Von Senfkorn & Sauerteig

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Mt 13,31-33, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Die geistliche Erfahrung, die wir als Christen Tag für Tag in dieser Welt machen, ist in aller Regel durchschnittlich, normal, wenig aufregend. Sicher gibt es sie – die großen, herzerwärmenden Momente: Ein voller Gottesdienstraum zu Ostern. Hundert und mehr Menschen, die an Heiligabend wie aus einer Kehle „O, du fröhliche“ trällern. Oder eine Rüstzeit, bei der die Teilnehmer zu einer vertrauten Gruppe zusammenwachsen. So gut diese Erfahrungen aber auch sein können, die Regel stellen sie wohl eher nicht dar. An manchen Sonntagen könnte sich beinahe jeder von uns auf einer der Kirchenbänke ausbreiten und ein kurzes Nickerchen halten – genug Platz dafür gäbe es. Oder man kommt zur Bibelstunde und – nun ja – sie geschieht. Aber etwas Besonderes stellte sie nicht dar. Irgendwie konnte man sich nichts daraus mitnehmen. Oder man will seine Kinder im Glauben erziehen. Diese scheinen jedoch nicht sonderlich interessiert an der Andacht zu sein, sind schnell abgelenkt und beteiligen sich kaum. Der überwiegende Teil unserer geistlichen Erfahrung ist eben durchschnittlich, normal, nichts Besonderes.

Manchmal kann uns dieser Durchschnitt, diese Normalität zu einer Anfechtung werden. Denn wir leben in einer Zeit und Kultur, die in vielerlei Hinsicht ein und dieselbe Gleichung aufstellt: Größer ist gleichzeitig besser. Und wir selbst sind auch nicht frei von diesem Gedanken: Sucht jemand auf YouTube eine Anleitung, wie er eine Pflanze in seinem Garten richtig behandelt, wird er wohl kaum das Video anklicken, welches nur wenige Aufrufe hat. Nein, er wird sich das Video anschauen, welches schon viele Menschen vor ihm angeklickt haben. Denn größer ist besser. Oder man sucht einen Roman für die Urlaubszeit. Wohin schauen viele Menschen, um ein passendes Buch zu finden? Auf die Bestseller-Listen – auf die Bücher, die am meisten verkauft wurden. Denn: Größer ist besser. Wir leben in einer Kultur, die uns auf viele Weisen lehrt, dass größere Dinge auch die besseren sind.

Dieses Denken allerdings birgt eine Gefahr. Gehen wir davon aus, dass größer immer auch besser bedeutet, entgehen uns vielleicht kleine Momente wie diese: Ein durchschnittlicher Sonntag mit dem Wort Gottes und anderen Gläubigen. Die kleinen Erfahrungen des Glaubens zu verpassen, ist gefährlich. Es ist verführerisch. Es ist natürlich. Aber in unserem heutigen Text wird uns Jesus zeigen, dass es gleichzeitig gefährlich ist, den kleinen, regelmäßigen Dingen wenig Beachtung zu schenken. Der durchschnittliche Gottesdienst. Der wenig erhebende Gesang. Der Pastor, der vielleicht nicht seinen besten Tag hat. Es ist verlockend, aber gleichzeitig gefährlich, kleine unscheinbare Dinge als nicht so bedeutend abzutun.

Das lehrt uns Jesus in zwei der kürzesten Gleichnisse, die er je erzählt hat. Beispielgeschichten verwendete Jesus gern, um uns Dinge zu lehren, die wir nicht sehen können und die unserem natürlichen, gefallenen Verstand fremd sind. Gott können wir nicht nicht sehen, den Heiligen Geist ebenso wenig. Wir können nicht sehen, was mit den Dingen des Glaubens im Herzen eines Menschen geschieht. Das Himmelreich ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Weil dem so ist, spielt Jesus in seinen Gleichnissen auf Dinge an, die den Menschen aus ihrem Alltag vertraut waren. Der Heiland erzählte von Samen, Bäumen, Groschen, Perlen und vielem anderen mehr. Durch diese alltäglichen Erzählungen sollte den ersten Hörern und uns ein Licht darüber aufgehen, wie Gott ist und wie er wirkt. Matthäus brachte den Sinn der Gleichnisse Jesu einmal auf den Punkt, als er Psalm 78 zitierte. Dort spricht Gott selbst:

»Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

Heute wird Jesus zwei kurze Gleichnisse in nur drei Versen erzählen, um uns eine wirklich große Botschaft für die durchschnittlichen Momente unseres geistlichen Lebens zu geben. Unser Predigttext stammt aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 13, und wir beginnen mit den Versen 31 und 32 – dem ersten Gleichnis für heute. Jesus sagte:

Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

Der Heiland redet hier von einem Senfkorn. Einen solchen Samen haben wir wohl alle schon einmal gesehen – ob nun weiß, braun oder schwarz. Jesus bezieht sich hier wahrscheinlich auf den schwarzen Senf, dessen Körner einen Durchmesser von ca. 1mm haben. Neben einem Sonnenblumen- oder Kürbissamen ist das eine verschwindend geringe Größe. Zur Veranschaulichung: Auf der 1-Cent-Münze sind auf der Vorderseite kleine Sterne abgebildet. Wenn ihr sie noch nie wahrgenommen habt, wäre das keine Überraschung. Denn sie entsprechen der Größe eines Samens, von dem Jesus in unserem Text spricht.

In seinem Gleichnis legt uns der Heiland nahe, dass man einen solchen Samen wegen seiner fast mikroskopischen Winzigkeit keinesfalls verachten sollte. Denn dieser wächst, wenn man ihn in die Erde steckt, nicht nur ein bisschen. Jesus sagt:

wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum

Dies geschieht nicht in dem Moment, in dem man ihn in die Erde steckt. Es geschieht vielleicht auch nicht innerhalb eines Monates. Aber wenn der Same ausgewachsen ist, wird er größer als alle anderen Kräuter sein. Denn so eine Senfpflanze erreicht eine Größe zwischen 2 und 3 Metern. Ein Same, den man mit bloßem Auge kaum erkennen konnte, wächst zu einer Pflanze heran, die deutlich größer ist als ein Mensch. Tausendmal größer, als es der ursprüngliche Same gewesen ist.

Was ist der Vergleichspunkt? Was will Jesus mit seiner Geschichte sagen? Man könnte mit der alten Weisheit antworten: Beurteile ein Buch niemals nach seinem Einband. Oder auf uns angewendet: Beurteile die Wirkung Gottes in unserem Leben nicht nach der ursprünglichen Größe bzw. Kleinheit des Augenblicks. Ist man von großen Dingen beeindruckt, wie dem Baum, in dem die Vögel wohnen und Schatten finden, dann sollte man in Gottes Reich auch von den kleinen Dingen beeindruckt sein, aus denen der Baum erwuchs. Denn das Himmelreich gleicht einem winzigen Senfkorn, aus dem ein großer Baum wird, in dessen Zweigen die Vögel wohnen.

Das war vor 2.000 Jahren so, als Jesus diese Geschichte erzählte, und es ist bis heute dabei geblieben. Es sind oft die kleinen unscheinbaren Dinge, die zu etwas Großem heranwachsen. Oder mit anderen Worten: In unserem Alltag sollten wir Ausschau halten nach Senfkorn-Momenten. Wenn wir das Wort Gottes lesen; oder wenn wir zu unserem himmlischen Vater beten; wenn wir jemanden vom Sohn Gottes erzählen; wenn wir versuchen, unsere Kinder in den Wegen Gottes zu unterweisen – immer dann, wenn etwas klein, durchschnittlich, mittelmäßig – stotternd und strauchelnd – erscheint, ermuntert uns dieses Gleichnis zu sagen: Das ist ein Senfkorn-Moment.

