Wie ist die Liebe?

St. Petrigemeinde ZwickauPredigten

Exaudi, St. Petri 2021

Liebe Freunde in Christus!

Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe.

So haben wir es vorhin in der Lesung aus dem 1. Petrusbrief gehört. Und nicht nur der Apostel, sondern auch Eltern wissen, dass wahre und beständige Liebe aus der richtigen Mischung von „harten“ und „zarten“ Elementen besteht. Zu viel Härte, zu viel Strenge ist nicht Liebe. Und nur Zärtlichkeit ist es ebenso wenig. Alle guten Eltern, die ein Kind in einem gesunden und glücklichen Zuhause großzogen, haben erkannt und ihr Bestes getan, diese beiden Dinge in das richtige Verhältnis zueinander zu bringen. Auf der einen Seite stehen Regeln, Disziplin und Konsequenzen. Und auf der anderen Seite Mitgefühl, Freundlichkeit und Zuneigung. Man braucht beides – nicht nur, um eine gute Kindheit zu verleben, sondern auch um die eigentliche Definition der beständigen Liebe zu begreifen.

Denn Liebe bedeutet nichts anderes, als das Beste zu tun. Es mag „hart“ sein; es mag „zart“ sein – aber die Liebe fragt immer, was das Beste für eine andere Person ist. Sind Eltern nur hart oder streng zu ihren Kindern; gibt es keine Umarmungen, keine Komplimente oder den Ausdruck von Zuwendung, zieht man vermutlich ein Kind groß, welches bei der erstbesten Gelegenheit ausbricht, gegen die Regel rebelliert und so schnell es geht, das elterliche Dach verlässt. Gibt es dagegen nur „zart“ und kein „hart“, wird alles immer nur gut und handelt man wie Helikopter-Eltern, die sagen: „Lass mir dir ein Pflaster holen für dein Wehwehchen, auch wenn du 17 Jahre alt bist.“ – dann zieht man vermutlich ein Baby groß, das nicht für echte Beziehungen vorbereitet ist, für echte Chefs und die reale Welt da draußen. Echte Liebe ist daher die richtige Mischung aus „zart“ und „hart“, weil Liebe das Beste für den Anderen tut.

Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe. Das bisher Gesagte gilt nicht nur für die Erziehung der Kinder, sondern auch für uns als Christen. Gott ist die Liebe. Jesus ist die Liebe, die auf zwei Beinen über unsere Erde lief. Und wenn wir die Beziehung zu unserem Vater im Himmel verstehen wollen; und wenn wir uns Beziehungen voller Liebe auf der Erde wünschen, dann müssen wir das richtige Verhältnis zwischen „hart“ und „zart“ erkennen. Einige Christen meinen, sie seien ziemlich liebevoll. Aber in Wahrheit sind sie hart. Sie mögen es, ihre Bibel aufzuschlagen und die Gebote zu zitieren oder den Leuten zu sagen, dass sie sich besser bekehren sollen, sonst werden sie brennen. Aber ist man nur dafür bekannt, hart zu sein, ist das nicht gerade Liebe. Andere Christen dagegen sind nur „zart“. Sie bringen anderen ihr Mitgefühl zum Ausdruck, ihre Sympathie, und sagen Dinge, wie: „Gott liebt dich, genauso wie du bist“. Aber sie fordern andere nie heraus oder halten ihnen biblische Standards vor Augen. Aber das ist nicht das, was Jesus getan hat, und kann deshalb nicht die beste Definition der Liebe sein.

„Hart“ oder „zart“? – Das ist die Frage, über die wir heute nachdenken wollen. Denn wir finden in der Heiligen Schrift die Antwort für eine ausgewogene Mischung aus Beidem. Genauer im berühmtesten Abschnitt über die Liebe in 1. Korinther 13. Gott nennt in dieser Aufzählung einige Dinge, die ganz schön hart sind. Und dann nennt er Vieles, das sehr zart klingt. Aber Beides – hart und zart – steht nicht im gleichen Verhältnis zueinander. In den 16 Beschreibungen der Liebe zeigt Gott, wie viel „hart“ oder „streng“ und wie viel „zart“ oder „freundlich“ seine Liebe ausmachen. Unser Predigttext stammt heute Morgen aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 13, die Verse 4-8. Dort schreibt der Apostel:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.

