Weihnachten bedeutet Freude

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Weihnachten, St. Petri 2020

Liebe Freunde in Christus!

„Freude“ ist – neben Frieden und Liebe – eines der Worte, welches während der Weihnachtszeit am häufigsten fällt. Man findet es auf Weihnachtsgrußkarten und Geschenkanhängern. Viele Menschen wünschen sich ein „fröhliches Weihnachtsfest“. Und auch in den Liedern dieser Zeit kommt das Wort Freude immer wieder vor.

Und das ist kein Wunder. Schon der Kirchenvater Augustinus, der etwa 400 n. Chr. in Nordafrika lebte und wirkte, beschäftigte sich mit diesem Thema. Er schreibt:

So stimmen wohl alle in dem Wunsche nach Glückseligkeit überein, wie sie, wenn sie gefragt würden, übereinstimmen würden in dem Wunsche nach Freude… Und ob der eine auf diese, der andere auf jene Weise sein Ziel erstrebt: das gemeinsame Ziel, nach dem sie alle streben, ist die Freude.1

Einer der berühmtesten Christen der Menschheitsgeschichte sagte es klipp und klar: Was ich mir wünsche; was alle Menschen sich wünschen – ob jung, ob alt, klein oder groß, Mann oder Frau – die tiefe Sehnsucht nach Freude und Glück ist in jeder menschlichen Seele zu finden.

Nur gibt es dabei ein Problem: Selbst, wenn man noch relativ wenig Jahre auf diesem Planeten zählt, ist man bereits alt genug um zu realisieren, dass es schwer sein kann, glücklich zu sein bzw. zu bleiben. Das kann man beispielsweise an der Geschichte von Abd ar-Rahman III. lernen. Vor etwas mehr als 1.000 Jahren war Abd ar-Rahman III. ein muslimischer Herrscher, der große Teile des heutigen Spaniens und Portugals reagierte. Trotz vieler Kriege und Gewalt gelang es ihm, seine Macht über 50 Jahre lang zu erhalten. Er war ein Mann, von dem wir sagen würden, dass er alles hatte, was man sich vorstellen kann: Macht, Einfluss, Prunk, einen Harem, Vergnügungen, einen eigenen Palast. Aber nach über 50 Jahren Herrschaft, am Ende seines Lebens, hinterließ er der Nachwelt die folgenden Worten:

Ich habe nun über fünfzig Jahre in Krieg oder Frieden regiert; ich werde geliebt von meinen Untertanen, gefürchtet von meinen Feinden und respektiert von meinen Verbündeten. Reichtum und Ehre, Macht und Vergnügen haben stets darauf gewartet, dass ich sie herbeirufe. Nach einem Leben voller irdischen Segens habe ich die Tage des reinen und echten Glücks sorgfältig gezählt, die mir zugefallen sind: Sie belaufen sich auf vierzehn.

Ist das nicht ein erstaunliches Zitat? Ich bin mir nicht sicher, nach welchen Maßstäben der muslimische Herrscher „die Tage des reinen und echten Glücks“ gezählt hat. Aber rechnen wir es kurz durch. 50 Jahre entsprechen 18.250 Tagen. Und obwohl er aus irdischer Sicht alles hatte, zählte er die Tage reinen Glücks sorgfältig und kam auf 14. 14 – das bedeutet: weniger als 0,1 Prozent seines Lebens war glücklich.

Wenn ihr es Abd ar-Rahman III. gleichtun und die Tage des reinen und echten Glücks eures Lebens zählen würdet, auf welche Zahl kämt ihr? Immerhin sind wir ja in einer ähnlichen Lage wie er. Zwar mögen wir keine politische Macht haben, stinkend reich sind wir dennoch: Denn wir sind Teil der ersten Welt, halten Smartphones und Tablets in unseren Händen, fahren Autos mit Klimaanlage, müssen das Thermostat nur aufdrehen und schon haben wir es kuschlig warm, drehen den Hahn auf und haben fließendes Wasser – und das in exakt der Temperatur, die wir uns wünschen. Von der weltgeschichtlichen Perspektive aus, haben wir alles. Nur macht uns dieses „Alles“ eben nicht glücklich.

