Wem vertrauen? Meiner Wahrheit?

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Miserikordias Domini, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Vaiana lebt mit ihrem Stamm auf der Insel Motu Nui in Polynesien. Ihre Eltern bereiten sie darauf vor, der nächste Stammeshäuptling ihrer Insel zu werden. Aber in ihrem Herzen will Vaiana das überhaupt nicht. Stattdessen spürt sie in sich diesen Sog, diese Berufung und diese Bestimmung, über das nahegelegene Riff hinaus zu segeln und den Ozean zu erforschen. Das Problem dabei besteht allerdings darin, dass ihre Wahrheit nicht der Wahrheit ihrer Eltern entspricht. Der Vater verbietet ihr die Fahrt aufs offene Meer. Die Mutter zeigt zwar Verständnis für ihre Tochter, beklagt sich aber dennoch und will ebensowenig, dass Vaiana den Ozean bereist. Ihre Insel, ihr Dorf, sei nicht bereit für ein derartiges Wagnis. Aber dann setzt die Musik ein und Vaiana singt:

Wenn der Wind und das Meer sich mit mir dann verbündet. Dann ist es Zeit, ich bin bereit.

Am Ende des Disney-Streifens aus dem Jahr 2016 entscheidet sich das Comic-Mädchen schließlich dazu, sich treu zu bleiben und der Wahrheit in ihrem Herzen zu folgen. Sie gehorcht weder ihrem Vater, noch beachtet sie die Ratschläge ihrer Mutter oder der Dorfbewohner. Und am Ende des Films – weil er von Disney stammt – steht das Happy End: Vaianas Wahrheit befreit letztlich alle Bewohner ihres Dorfes.

Ist das nicht die perfekte Botschaft unserer modernen Kultur? Die Mutter mag nicht zustimmen, der Vater ebensowenig, ja, es mag im Widerspruch zu allem stehen. Aber wenn man tief in sein Innerstes hineinblickt und der Wahrheit treu bleibt, die man dort findet, geschehen die unvorhergesehensten und besten Dinge.

Denkt man länger über diese Idee nach, ist ja durchaus etwas dran. Jeder von uns ist anders. Anders als der Vater, die Mutter, die Geschwister oder die Klassenkameraden aus Schulzeiten. Die Leidenschaft und die Persönlichkeit eines jeden von uns passt wohl nicht ganz in die Gussform beispielsweise der Eltern. Mancher von uns hatte vielleicht die Art Vater, der nicht viel redet, sich auf die Lippen beißt und 40 Jahre lang derselben eintönigen Arbeit nachgeht, um für diejenigen zu sorgen, die ihm wichtig sind. Man selbst ist aber aus einem anderen Holz geschnitzt und eher künstlerisch und kreativ veranlagt. An ein und derselben Sache 40 Jahre lang zu basteln? Nein, das ist man einfach nicht. Man will die Welt sehen, Dinge erkunden. Die Persönlichkeit des Vaters entspricht nicht der eigenen. Der Apfel hätte nicht weiter vom Stamm entfernt fallen können. Es hat etwas für sich, nicht wie er zu werden, sondern sich selbst treu zu bleiben.

Oder alle Geschwister folgten dem traditionellen Pfad. Sie trafen den Richtigen oder die Richtige, heiraten, bekamen ein Kind und dann noch eins. In der Familie ist man daher der Einzige, der nicht sesshaft geworden ist, sondern einen anderen Weg eingeschlagen hat. Auf Familienfeiern bekommt man immer wieder die eine Frage gestellt: „Hast du endlich jemanden gefunden?“. Aber die Wahrheit ist: Es ist vollkommen okay, wie es ist. Man passt einfach nicht in die traditionelle Gussform. Und schließlich war Jesus auch Single, ebenso der Apostel Paulus. Die Persönlichkeit ist einfach eine andere und die Leidenschaft besteht vielleicht daran, sich ehrenamtlich zu engagieren oder Freundschaften zu pflegen, für die durchschnittliche Eltern keine Zeit haben. Und so ist man sich selbst treu geblieben.