Ein paar Beispiele: Morgen ist Montag. Für einige unter uns dürfte der Wecker klingeln, der zur Arbeit ruft. Zuvor aber greift ihr das Losungs- oder Andachtsbuch, eine Bibel oder euer Handy mit der Bibel-App und lest einen Vers oder Abschnitt. Aber es klingelt nix. Das Gehirn sagt nicht augenblicklich: „Oh, das brachte ich gerade jetzt. Das musste ich hören.“ In Wahrheit ist es sogar so, dass man bereits vergessen hat, was man las, während man unter der Dusche steht oder sich die Zähne putzt. Das könnte einen nun dazu verleiten zu meinen, es sei nicht wichtig gewesen. Außer man denkt daran, dass dies ein Senfkorn-Moment ist. Später findet man sich auf der Arbeit wieder und versucht, sein Licht leuchten zu lassen. Aber schon seit Monaten hat man kein Gespräch mehr über seinen Glauben geführt. Langsam, aber sicher denkt man sich: „Gott benutzt sicher andere Leute als mich.“ Bevor man aber meint, man sei im Reich Gottes nutzlos, kann man sich daran erinnern, dass Gott es liebt, durch Senfkorn-Momente zu wirken. Am Nachmittag sitzt man mit seinem Kind zusammen und es benimmt sich daneben. Man versucht ihm etwas von Gott zu erzählen, aber es ist überhaupt nicht bei der Sache. Am Abend bringt man es endlich ins Bett. Das Kind ist sauer, man selbst frustriert und denkt sich: „Wie machen andere Eltern das?!“ Aber bevor man denkt, alles sei vergeblich: Das ist ein Senfkorn-Moment. Am Sonntag kommt man zum Gottesdienst. Aber die Lieder – nun ja, es sind nicht unbedingt die Favoriten. Und der Pastor läuft auch nicht gerade zu Höchstleistungen auf. Innerlich ist man versucht zu sagen: „Wäre ich besser zuhause geblieben oder hätte mir einen Video-Gottesdienst angeschaut. Vielleicht bin ich nicht der Typ, der jeden Sonntag in die Kirche rennt.“ Aber bevor dieser Gedanke Wurzeln im Herzen schlägt, kann man sich auch daran erinnern: Es ist ein Senfkorn-Moment. Denn das ist es immer, sobald es um Gottes Wort geht. Es scheint nur ein Vers, nur ein Kapitel zu sein, ein Tag in einem weiteren Jahr unseres Lebens. Es mag klein erscheinen. Aber das ist es nicht. Nach Jesu Gleichnis ist es ein Senfkorn-Moment, der sich zu einem größerem verwandeln kann, als man je geglaubt hätte.

Das war das erste Gleichnis, welches Jesus erzählte. Und dann – immer noch vom Reich Gottes lehrend – bringt er eine zweite Beispielgeschichte. Diese hat eine Menge gemeinsam mit der ersten. Aber Jesus fügt etwas hinzu, das wir keinesfalls übersehen sollten. In unserem Text heißt es in Vers 33 weiter:

Ein anderes Gleichnis sagte Jesus ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

Sauerteig ist ein Teig zur Herstellung von Backwaren. Darin enthalten sind Milchsäurebakterien und Hefen, die den im Mehl enthaltenen Zucker in Kohlenstoffdioxid und Ethanol umwandeln. Das Kohlenstoffdioxid ist dafür verantwortlich, dass beispielsweise ein Brot kein klumpiger fester Haufen ist, sondern aufgeht und auch nach dem Backen locker und fluffig ist – mit vielen kleinen und größeren Lufteinschlüssen. Jesus nun nutzt diesen Vergleich – er sagt: Eine Frau nahm etwa 27kg Mehl – das sind die drei Scheffel, die im Text angesprochen werden – eine ganze Menge Mehl. Darunter mengt sie nur ein wenig Sauerteig. Und wie beim Senfsamen macht das Kleine einen großen Unterschied.

Und dann ergänzt Jesus das, was wir nicht übersehen sollten:

bis es ganz durchsäuert war.

Sauerteig ist – mit anderen Worten – nicht wie Schokoladenstücke in einem Bananenbrot. Man nimmt einen Bissen davon und merkt: „Oh, da ist Schokolade.“ Dann beißt man noch einmal rein: „Ach, schade. Dieses Mal kein Glück gehabt.“ Nein, Sauerteig ist eine Zutat, die in jedem Bissen enthalten ist. Er durchsäuert das gesamte Mehl, den ganzen Teig.