Gehen wir die 16 Beschreibungen der Liebe der Reihe nach durch und überlegen, ob sie eher „hart“ oder eher „zart“ sind. Als Erstes heißt es in unserem Text:

Die Liebe ist langmütig

Das griechische Wort bedeutet, dass etwas lange Zeit braucht, bis es in Wallungen gerät. Wie ein großer Kochtopf voller Wasser auf einer heißen Herdplatte. Der sprudelt nicht sofort los, sondern es dauert eine lange Zeit. Die Liebe nimmt also nicht die Autobahn, sondern fährt in der verkehrsberuhigten Zone und lebt in einer Geschwindigkeit, die Liebe zum Ausdruck bringt. Wenn der Zweijähriger 15 Minuten braucht, sich die Schuhe zuzubinden, bevor es in die Kirche geht; wenn der Ehepartner wieder mal nicht aus dem Bad kommt, obwohl man gleich verabredet ist; wenn man sich im Supermarkt in Gang drei mit einer Auszubildenden wiederfindet, die nicht weiß, wie man den Preis von Koriander herausfindet, dann zuckt die Liebe nicht, ist nicht gereizt und greift auch nicht zum Telefon. Denn Liebe ist langmütig. Man könnte auch sagen: Die echte Liebe hat einen langen Atem. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: zart!

Als nächstes schreibt der Apostel Paulus:

Die Liebe ist freundlich

Sie ist gütig und macht sich über den anderen Gedanken. Sie ist fürsorglich und nett. Sie lebt nicht vom Anderen, sondern nimmt ihn auch mit seinen Schwierigkeiten an. Liebe kommt während einer stressigen Zeit auf Arbeit und gibt einfach ein stilles Kompliment, das für jemanden die Welt bedeutet. Die Liebe hat aufmunternde Worte für den Traurigen oder hilft, wenn jemand allein nicht zurechtkommt.

Die Liebe ist freundlich

Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: 2:0.

Als Drittes nennt Paulus:

die Liebe eifert nicht

Liebe schmollt nicht, wenn andere Menschen das Lob bekommen. Man hat sich vielleicht für das Team beworben, aber sie hat den Platz bekommen. Man hat sich um einen Job bemüht, stattdessen hat ihn ein anderer erhalten. Man wollte die Aufmerksamkeit und jetzt lachen alle in der Kantine über seine Witze. Aber die christliche Liebe will kein Monopol auf Gottes Segen haben. Sie will, dass andere genauso glücklich sind, wie man das für sich selbst wünscht. Wenn also ein anderer das Lob erhält, lobt die Liebe Gott mit demjenigen gemeinsam. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: 3:0

Nehmen wir Nr. 4 und Nr. 5 zusammen:

die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf

Ich habe die beiden deshalb zusammengenommen, weil das, was Luther mit „Mutwillen treiben“ übersetzt hat, eigentlich „prahlen oder großtun“ bedeutet. Die Liebe klopft sich also nicht auf die Brust. Sie prahlt nicht in vermeintlicher Demut. Stattdessen sagt die Liebe Dinge wie diese: Ja, es war ein gutes Zeugnis und ich hätte es ohne einen tollen Lehrer nie bekommen. Ja, das war ein ziemlich krasses Tor, aber ohne den Trainer und ohne die Eltern, die mich zum Training gefahren haben, wäre es nicht geglückt. Ja, ich war ziemlich erfolgreich im Leben, aber ohne tausende von Anderen wäre es nie so weit gekommen. Ja, weißt du, das ist ziemlich beeindruckend, aber ohne Gott könnte ich gar nichts tun. Liebe ist nicht aufgeplustert, sie ist nicht stolz. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: 5:0