Oder man ist oder war das Mädchen in der Schule, welches nicht einfach nur am Rande des Fußballfeldes stehen und den Jungs beim Spielen zuschauen wollte. Stattdessen zieht es einen selbst auf das Feld. Nicht, weil man die Jungs gut fand sondern das Spiel. Oder man ist oder war der Junge, der es nicht mochte Fußball zu spielen, sondern man liebte Bücher und Theater. Man passte einfach nicht in das konventionelle Schema. Und ich kann das gut nachvollziehen, weil es mir auch so ging.

Sollten wir also immer darauf hören, was der Vater oder die Mutter will oder die Gesellschaft von uns erwartet? Es spricht einiges dafür, dass wir in uns hineinschauen, um die eigene Leidenschaft, die eigene Persönlichkeit zu erkunden und gegen all die anderen Stimmen um uns herum dem treu zu sein, was in uns ist. Eine Autorin hat es folgendermaßen ausgedrückt:

Wenn sie innehalten, zuhören und ihr Inneres spüren, werden sie sich der Wahrheiten bewusst, die in ihnen liegen. Definieren Sie ihre Wahrheit … Niemand soll ihnen ihre Wahrheit absprechen. Ihre persönliche Wahrheit ist genau das: Wahrheit. Und wurde uns nicht beigebracht, dass wir immer die Wahrheit sagen sollen?

Das ist eine gute Definition für das Konzept „meine Wahrheit“, welches uns heutzutage so oft begegnet.

Die große Frage lautet allerdings: Ist „meine Wahrheit“ vertrauenswürdig? Sollte ich meinem Herzen folgen und mich auf mein Bauchgefühl verlassen? Sollte ich dem Ratschlag des Autors folgen, in mich hineinblicken und mir meine Wahrheit von niemandem absprechen lassen? Was sagt die Heilige Schrift dazu? Und vielleicht kommt uns jetzt ganz unwillkürlich eine Antwort in den Sinn, weil wir „gelernte Lutheraner“ sind: „Nein, keinesfalls.“ Aber die Heilige Schrift bewertet die Dinge etwas differenzierter. Die Antwort gleicht vielmehr einem „Vielleicht“ statt eines „Neins“.

Zwei Bibelstellen geben uns darauf klare Hinweise. Die erste finden wir im Römerbrief, Kapitel 2, Vers 15:

Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.

Wo kann man gemäß des Apostels das Gesetz finden? Gemeint ist das gute und vertrauenswürdige Gesetz Gottes. Paulus schreibt: In ihren Herzen, ihrem Gewissen, ihren Gedanken. Drei Dinge also, die einen Teil unserer Persönlichkeit darstellen. Manchmal sagt uns unser Bauchgefühl: „Das zu tun, wäre nicht richtig.“ Und Gott würde dem zustimmen. Oder unser Gewissen verteidigt uns: „Nein, ich bin nicht im Unrecht.“ Und Gott würde dem zustimmen. Tatsächlich kann es sein, dass alle Menschen in einem Raum „A“ sagen, man selbst fühlt aber, dass „B“ richtig ist – und Gott würde auf uns schauen und sagen: „Ich auch“.

Das zu sagen, mag in gewisser Weise wie eine gefährliche Sache erscheinen, so als ob unsere Meinung die von 10 anderen überstimmen könnte. Aber genau das ist wahr. Vergebt mir den buchstäblich etwas anrüchigen Vergleich: Wisst ihr, welche Leute am ehesten vergessen, wie übel eine ungereinigte öffentliche Toilette riecht? Diejenigen, die sich am längsten darin aufhalten. Und wisst ihr, welche Leute vermutlich am besten erkennen, wie übel eine ungereinigte öffentliche Toilette in Wahrheit riecht? Diejenigen, die sie gerade eben betreten haben. Wisst ihr, wer aus Gottes Perspektive manchmal am besten erkennt, was gut oder schlecht an einer Kirche, einer Schule oder einer Familie ist? Es ist die Person, die zum allerersten Mal den Raum betritt und auf ihr eigenes Gewissen hört.