Und dem gleicht das Himmelreich, das Reich Gottes. Wenn Christus in das Leben eines Menschen tritt und dieser ein Christ wird, dann ist Jesus nicht nur ein kleiner Teil des Lebens. Er durchsäuert den ganzen Teig. Jesus hat kein Interesse daran, ein Teilzeit-König unserer Herzen zu sein. Noch kein einziges Mal war er nur die sonntägliche Angewohnheit eines seiner Geretteten. So wie Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert, so tut es auch das Reich Gottes mit der Gesamtheit unseres Lebens. Die Art, wie wir denken? Soll von Jesus bestimmt sein. Die Weise, wie wir unsere Worte wählen? Soll von Jesus bestimmt sein. Was uns auf Arbeit motiviert? Das ist Jesus. Wie wir mit unseren Gefühlen umgehen? Wieder Jesus. Was mache ich mit meinem Geld? Jesus, sag es mir. Was soll ich mit meiner Zeit tun? Jesus leite mich. Soll ich heiraten? Wie soll ich meinen Partner behandeln? Wie soll ich über meine Mutter denken? Muss ich anderen vergeben? Ich mag meinen Chef nicht. Meine Nachbarn sind schwierig – was soll ich mit all diesen Dingen tun? Die Antwort lautet immer Jesus. Denn er ist nicht nur ein Teil unseres Lebens – er ist alles. Wie der Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert – so tut es das Reich Gottes mit unserem Leben.

Nun meine Frage: Klingt das schwierig – oder ist das eine schöne und tröstliche Erinnerung? Zu einem Teil ist das sicher eine schwierige Botschaft. Für uns Menschen ist die Versuchung immer groß, Jesus in diesen kleinen Bereich unseres Lebens zu packen, der zufälligerweise auch noch sehr bequem für uns ist. Aber Jesus weigert sich, sich einschränken zu lassen. Er ist nicht wie ein Schokoladenstückchen, sondern wie Sauerteig. Und er sagt: Liebe alle Menschen. Selbst ihn. Selbst sie, die du so schwierig findet. Und das sagt er, obwohl er jeden Menschen besser kennt als wir uns selbst. Er weiß um alle Sünde, die andere uns angetan haben. Er weiß um alle Bösartigkeit, die unsere Gehirne ergreifen kann. Und doch sagt er auch: Liebe alle Menschen. Denn ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Keine Grenzen – Jesus ist Herr über unser ganzes Leben. Er ist Herr über alles. Herr über die Beziehungen in unserem Leben. Herr über unsere Finanzen, unsere Zeit, unsere Worte, unsere Bereitschaft zur Vergebung.

Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

Ganz sicher enthalten diese Worte aber nicht nur eine Wahrheit, die unserem alten Menschen nicht gefällt – sie stellen auch eine gute und tröstliche Erinnerung dar. Die Tatsache, dass das Himmelreich wie Sauerteig ist, bedeutet, dass es keinen Quadratzentimeter unseres Lebens gibt, in dem König Jesus nicht anwesend wäre – mit seiner vergebenden Liebe. Die Sünden, die wir begangen und wegen derer wir beschämt sind: Jesus durchsäuert den ganzen Teig. Die zerbrochene Beziehung der Vergangenheit – die Dinge, die der Vater niemals zu einem sagte, als man klein war: Jesu Liebe durchsäuert den ganzen Teig. Die Sünde, über die wir noch heute nachdenken und einfach nicht aus dem Kopf bekommen: Jesus zeigt sich genau dort und er tut sie unter seine königlichen Füße und regiert mit all seiner Macht. Denn er ist der König im Himmelreich und nichts und niemand kann sich gegen ihn stellen und bestehen. Es gibt daher nichts, was wir gesagt, getan oder gedacht haben; es gibt keinen Ort, an dem wir gewesen je sind, an dem Jesus nicht auftaucht und seine ganze Vergebung für alle Sünden schenkt. Er war, ist und wird immer der König aller Könige sein – was bedeutet, dass er uns allzeit mit Liebe begegnet. Das Himmelreich ist ein Gnadenreich. Und in diesem Reich gilt ein göttliches Dekret für alle seine Bewohner – nämlich, dass uns in Jesu Namen vergeben ist. Und das wird sich nie ändern.