Nummer 6:

Liebe verhält sich nicht ungehörig

Liebe will niemanden in Verlegenheit bringen. Sie kümmert sich nicht so sehr nur darum, im Recht zu sein oder was meine eigenen Rechte sind, sondern sie will sicherstellen, dass der andere sich gut fühlt, nachdem das Gespräch vorbei ist. Man könnte auch sagen: Die Liebe ist nicht taktlos. Sie sorgt sich um den Ruf der anderen. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: 6:0

Nummer 7:

Die Liebe sucht nicht das Ihre

„Ich selbst würde dies vorziehen, jenes wählen und diesen Weg einschlagen. Aber es geht nicht um mich. Es geht um dich. Also, Schatz, es bedeutet dir viel, wenn wir uns kleine süße Dinge sagen oder die Telefone weglegen und uns einfach über den Tag unterhalten, wenn wir nach Hause. Vielleicht ist das nicht mein Ding. Aber es geht nicht um mich, es geht um dich.“ Die Liebe sucht nicht das Ihre, sondern denkt an den Anderen. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ganz sicher: 7:0

Nummer 8:

Die lässt sich nicht erbittern

Liebe hat eine Tastatur, auf der die Feststelltaste nicht funktioniert, was ziemlich „zart“ klingt. Sie errötet nicht beim Gespräch, wenn jemand eine andere Meinung vertritt als man selbst. Sie verbittert auch nicht, wenn man verletzt wurde, sondern sie vergibt.

Nummer 9:

Die Liebe rechnet das Böse nicht zu

Liebe ist das Gegenteil von cancel culture. Menschen sündigen und es tut ihnen leid – die Liebe öffnet die Arme weit, wenn das geschieht, und bringt es nicht wieder zur Sprache, es sei denn, sie muss es unbedingt tun. Liebe kann das Böse, das ihr angetan wird, sehen und empfinden, aber es dem Anderen dann doch einfach nicht in Rechnung stellen. Was für mich nicht sehr hart klingt, sondern ziemlich zart.

Aber dann lesen wir in unserem Text das Folgende – Nummer 10 und 11:

Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit

Wir könnten auch hier sagen, dass es sich um ein zartes Element der Liebe handelt, hätte Paulus geschrieben: Die Liebe freut sich an unserer Wahrheit, nach dem Motto: „Was immer du denkst, ich unterstütze dich.“ „Was immer du willst, ich stehe hinter dir.“ Aber das schrieb der Apostel nicht, sondern:

Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit

Tut jemand etwas, das Gott „böse“ nennt oder sündig, kann sich die Liebe nicht darüber freuen. Liebe tut, was das Beste ist. Und wenn wir einem Weg folgen, von dem Gott sagt, dass er nicht das Beste ist, können wir darüber nicht glücklich sein. Liebe macht nicht blind. Sondern weil ihr am Anderen wirklich etwas liegt, will sie ihm mit der Wahrheit helfen. Mit Gottes Wahrheit, wie wir es in seinem Wort finden. Was meint ihr? „Hart“ oder „zart“? Ich würde sagen: 9:2.

Aber Paulus fährt fort, die Liebe zu beschreiben – Nummer 12:

Die Liebe erträgt alles

Das grie. Wort ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Es kann auch bedeuten, „etwas bei sich behalten, mit Schweigen bedecken“. Oder anders: „einen anderen beschützen“. Das passt gut zu dem, was wir heute auch in der Brieflesung hörten:

Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu«

In zwei Richtungen kann man dabei denken: Ist man beispielsweise in der Schule und alle anderen Mädchen hacken auf der unbeliebten Schülerin herum, man selbst stellt sich aber auf ihre Seite und schützt ihren Ruf, kann das ziemlich schwer, ziemlich hart sein. Oder: Wenn wir bedenken, wie schlecht wir „schweigen“ können, wie rasch wir gerade von Nöten, Sünden und Schulden der anderen reden, dann wird es eine große Sache, dass die Liebe der Sünde Mengen bedeckt. Wenn Leute beschützt werden – ob nun tatsächlich oder ihr Ruf -, fühlt sich das sehr zart an. Aber die eigentliche Aufgabe, jemanden zu beschützen, ist ziemlich hart.