Denn nach einer Weile kennt man die Leute an der Schule oder eben den Pastor oder die Gemeindeglieder. Jeder hat sich daran gewöhnt – an die Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird. An das Gerede hinter dem Rücken. Die Ungeduld. Den Zorn. Manchmal braucht es gerade denjenigen, der neu hinzugekommen ist und zurecht meint: „Das ist aber nicht in Ordnung.“ „Ach, das ist nur Pastor so und so. Nach einer Weile hast du dich daran gewöhnt!“ – „Nein! Mein Herz sagt mir, dass das nicht gut ist, nicht göttlich, nicht freundlich, nicht angemessen.“

Wir haben eine ganze Menge über diese Tatsache anhand der MeToo-Debatte vor einiger Zeit gelernt. Habt ihr die Berichte gelesen? Jeder hatte sich irgendwie daran gewöhnt, wie manche Männer eben sind: „Ja, seine Verhalten gegenüber Frauen ist unpassend, aber…“ Manchmal braucht es eine Person, die den Mut aufbringt, ihre Wahrheit auszusprechen und zu sagen: „Nein, das ist eben nicht in Ordnung. Es ist nicht in Ordnung, wenn ein Mann die Frauen an seinem Arbeitsplatz so behandelt, dass sie sich unwohl fühlen oder schlimmeres.“ Manchmal muss man seinem Bauchgefühl folgen. Manchmal muss man aussprechen, wie die eigenen Gedanken aussehen. Manchmal muss man seinem Herzen folgen. Denn in unsere Herzen, Gewissen und Gedanken hat Gott die Wahrheit geschrieben – das, was das Gesetz fordert, wie Paulus es ausdrückte.

Aber ich sprach von zwei Bibelstellen, die uns an diese Wahrheit erinnern. In 1. Korinther 12(,27) schreibt der Apostel Paulus das Folgende:

Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

Auf den ersten Blick scheint diese Stelle nichts mit der Frage nach „meiner Wahrheit“ zu tun zu haben. Aber Paulus spricht in diesem Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief über die verschiedenen Gaben, die Gott uns Christen gegeben hat. Dazu benutzt er einen Vergleich, der uns vertraut ist: Ein menschlicher Körper besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen: Augen, Ohren, Händen, usw. Diesen Fakt wendet Paulus nun auf die Kirche an: Die Gläubigen stellen unterschiedliche Teile am Leib Christi dar. Und genauso wie unsere Körperteil verschiedenen Funktionen dienen, haben wir von Gott unterschiedliche Gaben geschenkt bekommen, um dem einen Leib Christi zu dienen.

Aber nun zu meinem Punkt: Hinsichtlich eines menschlichen Körpers ist es leicht, die Unterschiede zwischen Händen und Füßen auszumachen. Wenn es allerdings um die Gaben der einzelnen Christen geht, ist es nicht mehr so einfach, die Unterschiede auszumachen. Wir können uns nicht gegenseitig betrachten, wie wir unsere Ohren oder Hände anschauen. Gott hat uns kein Etikett auf die Stirn geklebt, welches mitteilt: „Das ist deine Gabe“. Wie kann man also wissen, worin die Gabe eines Menschen besteht? Wenn derjenige es aus seinem Inneren berichtet. Wie kann man wissen, ob jemand für die öffentliche Reden geeignet ist oder eine Gruppe leiten kann? Woher soll man wissen, ob es seine Leidenschaft ist oder ihn eher ängstigt? Nur, wenn derjenige aus seinem Herzen spricht. Manche unter uns sind gut darin, mit einem Fremden sofort ins Gespräch zu kommen. Andere dagegen scheuen sich davor und sind eher zugeknöpft. Woher soll man wissen, worin jemand begabt ist? Die Antwort: Derjenige muss seine Wahrheit aussprechen.

