heilig – ein heiliges Kind Gottes. Erwählt. Untadelig – ohne jeden Tadel vor Gott. Denn den bitteren Kelch angefüllt mit Gottes Zorn trank Jesus an unserer Stelle aus. Gott war zornig auf Jesus am Kreuz, sodass er keine Sekunde zornig auf uns sein muss. Gott war voll und ganz enttäuscht von Jesus, als er am Kreuz hing, sodass er keine Sekunde enttäuscht sein muss über uns. Gott verließ Jesus am Kreuz, sodass er immer bei uns sein kann. Jesus ist das Sühneopfer – die Versöhnung für uns – und das bedeutet: Andere Menschen mögen zornig auf uns sein – Gott ist es nicht. Wir selbst mögen enttäuscht sein von uns – Gott ist es nicht. Andere Menschen mögen mit uns schimpfen – Gott ist fröhlich über uns mit Jauchzen. Andere Menschen mögen an all das denken, was wir falsch gemacht haben und sich von uns abwenden – aber Gott verlässt uns niemals.

Denn:

Jesus hat die Gemeinde gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei.

Meine Lieben, weniges auf diesem Planeten ist besser, als zwei Menschen, die sich voneinander entfernt hatten, aber wieder zueinander finden. Jedoch ist nichts besser, als ein Gott, der sich selbst mit uns versöhnt hat. Christus hat euch nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle; Versöhnung – was für ein Wort.

Lasst uns beten:

Lieber himmlischer Vater, trotz unserer Sünde leuchtet dein Angesicht über uns. Ja, du bist fröhlich über uns mit Jauchzen. Du bist nicht beschämt wegen uns, sondern vor deinem Angesicht sind wir heilig, untadelig und makellos.

Jesus, wir danken dir für dein Werk – für alles, was du getan und erlitten hast, damit wir versöhnt sind mit Gott.

Sende uns in der kommenden Passionszeit deinen Heiligen Geist, damit wir die Versöhnung neu betrachten können und sie uns immer gewisser wird.

Jesus, wir lieben dich, aber wir wissen, dass du uns viel mehr liebst. Und wir glauben, dass du uns zuerst geliebt hast.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.