Nummer 13 und 14:

Die Liebe glaubt alles, sie hofft alles

Liebe rechnet immer mit Gottes Verheißungen, seinen Taten und seinem Herz. Sie sagt: „Alles wird gut. Seele, sei stille. Da ist immer Gott, der uns durch alles hindurchträgt.“ Die Liebe hofft alles, weil sie den Gott kennt, „der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei.“ Durch Gott haben wir eine gewisse Zukunft. Und so kann die Liebe vertrauen und hoffen. Was meint ihr? Zart und hart? Klar, zart!

Und schließlich schreibt Paulus:

Die Liebe duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.

Das griechische Wort für „dulden“ bedeutet, unter Druck oder einem Gewicht standzuhalten. Man denke an einen Gewichtheber: Er geht in die Hocke. Die Beine brennen. Das Gewicht will er am liebsten abwerfen. „Dulden“ bedeutet nun, unter dem Gewicht zu bleiben, bis die Aufgabe erledigt ist. Übertragen könnte man sagen, dass das Leben manchmal eine ganz ähnliche Last darstellt. Die Liebe sagt nun: „Gib nicht auf. Halte durch – auch in bedrückenden Zeiten.“ Denn die Liebe hört niemals auf. Beides klingt also eher nach „hart“.

In diesem berühmten Abschnitt packt Paulus 16 Beschreibungen der Liebe. Und würde man ihn fragen: „Ist die christliche Liebe zart oder hart?“ Seine Antwort würde wohl lauten: „Ja!“ Und würde man dann nachhaken: „Aber wie ist die Gewichtung?“ Dann wäre die Antwort wohl ziemlich eindeutig: Nach meiner Zählung waren es fünf Beschreibungen, die eher hart oder streng klingen gegen 11, die eher zart und freundlich wirken. Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Die Liebe erträgt alles. Die Liebe duldet alles. Die Liebe hört niemals auf. Das alles klingt schwer, hart. Aber die Liebe ist geduldig, freundlich, sie eifert nicht und rechnet das Böse nicht zu: Das klingt zart. Jedem Mal, wo die Liebe hart oder schwer ist, stehen dem zwei bis dreimal so viel Zartes gegenüber. Christliche Liebe ist also hart und zart – aber -egal, wie zu meiner Zählung von hart oder zart steht, letzteres überwiegt immer.

Und das bringt uns zum eigentlichen Punkt dieser Predigt. Der Apostel Johannes schrieb einst:

Gott ist die Liebe.

was bedeutet: Wenn wir sein Wort lesen, finden wir darin manch Hartes. Er nennt uns seine Kinder, aber er lässt uns nicht sein Reich regieren. Sein Wille geschehe. Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Und Gott ändert seine Gedanken nicht – nicht für mich, nicht für euch. Und genau das zeigt uns heute auch unser Text. Denn der fragt uns: Haben wir diese Liebe? Zeigen wir sie in unserem Alltag? Paulus hält jedem von uns den Spiegel vor und fragt: Bist du geduldig? Bist du freundlich? Eiferst du nicht und bist nie neidisch? Erträgst du alles? Duldest du alles? Hört deine Liebe niemals auf?

Und zu alledem: Stehen die harten und zarten Elemente der Liebe bei dir im richtigen Verhältnis zueinander? Wenn du dich selbst betrachtest? Wenn du mit anderen redest? Und die ehrliche Antwort lautet: Da ist keiner – auch nicht einer – unter uns, der bei Gott den Ruhm hat, den er haben sollte.