Und so können wir über unsere Gewissen reden, über unsere geistlichen Gaben, über unsere Gedanken und Erfahrungen: Würden wir den Gott der Bibel fragen, ob ich „meine Wahrheit“ leben soll, wäre seine Antwort „Vielleicht.“ Wie wir eine Sache betrachten, mag exakt mit dem übereinstimmen, wie Gott sie sieht.

Oder vielleicht auch nicht. Denn wir haben bisher nur eine Seite der Medaille betrachtet. Die volle Wahrheit über „meine Wahrheit“ hat aber noch eine andere. Sollten wir alle Sehnsüchte unseres Herzen akzeptieren, als stammten sie von Gott? Sollten wir davon ausgehen, dass mir mein Bauchgefühl schon das richtige sagen wird? Sollten wir immer unserem Herzen folgen? Gottes Antwort auf diese Fragen wäre: „Ich habe dich lieb, aber nein.“

Es war einmal eine Frau, die zu ihrem Pastor kam, unmittelbar nachdem sie die Scheidungspapiere eingereicht hatte. Jahrelang war sie unglücklich in ihrer Ehe gewesen. Und nun war sie vom Gericht zurückgekommen und wollte ihrem Pastor davon erzählen. Er wusste nicht viel über die Situation und fühlte sich ein wenig überrumpelt. Also stellte er Fragen zu ihrer Ehe und hörte auf ihre Antworten um herauszufinden, ob sie einen guten göttlichen Grund dafür hatte, das auseinanderzureißen, was Gott zusammengefügt hatte. Nachdem er ihr lange zugehört hatte, erkannte er, dass diese Frau sicher keine großartige Ehe geführt hatte. Aber er fand bei ihr keinen Grund zur Scheidung, den Jesus in seinem Wort nennt. In Liebe versuchte er ihr seine Bedenken mitzuteilen. Nachdem er fertig war, sagte sie: „Ich verstehe, was sie meinen. Ich habe mich das auch gefragt. Deshalb muss ich ihnen berichten, was gerade passiert ist. Ich hatte die Scheidungspapiere bei mir, stieg ins Auto und fuhr los. Ich wusste nicht genau, ob ich sie wirklich einreichen will oder nicht. In jedem Fall fuhr ich zum Gericht. Und was dann geschah, werden sie kaum glauben! Gerade als ich ankam, fuhr ein Auto ausgerechnet aus der Parklücke, die genau vor der Treppe lag, die zum Gericht führt. In dem Moment wusste ich es. Ich fühlte es. Es war so, als würde mir Gott sagen, dass es in Ordnung ist, dass ich mich scheiden lasse.“

Oder auch nicht. Vielleicht war es der Teufel, der das Auto aus der Parklücke fahren ließ, um auseinanderzureißen, was Gott zusammengefügt hatte. Oder vielleicht war es auch einfach der bequemer Weg der Frau, nicht die harte Arbeit tun zu müssen, ihre Fehler einzugestehen, sie ihrem Mann zu bekennen und die tägliche Saat zu pflanzen, die zu einer schönen und fruchtbaren Ehe heranwächst. War es Gott, der ein Zeichen gab? Eine freie Parklücke? Wohl eher nicht.

Wir erkennen das Problem: Die Frau aus der Geschichte meinte es sicher ehrlich. Sie glaubte wirklich daran, was die Gedanken und Gefühle ihres Herzens ihr sagten. Aber stimmte es mit dem überein, was Jesus über die Ehe lehrt? Nein.

Und genau das ist das grundlegende Problem mit dem Konzept, die eigene Wahrheit zu leben. Sie ist nicht immer wahr. Was eine Person darüber fühlt, was gut oder schlecht ist, richtig oder falsch, entspricht nicht immer den Tatsachen. Und wir haben das schon oft beobachtet. Da ist zum Beispiel ein Familienmitglied und jeder ist besorgt darüber, wie viel derjenige trinkt. Und man versuchte, mit ihm darüber zu reden. Und er fühlt, dass er alles unter Kontrolle habe. Er fühlt es. Sollte er seine Wahrheit leben? Sollte er einfach weitermachen? Nein, würden wir sagen. Man muss ihm helfen. Man betet für denjenigen. Denn war er fühlt, entspricht nicht der Wahrheit.