Gestern Abend ist sicher in vielen deutschen Haushalten das Geschenkpapier durch die Gegend geflogen. Aber denkt kurz an Weihnachten vor einem Jahr: Erinnert ihr noch alle Geschenke, die ihr vergangenes Jahr bekommen habt? Vermutlich nicht. Vor 12 Monaten dachte man vielleicht, dass dieses oder jenes Geschenk einen super glücklich machen würde. Aber nun – 1 Jahr später – erinnert man sich überhaupt noch daran?

Augustinus und Abd ar-Rahman III. hatten geistlich gesehen eine vollkommen verschiedene Perspektive. Und doch war beiden klar, dass wir Menschen uns nach Freude sehnen, aber gleichzeitig feststellen müssen, dass es schwer ist, glücklich zu sein und es auch zu bleiben. Man kann alles haben, was man sich wünscht, aber dauerhaft Freude zu empfinden, scheint wie das Haschen nach Wind.

Aber es scheint eben nur so. Denn wisst ihr, worüber die Bibel häufiger spricht als sogar noch über den Glauben? Zählt man unter Zuhilfenahme einer Bibel-Software alle Worte wie Glück, glücklich, Freude, freuen, fröhlich, usw. in der Heiligen Schrift, kommt man auf über 500 Stellen. Das sind mehr Stellen als das Wort „Glaube“ – und das im Buch des Glaubens. Dabei geht allerdings nicht um zeitliches Glück, welches auf den Dingen dieser Welt basiert. Sondern es geht um eine Art Freude, die sogar neben den Höhen und Tiefen dieses Lebens bestehen kann. Der Apostel Paulus würde sagen:

Freuet euch in dem HERRN allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!

Allewege – also immer. Eine Freude, die selbst dann nicht vergeht, wenn man trauert oder niedergeschlagen ist.

Diese Freude finden wir auch immer wieder in der Geschichte der allerersten Weihnacht. Heute wollen wir drei Teile davon genauer betrachten: Die Freude Marias. Die Freude der Hirten. Und die Freude der Weißen aus dem Morgenland.

Beginnen wir bei Maria. Das junge Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, welches im kleinen Nest Nazareth lebte, steckte mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Aber dann stolperte sie über die Quelle ewiger Freude, als ihr der Engel Gabriel erschien und ihr mitteilte, dass der langerwartete Messias aus ihrem Mutterleib kommen würde. Nachdem die Verwunderung ob dieses Ereignisses etwas verflogen war, brach aus ihr ein einziger großer Lobgesang heraus – das sogenannte Magnificat. Christoph hat uns vor der Predigt eine Vertonung dieses Lobgesangs vorgetragen. Hören wir aber einige Worte aus ihrem Lobgesang, wie Lukas ihn uns überliefert hat:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Hier haben wir eins der 500 Vorkommen: Mein Geist freut sich über Gott. Und warum? „Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“. Oder anders formuliert: Gott denkt an mich. Er hat mich in seinen Gedanken. Ich stelle mir Maria vor, wie sie nach dem Gespräch mit dem Engel Gabriel in einen Spiegel schaut – den sie vermutlich nicht hatte – und ihre alte ärmliche Kleidung betrachtet. Die Kleidung, die sie jeden Tag trägt, weil die gewöhnliche Bevölkerung damals keinen Kleiderschrank mit unzähligen Klamotten hatte. „Gott denkt an mich? Maria aus Nazareth? Ich bin ein niemand aus dem Niemandsland. Aber Gott stört das nicht. Im Gegenteil: Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“

Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wird diese Tatsache. Denn obwohl wir zwar historisch betrachtet sehr reich sein mögen, so gleichen wir Maria doch. Keiner von uns wird auf dem Heimweg angehalten und um ein Autogramm gebeten. Wir sind normale Leute. Aber Gott macht das nichts aus. Man mag ein weiterer Fünftklässler in seiner Schule sein, den die Achtklässler nicht einmal wahrnehmen. Aber Gott macht das nichts aus. Man mag ein weiterer Bewohner eines Altenheims sein oder eine Person, die nicht im Gedächtnis bleibt, sondern schnell vergessen wird. Aber Gott macht das nichts aus. Man mag ein weiterer Angestellter in einem gewöhnlichen Job sein, den die Firma leicht ersetzen kann. Aber Gott macht das nichts aus. Wir mögen eine durchschnittliche Geschichte haben, ein durchschnittliches Bankkonto und einen durchschnittlichen Körper. Aber Gott macht das nichts aus.