Und das alles begann klein – so klein wie ein Senfkorn. Derzeit gibt es 2,38 Milliarden Christen auf der Erde. 2,38 Milliarden – das ist eine große Zahl! Und wo begann all das? In einer winzigen Stadt mit dem Namen Bethlehem. Mit einer jungen, einfachen Frau, die aus einer Stadt stammte, über die die Leute Witze machten – Nazareth. Es begann mit dem Gott, der das Universum schuf und für uns so winzig klein wurde wie ein Senfkorn – im Mutterleib von Maria. Dieser Same wurde an einem Freitagnachmittag in die Erde gesteckt. Bis… ja, bis zum Ostermoren, an dem Jesus aus seinem Grab hervorbrach. Und mit ihm ein Segen, der größer ist als alles, was Menschen sich je hätten vorstellen können. In der Folgezeit wurden aus dem einen Duzenden Jünger nicht nur Hunderte, nicht nur Tausende, nicht nur Millionen – sondern Milliarden Menschen, die sich zum rettenden Namen Jesu bekennen. Weil er, weil Jesus uns gerecht gemacht hat vor Gott. Seine unendliche Liebe ging bis in die tiefsten Tiefen – sie vergab und rettete uns. Unsere Geschichte – die christliche Geschichte – ist eine Erinnerung daran, dass die größten Dinge in der Geschichte der Menschheit so klein begonnen haben.

Deswegen ist Karls Geschichte eine meiner liebsten. Karl lebte im 19. Jahrhundert. Im Alter von 15 Jahren geriet er auf dem Weg in die Kirche in einen Schneesturm. Der Junge war von christlichen Eltern großgezogen worden. Aber um ehrlich zu sein, war Jesus in Karls Herz nicht der König, nicht sein Retter, nicht seine Burg und sein Schatz. Dennoch wollte er an jenem Tag zu seiner Kirche laufen, bis in den Straßen Englands ein Schneesturm aufzog. Deshalb schaffte er es nicht bis zu seiner Gemeinde und musste in eine andere Kirche ausweichen, die näher an seinem Wohnort lag. Was er damlas sah, als er die Kirche betrat, war – nun ja – klein. 12 Gläubige waren es nur, die sich angesichts des Wetters zum Gottesdienst versammelt hatten. Und noch schlimmer: Wegen des Schnees war der Pastor nicht bis zur Kirche durchgekommen. Jemand aus der Gemeinde musste spontan die Predigt übernehmen. Dieser bestieg die Kanzel, öffnete die Bibel – und begann stotternd zu reden. Später würde der kleine Karl berichten, dass es ziemlich schwierig war, dem Mann zu folgen. Alles, was er 10 Minuten lang schaffte, bestand darin, immer wieder Jesaja 45 vorzulesen, wo es heißt:

Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet

Dann schließlich machte der Prediger wider Willen eine Pause. Er wusste schlicht nicht, was er sagen sollte. Also schaute er in die Gemeinde und erblickte Karl. „Junger Mann, sie sehen erbärmlich aus“, meinte er zu Karl. Totenstille im Gottesdienstraum. Dann sprach er weiter: „Junger Mann, sie werden sich immer miserabel fühlen, wenn Sie nicht auf das hören, was Gott sagt.“

Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet

Karl würde das, was dann geschah, weit über 200Mal in seinem Leben erzählen. Er selbst schreibt: „In diesem Moment war die Wolke verschwunden, die Dunkelheit hatte sich verzogen und ich sah die Sonne. Ich hätte mich in diesem Augenblick erheben und mit allen Christen vom kostbaren Blut Jesu Christi singen können.“

Übrigens war Karl nicht sein richtiger Name – Karl ist aber die englische Form von Charles. Gemeint ist Charles Haddon Spurgeon, einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts. 38 Jahre würde er zu über 10 Millionen Seelen predigen. 20 Millionen Worte über Gott und die Bibel werden ihm zugeschrieben, was ihn zur Nummer 1 unter den christlichen Autoren macht. Einmal übte er für eine Predigt in einer leeren Kirche und sprach mit lauter Stimme: „Tut Buße und glaubt an das Lamm Gottes.“ Daraufhin soll der Hausmeister bekehrt worden sein. Und wo begann die Geschichte dieses begnadeten Predigers? Ein 15jähriger Jugendlicher. Eine leere Kirche. Ein Prediger wider Willen. Und ein einzelner Vers. Denn:

Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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