Oder auf einer anderen Ebene: Denkt an ein kleines Kind im Kindergarten, dass sich alle Spielzeuge geschnappt hat, weil er sie für sich allein haben will. Nun beschützt er sie mit seinem ganzen Körper. Die Erzieherin kommt, weil die anderen Kinder lautstark protestieren und fragt das Kind: „Ist es richtig, dass du alle Spielzeuge nur für dich haben willst?“ Das Kind antwortet mit verschränkten Armen: „Ja!“ Daraufhin die Erzieherin: „Nein, du magst das fühlen. Du magst das denken. Aber nein!“ Die Kindergärtnerin muss die Wahrheit zu dem Kind sagen und darf nicht die Wahrheit akzeptieren, die aus dem Kind kommt.

Das ist Gottes Problem am Konzept, der eigenen Wahrheit zu folgen. Sie mag wahr sein. Sie kann aber auch das genaue Gegenteil sein. Deshalb schrieb der Apostel Paulus einmal das Folgende in Epheser 4 (Eph 4,17-18):

So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens.

Paulus besteht darauf: „Ich nicht will, dass Gottes Volk so lebt wie diese Leute.“ Und wie leben diese Leute? Sie leben ihre Wahrheit. Sie leben aus ihrem Herzen. Nur ist dort oft nicht die Wahrheit zu finden, sondern Unwissenheit. Unsere Gedanken, unser Verstand und unsere Herzen stellen meist das Problem dar und nicht die Lösung. Und so war für Paulus, der die Verheißungen des Evangeliums liebte, kein Trost im Inneren zu finden. Denn was in uns ist, ist eine sehr gemischte Angelegenheit. „Vielleicht?“ „Vielleicht auch nicht?“ Vielleicht kann man dem Inneren vertrauen oder man betrügt sich selbst. Was aus dem menschlichen Herzen kommt, ist manchmal wunderschön und zu anderen Zeiten einfach nur zerbrochen. Manchmal ist es aggressiv. Manchmal nimmt es eine Verteidigungshaltung ein. Manchmal ist es göttlich und dann wieder gottlos.

Und darum wollte unser guter Hirte Jesus Christus, der sich selbst die Wahrheit nennt, etwas besseres für uns Menschen. Um uns auf grüne Weiden zu führen und mit frischem Wasser zu versorgen, gab er uns etwas, das außerhalb von uns liegt und an dem wir unsere Herzen, Gedanken, Taten und Sehnsüchte messen sollen und können. Vom Anfang bis zum Ende der Heiligen Schrift taucht das Wort „Wahrheit“ an insgesamt 137 Stellen auf. Die Frage, die man sich nun stellen kann, ist die folgende: Wie viele dieser 137 Stellen sprechen von einer objektiven Wahrheit, die unabhängig von der Wahrheit ist, die wir in uns fühlen? Und an wie vielen Stellen geht es um eine subjektive Wahrheit, die in die Kategorie „meine Wahrheit“ fällt? Und die Antwort: An 99 Stellen steht vor dem Wort „Wahrheit“ der bestimmte Artikel. Gemeint ist also die objektive göttliche Wahrheit. Bleiben 38 Vorkommen übrig. Wie oft davon steht das Wort „mein“ davor? Und die Antwort: 0. Nie. Nicht ein einziges Mal. Die Formulierung „deine Wahrheit“ taucht 3 Mal auf, aber immer nur dann, wenn jemand zu Gott redete.