Es ist schon erstaunlich, an die wichtigste Person des Universums zu denken – Gott höchstpersönlich – und zu wissen: Er hat die Niedrigkeit seiner Magd, seines Knechtes, angesehen. Und Gott weiß nicht nur um uns, sondern sendet seine Engel, dass sie uns dienen. Und er sandte seinen Sohn in diese Welt, um Mensch zu werden und mitten unter uns gewöhnlichen Leuten zu leben. Es ist, wie wir es gestern Abend sagten: Gott taucht an den Orten auf, an denen wir es am wenigsten erwarten würden. Kein Wunder, das Maria in ihrem Lobgesang sagt:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Gott ist hier. Er ist in unseren Häusern und Wohnungen. Er ist in unseren Autos, unseren Büros, unseren Klassenzimmern. Denn Immanuel ist uns geboren – Gott mit uns. Wir mögen dieses Weihnachten in einer liebevollen Familie verbringen, in einer gestörten oder sogar ganz allein: Gott ist immer da und er sieht unsere Niedrigkeit an. Wir sind in seinen Gedanken. Und exakt darüber brauch Maria in große Freude aus. Und wir dürfen das auch. Denn unser Retter ist mitten unter uns.

Auch die Hirten aus der Weihnachtsgeschichte waren – wie Maria – ganz gewöhnliche Leute. Sie waren weder reich noch irgendwie besonders. Ihre Arbeit war anstrengend, sie rochen nicht sonderlich gut und ihr Ruf zur Zeit Jesu war nicht der Beste. Sie galten als Diebe, Betrüger und unzuverlässige Leute, deren Aussage vor Gericht nicht anerkannt wurde und die niemals Verantwortung in der Politik hätten übernehmen können. Aber als Gott gute Nachricht mitzuteilen hatte, wählte er ausgerechnet Hirten. Schon gestern Abend hatten wir aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas den folgenden Vers gehört:

Und der Engel sprach zu den Hirten: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren,

Große Freude. Nicht nur gewöhnlich Freude. Große Freude für alle Menschen. Und der Grund? „Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Der Gott, der immer bei uns ist, ist kein Richter, kein geistlicher Ratgeber, kein Guru, er ist kein Prophet und kein Professor. Zu eben jenen verruchten Hirten sandte Gott einen Engel, der ihnen mitteilte, dass ihnen heute der Heiland geboren ist.

Habt ihr jemals die Geschichte über John Lennon gehört, den berühmten Musiker der Beatles, wie er sich an einen Fernseh-Prediger wandte? Es war im Jahr 1972, als er diesem Prediger einen verzweifelten Brief schrieb. In diesem Brief sagte John Lennon das Folgende:

Ich will glücklich sein. Ich möchte mit den Drogen nicht weitermachen … Erklären Sie mir, was das Christentum für mich tun kann. Ist es ein Schwindel? Kann Gott mich lieben? Ich will raus aus der Hölle.

Wusstet ihr das über John Lennon? Es ist schon verrückt. Er war Teil der wohl erfolgreichsten Band der Welt. Man würde annehmen, wenn man einen solchen Status erreicht, dass man dann auch glücklich sein muss. Aber was sagt Lennon in seinem Brief? „Ich will raus aus der Hölle!“ Und er stellt diese verletzbar machenden und ehrlichen Fragen: Stimmt es, was ihr Christen glaubt? Oder ist es ein Schwindel, ein Mythos, eine Meinung? Und wenn es stimmt, kann dann euer Gott, euer Heiland, euer Jesus, eine Person wie mich lieben?