Aber für jedes Mal, wenn Gott hart mit uns ins Gericht gehen muss, steht dem seine immense Freundlichkeit und Güte gegenüber: Gott ist so geduldig. Tag für Tag, Sonntag für Sonntag kämpfen wir darum, das Richtige zu tun, unsere Wege zu ändern und stehen doch wieder hier und müssen beten: „Herr, erbarme dich!“ Aber Gott ist so unglaublich geduldig mit uns.

Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

Und Gott ist freundlich. Es lässt die Sonne selbst an unseren sündigsten Tagen über uns aufgehen:

Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber.

Gott lässt die Sonne aufgehen und dann sandte er seinen Sohn vom Himmel. Und als Jesus über unsere Erde ging, trieb er niemals Mutwillen oder blähte sich auf. Im Gegenteil: Er erniedrigte sich selbst, wusch die Füße seiner Jünger und einen Tag später endete er an einem Kreuz, um uns rein zu waschen:

Das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.

Und weil Gott die Liebe ist, rechnet er das Böse nicht zu. Er führt keine Liste mit unseren Verfehlungen, um sie irgendwann auszupacken und gegen uns zu verwenden. Wenn er über uns nachdenkt, sieht er wegen Jesus nichts Böses an uns, was uns verurteilen und ihn zornig machen würde. Denn Gott sagt:

Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!

Deshalb beschützt Gott uns immer. Wenn der Teufel uns anklagt oder negative Gedanken in unserem Kopf auftauchen – Gedanken, dass wir nicht geliebt werden oder der Gnade unwürdig – dann sagt Jesus zu Satan: „Wenn du zu meinem Bruder, meiner Schwester, kommen willst, musst du zuerst an mir vorbei.“ Und er ist der auferstandene, allmächtige, erhöhte Sohn Gottes. An ihm kommt nichts und niemand vorbei:

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

Denn Jesus hat alles geduldet für uns: Man schlug ihn ins Gesicht, setzte ihm eine Dornenkrone aufs Haupt, man bespuckte ihn und trieb Nägel durch seine Hände und Füße. Aber als es schmerzhaft wurde, schreckte der Gottessohn nicht vor dem Gewicht des Kreuzes zurück, an dem er hing. Er blieb unter der Last.

Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

Denn Gott ist die Liebe. Er duldet alles – selbst das Gewicht unserer Sünde:

Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.

Meine Lieben, Gott ist streng und manchmal auch hart. Aber wenn wir ihn kennen, wenn wir ihn durch sein Wort gesehen haben, wissen wir, dass er so zart, so freundlich, so voller Güte ist. Denn durch Jesus und wegen dem, was er für uns tat, sieht Gott in jedem Gläubigen die Liebe, die Paulus uns heute vor Augen malte. Er sieht sie an uns so, als hätten wir sie getan.

Martin Luther hat das den fröhlichen Wechsel genannt. Er schreibt dazu das Folgende:

Hier beginnt nun der fröhliche Wechsel und Streit. Weil Christus Gott und Mensch ist, der noch nie gesündigt hat, und seine Gerechtigkeit unüberwindbar, ewig und allmächtig ist, und da er die Sünde der gläubigen Seele durch ihren Brautring (das ist der Glaube) sich selbst zu eigen macht und nicht anders tut, als ob er selbst sie getan hätte, müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden. Denn seine unüberwindbare Gerechtigkeit ist jeder Sünde zu stark. Daher wird die Seele von allen ihren Sünden allein durch ihre Verlobungsgabe (das ist um des Glaubens willen) los und frei und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus beschenkt.

Ist das nicht ein fröhliches Hochzeitsfest, auf dem der reiche, edle, gute Bräutigam das arme, verachtete, böse Mädchen zur Ehe nimmt und von allen Übeln befreit und mit allen Gütern schmückt?

Ja, in der Tat und ganz gewiss:

denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu«

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.