Und doch hören wir es ständig. Nicht nur Vaiana sendet ihre musikalische Nachricht in unsere Herzen. Aber die Wahrheit ist niemals deine oder meine. Sie ist nicht seine oder ihre. Sondern es geht um die Wahrheit, um Gottes objektive und unveränderliche Wahrheit, wie wir sie in Gottes Wort finden. Deswegen sprach Jesus einmal die folgenden Worte (Joh 17,17):

Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.

Heilige bedeutet: „Vater, sondere sie ab. Lass sie nicht sein wie die anderen Leute, die der Verdrehung glauben, der Tradition, der Halbwahrheit, dem Bestätigungsfehler. Heilige sie daher – und zwar – in der Wahrheit.“ Und nur falls sich noch jemand fragt, wo diese Wahrheit zu finden ist, fügt Jesus hinzu: „Dein Wort ist die Wahrheit.“ Das ist nicht immer bequem. Es wird Zeiten geben, in denen das, was wir fühlen und denken, im Widerspruch zu Gottes Wort steht. Es führt uns zur Buße, zur Umkehr, zur Demut.

Aber Jesus Christus ist kein Mietling, der die Schafe verlassen würde, wenn er den Wolf kommen sieht. Er ist der gute Hirte, der die Seinen kennt und sein Leben lässt für die Schafe. Es sind nicht nur diejenigen unter uns, die mit Ängsten zu kämpfen haben, die erkennen: Was in unseren Köpfen manchmal abgeht, ist schwierig – eine Spirale aus Ängsten und manchmal pure Panik vor dem Wolf. Unsere eigene Wahrheit ist in solchen Momenten vollkommen durcheinander geraten. Aber der gute Hirte kommt immer wieder zu uns und spricht seine Wahrheit zu uns. Die Wahrheit seines Wortes, die außerhalb von uns zu finden ist.

Manchmal treiben uns die Dinge in den Wahnsinn, die uns auf Arbeit begegnen. Unsere eigene Wahrheit sagt uns dann, dass daraus nicht Gutes erwachsen kann. „Ich bin so wütend, so frustriert. Gott, wie kannst du das zulassen?“ Aber wenn unsere Herzen einem einzigen Durcheinander gleichen, aus dem wir uns selbst nicht befreien können, ruft uns Gottes Wort von Außen zu:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Zu anderen Zeiten haben wir es selbst vermasselt. Wir erleiden einen Rückfall in die Sünde, die uns schon so lange das Leben schwermacht. Und wir kommen zur Kirche, sagen es vielleicht niemandem, haben aber dennoch das Gefühl, nicht hierher zu gehören. Gott muss sich doch für uns schämen. In genau solchen Momenten versichert uns die objektive Wahrheit aus Gottes Wort aber etwas anderes (Hebr 11,16):

Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.

Zu anderen Zeiten fühlen wir uns so, als könne uns nicht vergeben werden. Unsere eigene Wahrheit redet uns ein, dass niemand uns lieben kann. Aber dann hören wir am Ende des Gottesdienstes den Aaronitischen Segen aus 4. Mose 6(,24-26):

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Der Herr ist fröhlich über uns mit Jauchzen, weil der gute Hirte sein Leben für uns lies und am dritten Tage auferstand.

Zu anderen Zeiten machen wir uns Sorgen, ob wir in den Himmel kommen werden. Wir denken, dass unser Glaube zu schwach ist oder wir ihn verlieren werden. Aber die objektive Wahrheit aus Gottes Wort versichert uns gegen unsere eigene Wahrheit:

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Meine Lieben, in vielerlei Hinsicht ist das, was wir denken und fühlen völlig verkorkst und richtet Schaden in unserem Leben an. Aber Gott sei Dank – Gott sei Dank – ist „meine“ Wahrheit nicht die Wahrheit. „Meine“ Wahrheit wird von der Wahrheit bei weitem übertrumpft, die wir in Gottes Wort finden. Wir mögen sie nicht in unserem Herzen fühlen, aber der gute Hirte hört nicht auf, uns durch sein Wort zu versichern (Jes 43,1):

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Ich habe gesprochen und mein Wort ist die Wahrheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.