Kann Gott mich lieben? Das ist eine Frage, die sich auch die allermeisten Christen mehr als nur einmal im Leben stellen. Nach allem, was ich gesagt und getan habe; nach all den Dingen, die ich unterließ, die aber die Liebe gefordert hätte; nach den zahlreichen Momenten meines Lebens, an denen ich Gott vollkommen vergaß – Kann Gott mich lieben? Wenn man ein Mensch ist, der genau weiß, wie man diejenigen verletzt, die man am meisten liebt; Wenn man ein Mensch ist, der genau weiß, welche Worte man wählen muss, damit sie sich tief ins Gedächtnis des Gegenübers eingraben – Kann Gott mich da lieben? Wenn man hier seit Jahrzehnten in der Kirchenbank sitzt, da aber immer noch ein Geheimnis ist, welches man niemanden anvertraut hat – Kann Gott mich da lieben?

Kann Gott mich lieben? Das ist die wichtigste Frage überhaupt. Die Antwort darauf erhielten eben jene Hirten der ersten Weihnacht. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen guten Menschen widerfahren wird“ – sagte der Engel nicht. Er sprach auch nicht nur von solchen, die sich selbst als „gute“ Christen betrachten.

Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

Allen Menschen! Und zu allen Menschen gehören alle Menschen. Dazu gehören diejenigen, die nach menschlichen Maßstäben ein anständiges Leben führen, und ebenso solche, die es nicht tun. Dazu gehören ihr und ich. Wenn Jesus nicht nur für einige Menschen geboren wurde, nicht nur für einige Menschen lebte und starb, dann muss er all das auch für einen jeden Einzelnen von uns getan haben.

Die große Freude, die der Engel den Hirten verkündigte, ist die gute Nachricht für uns alle. Als der allmächtige Gott Mensch wurde, kam er nicht um uns zu verdammen, sondern um nach uns die Arme in Liebe und Gnade auszustrecken – mit Händen, die später von Nägeln durchbohrt werden würden, um uns zu retten. Wir verderben es tausende und abertausende Male – aber der Heiland ist uns geboren. Wir rennen so oft Dingen nach, die nicht gut für uns sind – aber der Heiland ist uns geboren. Wir suchen so oft so sehnsüchtig nach Liebe, Freude und Befriedigung, aber an den falschen Orten – und doch bleibt es dabei: Euch ist heute der Heiland geboren.

Gott ist hier – so fand es Maria heraus. Und Gott ist hier, um zu retten – wie die Hirten lernten. Und das bringt uns zum Schluss zu den Weisen aus dem Morgenland. Von ihnen hören wir im 2. Kapitel des Matthäusevangeliums. Sie waren Reisende aus dem Gebiet des heutigen Iran oder Irak, die zwischen vier und acht Wochen unterwegs waren, um nach Israel zu gelangen. Als sie schließlich ankamen und Jesus sahen – nicht als Baby, sondern als vielleicht einjähriges Kleinkind – wisst ihr, was sie fühlten, nachdem sie 2 Monate von Freunden, der Ehefrau und ihrem üblichen Leben getrennt waren? Matthäus gibt uns die Antwort:

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Sie wurden hocherfreut. Und warum? Die Antwort steckt in den beiden Wendungen „fielen nieder“ und „beteten an“. Das bedeutet ja, dass sie Jesus als würdig erachteten. Denkt daran, Jesus war in dem Moment ein etwa einjähriges Kleinkind. Außerdem waren diese Männer insgesamt 4 Monate unterwegs, nur um Jesus zu sehen. Und sie gaben ihre Schätze weg – Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie hatten so vieles aufgegeben. Und wie fühlen sie sich? Hocherfreut, weil Jesus jede Mühe wert war.

Und mit diesem kurzen Gedanken wollen wir heute schließen. Jesus ist es wert. Egal, was wir in diesem Leben fahren lassen müssen – Jesus ist all das wert. Bauen wir die täglich Andacht und die Bibellese in unser Leben ein und müssen dafür auf etwas anderes verzichten – Jesus ist es wert. Sagen wir zu bestimmten Sünden und Versuchungen nein – Jesus ist es wert.

Jesus ist all das wert. Das wird es sein, was wir in voller Klarheit erkennen, wenn Jesus wiederkommt. Denn der Gott, der hier ist, und der Gott, der rettet, ist wertvoller als alles, was wir in diesem Leben erfahren. Seien es gute oder schlechte Zeiten – durch Jesus haben wir eine Freude, die trotz allem bestehen bleibt. Denn uns ist der Heiland geboren, welcher ist Christus in der Stadt Davids.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  1. Bekenntnisse, X, 21